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Wie viele Kondome schützen vor der Weltpolitik?

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 14. August 2008. Fünf Tage – warum nicht sechs oder bloß drei? Es hat mit der Finanzkraft von Minobe und Yukki zu tun. Zweitausend Yen, damit kommt man auf genau diese Zeitspanne im "rabuho", einem Stundenhotel. Sexkontakte in solchen spezialisierten Absteigen sind angeblich ganz normal für junge Japanerinnen und Japaner. Zwei Kondome liegen am Nachtkästchen bereit. "Der nationale Durchschnitt", konstatieren Minobe und Yukki, die deutlich mehr Gummibedarf haben.

Sie sind einander irgendwo über den Weg gelaufen und genießen jetzt Auszeit im Hotelbett. Es sei wie Urlaub, befinden sie und vergessen erstmal sogar fast das Essen. Nach dem 25. Kondom allerdings ist auch Sex nicht mehr die wichtigste Sache, und so reden sie doch noch miteinander. Die Amerikaner haben Saddam Hussein soeben das Ultimatum gestellt und mit dem Einmarsch gedroht. Ob der Krieg aus ist, wenn die Sex-Session der beiden vorbei ist? Einen ganzen Krieg im Bett überstehen? Wie viele Kondome schützen einen vor der Weltpolitik?

Innovation à la japonaise

Seltsam entrückt in ihre eigene Welt und doch einigermaßen eingebunden in die Jetztzeit sind die Protagonisten in dem Stück "Fünf Tage im März" der Gruppe "chelfitsch" aus Tokio. Der Theatermann Toshiki Okada macht damit seit 2004 schon Furore. Die Japaner halten große Stücke auf die Innovationskraft seines Theaters. Weitere vier junge Leute kommen im Stück vor: Zwei haben an einer Demonstration gegen die Amerikaner teilgenommen – Mitläufer im Schlurfschritt in einer der hinteren Reihen, denn "vorn sind die Übermotivierten". Unsere beiden Freunde sind weniger an der Politik interessiert, sondern plaudern über das Essen bei Anna Miller’s (einer fernöstlichen Fast-Food-Kette).

Und schließlich ist da noch Azuma, der an der Kinokasse die neugierige Miffy kennenlernt, eine graue Maus im schwarzen Vorzugsschülerinnenkostüm. Aber die verbockt die sich anbahnende Freundschaft durch Aufdringlichkeit und würde jetzt am liebsten (allein) auf den Mars aussiedeln. Das vertraut sie um zwei Uhr morgens ihrem Blog an.

In den ersten fünf Minuten haben wir eigentlich schon alles erfahren, und mehr wird's auch nicht. Die Geschichte wird auf völlig schmuckloser Bühne aus unterschiedlichen Perspektiven, aber doch immer wieder weitgehend gleich erzählt. Sechs junge Leute, die einmal in diese, einmal in jene Rolle schlüpfen, sie dann aber nicht wirklich spielen, sondern bloß beschreiben. Angeblich sprechen sie Jugend-Alltagsidiom, aber das kann man als Sprach-Unkundiger natürlich nicht abschätzen.

Die unerträgliche Leichtigkeit der Jugend

Was sich hingegen sofort mitteilt, ist die eigenwillige Gestik: Solche Bewegungen, die sich wie beiläufig einschleichen und dann wie besessen stereotyp wiederholt werden, sieht man häufig bei Jugendlichen, die ihrer selbst unsicher sind. Toshiki Okada gewinnt daraus eine Art choreographischen Subtext. Es ist im Prinzip das einzige Stilmittel dieses kargen, auf die Protagonisten und den Text zentrierten Theaters. Ein paar Mal ein paar geometrische Lichtprojektionen, das war’s auch schon.

Leichte Ironie schleicht sich ein, wenn die Dinge ein ums andere Mal wiederholt werden. Eine kleine Beifügung da, ein Halbsatz dort. Nehmen sich die Jugendlichen selbst ernst? Sollen wir sie ernst nehmen? Vielleicht will der Regisseur Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit heutiger Jugend anprangern, möglicherweise soll die Sache aber bloß L'art pour l'art sein, verspielt und tendenziell burlesk trotz karger Mittel. Werden Minobe und Yukki einander wirklich nie wieder in ihrem Leben wiedersehen, so wie sie es im Stundenhotel ausgemacht haben?

Das kleine Festival im großen

Eigenwillig, was das Young Directors Project der Salzburger Festspiele in diesem Jahr offeriert: Auf Der Stein – immerhin eine Salzburg-Uraufführung des neuen Stücks von Marius von Mayenburg durch die Berliner Schaubühne – folgte Die Maßnahme (Brecht/Eisler) in einer Aufführung vom vorigjährigen Bergen-Festival. Eine altbackene, kreuzbrave Umsetzung eines problematischen Stücks durch den Regisseur Tore Vagn Lid. Nun folgt noch Romeo and Juliet in einer Version des Nature Theatre of Oklahoma (New York). Man ist gerade in Europa und spielt nach Hamburg eben auch in Salzburg.

Die Initiatoren sind stolz drauf, heuer erstmals auch außereuropäisches Theater vorzustellen und ins Rennen um den Wettbewerb und den kostbaren Federhalter von Montblanc zu schicken. Die Schreibgeräte-Firma ist ja großzügiger Sponsor der vier Theatergastspiele. Je größer das Umfeld, aus dem gewählt wird, desto beliebiger aber die Auswahl. Größerer Radius heißt nicht unbedingt weitere Perspektive. Was genau will man dem Festspielpublikum nahe bringen? Und welchem Festspielpublikum? Jenes musikalisch-kulinarisch eingestimmte von Gounods "Romeo und Julia" oder Verdis "Otello" wird sich schwerlich ins Salzburger "Republic" verirren. Im Prinzip machen die Festspiele derzeit mit dem Young Directors Project ein kleines, bescheidenes Theatertreffen innerhalb des Festivals, das vor allem jüngeres Publikum vor Ort anspricht. Das mag verdienstvoll sein, aber ist's das, was man wirklich will?

 

Fünf Tage im März
von Toshiki Okada und chelfitsch
Regie: Toshiki Okada.
Mit: Hiromasa Shimonishi, Rukino Yamazaki, Taichi Yamagata, Kohei Matsueda, Riki Takeda und Tomomitsu Adachi.

www.salzburgerfestspiele.at

www.chelfitsch.net

 

Kritikenrundschau

Draußen ist ein Krieg ausgebrochen, drinnen rackert sich ein Pärchen mit seinen Liebesversuchen ab. Auf die "westlichen Augen" eines mit "pet" kürzelnden Kritikers in der Wiener Presse (16.8.2008), wirkt "Fünf Tage im März" vor allem statisch, undramatisch und unsinnlich. "Von Sex und Leidenschaft, Wut und Empörung keine Spur, vermutlich ist das Teil des Konzeptes, aber es sorgt nicht gerade für Spannung". Die Aufführung habe zwar etwas "rührend Jugendliches, Zerstreutes, Unbeholfenes", als würden sich "Halbwüchsige die Welt erklären." Doch das wird kaum als abendfüllend befunden.

Kurz und bündig verreißt Isabella Hager im Standard (16.8.2008) den Abend: "Sieben Schauspieler, die mit unablässigen, einer Gebärdensprache gleichenden Bewegungen ihrer Körper eine Verbindung zu ihrem Sprachfluss herzustellen versuchen, tragen ihn vor wie ein Referat im zweiten Proseminar". Man vermutete "eine nicht unbekannte Absicht hinter Okadas sauber zerpflückten Realitäten - spürbar würden diese nicht.