Ein lausiger Mensch

von Valeria Heintges

Luzern, 30. Januar 2019. Ihre "Elefanten" nannte die Übersetzerin Swetlana Geier die Romane von Fjodor M. Dostojewski, die sie ins Deutsche übersetzte. Einen Elefanten kann man nicht auf die Bühne heben, scheint sich das estnische Regie- und Ausstattungsduo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo gedacht zu haben, aber wenn man ihn in zwei Teile schneidet, dann könnte es gehen. Und so haben sie Dostojewskis ersten Roman "Schuld und Sühne", der in Geiers Übersetzung "Verbrechen und Strafe" heißt, für ihre Arbeit am Luzerner Theater in zwei sehr ungleiche Teile geteilt. Zuerst eine Stunde "Sühne" in der Box, dann drei Stunden "Schuld" im Theater.

Zwischen Stolz und Suppe eine Frau

Für "Sühne" steht eine Holzbox in der Holzbox. In der Mitte ein langer, gedeckter Tisch, inklusive Suppentellern, Suppentöpfen, Suppenlöffeln und Wodkagläsern. Hier feiert Katerina Iwanowna Marmeladowa das Totenmahl für ihren Gatten. Sie gibt sich größte Mühe, ihn als "sehr guten Mann" darzustellen. Aber am Ende ist klar: Er hat gesoffen wie ein Loch, gleich sein erstes Gehalt ging für den Suff drauf. Und hätte sich seine Tochter Sonja nicht prostituiert, hätte die Familie inklusive der drei Kinder aus Katerinas erster Ehe nicht überlebt. Doch auch so wird Katerina beim Totenmahl von der Polizei abgeführt, weil sie die Miete nicht bezahlen kann.

01 Schuld 560 IngoHoehn uSzene einer Ehe: Yves Wüthrich als Marmeladow @ Ingo Hoehn

Dieser lange Prolog, der in Dostojewskis Roman nur eine Episode ist, wird in Luzern zum Auftritt der ungarischen Schauspielerin Annamária Láng. Phänomenal, wie ihre Katerina auf zu hohen und zu dünnen Absätzen dennoch mit Würde um den Tisch stolziert, immer wieder muss sie ihr zu dünnes Kleidchen zurechtzupfen; gegen zu dünne Haut findet sie kein Mittel. Sie hustet sich die Seele aus dem Leib, doch Stolz und Wille sind ungebrochen. In Sekunden wechselt sie von Arroganz zu Tränen, findet Trost nur in der Vergangenheit. Trotzig ihr "ich bin Tochter eines Ministers", die "ganz anderes gewöhnt" sei. Sie stakst über den Tisch, verkriecht sich darunter, liegt auch mal beinahe nackt oben drauf, aber alles würdevoll. Und wenn sie ein "Ne me quitte pas" ins Mikrophon singt, muss sich Edith Piaf daneben verstecken. "Es gibt Recht und Gerechtigkeit", sagt sie, als sie abgeführt wird. Vorher hat sie noch ihre Gäste, unter ihnen auch Raskolnikow und andere Romanfiguren, erst bewirtet, dann beschimpft, weil sie zwar ihre Suppe löffeln, aber nicht helfen. Sie spielt so intensiv, dass man sich schämt, nicht helfend einzugreifen. 

Klaustrophobisch verrutscht die Zeit

Nach einer halben Stunde Pause und einer Suppe auch für die "Randgesellschaft", die nicht am Tisch saß, dann "Schuld". Auf der Bühne des Theaters eine Kommunalka, eine WG, wie man sie aus der ehemaligen Sowjetunion kennt. Eine Bad-Küchen-Kombination links, in der Mitte Wohn- und Esszimmer, Schlafsofa und Schreibtisch rechts. Alles heruntergekommen, voller Feuchtigkeitsflecken, sanierungsbedürftig. Hier wohnt zunächst die Pfandleiherin, die Wiebke Kayser in Jackenschichten gehüllt, mit Pelzmütze und Hinkehüfte als widerliche Alte verkörpert. Die wird allerdings schon in der ersten Szene von Raskolnikow erschlagen, ebenso ihre Schwester. Mit Raskolnikows Motiven halten sich Semper und Ojasoo nicht auf, sie interessiert der zunehmend verrückte Mörder – wie er die Welt sieht, sich selbst verrät und sich fühlt, "als würde ihm ein Nagel in den Scheitel getrieben".

06 Schuld 560 IngoHoehn uTrostloser Alptraum: die WG © Ingo Hoehn

Aus der Wohnung wird die WG, für die der Malerjunge Mikolka (jung und ungestüm: Julian-Nico Tzschentke) eine Wand weißt und aus der keiner flüchten kann. Wer einmal aufgetreten ist, bleibt sitzen. Wiebke Kayser, jetzt Raskolnikows Mutter, steht ewig auf einem Stuhl, Marmeladow, jetzt wieder lebendig, liegt in der Badewanne. Eine klaustrophobische Situation, in der alles verrutscht. Am meisten: die Zeit. Vor allem Lukas Darnstädts Raskolnikow bewegt sich fast ausschließlich in Zeitlupe; oft sieht es aus, als wolle er tanzen und man habe ihn auf Slow Motion gestellt. Auch Polizisten tanzen synchron; alle scheinen mit ihrem körperlichen Spiel einer Groteske entsprungen. Zwischendurch erstarren sie oder hören mit dem, was sie gerade beschäftigt, nicht mehr auf.

Wenn Slapstick schmerzhaft lächerlich wird

Zuweilen kommt die Erzählerstimme aus dem Mikrofon, aber ihr Gerede passt nicht zu dem, was wir sehen. Dazu schickt Jakob Juhkam Geräusche über die Lautsprecher, die irgendwo zwischen sphärischem Rauschen und Chill-Musik angesiedelt sind und das Surreale nur verstärken. Wo Dostojewski jede Nebenfigur und -handlung ausmalt, bekommt bei Semper und Ojasoo jeder seinen großen Auftritt. Jakob Leo Stark spielt als Raskolnikows Freund Rasumichin unendlich lang, wie er sich in dessen Schwester Dunja (Mira Rojzman) verliebt und sich dabei hochgradig tollpatschig anstellt. Es ist Slapstick vom Feinsten,der aber ob seiner Länge schmerzlich lächerlich wird. Auch Yves Wüthrich als Marmeladow hat seinen großen Auftritt – und erzählt nun aus seiner Sicht, wie seine Stieftochter zur Prostituierten wird, um die Familie zu retten. Er steigert sich dabei in Raserei, bis er in Unterwäsche auf dem Tisch stehend immer wieder ein "Kreuzige mich, aber dann erbarme dich meiner" stammelt. Als blutüberströmte Leiche kommt er wieder, das Totenmahl haben wir schon erlebt.

Raskolnikow gerät dabei immer mehr in die Enge, in Schuld und Wahnsinn – gejagt von André Willmund als Staatsanwalt Porfirij. Das K.O. des Opfers käme dennoch nicht so schnell, wäre da nicht Sonja. Arg beschnitten, bleiben von der guten Prostituierten nur die Kleider und die Rolle der Sünderin. Sofia Elena Borsanis helfende Geliebte wird zur schnaufenden, verlangsamt Bibelpassagen sprechenden, sich wie eine Schlange windenden Frau, die rätselhaft bleibt. Oder soll jetzt etwa die rettende Christin zur paradiesischen Verräterschlange werden? So oder so passt die Figur zum alptraumhaften, artifiziell-körperlichen Charakter der Inszenierung. Am Ende stellt sich Raskolnikow weder, noch kommt er in sibirische Verbannung. Vielmehr rennt er mit Videokamera bewaffnet in die Luzerner Nacht und lässt das Publikum wissen, er habe töten müssen, um zu merken, ob "ich eine Laus bin wie alle anderen oder ein Mensch".

Der Theaterabend kann und will den Dostojewski-Lesegenuss nicht ersetzen. Aber er zeigt eine stringente Lesart, die Raskolnikow als Schuldigen zeigt, dem die Welt abhanden kommt, der – von der Gesellschaft bedrängt und beengt – sich in Theorien von einer Art Übermenschen verstrickt und doch nur auf extreme Art und Weise seinen Weg im Leben sucht. Mitmenschen und Videokamera rücken ihm dabei auf die Pelle, auf die Kamera hätte man zwischendurch allerdings gerne auch mal verzichtet.

 

"Sühne" und "Schuld"
von Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo nach Fjodor M. Dostojewski, Übersetzung Swetlana Geier ("Verbrechen und Strafe")
Inszenierung und Ausstattung: Ene-Liis Semper, Tiit Ojasoo, Licht- und Videodesign: Petri Tuhkanen, Musik: Jakob Juhkam, Dramaturgie: Sandra Küpper, Gábor Thury.
Mit Annamária Láng, Lukas Darnstädt, André Willmund, Jakob Leo Stark, Yves Wüthrich, Sofia Elena Borsani, Wiebke Kayser, Mira Rojzman, Christian Baus, Julian-Nico Tzschentke.
Premiere am 30. Januar 2019
Dauer: 4 Stunden, 45 Minuten (zwei Pausen); möglich, beide Teile einzeln zu sehen: Sühne 60 Minuten, ohne Pause; Schuld 3 Stunden, 15 Minuten (eine Pause)

www.luzernertheater.ch

 

Kritikenrundschau

Bei 'Sühne' sei das Publikum nah am Geschehen und erlebe eine intensive Aufführung. 'Schuld' könne trotz einiger guten Einfälle nicht mithalten, so Tuuli Stalder vom SRF (31.1.2019).

"'Sühne' startet langsam, etwas träge und steif, steigert sich dann aber rasant, und steuert auf sein unausweichliches, ungerechtes Ende zu", schreibt Nikola Gvozdic vom Kulturmagazin 041 (31.1.2019). In 'Schuld' werde Raskolnikows Perspektive gezeigt, "mit all seinen subjektiven Interpretationen und Ängsten". Und weiter: "'Schuld' und 'Sühne' sind zwei sehr verschiedene Stücke, die sich nur tangieren, aber dennoch zueinander gehören. Fesselnde Darbietungen, kreative Bilder, und eine zeitlose Geschichte laden dazu ein sich mit dem Leid und Wahn, von dem Dostojewski schon vor über 150 Jahren erzählt hat, einzulassen."

 
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