Depri in Deutschland

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 8. Februar 2019. "Und einmal, da stand ich kurz vor meiner Abschlussprüfung an der Schauspielschule. Und da sagte meine Jahrgangsleiterraupe zu mir, du wirst niemals an einem Theater engagiert werden, denn für ein kleines Theater bist du zu auffällig ... Nur ein sehr großes Theater kann sich ein Luxusprodukt wie dich leisten." Diese Textpassage aus Technocandys neuer Produktion "Schaffen" mag biografisch sein, muss sie aber nicht. Fakt ist, Banafshe Hourmazdi ist nicht nur Teil des Performancekollektivs Technocandy, sondern auch eins von 18 Ensemblemitgliedern am Theater Oberhausen, fest engagiert. Intendant Florian Fiedler setzt auf Diversität, auf kulturelle Vielfalt im Team und im Programm – dafür wird das Theater jetzt auch von der Kulturstiftung des Bundes aus dem 360°-Fonds gefördert. In Workshops wird in Oberhausen gegen rassistische, sexistische, diskriminierende Kommunikation und Strukturen am Arbeitsplatz gearbeitet.

Der Intendant will, die Verwaltung sperrt sich

Es ist schon grotesk, dass gerade dieses Theater über eine Anti-Rassismus-Klausel stolpert. Die gibt es seit Anfang des Jahres, konzipiert für Theaterschaffende von der Regisseurin Julia Wissert und der Anwältin und Dramaturgin Sonja Laaser. Darum geht es: Werden Produktionsbeteiligte rassistisch diskriminiert, muss das Theater reagieren und aufklärende Workshops anbieten. Andernfalls haben die Betroffenen das Recht, die Premiere abzusagen. Die Technocandys waren begeistert und forderten diese Klausel für ihren Vertrag. Auf den Eintrag warten sie allerdings bis heute. Nicht, weil die künstlerische Leitung sich weigert, sondern die Verwaltung. Intendanten machen Verträge eben nicht alleine. Für Florian Fiedler muss es ein Schlag ins Gesicht sein. Bei Deutschlandfunk Kultur sagte er: "Vielleicht braucht es auch einfach noch mehr Zeit, um das juristisch abzuklären. Vielleicht ist es aber auch eine Haltungsfrage." Oberhausen hätte als erstes Theater, das diese Klausel unterschreibt, ein Zeichen setzen können.

Dennoch. Die Premiere fand statt, auch ohne Klausel im Vertrag. Banafshe Hourmazdi, Golschan Ahmad Haschemi und Frederik Müller treten als Schmetterlinge auf. Transformation ist das Stichwort. Die drei haben es geschafft. Als flügelflirtende Verwandelte bezirzen sie ihr Publikum, auch mit Donuts. Oder sie erinnern sich an ihre Zeit als Raupe, an unbeantwortete E-Mails, an misslungene Dates, an Lohnungerechtigkeit, an sexuelle Belästigungen. Aus Trauer, Wut oder Verzweiflung hauen und treten sie dann auf große schwarze Sitzkissen ein (Bühne: Debo Kötting). Einen Flügelschlag später kippt die Stimmung ins Fröhlich-Tänzelnde, ins Absurd-Komische, ins Scheinbar-Demütige. Oder die drei stoßen an, mit Kaffee, der Droge der Arbeitenden. So schwirren die (großen) Themen und (heftigen) Gemütslagen gefühlschaosartig durch den Theatersaal. Skizzenhaft. Angedeutet. Haltlos. Was der Performance fehlt, ist eine verbindende Substanz, die Empathie möglich machen könnte und etwas mehr und anderes wäre als ein übergeordnetes Thema.

Momentaufnahmen aus dem Künstler*innen-Prekariat

Dabei sind die drei charmante Performer*innen: Frederik Müller als unsicherer, tröstlicher Singer-Songwriter, Golschan Ahmad Haschemi als langgelockte, mutige Karaokesängerin mit reichlich Wut im glitzernden Bauch. Und Banafshe Hourmazdi tritt einer unfairen Welt mit liebenswürdiger Lässigkeit und erfahrenem Trotz entgegen. Ausdauernd demonstriert sie Klopftherapie gegen seelische Schmerzen. Nur der Schmerz, der ist nicht spürbar. Vieles ploppt bloß worthülsenhaft auf, nicht mehr als ein weiterer Baustein im Textgefüge. Glücklicherweise nehmen die drei sich selbst nicht so ernst, plaudern davon, dass sie sich Infos für 'diese ganze Chose' auch bei Wikipedia geholt hätten.

Schaffen 1 560 IsabelMachadoMuller uFrederik Müller, Banafshe Hourmazdi, Golscham Ahmad Haschemi © Isabel Machado Rios

Sie spielen mit Texten aus der Bibel ("Selig sind, die da arm sind, denn ihrer sind die Produktionsmittel"), dichten witzige Songverse ("Wir können dich zwar nicht bezahlen / Weh mir, oh weh, aber die Erfahrung ist doch auch was wert"), hauen den Hit "Depressiv in Deutschland" raus und kleben am Ende insektenartig plattgemacht an der Wand. Momentaufnahmen, die einiges insinuieren, aber wenige Denkräume eröffnen. Spielerische Leichtigkeit ist ja nicht verkehrt, aber "Schaffen" fehlt es an Wucht und Nachdruck. Da sorgt die Debatte um die Anti-Rassismus-Klausel für größere Aufregung.

Schaffen
Wer ohne Arbeit ist, werfe den ersten Stein
von Technocandy
Konzept und Regie: Golschan Ahmad Haschemi, Banafshe Hourmazdi, Frederik Müller, Bühne und Kostüme: Debo Kötting, Dramaturgie: Elena von Liebenstein.
Mit: Golschan Ahmad Haschemi, Banafshe Hourmazdi, Frederik Müller.
Premiere am 8. Februar 2019
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Von einem "Reinfall" spricht Jens Dirksen in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (9.2.2019). "Viel guter Wille, wenig Können", gibt der Kritiker zu Protokoll. Dabei würden wichtige Dinge verhandelt: sexualisierte und rassistische Diskriminierung, allzu genormte Geschlechtlichkeit. Aber all dies werde verdeckt "von einer verblüffenden Laienhaftigkeit des Spiels, die man in einem Stadttheater nicht erwartet, nicht erwarten darf. Texte werden aufgesagt statt gesprochen, manchmal weggenuschelt. Der recht häufig eingesetzte Gesang ist deutlich zu ungeschult, als dass man ihn auf einer Bühne erklingen lassen sollte. Und dann war auch noch eine der beiden eingesetzten Gitarren schlecht gestimmt." In gewissen Phasen nahm der Abend dem Eindruck des Kritikers zufolge "Züge von psychotherapeutischen Übungen an."

 

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