Schluss mit dem Penisneid!

von Georg Kasch

Stuttgart, 2. Februar 2019. Jetzt wird der Spieß mal umgedreht. "Put your dick in the air" gellt es durch den Raum, "We're sick of hands in the air / And shake our asses like we don't care / We've been shaking our tits for years / So let's switch positions, no inhibitions, fears". Kurz: Mann, leg dich hin, stell deinen Schwanz auf, ich regel den Rest. Die Kampfansage ist deutlich, die Sängerin Peaches lässt in ihrem Song Dick in the air nicht viel Interpretationsspielraum.

Erst recht nicht im Staatsschauspiel Stuttgart, wo jedes Wort der Lyrics getreulich auf Deutsch übertitelt wird. Was Teil des Konzepts ist in Anna-Sophie Mahlers "Die sieben Todsünden / Seven Heavenly Sins", einem Hybrid aus Brecht-Weill-Verneigung, queerfeministischem Empowerment und Peaches-Konzert. Zum ersten Mal seit mehr als zwanzig Jahren arbeiten Oper, Ballett und Schauspiel in Stuttgart an einer Produktion zusammen. Tolle Sache, zeigt es doch die Potenz von Mehrspartenhäusern. So richtig zwingend, wild, in your face wird dieser Abend aber erst durch die aus Berlin angereiste Electroclash-Ikone.

Weibliche Selbstermächtigung

Schon Bertolt Brechts und Kurt Weills Ballett mit Gesang "Die sieben Todsünden" ist ein Hybrid, ein Halbstünder mit herrlicher Musik und böser Moral: Das Mädchen Anna soll auf alle legalen und illegalen Arten Geld für den Hausbau der Familie ranschaffen, spaltet sich unter dem Druck schön freudsch auf in eine singend kommentierende Antreiberin, eine leidende Tänzerin. Dass Anna sich beim Kampf um das kleine Glück prostituiert, hungert, demütigt, passt schon, solange sie die familiäre Anspruchslatte nicht reißt.

Diese Todsünden kommentiert die Familie vom Rand aus zynisch. Dass sie von einem Männer-Quartett gesungen wird, macht Mahler zum Ausgangspunkt für einen Abend der weiblichen Selbstermächtigung. Zunächst folgt sie eine halbe Stunde lang dem Brecht-Skript, lässt aber statt zwei vier Annas auftreten: Im Boxring gehen Schauspielerin Josephine Köhler und Tänzer Louis Stiens aufeinander los (ein schlagendes Bild, dieser Kampf gegen sich selbst), wobei Stiens ihre Bewegungen genau auf die Musik choreografiert hat; das Männer-Quartett umschwirrt sie als uniforme Ringrichter und Trainer.

SiebenTodsuenden 1 560 BernhardWeis uJosephine Köhler und Ludwig Stiens steigen für die Kunst in den Ring © Bernhard Weis

Alle sehen sie dabei mit ihren blonden Undercuts, den dunkel gerandeten Augen, der androgynen Statur aus wie Peaches, die ihre Anna-Parts auf Englisch singt. Manchmal klingt das etwas sehr nach Musical, manchmal ziemlich abgeklärt, distanziert, was auch an ihrer Rolle liegt: Hier schaut eine Frau zurück auf einen fiesen, voremanzipatorischen Teil ihren Lebens. So richtig reißt es einen hingegen, wenn Köhler und Stiens den Gesangspart im spröden Brecht-Duktus übernehmen, während das Orchester, das um den Boxring herumsitzt, unter Stefan Schreiber kalt aufblüht, mit unerbittlichem Drive vorwärtshetzt.

Eine kleine Zärtlichkeit

Das inszeniert Mahler mit vielen treffenden Details. Einmal, in der Völlerei-Episode, pressen die singenden Trainer Köhlers Anna zusammen. Währenddessen bringt der Orchester-Gitarrist Stiens' Anna einen Obstkorb; Stiens stürzt sich auf die Trauben. Daraus entspinnt sich auf der Bildebene eine kleine Zärtlichkeit, die auf der Handlungsebene wenig später im Unzucht-Teil als Begegnung Annas mit Fernando lesbar wird, der unmöglichen Liebe.

Am Ende bricht Anna zusammen, erfindet sich neu: mit Sätzen aus Virginie Despentes' autobiografisch grundiertem Essay "King Kong Theorie". Anna bezeichnet sich als "Proletin der Weiblichkeit", will nicht jammern, nicht tauschen, sich für nichts entschuldigen, erst recht nicht dafür, zu wild, zu laut, zu grob, zu brutal, zu männlich zu sein. Köhler, die den Text anfangs noch auf dem Tablett präsentiert, kriecht immer stärker in die Sätze, zieht sie sich über. Das ist stark.

SiebenTodsuenden 2 560 BernhardWeis uPeaches (rechts) hat süße Früchte für Josephine Köhler © Bernhard Weis

Dann der nächste Bruch: Der Boxring schwebt in den Bühnenhimmel, herab rauscht Peaches mit ihren vielen Artemis-Brüsten, dazu fährt die Bühne eine irre Lichtshow auf. Jedes ihrer sieben Lieder kommentiert eine Todsünde, verwandelt sie in eine Überlebenstrategie, feiert sie als Ausdruck weiblicher Autonomie. Jetzt ist sie in ihrem Element, sitzt ihre Stimme juchzend auf ihrem Körper, besingt selbstbewusst und fordernd Schwänze, Spalten, Pussy-Envy statt Penisneid. Vielleicht noch wichtiger als feministisches Lebensprinzip: Werd nicht schwanger, mach die Schule fertig!

Äußerst überraschend und zwingend zugleich greift Mahler hier Motive des ersten Teils auf, Boxutensilien, die Völlerei-Früchte, auch das Männer-Quartett schneit noch mal kurz rein. Dazu werfen sich Köhler und Stiens hinreißend hemmungslos in ihre Rollen als Tanz-Sidekicks, erweisen sich als enorm durchlässige Performer*innen – dank ihrer Wandlungsfähigkeit geht Mahlers Konzept auf, Brecht/Weill, Despentes, Peaches und Charles Ives aneinanderzukleben.

Spalten und Spaltungen

Irgendwann erinnern nur noch die steif das Spektakel über sich ergehen lassenden ersten Reihen daran, dass man nicht in Berlin auf einem dieser Events ist, in denen die Grenzen zwischen Kunst und Club verschwimmen. Hinten jubeln und juchzen die Fans, vorne ringt sich ein einziges Buh durch. Aber dann reißt Mahler das Ruder noch mal hart rum: Jetzt steht die Tänzerin Melinda Witham als vierte Anna allein auf der leeren Bühne, lächelt sybillinisch ins Publikum.

Witham hat ihr Leben lang getanzt, jetzt steht sie vor ihrem Bühnenabschied. Das Orchester stimmt zärtlich Charles Ives' warm flutende "The Unanswered Question" an mit ihren ewigen Trompete-Fragen und den unklaren Holzbläser-Antworten. Wenn Witham mehr schreitet als tanzt, eine grazile Armgebärde vollführt im Gegenlicht, dann abbricht, hat das was von einer Bilanz mit offenem Ausgang: War’s das jetzt? Habe ich alles richtig gemacht? Bin ich bereit für den letzten Vorhang?

Das nimmt nichts von Peaches’ Provo-Kraft, lässt aber Annas Leben zwischen Anpassung und Ermächtigung noch einmal angenehm uneindeutig in all seinen Zersplitterungen aufleuchten. So wie auch dieser Abend leuchtet: Aus seinen Brüchen drängt der Glanz.

 

Die sieben Todsünden / Seven Heavenly Sins
Ballett mit Gesang von Kurt Weill, Text von Bertolt Brecht / Live Testimonial by Peaches
Regie: Anna-Sophie Mahler featuring Peaches, Musikalische Leitung: Stefan Schreiber, Choreografie: Louis Stiens, Bühne: Katrin Connan, Kostüme: Marysol del Castillo, Charlie Le Mindu, Licht: Jörg Schuchardt, Dramaturgie: Katinka Deecke.
Mit: Elliott Carlton Hines, Josephine Köhler, Gergely Németi, Peaches, Christopher Sokolowski, Florian Spiess, Louis Stiens, Melinda Witham, Musiker: Kirsten Frantz/ Veronika Unger, Jonas Khalil/ Martin Wiedmann und das Staatsorchester Stuttgart.
Premiere am 2. Februar 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Dass das Leben ein ständiger Kampf ist, bei dem man öfters eins auf die Nase bekommt: Plumper hätte es Mahler (in Teil 1) nicht zeigen können. Die Szenen wirken redundant", schreibt Bernd Noack auf Spiegel online (3.2.2019). In Teil 2 verrenke Peaches sich lasziv "und verrennt sich dabei in ihrer ach so provokanten und doch nur verlässlich gezirkelten Tabu-Überschreitung", so Noack. "Zu den sieben Todsünden hat sie freilich mit ihrem mühsam aufs Thema getrimmten Best-of-Programm und ihrer eher schlichten Porno-Poesie (...) nicht viel mehr beizutragen als den Aufruf: 'Put your dick in the air'. Was früher die zornig geballte Faust war, ist jetzt nur noch eine banale Erektion: Rudelbums statt Klassenkampf."

Der Geschlechterkampf im Boxring sei redundant "und greift als Metapher für die antikapitalistische Sozialmelancholie der 'Todsünden' auch zu kurz", findet Bernd Künzig im SWR (3.2.2019). Mit Peaches werde es sprachlich vulgär und darstellerisch queer. "Provokation als politische Korrektheit fürs 'MeToo'-Zeitalter." Den "dürftig choreographierten Epilog vor Scheinwerferlicht für Melinda Witham" findet Künzig "eine vertane Chance": "Alles in allem, eine Kooperation der drei Sparten des Staatstheaters. Mehr aber auch nicht. Die drei Teile gehen nicht zusammen und so ist der Abend nichts Ganzes und nichts Halbes. Opernliebhaber werden dabei genauso wenig befriedigt, wie die Anhänger des Schauspiels oder Balletts. Nur die Fans von Peaches kommen auf ihre Kosten, wenn auch zu kurz."

"Nette Parabel auf die strukturelle Gewalt, sagt sich Anna-Sophie Mahler in Stuttgart und zeigt das auch kunstvoll abgeklärt", schreibt Jürgen Kanold in der Südwest-Presse (4.2.2019). "Doch dann kommt im Schauspielhaus Peaches auf die Bühne (...) und dreht den Spieß um, zieht eine Electroclash-Show ab, bei der, mit Verlaub, selbst Brecht den Schwanz eingezogen hätte." "'Seven Heavenly Sins' heißt der zweite Teil dieses Abends der Staatstheater. (…) Auch das ist Dialektik, nur nicht von Brecht. Tolle Dramaturgie." Schließlich stehe mit der Tänzerin Melinda Witham "eine erfahrene, weise Frau, die am Ende mit sich im Reinen ist", auf der Bühne. "Nach Brecht und Peaches ist das eine weitere Lesart von 'Stolz'", so Kanold: "Ein wunderbares Finale. Standing Ovations nach einer sensationellen Premiere."

Christian Gampert berichtete in Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (2.2.2019): Anna-Sophie Mahler habe die Aufführung als "Rückblick auf die Geschichte der weiblichen Emanzipation" angelegt. Ihre Partie singe Peaches "überraschend geradlinig und unpathetisch", sie mache das "sehr cool und straight". Von den "Sieben Todsünden" sei "nicht mehr viel übrig geblieben", die Brecht / Weill-Handlung werde "nur angedeutet". Im "Grunde geht um den Kampf einer Frau mit sich selbst und um ein selbstbestimmtes Leben". Die Verlagerung der Handlung in den Boxring verbrauche sich "bald" und müsse dann vom "leicht hollywoodesk spielenden Staatsorchester Stuttgart" aufgefangen werden. Der Gedanke der Regisseurin für das folgende Peaches-Konzert sei "offenbar, dass der Rückschau auf die (im Brecht-Weill-Modus stattfindenden) Kämpfe um die weibliche Emanzipation nun eine Demonstration heutiger unangepasster Sexualität folgen" müsse. Der Gesang sei "wild und aggressiv", die suggestiven Botschaften "intellektuell eher unterkomplex", Fazit: die Subkultur sei im Staatstheater angekommen.

Wiebke Hüster macht sich in Kultur heute (3.2.2019) auf Deutschlandfunk ein bisserl lustig über den Widerstand, den Anna Sophie Mahler und die Ihren mit Peaches den "weißen, heterosexuellen", privilegierten Männern Brecht, Weill und Balanchine entgegensetzen will. Die Befreiung bestünde ja eigentlich darin, dass Peaches pornographische Songtexte auf die Bühne der Stuttgarter Oper bringe, und das sei eigentlich ein bisschen bieder und alt. Nacktheit, Brüste, Phalli - das habe ja Sarah Lucas mit Michael Clark bereits vor 20 Jahren gemacht, "riesige Phalli inszeniert", heute wirke das "spießig und langweilig". In der Choreographie von Louis Stiens fehle überhaupt alle "Freiheit". Und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.2.2019) klappt Hüster nach: "Im Durch­ein­an­der der Gen­der­vol­ten, die der Zeit­geist ge­ra­de rei­tet, ist dies die bie­de­re Stadt­thea­ter­va­ri­an­te mit zwan­zig Jah­re al­ten Songs und Pro­vo­ka­tio­nen zum Gäh­nen. Ein Thea­ter­b­art bleibt ein Bart, auch wenn er vor der Mu­schi hängt und nicht im Ge­sicht."

Andrea Kachelrieß schreibt in den Stuttgarter Nachrichten (online 3.2.2019, 12:45 Uhr): Es gäbe in Stuttgart einiges zu Brechts Thema der Ausbeutung zu sagen, doch die Stuttgarter Realitäten blieben außen vor. Brecht habe Anna in zwei Charaktere zerbrechen lassen. "Einige Finanzkrisen später splitten Anna-Sophie Mahler und der Choreograf Louis Stiens sie in noch mehr Persönlichkeiten auf". Leider lasse sich das "Sünden-Team dazu hinreißen, Brechts Kritik durch einen feministischen Einwurf kleinzureden". Dieser Aufzählung aus Virginie Despentes’ „King Kong Theorie“ tauge nicht als Scharnier "zwischen Brechts Sicht und der von Peaches, weil sie Despentes’ Analyse der Sexualmoral als Spiegel der hierarchischen Verhältnisse komplett ausblendet". Ohne eine solche Analyse lande Peaches One-Woman-Show auf der Bühne aber wie ein Ufo. Man müsse "nicht prüde sein", um diese "Sexshow" in ihrer "Vorhersehbarkeit und choreografischen Reduziertheit reichlich langweilig zu finden".

Mirko Weber schreibt in der Stuttgarter Zeitung (online 3.2.2019, 15:35 Uhr): Regisseurin Anna-Sophie Mahler, Co-Regisseurin Peaches und die Dramaturgin Katinka Deecke schrieben im Programm: Wenn Simon Strauß in seinem Buch "Sieben Nächte" nach "einem Mann" suche, der ihn 'führen' könne" – "krame man" auch deswegen "nochmal 'die alten Kamellen von Brecht und Weill' hervor". Alle Protagonisten seien "vom Darstellertum weit entfernt", vielmehr hätten "ihre hoch intelligent eroberten Rollen von ihnen Besitz genommen". Man sehe das selten "in dieser Intensität". Diese Produktion habe etwas sympathisch Angstfreies und pfeife auf historische Vorbilder wie Pina Bausch oder Barrie Kosky. Der Text der Feministin Virginie Despentes" erweise sich mit seiner "Wildheit, Grobheit, Brutalität" als die tragende dramaturgische Brücke zu Peaches. In den folgenden 25 Minuten breche Peaches mit einem "perfekten" Auftritt ein "System" auf, für das, "zumindest in der Oper und beim Ballett, die Frauenopferrolle konstitutiv ist". Zusätzliche Verklammerung erfahre der Abend durch Melinda Withams Wanderung zur sanft entrückten wie entschieden harmonisch querliegenden "Unanswered Question" von Charles Ives.

"Das ist toll - und dauert 35 Minuten, das ist noch nicht abendfüllend", schreibt Egbert Tholl in der Südeutschen Zeitung (5.2.2019) über den zentralen Boxkampf, der den "Mühen der erniedrigenden Geldbeschaffung" gewidmet ist. "Deshalb stückelt Mahler noch drei völlig heterogene Teile dran, deren Verknüpfung mehr Behauptung als zwingend ist. Aber so entsteht eine Revue von Frauenbildern, die vor 15 Jahren an einem Staatstheater eine absolute Sensation gewesen wäre, heute nicht mehr ganz frisch, aber immer noch notwendig ist."

"Stell dir vor, Kunst möchte provozieren und keiner regt sich auf", formuliert Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (6.2.2019). "Vor geschätzten zwei Jahrzehnten war so ein Peaches-Auftritt mit lichtleinblinkendem Schritt, Vulva-Kragen, mit der Aufforderung, seinen Schwanz in die Luft zu recken und gleichzeitig die Klassenschranken einzureißen, vielleicht gewagt, sicher aber frisch und frech." Jetzt sei er etwas, das im Staatstheater angekommen ist, auch nichts anderes mehr vermittele als: "der Widerstand, Underground, Off-off-Act ist aufgesogen worden vom Mainstream, dem es nach ein bisschen Widerstand, Underground, Off-off verlangt – der die Reste von Provokation allerdings neutralisiert".

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