Holzschnitt-Parade

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 2. Februar 2019. Wie der Zufall so spielt. Ausgerechnet nach einer fürs Kölner Theater höchst turbulenten Woche – nach Carl Philip von Maldeghems überfallsartiger Designierung als Intendant und seiner Absage am Tag acht einer gewaltigen Erregung – hatte eine Inszenierung des Nun-doch-nicht-Intendanten Premiere: im Salzburger Landestheater. In jenem Haus also, das von Maldeghem nun im zehnten Jahr leitet. In einer Stadt und einer Region, deren Politiker sich zuerst gar nicht einkriegen konnten vor Stolz, dass der Intendant große Karriere macht, und die sich am Freitag (1.2.) in einem Chor-Unisono restlos beglückt darüber zeigten, ihn doch dabehalten zu dürfen.

Es hat sich gelohnt, diese Inszenierung von Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" anzuschauen. Nicht, weil sie so furchtbar gut gelungen wäre. Es wird gerade an einer Theaterarbeit wie dieser sonnenklar, wie unterschiedlich Erwartungen ans Theater sind. Salzburg ist ja nur für ein paar Wochen im Jahr Festspielstadt – und da geht's im Wesentlichen doch um die Musik. Ein Gutteil der Touristen kommt auch sonst Mozarts und der Trapp-Family ("The Sound of Music") wegen. Deshalb leistet sich die Kleinstadt mit nicht mal 130.000 Einwohnern übers Jahr ein ansehnlich hohes Musikniveau.

Im Theater werden viel kleinere Brötchen gebacken. Da werkeln das Landestheater (als Dreispartenbetrieb) und das dem Sektor der "freien" Kultur zugehörige Schauspielhaus etwa in Augenhöhe an der bildungsbürgerlichen Basisversorgung. Man wird nicht übermütig als Theaterbesucher an der Salzach. Sage keiner, dass die Themen der Zeit (heruntergebrochen auf Kleinstadt-Perspektive) sich nicht auch da niederschlügen. Sein Theater der Teilhabe (inklusive Bürgerbühne) setzt Carl Philip von Maldeghem mit viel Konsequenz um. Die Abonnentenzahlen beglücken nicht nur die Subventionsgeber, sie bestätigen letztlich den Kurs mit einem Hang zur Volkshochschule. Dort geht die Kundschaft auch freiwillig hin.

Starker Hauch des Lokalen

Nun also "Geschichten aus dem Wiener Wald". Vielleicht will Carl Philip von Maldeghem mit einer Figur des Dramas, der Großmutter, sogar ganz leise Kritik an der nach wie vor dominant-katholischen Prägung gerade bürgerlicher Schichten am Ort äußern. Die querständig mit einer ganz jungen Schauspielerin (Janina Raspe) besetzte Figur thront wie eine Madonna in einer Nische. An dieser Allegorie der Bigotterie müss(t)en sich alle anderen messen lassen.

GeschichtenWienerWald 1 560 Anna MariaLoeffelberger uNikola Rudle plus Skelett © Anna-Maria Löffelberger

Mit Lederhosen und Trachtenjankern geht die Ausstatterin Stephanie Seitz verschwenderisch um. Dieser starke Hauch des Lokalen kontrastiert mit der drehbaren weißen Fliesenwand, die eine konkrete Verortung versagt. Vor der Tür des Fleischers Oskar hängt ein geschlachtetes Schwein, ein ebenfalls an der Schnur herabgelassenes Skelett steht für die Puppenklinik des Zauberkönigs.

No a Flascherl

Ödön von Horváth wollte für dieses Stück dezidiert keine Umgangssprache, keinen Dialekt. Dem steht in dieser Aufführung viel tönendes Lokalkolorit entgegen. Walter Sachers als Zauberkönig hat das charakteristische "l" des Wiener Slangs drauf. Gregor Schultz ist als Erich ein strammer Burschenschafter mit schwarz-rot-goldener Schärpe. Britta Bayer darf als Valerie ihre Verhärmtheit vor sich hertragen. Marianne, die den Verlobten Oskar aufgibt zugunsten des Blenders Alfred und so in ihr Verderben schlittert, ist in ein recht groteskes Sammelsurium aus Holzschnitt-Figuren geraten. Sie sind samt und sonders eindimensional und vordergründig gezeichnet.

GeschichtenWienerWald 2 560 Anna MariaLoeffelberger Nikola Rudle und Christoph Wieschke © Anna-Maria Löffelberger

Absolut kontraproduktiv ist die ausufernd-plakative Saufszene. Da wird auf Langstrecke nervenstrapazierend krakeelt und gesungen: "Mei Muatta war a Weanarin", "Jetzt trink ma no a Flascherl Wein"... Mit Überzeichnung und Übertreibung spart man generell nicht, und das macht die Sache für Sascha Oskar Weis (Alfred), Christoph Wieschke (Oskar) und Nikola Rudle (Marianne) nicht gerade einfach. Die Menschen hinter den Protagonisten bleiben eigentümlich fern.

Das Salzburger Premierenpublikum reagiert eigentlich immer wohlwollend und dankbar, und das war diesmal nicht anders. Spezielle Ovationen für Carl Philip von Maldeghem gab es aber nicht.

Geschichten aus dem Wiener Wald
von Ödön von Horváth
Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem, Bühne und Kostüme: Stefanie Seitz, Dramaturgie: Friederike Bernau.
Mit: Nikola Rudle, Sascha Oskar Weis, Christoph Wieschke, Walter Sachers, Britta Bayer, Eva Christine Just, Janina Raspe, Marco Dott, Tim Oberließen, Gregor Schulz, Franz Supper.
Premiere am 2. Februar 2019
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.salzburger-landestheater.at

 

Kritikenrundschau

Hedwig Kainberger (hinter Paywall) schreibt in den Salzburger Nachrichten (online 3.2.2019, 11:52 Uhr): Von Maldeghem spiele die Kräfte seines Ensembles aus. "Die an diesem Abend treffliche" Nikola Rudle entfessele aus ihrer Marianne die "Aggression einer gekränkten Löwin". Christoph Wischke spiele einen "ungewöhnlich sanften, geduldigen, tollpatschigen Oskar". Sascha Oskar Weis spiele den "Hallodri Alfred" souverän, Britta Bayer trete als eine "zäh und hantig gewordene, aber noch immer sehnsüchtige Trafikantin Valerie" auf. Tim Oberließen bringe als Fleischergeselle "einige Facetten der vorstädtischen Gemütsbrutalität zum Funkeln". Horvaths grandioser Text komme an diesem Abend gut zur Geltung. Man müsse sich also vor künftigen Klassiker-Inszenierungen nicht fürchten: "Sie werden wie im Büchlein stehend, frisch und engagiert gespielt."

 

Wolfgang Huber-Lang schreibt für die Österreichische Nachrichtenagentur apa (hier entnommen der Kleinen Zeitung, Graz, online 3.2.2019, 11:44 Uhr):  Man werde von Maldeghem auch nach dieser Inszenierung "nicht zu den großen Innovatoren des Gegenwartstheaters zählen können". Dennoch müsse sich dieser Horvath-Abend "keineswegs verstecken". Er biete eine "zeitgenössische, am Werk orientierte, künstlerisch uneitle und dabei keineswegs biedere Interpretation eines modernen Klassikers". Von Maldeghem sei "kein Anhänger des Überwältigungstheaters". Er suche nicht nach "grellen Effekten und starken Bildern", die "große Imaginationsräume" öffneten. Aber er habe mit "einem guten Ensemble einen betont nüchternen, schlichten Spielstil entwickelt, in dem Emotion aus der Interaktion entsteht und nicht einfach behauptet" werde. Die Szenen der Verlobungsfeier an der Donau und im Vergnügungsetablissement seien "gekonnt arrangiert" und "choreografiert". Auch nackte Gewalt lasse sich "erahnen", aus "Dirndl und Lederhose sprießt die Niedertracht". "Putzig" sei da nichts. Nur der Donauwalzer gehe gar nicht und die Großmutter mit einer jungen Schauspielerin zu besetzen und aus ihr eine böse Gottesmutter zu machen, "war eine Idee, die nicht aufging".

 

 
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