Stimmen aus der Vergangenheit

von Hartmut Krug

Bautzen, 9. März 2019. Die Geschäftsfrau Hanka hängt an ihrem Handy fest, denn sie muss ein New-York-Projekt fertig machen. Die Projektplanerin für eine Baufirma ist nach vielen Jahren in ihren sorbischen Heimatort in der
Lausitzer Provinz zurückgekehrt, denn ihre Großmutter Marja ist pflegebedürtig. Hanka besucht die demente Frau im Krankenhaus, aber diese erkennt ihre Enkelin nicht. Die beiden Frauen lehnen einander heftig ab, während der Pfleger Jan mit Marja umzugehen gelernt hat und sie mit Empathie behandelt. Wenn alle drei zusammen in das Familienhaus fahren, in dem die Großmutter mit Tochter, Enkelin und deutschem Schwiegersohn zusammengelebt hat, beginnt ein Erinnerungsdrama.

Erinnerung wird lebendig

Auf der Drehbühne steht das Haus als offenes Gerüst. Es steckt voller Erinnerungen und ist oft in Bewegung. Die Briefe und
Dokumente, die sich in einem großen Schrank im leeren Haus finden, bedecken bald den Boden. Aus den nachgelassenen Papieren ersteht Hanka die Vergangenheit, wobei entscheidende Episoden vorgespielt werden. Hanka erlebt wieder den Hass der Großmutter auf den deutschem Schwiegersohn und die Konflikte zwischen ihrer eigenen Mutter und ihrer Großmutter. Ihre Erinnerungen werden auf der Bühne lebendig. Der Schwiegersohn arbeitet im Tagebau und ist damit für die Großmutter mitverantwortlich für die Zerstörung der Lausitz. Dabei ist das Feindbild durchaus einseitig, denn der Schwiegersohn bemüht sich nach Kräften, Marja in allen Lagen zu helfen.

Wopusceny dom DasleereHaus 560 MiroslawNowotny uGroßmutter und Enkelin: Majka Kowarjec, Anna-Maria Brankatschk  © Miroslaw Nowotny

Auch die eigene Geschichte der Großmutter, in der sie als junges Mädchen von ihren Eltern an einen reichen Mann verheiratet werden sollte, sich aber heftig wehrte und ihre Liebesheirat mit dem armen Knecht Jakub durchsetzte, wird in ausführlichen Szenen nachgespielt. Im Schrank findet Hanka den Bekenntnisbrief der Großmutter an ihre Tochter, in dem sie die Ereignisse aus Kriegszeiten beschreibt. Auch das wird vorgespielt, wobei diesmal die jüngere Großmutter gezeigt wird, wie sie den Brief schreibt und vorliest. Sie wird vom einstigen reichen Freier vergewaltigt und erschlägt diesen, während der Sohn verloren geht. Nachdem Hanka all dies erfahren hat, ist sie bereit, der Großmutter zu verzeihen, und da nun die Großmutter sie für ihre zurückgekehrte Tochter hält, spielt Hanka diese Rolle und versöhnt sich im Namen ihrer Mutter mit der Großmutter.
Nach deren Tod zündet Hanka das leere Haus an.

Wopusceny dom DasleereHaus 560a MiroslawNowotny uKatharina Pöpel, Anna-Maria Brankatschk, Julia Klingner mit Hauben und Spinnrädern in Bautzen © Miroslaw Nowotny Mit "Wopusceny dom", auf Deutsch "Das leere Haus", gewann die 37-jährige Autorin und Regisseurin Carla Niewöhner beim Stückewettbewerb Lausitzen 2017, den die Theater in Bautzen, Cottbus und Senftenberg bundesweit ausschrieben, den Förderpreis. Einer der Juroren, Harald Müller, Verlagsleiter von Theater der Zeit, schreib in seiner Begründung für die Preisverleihung: "Carla Niewöhner sticht mit ihrem kriminalistischen Familien-Mosaik mitten ins Herz der Lausitzer. Sie verfasste eine Geschichte über Väter, Mütter, Kinder und den Tod; eine Geschichte über Verrat, Dorfmädchen, Moor und Verlust sowie eine Geschichte über Ständedünkel, Kampf und liebevolle Heimlichkeiten." Man könnte auch sagen, in dem mit  drei Stunden doch etwas zu langem zweisprachigen Stück (die des Sorbischen nicht mächtigen Zuschauer bekamen die Übersetzungen per Kopfhörer eingespielt) geht es um das Verhältnis der sorbischen Minderheit zu den Deutschen. Denn es waren "die Deutschen", die Jakub in den Krieg schickten, mit ihrem Tagebau die Landschaft verwüsteten und immer aufs Neue versuchten, die sorbische Kultur zu verbieten.

Klischees vermieden

Das Stück zeigt das Leben der Sorben nicht nostalgisch oder romantisierend, auch wenn junge Mädchen in sorbischer Tracht am  Spinnrad sitzen oder Hanka und Jan ein sorbisches Regenlied singen unter ihrem undichten Dach, werden doch Geldgier und Gewalttätigkeit nicht ausgespart. Die differenzierte Regie von Esther Undisz vermeidet die genretypischen Klischees. So auch bei der Darstellung der ambivalenten Beziehung zwischen Jan und Hanka, in der Anna-Maria Brankatschk mit kraftvollem Spiel und Marian Bulank mit souveräner Lockerheit überzeugten. Den Löwenanteil des langen und heftigen Applauses allerdings bekam verdientermassen Majka Kowarjec als Darstellerin der Großmutter.

 

Wopusceny dom (Das leere Haus)
von Carla Niewöhner, übersetzt von Lubina Hajduk-Veljkovićowa
Uraufführung
Regie: Esther Undisz, Ausstattung: Katharina Lorencec, Musik:Tasso Schille, Dramaturgie: Madlenka Solcic, Regieassistenz: Janusz Kawka / Katharina Pöpelec.
Mit: Anna-Maria Brankatschk, Majka Kowarjec, Marian Bulang, Petra-Maria Bulang- Wenzel, Jurij Schiemann, Jan Mickan, Julia Klingner, Janusz Kawka, Katharina Pöpel. 
Premiere am 9. März 2019
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-bautzen.de

 
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