logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Wie ein verwundeter Hund

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 22. August 2008. Warum fühlt es sich für die 41jährige Harper Regan so an, als ob sie wie "ein einziger großer, peinlicher, furchtbarer Klumpen" durchs wenig spektakuläre Leben geht? Mit Mann und Tochter ist die hübsche, elegante Frau nach Uxbridge nahe Heathrow gezogen, in eine Un-Gegend am Rande Londons, wo es sich unauffällig leben lässt. Das scheint notwendig. Denn Ehemann Seth Regan darf nicht arbeiten.

Erst heute, so erfahren wir in einem Nebensatz, hat er sich wieder mit seinem Bewährungshelfer getroffen. Er ist Hausmann, prüft das Schul-Wissen seiner Tochter Sarah. Gerade ist das Kapitel "Gletscher" dran. Keine Gefahr, dass das ewige Eis abtaut, wenn die Mutter, die mit ihrer Arbeit die Familie über Wasser hält, heim kommt. Man geht sehr freundlich um miteinander, aber eigenartig distanziert.

Schwieriger Glaube an die Unschuld

"Harper Regan" ist ein toll gebautes Stück: zwei Stunden ohne Pause, in denen man keine Minute weghört. Man fühlt, dass da ein Damoklesschwert hängt über den Protagonisten, man möchte mehr erfahren. Aber in den schlichten, unprätentiösen Szenen lichten sich die Nebel über dem scheinbar so unspektakulären Alltag nur langsam. Es war ein Sexualdelikt, erfahren wir. Fotos von kleinen Mädchen hat Seth Regan gemacht. "Er ist unschuldig", versichert seine Frau Harper, aber es wird sich zeigen, dass sie nicht wirklich dran glaubt.

Überhaupt bleibt es in Vielem bei vagen Andeutungen, bei Mutmaßungen und Verdächtigungen. Wie es eben ist bei solchen Delikten, über die man nicht spricht, am allerwenigsten innerhalb der Familie. "Er ist wie ein verwundeter Hund", wird sie später sagen. Ist das Entschuldigung oder Anklage? Harper Regans Vater ist todkrank, sie will ihn noch einmal sehen. Der Chef verbietet den Urlaub, sie fährt trotzdem, riskiert den Arbeitsplatz. Doch sie kommt zu spät, trifft den Vater nicht mehr lebend an. Mit der Mutter hat sie, seit Seth straffällig geworden ist, keinen Kontakt mehr.

Reise zum sterbenden Vater, Aufbruch zur Wahrheit

Harper Regan nächtigt in einem Hotel, mit einem fremden Mann, den sie über eine Anzeige im Internet kennen gelernt hat. Man hat Sex miteinander. Einen anderen, der sie in einem Pub anmachen will, attackiert sie mit dem Glas, klaut seine Lederjacke. Dieses Kleidungsstück wird Sinnbild für ein neues Leben, in dem sie sich "fest vorgenommen hat, nicht mehr zu lügen – das tun zu viele".

Quasi im Nachfolgestück von Motortown, mit einem Ex-Soldaten als Hauptfigur, der sich zuhause nicht mehr zurecht findet, führt uns der Engländer Simon Stephens eine starke, vielschichtige Frauenpersönlichkeit vor. Martina Gedeck spielt Harper Regan, diese Mutter Courage im postliberalen Zeitalter. Nüchtern, ohne große Emotionen rauszulassen stellt Harper Regan die Weichen neu: nicht in ihrem Leben (sie wird wohl nicht ausbrechen aus der Kleinfamilie), aber in ihrer Seele.

Leiser Ton, der die Nachbarn nicht stört

Dankbar ist man, dass ein Engländer dieses Stück geschrieben hat. Bei einem deutschsprachigen Autor wäre der Stoff jedenfalls in Mord und Totschlag gemündet. Simon Stephens hält die Emotionen in Zaum, den Ton so leise, dass er die Nachbarn gewiss nicht stört, auch bei nur kartondünnen Wänden. Frust, Enttäuschung, gar Verzweiflung oder Aggressivität bleiben unter der Oberfläche. Das ist die Herausforderung für die Protagonisten.

Martina Gedeck geht damit um, indem sie die kühle Souveräne mimt. Tochter Sarah (Marie Leuenberger) verbirgt die emotionale Aufgewühltheit hinter allgemein pubertärer Reiz-Fassade. Und Samuel Weiss als Seth sitzt nur wie gelähmt da, hat sich selbst durch eigene Schuld aus der Rolle geworfen. Das sind vielsagend-mehrschichtige Figuren, die Regisseur Ramin Gray (er hat 2006 Stephens' "Motortown" uraufgeführt) behutsam führt. Marlen Diekhoff hat eine starke Szene als Harpers Mutter, die heftige Vorwürfe einstecken muss und doch beteuert, alles sei in Wirklichkeit ganz anders. Bei aller Unbestimmtheit der Handlung gewinnt man rasch klare Bilder von den Charakteren.

Kollektives Schicksal

Außer der weiblichen Hauptfigur übernehmen alle auch weitere Rollen. Das ist klug, denn so kommt Harper Regan im Lauf ihrer Seelen-reinigenden Expedition immer wieder an denselben Männertyp (Manfred Zapatka). Raffiniert auch das Bühnenbild von Jeremy Herbert: Ein kleines Podest, das von einer kleinen Armee von Bühnenarbeitern von Szene zu Szene rasch mit neuen Teppichfliesen belegt, mit Stellwänden und Ikea-Mobiliar bestückt wird. Die Häuslichkeit ist keine individuelle. Womöglich ist das Schicksal der Familie Regan ja auch gar kein individuelles – eine Vorstellung, die der Zuschauer freilich zu gerne auf die Seite drängt.

Geben wir uns womöglich auch allzu gerne (ver)schweigend Utopien hin, wie sie zuletzt Harper Regans Mann äußert, wenn er eine bürgerliche Idylle ungefähr zehn Jahre später beschreibt? Regisseur Ramin Gray lässt in diesem Moment langsam das Licht angehen im Zuschauerraum des Salzburger Landestheaters. Sind wir plötzlich mit im Spiel, hängt es auch von uns, den Zu- und Wegschauern ab, wie die Geschichte weitergehen könnte? Keine vorschnellen Lösungen jedenfalls. Harper Regan zu ihrer Tochter: "Du möchtest hören, wie man sein Leben lebt – glaubst Du wirklich, ich kann Dir dabei helfen?"

Harper Regan (DEA)
von Simon Stephens
Regie: Ramin Gray, Ausstattung: Jeremy Herbert, Licht: Annette ter Meulen.
Mit: Martina Gedeck, Marie Leuenberger, Marlen Diekhoff, Samuel Weiss, Manfred Zapatka, Aljoscha Zinflou.

www.salzburgerfestspiele.at

 

Kritikenrundschau

Die " große blutige psycho-politische Welt" quille in "Harper Regan" durch die Ritzen der vier Wände einer in einem Londoner Vorort lebenden Kleinfamilie, schreibt Eberhard Rathgeb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (24.8.2008), und Rathgeb räumt kräftig auf mit dem Gedanken, dass Stephens die aktuelle Sozial- und Weltgeschehensdramatik fürs Theater liefere. Die Handlung des Stücks lasse nichts aus, "was in unseren sogenannten Friedenszeiten als Alltagsschreckensmeldung über die Boulevards saust", es werde einem "schummerig wie in einem Leidenskarussell". Die Bühne werde häufig umgebaut, "der Spielkasten immer wieder neu zusammengesteckt" als sei nichts im Leben niet- und nagelfest. "Ramin Gray bedient die dicke Sozialdramatik mit dem Realitätsversprechen von Einbauküchen: Nicht alles ist zu sehen, aber ganz sicher ist alles in den tausend Schubladen drin." Fazit: "Eine Ladung von Sozialknallern... Doch auch eine geballte Sozialknallerladung kann einen Irak-Krieg oder ein Londoner Attentat nicht ersetzen, aus denen Stephens seine letzten hoch gelobten Schreckenswirklichkeiten gemacht hat."

Als "handwerkliches Ensemble-Theater voll uneitler Bescheidenheit" bezeichnet Cornelia Niedermeier in der Wiener Zeitung Standard (25.8.2008) die Inszenierung von Ramin Gray. "Elf Szenen, elf Begegnungen lang dauert die Odyssee der Erfahrungen", am Ende stehe "nicht weniger als das (stille) Glück des bescheidenen Gehers aus dem Volk." Nahezu unmerklich vollziehe sich die Erkenntnis, die "darin liegen könnte, den Vater, den Ehemann, nicht zu idealisieren, ihre Taten anzuerkennen - und dennoch zu lieben. Gleiches aber auch für das eigene Leben einzufordern." Die "hochrealistischen, wortkargen Miniaturszenen" von Stephens böten wunderbarstes Material für die Bühne. Regisseur Ramin Gray setze "schnörkellos-realistisches britisches Schauspieler-Theater" in Szene. Die "ideale", schon "von Lorenzo da Ponte entdeckte Zahl von sechs Darstellern, drei Männern, drei Frauen" gebe "jedem Akteur großzügig Gelegenheit", die eigene Vielfalt vorzuführen. "Dass Martina Gedeck sich in dieses brillante Ensemble unauffällig fügte, kann ihrem Spiel als große Qualität angerechnet werden … Nicht die eigene Prominenz in den Vordergrund spielend, nahm Gedeck die Energien der Mitspieler nahezu farblos auf - und bot dem Publikum auf diese Weise die nötige (Leer-)Fläche für die eigenen Projektionen auf die Figur."

Auch Peter Michalzik, Frankfurter Rundschau (25.8.2008), ist schlichtweg begeistert von Stephens' Stück: Eigentlich könnte das, was Harper Regan erlebt, jedem von uns begegnen. Und doch habe Harper Regan eben "auch eine Reise der Erkenntnis hinter sich, sie war auch auf den Spuren aller großen Vorbilder zwischen Odysseus und Parzival. So war es auch eine Reise zu ihr selbst, sie hat ein wenig Wahrheit gespürt." Simon Stephens sei nicht der erste Dramatiker, der den Mensch als "wahrheitssuchendes Tier" entdecke, aber er sei "einer von den wenigen, die das in vibrierende Dialoge verwandeln können". Nach dem Tod von Sarah Kane sei Stephens "(vielleicht neben Enda Walsh) der führende Dramatiker der britischen Inseln". In seinen "traditionellen", "schulbuchmäßig aufgebauten Stücken" gehe es um "menschliche Tiefe, … darum zu berühren, es geht um Leben, Gefühle, Erschütterung". Leider wirke das Spiel der "wunderbaren Filmschauspielerin" Martina Gedeck "wie gedeckelt". Es sei "konzentriert und richtig, aber nie lebendig, es scheint sich nach innen zu stülpen und kommt nicht zum Blühen. Sie scheint für sich zu spielen, aber nicht für uns." Neben ihr komme das Hamburger Ensemble zwar "insgesamt ganz gut klar", aber die "Größe von Stephens' Text", die "sexuellen Zwischentöne der Machtspiele des Chefs", die "Pausen in den Dialogen", in "denen die Erkenntnis des Zuschauers reifen könnte, was hier gerade an Leben versäumt wird", opfere Gray einem "mechanisch gleich bleibenden Tempo". Die Größe von Stephens Text werde so nicht berührt.

Wo in Stephens vorigem Stück "Motortown" über den brutalen Mord an einer 14-Jährigen die Gesellschaft als Ganzes - auch als verlängerter Kriegsschauplatz - ins Visier genommen wird, führe Harper Regans Weg "ins Innere der Figur" und am Ende "heim in die Normalität eines Lebens", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (25.8.2008). Die dauernde Umbauerei auf der Bühne sei der "Intimität der Szenen" nicht förderlich, sie erzeuge "mit demonstrativem Gestus einen Resonanzraum von Welt, dem weder das Stück noch die Schauspieler standzuhalten vermögen. Vor allem Martina Gedeck, dem Star der Aufführung, bekommen diese Vergröberungen nicht gut. Man hat das Gefühl, dass sie sich selber nicht wohlfühlt auf dieser Bühne, dass es der falsche Rahmen für diese vor der Kamera so fein nuancierte Schauspielerin ist und sie vielleicht deshalb als Harper Regan so verhalten spielt, fast verstockt, immer wie aus der Deckung heraus." Man merke auch, dass der Regisseur "mit seinen Darstellern nicht an der Sprache (und Sprechtechnik) gefeilt hat. So wie hier jeder Satz mit einem Ausrufezeichen versehen und bedeutungsvoll aufgeladen wird, spricht kein Mensch." Zwei Tage nur sei Harper am Ende von zu Hause fort gewesen. "Dass in diesem Stück so getan wird, als habe sie eine soziale Tragödie samt reinigender Katharsis durchlebt, ist heillos übertrieben - auf britische Art: overdone."

Gerhard Stadelmaier liest das Stück als "Stationendrama des Kreuzwegs einer Frau". Nur dass die Richtung des Kreuzwegs sich verkehre. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.8.2008) schreibt er: Harper Regan hänge gleich zu Beginn "am Kreuz ihrer Familie; ihres Verdachts gegen ihren Mann; ihres Nichtzugangs zu ihrer Tochter; ihrer Schuldgefühle gegen ihren Vater". Erst am Ende steige sie vom Kreuz herab. Nur habe der Regisseur dem Autor nicht den Dienst getan, "der dem Drama auf irgendein Kreuz und wieder herunter geholfen hätte." In einer "äußerst gesitteten Veranstaltung" hätten die deutschen Schauspieler mehr miteinander gesprochen als gespielt, hätten den "Freiraum" angefangener Sätze, den der Autor seinen Figuren lasse, "sofort mit artigem Hörspielgeplapper, das fallhöhenlos dahinrauscht" gefüllt. Der "insulare Spielvogt", dieser "phantasielose Bühnenarbeitgeber", mache die Schauspieler zu "Bühnenarbeitslosen. Die vielen offenen Umbaupausen scheinen sie als Theaterspieler förmlich zu verschlucken - und als Hörspieler wieder auszuspucken". Martina Gedeck, "die berühmte Film-, aber sichtlich wenig trainierte Theaterschauspielerin", wirke als Harper immer, "als warte sie auf einen gnädigen Kameramann, der ihr mit einer interessanten Einstellung weiterhülfe". Ihr Lächeln sei "so herzlich, ihr Zustand so gesund-heiter, dass sie keinerlei Aus- und Aufbruch nötig hätte. Jedweder Schmerz wäre bei ihr: purer Luxus." "Ihre Harper sucht sich nicht. Sie hat sich schon. Der Rest besteht aus reiner Selbstbespiegelung."

In der Wiener Zeitung Die Presse schreibt Barbara Petsch (25.8.2008): Verglichen mit Simon Stephens früherem Stück "Motortown" handele es sich bei "Harper Regan" um eine "fast brave Story". Sie ende "beinahe versöhnlich". Harper gesteht ihrem Mann den Seitensprung. "Danach sieht es aus, als würde sie ihr Kreuz einfach wieder auf sich nehmen." Regisseur Ramin Gray dämonisiere die Figuren nicht, er präsentiere sie "ohne Schnickschnack in ihrer unentrinnbaren existenziellen Not". Martina Gedeck "zeichnet glaubwürdig die von allen Seiten unter Druck gesetzte Harper, die plötzlich, wie erstaunt, die Verbrecherin in sich entdeckt". Die "kleinen und großen Grausamkeiten, die Zumutungen des Alltags" habe Stephens mit "unübertrefflicher Präzision in seine vordergründig einfachen Dialoge gepackt".

Ulrich Weinzierl hat in Salzburg eine gediegene theatralische Reise unternommen. In der Welt (25.8.2008) streicht auch er Stephens "ausgeprägtes Sensorium für Aktualität" heraus, "zudem vermag er mittels weniger Striche verschiedene Milieus und Atmosphären heraufzubeschwören". Das Bemerkenswerte an "Harper Regan" nun sei, dass die elf Szenen an der Oberfläche "ganz und gar unspektakulär" wirkten. Nur leise würden "Abgründe angedeutet ... Das Unheimliche, es springt uns hier nicht an, sondern blitzt zuweilen aus Ritzen hervor, durch feine Risse in den Personen, die schlecht vernarbten Wunden in ihren Seelen."
In Salzburg und Hamburg habe man allerdings "offenbar auf Nummer sicher gehen" wollen und den "Stephens-Experten Ramin Gray" verpflichtet. Dazu "als Publikumsmagnet" Martina Gedeck. "Was kann da schon passieren? Nicht viel, und eben das ist schade - zwar keine Tragödie, aber ein Jammer." Denn der Inszenierung "fehlte das Eigentliche: der Text zwischen den Zeilen, die Emotionen dahinter, erotische oder sonstige Spannung der Figuren unter einander". Erschwerend wirkten (hier folgt Weinzierl dem Ex-Kollegen bei der FAZ) "die dauernden Umbauarbeiten". So sei denn die "gediegene theatralische Reise" etwa so aufregend gewesen wie eine Fahrt im Schlafwagen erster Klasse: "langweilig".

"Im Gegensatz zu vielen männlichen Helden von Simon Stephens tut sich Harper Regan schwer damit zu rebellieren", schreibt Rainer Burkard in der Zeit (28.8.2008), "sie kann es erst im Moment der größten Verzweiflung". In Salzburg verwandele sich die fahrige, schüchterne Harper in eine Frau, "die eine kindliche Lust darin entdeckt, Grenzen zu überschreiten", bis sie sich am Ende wieder auf das Wagnis Familie einlässt. Martina Gedeck sei "bei aller schauspielerischen Souveränität nicht in der Lage, die Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit Harper Regans deutlich werden zu lassen". Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit seien aber die Strukturprinzipien dieses Schauspiels. "Harper Regan" ist ein Stück, so der Rezensent, das um die Stille herum gebaut ist, es ruhe auf seinen Pausen. "Für die meisten dieser lauernden, 'schrecklich langen' Pausen, die Harper besteht, bis sie den Tod ihres Vaters akzeptieren und ihrem Mann vertrauen kann, hat der Regisseur Ramin Gray keine Zeit. Seine Inszenierung ist zu schnell für die große, langsame Harper Regan."