Kaputt sind immer die anderen

von Willibald Spatz

Augsburg, 23. Februar 2019. Naheliegend: der Baal, den Brecht sich als junger Mann ausgedacht hat, war so eine Art Kurt Cobain. Genial war jede seiner Handbewegungen, aber irgendwie war es ihm auch egal, er konnte mit dem Beifall der anderen nichts anfangen, im Gegenteil: Jede Form der Anerkennung trieb ihn fort von seinen Mitmenschen. Sowohl Kurt Cobain, der sich 1994 siebenundzwanzigjährig erschoss, als auch Brechts Baal sind junge Menschen gewesen bei ihrem Ableben.

Assoziale Gesellschaft

Ganz anders verhält es sich in Mareike Mikats Inszenierung: Sie wirft uns mitten hinein in einen Proberaum, das Schlagzeug steht auf einem ranzigen Teppich, in der Ecke ein Bierkasten, aus dem sich alle kräftig bedienen. Über den Köpfen schwebt aus Neonröhren der Schriftzug "BAA", fürs  "L" hat es offenbar nicht mehr gereicht. Die Band, die hier übt, ist eine in die Jahre gekommene Punkband. Die Gelegenheit, legendär zu werden und zu Ruhm zu kommen, haben sie längst verpasst. Die Songs, die sie zu Anfang spielen, stammen aus einer Zeit, in der Rockmusik noch wesentlich unschuldiger und ehrlicher war – Nick Caves "Lay me Low" und "Macht kaputt, was euch kaputt macht" von Ton Steine Scherben.

Baal 2 560 Jan Pieter Fuhr uBaal ohne L: alternde Punks auf Tour @ Jan Pieter Fuhr

Natalie Hünig ist die Sängerin, und zwischen den Liedern spielt sie den Baal, ihre männlichen Mitmusiker teilen sich die anderen Rollen, auch die der zahlreichen Frauen, die Baal so skrupellos benutzt und danach wegwirft. Daniel Schmidt zum Beispiel muss in Unterhose mit einer Bockwurst im Mund die Nationalhymne singen und dazu tanzen. Baal bespuckt und schlägt sie. Es wird hier schon mächtig aufgetragen. Später kommen noch adipöse Ganzkörperanzüge zum Einsatz.

Doch je schlimmer und comichafter alles um ihn herum tobt, desto verletzlicher wirkt Baal im Zentrum. Natalie Hünig schafft es, dieser Figur, von der Brecht selbst sagte: "Er ist asozial, aber in einer asozialen Gesellschaft", einen unsicheren Kern zu geben. Und plötzlich ist Baal kein Ekel mehr, plötzlich empfindet man Mitleid mit ihm. Das ist bei dieser Textvorlage, die es darauf anlegt, dass man am Schluss alle widerwärtig findet, eine nicht geringe schauspielerische und inszenatorische Leistung. Man bleibt dabei bis zum Ende, wünscht Baal sogar, davonzukommen.

Würdeloses Altern

Und die asoziale Gesellschaft? Die hat ihren größten Moment im "Kabarett". Andrej Kaminsky ist ein Conférencier mit falschem Schnurrbart, der lautstark die Pauke malträtiert. Daniel Schmidt tanzt als Sängerin im enganliegenden Glitzerkleid auf dem Schlagzeug. Die anderen haben weiße Masken mit Clownsnasen übergestülpt. Das zusammen ergibt eine irre schräge Nummer, in der Baals Auftritt im Penis-Kostüm nur noch eine vergleichsweise bescheidene Zugabe darstellt. Diese Gesellschaft ist jedenfalls nicht asozial, die Verhältnisse haben sie zu dem Häufchen gemacht, das sie jetzt sind.

Dass das Setting mit der Rockband auf Tour so gut zu dem Originaltext passt, liegt auch an der Musik von Enik. Der hat die fremden Lieder von Nick Cave, Rio Reiser und Beyoncé so arrangiert, wie alternde Punks sie wohl interpretieren würden und auch einige eigene Kompositionen geliefert, die sich nahtlos ins Oeuvre dieser Baal-Band hineinfügen. In Wahrheit gibt es nichts Würdeloseres als Rockstars, die sich bemühen, in Würde zu altern. Das hat Baal schon verstanden, er gibt zum Schluss noch mal richtig Gas.

Baal 3 560 Jan Pieter Fuhr uPatrick Rupar, Andrej Kaminsky, Natalie Hünig in "Baal" © Jan Pieter Fuhr

Nachdem die Mutter gestorben ist und er Geld für die Beerdigung beim Kumpel Johannes leihen muss, dessen Freundin er erst geschwängert und dann sitzen gelassen hat, da hat er dann wirklich nichts mehr zu verlieren. Im Schlussbild steht Natalie Hünig auf dem Gerüst, das die Rückwand der Bühne von Bernd Schneider bildet, zersticht eine Weltkugel und Konfetti regnet auf sie herunter. Sie zeigt allen ihre Mittelfinger. Ja, recht hat sie, die Welt hat es nicht besser verdient.

Kein Säulenheiliger

"Baal" ist der Beitrag des Augsburger Staatstheaters zum diesjährigen Augsburger Brechtfestival, dem dritten unter der Leitung von Patrick Wengenroth. Als Außenstehender darf man sich durchaus die Frage stellen, ob denn ein einziger Dichter, selbst wenn es einer wie Bert Brecht ist, so viel hergibt, dass man ihm mittlerweile weit über ein Jahrzehnt jedes Jahr ein ganzes Festival widmen kann. Tatsächlich funktioniert das hier immer noch, weil Brecht nicht mehr als Säulenheiliger behandelt wird, dessen Texte ausschließlich in seinem Sinne interpretiert werden dürfen. Seit Patrick Wengenroth das Festival unter sich hat, werden die Motive und Sätze aus Brecht Werk anders betrachtet und klug neu kontextualisiert. Das kann auch weitere zehn Jahr noch gut laufen. Auch mit dem Duo Kühnel / Kuttner, das 2020 übernimmt.

 

Baal
von Bertolt Brecht
Inszenierung: Mareike Mikat, Bühne und Kostüme: Bernd Schneider, Musik: Enik, Dramaturgie: Lutz Keßler.
Mit: Natalie Hünig, Andrej Kaminsky, Gerald Fiedler, Roman Pertl, Daniel Schmidt, Patrick Rupar.
Premiere: 23. Februar 2019
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-augsburg.de

 
Kritikenrundschau

"Baal ist ein Viech, ein Berserker, ein Säufer, verführt die Frauen seiner Freunde, ist unersättlich diesseitig, aber auch todestrunken einsam", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (26.2.2019). Allerdings verpuffe die Faszination der Inszenierung nach zehn Minuten. "Mikats Grundidee ist toll: 'Baal' als Rockkonzert." Nach zehn Minuten seien bei Natalie Hünigs Baal alle Zwischentöne weg, "und man lauert nur noch auf den nächsten Song von Enik oder Nick Cave oder Ton Steine Scherben ("Macht kaputt, was euch kaputt macht"). Doch die Lieder werden nur noch angerissen, zu viel Text muss dazwischen abgesondert werden, fahrig, vage, öde."

Im luftigen Baustellen-Bühnenbild "inszeniert Mareike Mikat eine luftige Brecht-Show mit Revue-Charakter", schreibt Michael Stadler in der Abendzeitung (25.2.2019). "Was über weite Strecken unterhaltsam ist, aber die Konzentration aufs Wesentliche auch zerfasern lässt." Das Künstler-Dasein, damals wie heute, stehe im Mittelpunkt, "wie ein Egomane wie Baal seine Umwelt traktiert und gleichzeitig in seine Genierolle hineingezwängt wird". Mikats "Baal"-Variante nehme sich Freiheiten im Castorf'schem Ausmaß. Wenn der Triebmensch Baal am Ende Ekart umbringt, zersticht er eine Weltkugel. "Glitzerkonfetti kommt heraus, und das passt nach einem Abend, der wunderbar zeigt, dass vom alten Bertolt aus weiter wildeste Assoziationen möglich sind."

Eine harte, räudige Intensität habe der Abend, schreibt Rüdiger Heinze in der Augsburger Allgemeinen (25.2.2019). Einfluss, Macht und Herrschaft auf der einen Seite, Alleinsein, Liebeshoffnung, Abhängigkeit auf der anderen: "Hier wird's ziemlich düster ausgebreitet." Natalie Hünig als Baal sei das Auge des Hurrikans: zynisch, pegeltrinkend, roh und unberechenbar, "mit männlicher Überlegensheitsmimik und -gestik rockt sie den Abend böse".

 
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