Angst ums schmutzige Geld

von Michael Wolf

Berlin, 23. Februar 2019. Als Oliver Reese vor knapp zwei Jahren seine Pläne für das Berliner Ensemble vorstellte, war von einem Autorenprogramm die Rede. Dramatiker sollten schon während des Schreibprozesses eng mit ihren Regisseuren zusammenarbeiten. Keine schlechte Idee. Seit geraumer Zeit befindet sich das Machtgefälle in einem unguten Verhältnis. Regisseure basteln an Stücken herum oder streichen so rigoros, dass mancher Autor seinen eigenen Text nicht wiedererkennt. Eine enge Kooperation, so das Versprechen, könnte das Vertrauen beider Parteien befördern und letztlich zu besseren Texten und Inszenierungen führen.

Waffenfabrikanten unter sich

Bedauerlicherweise lieferte das Berliner Ensemble nicht. Eine ganze erste Spielzeit verging ohne Uraufführung aus dem eigenen Autorenpool. Im letzten Sommer dann endete auch noch die Zusammenarbeit mit Moritz Rinke, dem Koordinator des Projekts, "aufgrund unterschiedlicher künstlerischer Auffassungen", also offenbar im Streit. Was viele danach nicht mehr erwarteten, ist nun wahr geworden. Der erste Text aus dem Programm feiert seine Uraufführung: Laura Linnenbaum inszeniert "Kriegsbeute" von Martin Behnke und Burhan Qurbani. Die beiden kommen vom Film, es ist ihr erstes Stück.

Kriegsbeute 1 560 JR Berliner Ensemble uIm Hause des Waffenfabrikanten Bloch: Der Patriarch verprasst das Geld, ein Sohn will das Unternehmen zerschlagen, der andere Sohne liebt Tötungsmaschinerien © JR Berliner Ensemble

Seit Generationen lebt die Familie Bloch vom Tod. Sie sind Waffenfabrikanten. Aber wie lange noch? Neuerdings kümmert sich der Patriarch Friedrich (Martin Rentzsch) ausschließlich um Charity-Programme, speist die Armen und verprasst sein Vermögen in Obdachlosenheimen. Klar, dass seine Kinder dem Einhalt gebieten müssen. Aber die Angst um das schmutzige Geld ist nicht das einzige Problem dieser Familie, da liegen noch weitere Leichen im Keller. Selbstmord, Inzest und Verrat grassieren unter den Blochs. Hier sind sie alle mindestens beschädigt oder haben gleich einen gehörigen Schaden. Sinnbildlich deutet Valentin Baumeister auf seiner Bühne einen Bombenkrater an.

Aus Liebe zum Frieden

Sohn Johannes, ein magenkranker Pazifist, will das Rüstungsunternehmen am liebsten zerschlagen, aber noch lieber weiterhin von dessen Profiten leben. In Wahrheit liebt er nicht den Frieden, sondern nur sich selbst. Gerrit Jansen lamentiert, jammert und zetert mit sichtlicher Freude an der Verkörperung dieses narzisstischen Versagers. Annika Meier zieht einigen Witz aus der gefrorenen Tapferkeit ihrer Figur Maria, der Tochter und Geschäftsführerin. Sie läuft als fleischgewordene Haltung umher, was Kostümbildnerin Michaela Kratzer zu grotesken Schulterpolstern inspiriert.

Die Zwillinge Bloch hingegen sind eifrige Tüftler, pathologisch fasziniert von Tötungsmaschinen. Sie sprechen laut Stückfassung "immer abwechselnd". In der Aufführung muss Owen Peter Read leider beide Zwillinge übernehmen. Über seiner linken Hand trägt er also eine Maske seines Kopfes mit sich herum, bewegt deren Lippen beim Sprechen undsoweiter. Unklar, was diese "Doppelbesetzung" erzählen soll, sicher ist, dass sie schrecklich nervt und von Reads Text bei all dem Gehampel nicht viel hängen bleibt.

Kriegsbeute 4 560 JR Berliner Ensemble uDoppelgesichter unter sich: Kriegsbeute © JR / Berliner Ensemble

Nach einer Weile wünscht man sich fast, Linnenbaum hätte nicht nur einen Schauspieler eingespart, sondern gleich die ganze Figur gestrichen. An anderen Stellen geht sie ja auch nicht gerade zimperlich mit dem Text um, Autorenprogramm hin oder her.

Wühlen in vielen Wunden

So strafft sie viele Szenen, was dem Text zwar durchaus guttut, ihn aber auch nicht retten kann. Behnke und Qurbani haben sich für ihr Debüt etwas zu viel vorgenommen. "Kriegsbeute" will Komödie und Familiendrama sein, aber auch politische Parabel. Die Figuren lesen aus der Zeitung vor, von Flüchtlingsströmen, Plünderungen, Meutereien bei der Bundeswehr ist da die Rede, während sie im Hause der Waffenfabrikanten vorerst nur in alten Wunden wühlen. Die Blochs sind verantwortlich für das Chaos da draußen, nun holt sie das Elend ein. Langsam keimt ein Verdacht: Diese Familie heißt vielleicht gar nicht Bloch, sondern Deutschland. "Kriegsbeute" will auch ein Stück über die Schuld sein, die wir als einer der größten Rüstungsexporteure weltweit auf uns laden.

Durchaus konsequent krümmt sich der moralische Zeigefinger am Ende um den Abzug einer Waffe. Aber die Kugel trifft nicht. Dafür kommt das Geschehen zu ungefährlich daher, dafür hat Linnenbaum den falschen Schlachtplan gewählt. Sie verschleppt zunächst das Tempo, wodurch viele Pointen im Niemandsland verpuffen, versucht dann zum Ende hin Boden gut zu machen. Aber zu spät. Das Ensemble kapituliert nicht, tritt aber den geordneten Rückzug an. Immerhin, das Autorenprogramm des Berliner Ensembles geht an diesem Abend keineswegs verloren. Es hat ja gerade erst begonnen.

 

Kriegsbeute
von Martin Behnke und Burhan Qurbani
Regie: Laura Linnenbaum, Bühne: Valentin Baumeister, Kostüme: Michaela Kratzer, Musik: Lothar Müller, Licht: Ulrich Eh, Videodesign: Bahadir Hamdemir, Dramaturgie: Johanna Vater.
Mit: Martin Rentzsch, Annika Meier, Gerrit Jansen, Owen Peter Read, Nora Quest, Oliver Kraushaar.
Premiere 22. Februar 2019
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

"Aus dem spannenden Thema wird eine Groteske ohne Biss", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (26.2.2019). Das Thema von Behnke und Qurbani sei vielmehr jenes "der Verdrängung, der Akzeptanz, der Heuchelei. Damit ist tatsächlich auch schon alles erklärt." In der Regie von Laura Linnenbaum nimmt ein Mix aus Seifenoper und Kabarett seinen Lauf, der sich große Mühe gibt, nicht in moralische Entrüstung zu verfallen. "Doch als Groteske funktioniert der Abend nicht, weil er sich so klar auf der Seite des Guten verortet." Fazit: "Eine Story ohne Ziel und Biss".

"Bei dem Schlingerkurs durch die Genres stoße die Geschichte an ihre Schwachstellen. Vielleicht hätte es der Geschichte besser getan, sich für eine Erzählebene und für ein Genre zu entscheiden", so Cora Knoblauch vom Info Radio (23.2.2019). Sie lobt aber die "dezent komischen Kostüme" von Michaela Kratzer.

Sobald die Inszenierung sich ab der zweiten Hälfte als Komödie zu erkennen gebe, funktioniere das Stück durchaus, so André Mumot auf Deutschlandfunk Kultur (22.2.2019), der großen Spaß hatte. Mumot lobt das Ensemble und die "hysterische Energie des komödiantischen Spiels".

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