Ronald McDonalds Rache

von Maximilian Pahl

Bern, 22. Februar 2019. Ach, wie schön ist Rom! Da lässt es sich verkriechen. Also im Schriftzug "ROM": Jürg Wisbach räkelt sich als Tribun auf dem M, am O steht der baldige Kaiser Stéphane Maeder und im oberen Bogen des R findet als mörderisch glamouröser Gotensohn David Brückner gerade so Platz. Neben die drei roten Lettern hat Cleo Niemeyer einen Holzsarg auf die Berner Bühne gestellt und das war's: Beverly Hills liegt am Tiber und die Welt, als Schauplatz nur noch nominell vorhanden, die liegt sowieso im Argen. Shakespeares Splatter-Stück "Titus Andronicus" biete sich da an als "Stück unserer Zeit", erzähle es doch vom "Endstadium" einer Demokratie, steht im Programmheft zu Mizgin Bilmens Inszenierung geschrieben.

Man knutscht, intrigiert, brüllt

Das klingt chronisch, unheilbar. In den zwei wuchtig lahmen Stunden bleibt allerdings schleierhaft, wie man dieses Blutbad auf Zeitphänomene wie die Gelbwesten, Trump, den Populismus beziehen soll (wie das Programmheft nahelegt), bevor man es einfach mal als solches hinnimmt: als eine unaufhaltsam perpetuierte Spirale der Rache. Denn der Feldherr Titus hat die Gotenkönigin Tamora geschlagen und in der Folge ihren Sohn hingerichtet, lehnt aber die Wahl zum Kaiser blöderweise ab. Woraufhin Sebastianus das Rennen macht und sich ausgerechnet Tamora zur Frau nimmt, die als römische Kaiserin nun ihre Rechnung mit Titus begleichen kann. Der Rest ist am Leib der Kinder ausgetragene Vergeltung.

TitusAndronicus 0082 560 Tanja Dorendorf uChantal Le Moign als Titus in einer zerfallenden Welt © Tanja Dorendorf

Chantal Le Moign in der Titelrolle ist Bilmens einziger Trumpf. Sie zuppelt ihr Kostüm zurecht, besinnt sich und meditiert über dem Shakespeare-Text, schmälert das Aufgeblähte, sodass ihre Monologe Lichtblicke werden. Das restliche Rom steht vernebelt rum und schmachtet. Man knutscht und intrigiert, flüstert und brüllt unmotiviert, springt einander an, um ebenso unmotiviert hinausgetragen zu werden. Die Videos, anfangs auf die drei Lettern projiziert, zeigen die Spieler an beliebigen Theaterschauplätzen, in Werkstatt und Maske, schleichen sich dann aber weitgehend unbemerkt aus der Inszenierung heraus, um nicht wiederzukommen.

Müllers Kommentar geht unter

Und die junge Hip-Hop-Tänzerin Thamara Stampbach alias Muud, welche im Doppel mit dem Schauspieler Alexander Maria Schmidt Shakespeares "Mohren" Aaron spielt, soll für das "Empowerment" von people of colour stehen, umschleicht das Geschehen, darf nur Ansätze ihres Könnens zeigen. Schmidt hingegen sitzt mit rotem Oberkörper dauernd auf der Bühne und spricht stellenweise auch den Kommentar aus Heiner Müllers "Anatomie Titus Fall of Rome".

Überhaupt Aaron: Durchaus vielversprechend ist Müllers Gegenlektüre von Shakespeares "Mohr", der die ganze Verheerung hinterrücks orchestriert, als ein Akt der gesellschaftlichen Auflehnung. Schmidt will sich "Schwarzer" nennen, wird aber korrektiv niedergebrüllt: "Neger!" Solche Momente wollen weh tun, doch sie sind nicht durchdacht genug, zumal Bilmen in diesem verstrickten Getummel zunächst dramaturgisch Platz hätte schaffen müssen, um derlei Themen zu verhandeln.

TitusAndronicus 0972 560 Tanja Dorendorf uNoch steht Rom ... © Tanja Dorendorf

Mit Irina Wrona wird Tamoras Rache zum lakonischen Fanatismus: "Ich find den Tag, sie alle abzuschlachten", spricht sie am Bühnenrand mit glasigen Augen. Interessant ist ihre Vergeltungssucht ganz ohne Emphase – doch sie wird an anderer Stelle wieder mit großer Wucht überdeckt, wenn die Figuren anfallsartig zappeln und tanzen und aussichtslos gegen die Sprache kämpfen, oder über weite Strecken auch in schwer lesbarer Selbstverständlichkeit einfach nur rumstehen. Irgendetwas Tiefes wird hier angepumpt – aber Luka Dimic als Titus' Sohn Lucius scheint auch nicht zu wissen, was er zu Tage fördern will, obwohl er am Ende Kaiser wird. Hinzu kommt ein teilweise schwer verständliches Sprechen.

Kinder-Burger an Metaphern-Salat

Titus' Tochter wird von Tamoras Söhnen geschändet und vergewaltigt, was Milva Stark im Engelskostüm beklemmend darstellt. Hände werden abgehackt und ein Neugeborenes in der Plastiktüte rumgereicht – es ging aus einer Affäre Tamoras mit Aaron hervor, eine "schwarze Frucht ihrer verschwitzten Lust". Mittendrin versucht der Vater es zu retten, aber da scheint sich die Inszenierung nur noch für ihre eigenen Bilder zu interessieren.

Das geht soweit, dass Tamora als Freiheitsstatue auf einem Rollator-Streitwagen von zwei nackten Männern hereingeschoben wird, welche die Hasskappen des Ku-Klux-Klans tragen. Dass Chantal Le Moign als Ronald McDonald verkleidet die finale Rache verübt: sie bäckt aus Tamoras Söhnen nicht Pastete wie bei Shakespeare, sondern Cheeseburger, schön labbrig, und zwar tellerweise. Dass Tamora davon gleich mehrere verschlingt, man einander damit zu Tode stopft. Cheeseburger! Die Freiheitsstatue! Es sind perfekte Metaphern für das Ausweiden von Metaphern. Aber sie scheinen es wert gewesen zu sein, drumherum einen Shakespeare zu drapieren.

 

Titus Andronicus
von William Shakespeare
Übersetzung von Frank Günther mit Passagen aus Heiner Müllers "Anatomie Titus Fall of Rome"
Regie: Mizgin Bilmen, Bühne: Cleo Niemeyer, Kostüme: Alexander Djurkov Hotter, Musik: Friederike Bernhardt, Dramaturgie: Michael Gmaj, Licht: Hanspeter Liechti, Maske: Franziska Ambühl.
Mit: David Berger, David Brückner, Luka Dimic, Andreas Gaida, Stéphane Maeder, Chantal Le Moign, Alexander Maria Schmidt, Milva Stark, Jürg Wisbach, Irina Wrona. Tänzerinnen: Thamara Stampbach alias Muud, Vivian van Vliet, Enya Rohrbach.
Premiere am 22. Februar 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.konzerttheaterbern.ch

 

Kritikenrundschau

"Es bleibt gänzlich vage, was die Regisseurin eigentlich interessiert am blutrünstigen Drama", so Lena Rittmeyer auf derbund.ch (25.2.2019). "Es ist ein Abend wie ein Rorschachtest. Was im Prinzip nicht weiter schlimm wäre, hätte das Geschehen wenigstens genügend Tempo." Der Handlungsmotor komme aber immer wieder zum Erliegen. "Das liegt daran, dass das Ensemble selten richtig interagiert, sondern wie ein Haufen Figuren auf einem Spielfeld herumsteht und sich manchmal seltsam unmotiviert betätigt." Zwei "erdrückende" Stunden erlebte die Rezensentin, "mit Blut, Pimmel und Popkultur".

"Für das Publikum ist es ein Kraftakt, dranzubleiben in dieser knapp zweistündigen Inszenierung. Eine zähe Sache", schreibt Michael Feller von der Berner Zeitung (25.2.2019). "Die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen es nicht, das Publikum zu packen. Die Geschichte bleibt so unglaubwürdig wie in der Vorlage."

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