Mit Hackbrett und Voodoo-Orgie

 von Charles Linsmayer

Altdorf, 16. August 2008. Töbi Tobler stösst einen archaischen Jodel aus und entlockt dem Hackbrett irritierende Töne. Das Gelächter der Urnerinnen übertönt das Lächeln des Sees, aber bald schon ballt sich ein Gewitter zusammen, und auf beiden Seiten der längsseits des Saals angebrachten Zuschauerbänke imitieren bäuerlich gekleidete Männer und Frauen mit den Mündern den Sturm und mit Stangen, die sie gegen den Boden stossen, den Donner. Unten aber, in der langen hölzernen Arena, entkommt Baumgarten, der dem Vogt das Bad mit der Axt gesegnet hat, den Verfolgern nur dank dem kühnen Schiffer Tell

Von Naef zu Hesse
Uri ist wie Olympia. Alle vier Jahre geht es um die Wurst. Aber im 1924 erbauten Tellspielhaus sind nicht die stärksten Muskeln, sondern die originellsten Köpfe und die einfallsreichsten Regisseure gefragt. 2004 inszenierte Louis Naef und schlug mit einer Fassung, die zur Zeit Napoleons die herrischen Deutschen und die Dialekt sprechenden dickköpfigen Schweizer aufeinander prallen liess, die Konkurrenz des Weimarer Nationaltheaters auf dem Rütli.

2008 ist nun Volker Hesse angetreten, der schon dem Einsiedler Welttheater  ein neues Licht aufsetzte. Er kutschiert mit dem gleichen Tell, dem gleichen Stauffacher, und auch den Frauenchor, den Naef auf Vordermann gebracht hat, setzt er mit Bravour wieder ein. Aber er arbeitet ganz ohne Bilder und Requisiten, allein von der Wirkung des von der Bühnenarchitektin Hyun Chu entworfenen langen hölzernen Landsgemeindeplatzes her, in dem die Zuschauer das Volk mimen müssen.

Elementare Choreographie
Geräusche und (wortlose) Musik liefern allein der Hackbrettvirtuose Töbi Tobler und das summende, stampfende Ensemble. Das optisch Hervorstechendste an der Inszenierung sind die von Graham Smith choreographierten Tanz- und Massenszenen, die dem Ganzen einen Hauch jenes Agitprop-Theaters der Berliner zwanziger Jahre vermitteln, das ja ebenfalls die Guckkastenbühne durch neue Formen sprengte. Da tanzt das unterdrückte Volk schleppend-mühsam seine Fronarbeit, werden die Menschen wie in einem modernen Terrorstaat immer wieder zu Haufen getrieben, artet die Rütli-Szene in eine Voodoo-Orgie mit Uri-Stier aus und übernehmen nach Gesslers Tod stampfende Frauen wie antike Furien die Macht.

Überhaupt haben die Frauen eindeutig die Hosen an. So zeigt die Stauffacherin dem sich verzweifelt am Boden wälzenden Ehemann klar, wo’s langgeht,  bläst die im Pelzmantel auftrumpfende Berta dem kleinen Rocker von Rudenz ganz schön den Marsch, liest Hedwig dem unfolgsamen Tell zornentbrannt die Leviten, und hätte Tell nicht rechtzeitig geschossen, wäre die gute Armgard dem Gessler wohl potzteufel an die Gurgel gegangen.

Packende Szenen
Der dramatische Duktus, die choreographische Geschlossenheit, der Einfallsreichtum sind das eine. Das andere aber sind einzelne Szenen, die für Momente eine echte, berührende Theaterwirkung erzeugen: wenn Melchtal von der Blendung des Vaters erfährt; Tells Erzählung von der Nachenfahrt; die Szenen mit dem besonnen, gequält und doch hinterhältig wirkenden Gessler; vor allem aber die Auftritte des alten Attinghausen, einmal im Gespräch mit dem zum Verrat entschlossenen Rudenz, einmal, als er schon als Leiche über den Platz getragen wird, aber wie in einem Horrorfilm nochmals erwacht und die Eidgenossen zur Einigkeit aufruft.

National und übernational
Es scheint, dass Hesse das schweizerisch gefärbte Hochdeutsch allen spürbaren Trainingsmühen zum Trotz nicht eliminieren wollte, und gerade diese Sprachebene macht es letztlich auch möglich, dass der Text mit all seinen leiernden Versen und abgenützten Bonmots keinen Augenblick staubig oder verbraucht wirkt. Abgesehen von der Rolle des Melchtal, die mit einem Deutschen zu besetzen klar ein Fehlgriff war, wirken die Urner Volksschauspieler paradoxerweise gerade deshalb so präsent und echt, weil sie Mühe haben, herauszubringen, was sie sagen sollen.

Eine Apologie des Schweizer Nationalhelden liefert  Hesse allerdings nicht. Sein Tell wird wider Willen zum Tyrannenmörder und Initiant des Burgensturms, und was daraus folgt, ist nicht die helvetische Verbrüderung, sondern ein getanztes Maifest mit der Europahymne in der Luft. Und ein böses Erwachen, bei dem lauter blutüberströmte Kerle herumlaufen und die Furien den Tell hechelnd ins Abseits treiben, weil die Revolution ja bekanntlich ihre Kinder frisst.


Wilhelm Tell
von Friedrich Schiller
Textfassung und Regie: Volker Hesse, Raumgestaltung und Kostüme: Hyun Chu, Musik: Töbi Tobler, Choreographie: Graham Smith, Chor: Armin Wyrsch, Licht: Rolf Derrer.
Mit 64 LaiendarstellerInnen aus Altdorf/ Uri.

www.tellspiele08-altdorf.ch

Alles über Volker Hesse auf nachtkritik.de im Lexikon.

Kritikenrundschau

"Drastisch, aber auch sensibel und intelligent" sei Volker Hesses Inszenierung des Wilhelm Tell, schreibt Hannes Veraguth in der Basler Zeitung (18.8.2008). Hesse habe für die Vereinnahmung des Tell als nationalen Mythos "zur Zementierung der Willensnation Schweiz" ein schönes Bild gefunden: "Ein wortwörtlich laut hechelndes Volk, geil auf einen Helden, … verfolgt am Ende den Einzelgänger Tell und droht ihn aufzufressen." Hesse enthalte sich der Mythenzertrümmerung, bekenne sich zu Schillers Kunstwerk und schrecke auch vor Pathos nicht zurück." Hesse habe den Laienspielern Pressefotos aus Burma, Irak und Tschetschenien gezeigt, um herauszubekommen wie "ein unterdrücktes Volk" fühle, was "Besatzung" sei und "wie die Schreie der Frauen, das Weinen der Kinder, das Brüllen und Grölen der knüppelnden Soldaten und die Schreie der gefolterten Männer" klängen. Trotzdem sei die Inszenierung nicht plakativ geraten. "Ironie gibt es in Altdorf nicht. Dafür viel Körperlichkeit. Bolzengerade ist das, Ehrlichkeit bis zur Peinlichkeit.. Starke Frauen, Chöre von wilden Weibern wie in einer antiken Tragödie." Und "gestandene Altdorfer Mannen die sich mit schweren Schuhen im Halbdunkel … in Trance tanzen wie indianische Schamanen. Das berührt, weil man sich kaum hinzugucken getraut. So privat mutet das an, so mutig, so peinlich." Die fast durchwegs hohe "Präsenz, Glaubwürdigkeit, Verständlichkeit und Körperhaftigkeit der Sprache dieser Laienspieler" beweise, dass der Weg der Annäherung an den Stoff über die physische Bewegung richtig gewesen sei.

Im Zürcher Tages-Anzeiger (18.8.2008) schreibt Peter Müller: Der Anfang sei "ganz stark". "Angetrieben vom famosen Töbi Tobler am Hackbrett, imitieren die Chöre der Frauen und der Männer den Sturmwind, der über den Vierwaldstättersee fegt. Holzstangen donnern lautstark auf den Boden, Neonröhren blitzen. Verzweifelt wirft sich der fliehende Baumgarten auf den Bühnensteg, in letzter Sekunde erklärt sich Tell zur lebensgefährlichen Rettung bereit, schon stürmen die Schwarzhemden des Landvogts herbei, treiben das Volk wie Vieh zusammen und prügeln mit Schlagstöcken auf die Wehrlosen ein. Man denkt an Burma oder Tibet."
Hesse nehme Schillers Schauspiel "heilig ernst". Mit "Volldampf jagt er seine Laienschar in die klassischen Blankverse, unter Hochdruck werden die geflügelten Worte ausgespuckt, mahnend recken sich die Zeigefinger. Die Revolution ist kein Kinderspiel, das Freiheitsdrama mehr als ein Festakt". Karg bleibe die Inszenierung, und "düster" ihre Farben. Hesse treibe das Spiel unentwegt an. "Den Massenszenen bekommt das Pathos besser als den Protagonisten". Schiller habe schließlich für Profis gedichtet. So spreize sich die Aufführung in den langen Dia- und Monologen, "altbacken wirkt sie dann und unfreiwillig komisch." Allerdings: "In allem Feuereifer scheinen die Altdorfer Schauspieler zu wissen, was sie deklamieren. Und das ist beim keineswegs simplen Schiller-Text schon viel."

 

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