Die toxische Männlichkeit in Person

von Anna Landefeld

München, 7. Februar 2019. Da kniet er nun im Wasser, die Kleidung triefend und dreckig, das Gesicht verkrustet; in der weißen Masse, die es bedeckt, sind die Spuren seiner Tränen zu sehen. Und dann schreit er, schreit das ganze Leid seines Lebens tief aus seiner Seele in die Dunkelheit vor ihm. Wenige Sekunden nur und doch vereint dieses "Nein" alle Sünden der Menschheit in sich, die vergangenen, die gegenwärtigen, die kommenden. Herakles, der gefallene Halbgott, fühlt zum ersten Mal. Zu spät. In der großen Pfütze, die den ganzen Abend schon den Bühnenboden bedeckt, liegen sie. Seine Frau. Seine drei Kinder. Ermordet durch seinen Bogen. Niedergemetzelt im Wahn. Für Riesen hat er sie gehalten, die ihn töten wollen. Herakles hat alles verloren – und doch steht ihm die schwerste Zeit in seinem Leben noch bevor. Denn Simon Solberg zeigt in seiner wirkmächtigen "Herakles"-Inszenierung am Münchner Volkstheater nicht nur den Weg in den Abgrund, sondern er präsentiert auch eine Lösung. Eine, die so simpel wie unmöglich erscheint und für den Göttersohn, so einfältig wie kraftstrotzend, unerträglich ist.

Röhren Röhren Röhren

Herakles, das ist an diesem Abend nicht ein einzelner Mann, der von seinem Vetter Eurystheus schikaniert und missbraucht wird. Bei Solberg wird er zum Stellvertreter der Menschheit und ihrer Geschichte. Getrieben und missbraucht vom Kapitalismus. Entfremdung statt Sinn. Folgen statt Fühlen. Zerstören statt Bewahren. Da ist es nur folgerichtig, dass sich Max Wagner das Gesicht mit einer lehmigen Masse einschmiert, bevor er zum finalen Blutrausch ansetzt. Die Entindividualisierung ist abgeschlossen. Nun handelt er auch ganz plakativ nicht mehr ein einzelner – hier werden alle schuldig.

Herakles 560a arnodeclair uLuise Deborah Daberkow, Max Wagner, Carolin Hartmann, Thomas Eisen © Arno Declair

Solberg überlässt die Bühne ganz seinen Schauspieler*innen, die an diesem Abend dann auch so im Ensemble glänzen, dass es ungebührlich wäre, eine Einzelleistung herauszuheben. Dialoge sind selten, die Handlung wird von einem Erzählenden vorangetrieben mit Textcollagen durch die Jahrtausende hinweg von Euripides, Gustav Schwabs Altertums-Sagen und Frank Wedekinds letztem Drama "Herakles". Von Szene zu Szene wechseln sich die sechs Schauspieler*innen ab, Luise Deborah Daberkow, Thomas Eisen, Jakob Geßner, Carolin Hartmann, Mauricio Hölzemann und Max Wagner. Die anderen fünf spielen derweil. Und wie: mit reiner archaischer Spielfreude. Und wie: mit reiner archaischer Spielfreude. Da wird sich im Wasser gewälzt, gerannt, gesprungen, geworfen, dass es nur so spritzt. Der Körper hat über den Geist gesiegt. Immer dabei: Die Plastikröhren, die Solberg, der auch für das Bühnenbild verantwortlich ist, als einzige Requisite verwendet.

Röhren in allen Formen. Große Röhren, die an die flexiblen Spieltunnel aus der Kindheit erinnern und die hier zu Palastsäulen, den Hälsen der Hydra, dem mystischen Orakel von Delphi und sogar zu Handtüchern werden. Und kleine Röhren, die mal Phallus, mal Baby, Keule oder Krone sind. Ein banales industrielles Massenprodukt ersetzt die reale Welt. Es passt einfach alles zusammen. Auch dass Solberg seine Inszenierung immer da zur Slapstick-Nummer werden lässt, wo die antike Vorlage allzu offensichtlich skurril ist.

Aufgabe: Zerstörung

Ansonsten ist es düster auf der Bühne, nur hier und da verstärkt eine Nebelmaschine die Beklommenheit, ebenso wie die dröhnenden Rhythmen, die Herakles bei seinen "Abenteuern" antreiben. Das Wasser, das die Schauspieler*innen auch körperlich fordert, scheint von allen Seiten in diese morsche Welt hineinzufließen. Es kündet von der großen Sintflut, die unmittelbar bevorsteht, wenn sich nichts ändert. Es ist wohl nicht zu weit hergeholt, dabei auch an den vom Menschen verursachten Klimawandel zu denken, an Inseln, die vom Versinken bedroht sind, an schmelzende Gletscher und verheerende Tsunamis.

Herakles 560 arnodeclair uMauricio Hölzemann, Carolin Hartmann, Jakob Geßner, Luise Deborah Daberkow © Arno Declair

Die "Arbeiten", die Herakles erfüllt, sind in Wahrheit pure Zerstörung. Er zieht los und rottet seltene Tiere aus, fällt wie ein Kolonialherr bei den Amazonen ein und vernichtet zugleich "die Fremden" und "die Frauen". Danach posiert Wagner bullig und blond wie ein siegreicher Sportler mit dem Gürtel der Hippolyte (Luise Deborah Daberkow), hebt kurz den Arm zum angedeuteten Hitlergruß. Er betrügt Atlas, bringt ihn, an seine Eitelkeit appellierend, dazu, seine Familie zu bestehlen. Dazu spielt Thomas Eisen Atlas als Vokuhila-Ossi, sächselnd und klagend, im Glauben, die ganze Last der Welt zu schultern.

Befehlsempfänger mit Heilsmantra

An keinem Punkt hinterfragt Herakles das, was er da eigentlich macht, zieht sich immer darauf zurück, ja nur die ihm aufgetragene Arbeit zu machen. Er ist nichts weiter als ein stumpfer Befehlsempfänger mit seinem ewigen Heils-Mantra: "Ein Jeder trägt die Last der Gesellschaft und jeder verrichtet die Arbeit, für die er geschaffen ist." Seiner Frau Megara versichert er, dieser kapitalistischen Illusion folgend, dass er das alles nur tut, damit er irgendwann ein schönes Haus für die Familie bauen kann, mit einem großen Garten für die Kinder, einem ruhigen Lebensabend. Doch ausgeträumt ist irgendwann der Traum vom kleinen Glück: Herakles wird nicht mehr gebraucht. Jahrelang kam die Familie auch ohne ihn aus. Und nun? Alles aus – Depression, Alkohol, Blutrausch.

Als er seine Tat erkennt, sich seiner und all dessen, was er getan hat, bewusst wird, sucht Herakles den Rat des Orakels. Er hofft auf eine Strafe oder zumindest auf einen Befehl. Etwas, das er erleiden oder ausführen kann, um sich von seiner Schuld zu befreien. "Deinen Geist lass über deine Glieder herrschen. Schmerz und Verletzungen sind es, die den Menschen menschlicher machen." Doch was soll er, Herakles, der immer nur tat und niemals nachdachte, damit anfangen? Nein, auf Erlösung kann er nicht mehr hoffen. Dafür ist er viel zu sehr Produkt und viel zu wenig Selbst.

Herakles
nach Texten von Wedekind, Euripides und Gustav Schwab
Inszenierung und Bühne: Simon Solberg, Kostüme und Mitarbeit Bühne: Katja Strohschneider, Dramaturgie: Kilian Engels.
Mit: Luise Deborah Daberkow, Thomas Eisen, Jakob Geßner, Carolin Hartmann, Mauricio Hölzemann, Max Wagner.
Premiere am 7. Februar 2019
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Kritikenrundschau

Als "sehenswert" erachtet Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (11.2.19) die Inszenierung. "Die Schauspieler gleiten, schlittern, stolpern durch die Lachen und erzeugen einen hohen Gag- und Stresslevel." Und weiter: "Läuft die Inszenierung anfangs Gefahr, allzu präpotent, albern und comichaft zu bleiben, verdichtet sie sich zu einer zivilisationskritisch imposanten Männer-, nein, mehr noch: zu einer Menschheitsdämmerung."

"Mal frecher Slapstick, mal großes Fantasyspektakel", schreibt Mathias Hejny in der Münchner Abendzeitung (10.2.2019). Aus seiner Sicht wandelt der Regisseur "heldenhaft auf einem wahrhaft messerscharfen Grat, und ein begeistertes, spielfreudiges Ensemble geht diesen Weg mit." Auch die Bilder dieses Abends findet erblüffend vielschichtig und überraschend grandios.

 Von einem "an starken Bilder reichen Abend" spricht Alexander Altmann im Münchner Merkur (10.2.2019), der hier überzeugend archaische Wucht mit überzeugender Zeitkritik verschmelzen sieht.

 

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