Eingequetscht im Tunnelblick

von Michael Wolf

12. Februar 2019. Eine Zeit lang erzählte Clemens J. Setz jedem, der es hören wollte, Zahlen stellten sich ihm farbig dar. Die Drei sei grün, die Sieben transparent gelb. In seinem Buch "Bot" gestand er: "Ich bin ein Synästhet, der selbst Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt." Es fiele leicht, hierin nur die Bemühung zu erkennen, als bunter Hund des Literaturbetriebs zu reüssieren. Der Erfolg des Sechsunddreißigjährigen ist nicht ohne das schillernde Bild zu denken, das er dem Feuilleton gern zum Ausmalen überlässt.

Der Seher ist immer ein Einsamer

Doch sein schon jetzt umfangreiches Werk deutet darauf hin, dass er tatsächlich über eine eigene und eigenartige Sicht verfügt. Vor acht Jahren, als die vornehmste Tugend junger Literaten darin bestand, sich jedes Adjektiv vom Munde abzusparen, verblüffte er in seinem Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" mit einem Rundgang durch seine perverse Schöpfung. Hier konnte man auf dem Straßenstrich keinen Sex, sondern mütterliche Geborgenheit kaufen; hier wurden Visitenkarten von Geschwüren befallen; hier stellte sich der Autor selbst als leibhaftiges Exponat in einer Ausstellung auf. Zur Belohnung gab es den Preis der Leipziger Buchmesse.

Cover Setz1In seinem zweiten Erzählband "Der Trost runder Dinge" rückt er nun die Wahrnehmung selbst ins Zentrum. In einem Text treibt die Entdeckung eines unbekannten Sternbildes einen Soldaten in den Wahnsinn. Womöglich ist aber gar nicht der Anblick so grässlich, sondern dass niemand sonst dieses Sternbild sehen kann. Propheten, Verrückte, Künstler teilen dieses Schicksal. Der Seher ist immer ein Einsamer. Er ist aus der Gemeinschaft zugleich herausgehoben und ausgeschlossen.

Setz' Figuren treffen auf das Fremde. Mal laden sie es ein, mal überfällt es sie, dann wieder stellen sie fest, dass es immer da war und sie es nur nie zuvor erkannt haben. So in der Erzählung, in der das Alter Ego des Autors nach Kanada zu einem Literaturfestival fliegen will. Am Flughafen wartend, schreibt er immer wieder Nachrichten an seine Frau zu Hause. Sie ist die einzige, der er sich erklärt und erschließt, mit der er sich mittels eines Codes namens Liebe verständlich machen kann. Doch als sein Flug gestrichen wird und er nach Hause kommt, ertappt er sie bei ihrem Verrat. Natürlich ist es bei Setz nicht einfach nur ein Liebhaber, der sich auf dem Sofa fläzt, sondern gleich eine Kompanie Kriegsversehrter, die seine Frau in seiner Abwesenheit liebevoll umsorgt. "Aber immerhin verstand ich, dass das hier, dieses mir so vollends unbegreifliche Lazarett in unserer Wohnung, die reale Welt war. Für alles außerhalb dieser Welt hatte es bei Marianne immer Verstellung gebraucht, Selbstbeherrschung und Geduld. Es war nicht ihr Leben gewesen."

Das Grauen teilen

Die Geschichten verfahren nach dem Prinzip des Kinderspiels "Ich sehe was, was du nicht siehst". Die Übereinstimmung der eigenen Wahrnehmung mit der des Spielpartners bedeutet Erlösung. Wer sieht, was der andere sieht, hat gewonnen. Aber das Spiel birgt auch das Scheitern, die Qual, nicht herausfinden zu können, was der andere meint, seine Wahrnehmung nicht teilen zu können und damit fremd zu bleiben, eingequetscht im Tunnelblick. Wer als Kind einmal beim Verstecken nicht gefunden wurde, kennt dieses Gefühl existenzieller Einsamkeit.

In der Erzählung "Geteiltes Leid" schildert Setz 40 Seiten lang die Panikattacke eines Vaters. Seine einzige Hoffnung besteht darin, dass auch einen seiner Söhne die Angst packt. So wäre er nicht mehr allein, so könnte er das Grauen mit jemandem teilen. "Und er hätte nichts auf der Welt eintauschen mögen gegen diese wertvollen Stunden neben einem seiner Söhne, dem die Kiefer zitterten oder der schweißgebadet dalag oder einfach nur stumm und panisch um sich blickte."

Das prallste Leben vom Sessel aus

Wie schon in seinem 1000-Seiten-Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" nimmt Setz Anleihen bei Stephen King. Deutlicher noch in der Geschichte von der Krankenschwester, die einen Grundschüler kidnappt. Doch unerwartet und unbefriedigend bricht er hier ab. Etwas zu didaktisch gerät der Versuchsaufbau. Als wolle der Autor nun auch den Leser in das Spiel zwingen und freue sich diebisch, dass er mehr sieht als wir. Wie auch in anderen Texten verweigert er den "Trost runder Dinge", lässt die Handlung in den Abgrund zwischen den Seiten stürzen.

Kein Schwindel ist die Folge, aber in den besten Erzählungen dieses Bandes doch ein Seite für Seite erneuertes Staunen. Setz ist nicht auf den Schock aus, dieser Horror ist für den Heimbedarf und Literatur hier immer noch das prallste Leben, das wir von einem Sessel aus führen können. Mit diesem Band auf dem Schoß steckt hinter jeder Alltäglichkeit ein Geheimnis. Staunend mag der Leser – in der U-Bahn, auf der Parkbank, am Küchentisch – aufblicken, um sich misstrauisch und erwartungsvoll zugleich umzusehen. So viel Welt birgt unsere Umwelt; so viele Abenteuer lauern auf unsere Aufmerksamkeit. Es ist höchste Zeit, die Augen aufzureißen. 

 

Der Trost runder Dinge
von Clemens J. Setz
Suhrkamp
Gebunden, 320 Seiten
24 Euro

 
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