Kreuze, Kini, Polizeigesetze

von Andrea Heinz

Wien, 5. Februar 2019. Niemand ist eine Insel, heißt es. Das stimmt aber nicht. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, in seinem Land besser bekannt unter der dynamischen Kurzform Basti, braucht kein abgeschlossenes Studium, um zu wissen: Österreich ist wohl eine Insel. Und zwar nicht irgendein dahergelaufenes Eiland. Die Insel der Seligen! Wer, wie die Kolumnistin, aus Bayern kommt, fühlt sich da gleich zuhause. Bayern ist schließlich, wie Horst Seehofer gewohnt bescheiden festhielt: die Vorstufe zum Paradies. Und wer aus einem solchen "Premium-Land" herstammt, der tut sich naturgemäß schwer, adäquate Alternativen zu finden. Aber Insel der Seligen ist halt auch nicht schlecht. Und: Man hat ein ähnliches Sprachverständnis. Wo die einen jahrzehntelang einparteienmäßig von Christlich-Sozialen regiert wurden und die anderen immer wieder anfallsartig von Freiheitlichen, da braucht keiner ein Linguistik-Seminar, um zu verstehen, was es mit der Arbitrarität sprachlicher Zeichen auf sich hat.

19 NAC Kolumne Heinz 2PDicke Bretter, die die Welt bedeuten

Man entkommt also dem Fegefeuer (denn das ist nun mal die Vorstufe zum Paradies, sorry!) auf die selige Insel. Ist das also dann der Himmel? Die Österreicher, das weiß man, haben's ja mit dem Tod. Und tatsächlich, selig ist eine andere Bezeichnung für gestorben. Es bedeutet aber auch: "von allen irdischen Übeln erlöst". Und Achtung, warnt der Duden: Es kann auch heißen, jemand sei "leicht betrunken". Kommt ja oft auf dasselbe raus. Auf jeden Fall sind es gerade aufregende Zeiten in Wien. Der Innenminister ruft öffentlich zu einer Debatte über "irgendwelche seltsamen rechtlichen Konstruktionen" auf, die "teilweise viele, viele Jahre alt, aus ganz anderen Situationen heraus entstanden" sind – er meint die Europäische Menschenrechtskonvention damit, aber das kann natürlich nur der Anfang sein. Immerhin sind, beispielsweise, auch Nationalstaaten und Grenzen Konstruktionen. Von politischen und anderen Ämtern ganz zu schweigen. Während Heiko Maas in Deutschland noch davon träumt, werden im Nachbarland tatsächlich dicke diskursive Bretter gebohrt.

Komm wieder, Kini!

Wie man mit seinen Konstruktionen selig werden kann, das zeigt wiederum ein mentalitätsgeschichtlicher Exkurs nach Bayern. Dort wünschen sich jene Menschen, die lange Zeit sehenden Auges Horst Seehofer gewählt haben (und jetzt von Markus Söder mit Kreuzen und Polizeiaufgabengesetzen traktiert werden), in Wahrheit nur eines: dass der Kini, unversehrt und voller Tatendrang, wieder aus seinem feuchten Grabe im Starnberger See auferstehen und zum Zepter greifen möge. Wie es sich für einen Märchenkönig ziemt, hat Ludwig II. auch einen Fanclub: Die Guglmänner. Ein Geheimbund, dessen Mitglieder mit ihren Kapuzen ein wenig an den Ku-Klux-Klan erinnern, denen es aber gar nicht um Rasse, sondern um Klasse geht. Sie haben nur die Monarchie im Sinn. Die Guglmänner setzten sich u.a. für bayrische Euro-Münzen mit dem Konterfei Ludwigs II. ein, woraus aber leider nichts wurde. Soweit alles normal.

Bayernwerdung für Anfänger

Der Witz ist jetzt aber: Genau dieser Kini, von dem noch heute in jedem ordentlichen bayrischen Wirtshaus ein Porträt hängt, war nicht nur mutmaßlich homosexuell und psychisch krank (letzteres hält der bayrische Staat bekanntlich für so gefährlich, dass man es der Polizei melden muss) – sondern unter Umständen auch noch ein Bankert, sprich: unehelich. Und das ist noch nicht das Schlimmste. Nicht nur soll er kein Wittelsbacher gewesen sein, sondern Sohn eines italienischen Kammerdieners. Ausländer! Der Begriff Katzlmacher bekommt eine ganz neue Dimension. Die Guglmänner hielten diese Enthüllungen 2010 für gut möglich, blieben aber entspannt. Ihr Kommentar, sinngemäß: Ja mei. Das Ansehen des Königs sei nicht in Gefahr, beruhigten sie. "Er hat sich seine Reputation erarbeitet und nicht per Herkunft bekommen", hieß es von einem Sprecher. Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen (Eine ähnliche Argumentationslinie verfolgte übrigens unlängst Markus Söder, als er beim CSU-Parteitag verlauten ließ: "Bayer wird man nicht durch Geburt, sondern durch Einstellung und Überzeugung." Dann besteht ja auch für die Bayerinnen noch Hoffnung.).

Man sieht an dieser kleinen Geschichte sehr schön: Das richtige Leben im falschen – es ist möglich. Was das jetzt aber alles mit dem Theater zu tun hat, in München und vor allem in Wien? Gemach, gemach. Bleiben Sie dran!

Andrea Heinz wuchs im bayrischen Grenzgebiet mit österreichischem Kinderfernsehen auf und weiß, dass Grenzen fließend sind. Sie lebt als freie Autorin (seit 2017 auch für nachtkritik.de) und Literaturwissenschaftlerin in Wien und pendelt zwischendurch nach Bayern und Hamburg (wo sie trotz ihres respektablen Hochdeutsches stur für eine Ausländerin gehalten wird). Am Herzen liegen ihr diese Orte gleichermaßen.

 

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