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Haus der Hunde

von Jan Fischer

Hamburg, 16. März 2019. William Golding sagte einmal, dass Sex ihm als Motiv zu trivial erschienen sei um damit eine Geschichte über Gut und Böse zu erzählen – darauf angesprochen, dass in "Herr der Fliegen" keine Mädchen oder Frauen vorkämen. Wenn man Kay Voges' Inszenierung von "Stadt der Blinden" im Deutschen Schauspielhaus sieht, möchte man ihm nicht unbedingt recht geben. Denn die Geschichte des Literaturnobelpreisträgers José Saramago ist eine Geschichte, die, ähnlich wie "Herr der Fliegen", versucht, anhand eines Abstiegs in die Tierseele hinter der dünnen Tünche der Zivilisation etwas über Gut und Böse, über Moral und Unmoral herauszufinden. Sex gibt es aber reichlich, und Voges hat eine diebische Freude daran, diesen zu zeigen. Beispielsweise während einer Vergewaltigungsszene, Oralsex in Nahaufnahme in HD auf eine riesige Leinwand projiziert.

Blut und Scheiße

Die Geschichte geht so: In einer Stadt greift plötzlich Blindheit um sich, die Betroffenen sehen nur noch einen weißen Nebel. Die Blindheit scheint ansteckend zu sein, deshalb werden die Betroffenen in Quarantäne gesperrt – die Geschichte konzentriert sich auf eine kleine Gruppe, die in einer verlassenen Irrenanstalt eingesperrt wird, abgesichert vom Militär.

Bei Voges ist das ein zweistöckiges Haus hinter einem Bauzaun mit Stacheldraht, das sich auf der Bühne dreht und so aus unterschiedlichen Perspektiven einsehbar ist, dazu sind mehre Leinwände daran angebracht, auf denen Live-Bilder aus dem Haus gezeigt werden.

StadtderBlinden1 560 Marcel Urlaub uVideoüberblendungen auf Pia Maria Mackerts Bühnenbild für "Die Stadt der Blinden" in Hamburg  © Marcel Urlaub

Unter den Blinden im Haus geht die Zivilisation bald flöten: Es gibt nicht genug Essen, Körperhygiene ist nicht möglich, die Wasseranschlüsse funktionieren nicht. Die Kloschüssel zu treffen ist auch nicht leicht, wenn man noch nicht so lange blind ist und wer fliehen will, wird erschossen. So wälzen sich die 21 Schauspieler und Schauspielerinnen auf der Bühne bald in einer Mischung aus Scheiße und Blut, überall liegt beschmutztes Klopapier, und die Kameras halten genüßlich drauf, während das Haus sich dreht und die Apokalypse ihren Lauf nimmt.

Wie die Tiere

"Die Angst da draußen ist so groß, dass die Sehenden die Blinden töten", berichtet einmal ein Neuankömmling denjenigen, die schon länger im Haus sind. Je weiter alles fortschreitet, desto mehr werden die verdreckten, blinden Hausbewohner zu Tieren, bis sich schließlich Riivalitäten zwischen dem oberen und dem unteren Teil des Hauses entwickeln, weil vom Militär keine Essenslieferungen mehr kommen. Die Frauen aus dem unteren Teil des Hauses prostituieren sich schließlich widerwillig für den oberen Teil, um Essen zu besorgen.

StadtderBlinden2 560 Marcel Urlaub uSandra Gerling als einzig Sehende unter den Blinden, die sich von der besorgten Ehefrau zu einem verzweifelten Racheengel und dann zur Führerin einer Gruppe entwickelt © Marcel Urlaub

Die einzige Sehende in der Gruppe, die ihre Blindheit nur vorgetäuscht hat, um ihrem erblindetem Mann beizustehen, beobachtet den Abstieg der anderen. "Wir sind wie eine andere Rasse. Hunde. Wir erkennen uns am Bellen", sagt sie während einem ihrer Zwischenmonologe. "Es wäre wirklich besser, blind zu sein" während eines anderen. Schließlich ersticht sie die Vergewaltiger, das Haus brennt ab, und die Überlebenden fliehen in Standardsituationen der Postapokalypse (Essen suchen, überall Leichen) etwa 20 Minuten lang, während unregelmäßiges weißes, sehr helles Licht aufblitzt, sodass ihre Nachbilder dem Publikum auf der Netzhaut bleiben, so lange, bis alle – inklusive Publikum – wieder sehen können.

Einfache Metapher

Saramagos Geschichte basiert auf einer einfachen Metapher: Da die Blinden nicht "sehen", was Recht und Unrecht ist, fallen sie auf das Niveau von Tieren zurück. Bei Voges tasten die Blinden sich, verschmutzt, geisterhaft, durch das immer schäbiger werdene Haus, kacken und kotzen auf den Boden, pissen in die Ecken, vergewaltigen, stehlen, betrügen – und die Sehende ist dazu verdammt, sich das anzuschauen und eine lange Zeit lang ihren Zustand zu verbergen, aus Angst, erschossen zu werden oder von ihrem Mann gerennt zu werden. Verdammt dazu, kaum helfen zu können aus Angst, entdeckt zu werden.

Verschachteltes Labyrinth

An Kay Voges "Stadt der Blinden" ist vieles beeindruckend. Der Schnitt und die sanfte, aber effektive Lenkung des Zuschauerblicks durch die Bilder der Kameras. Die Arbeit mit den Projektionen, auf dem Bühnenbild die – bei der "Stadt der Blinden" durchaus angemessen – hell, dunkel, gedoppelt, manchmal in Fehlfarben über die Leinwände oder gleich das ganze Bühnenbild flackern. Das Bühnenbild, das als sichtbehindertes, verschachteltes Labyrinth vertrackte Blickwinkel und Bilder erlaubt. Die klaustrophobische Engführung zur Verwahrlosung.

Die kompromisslose Drastik, die absolute Abgefucktheit der Bilder. Das Ensemble, das – mit Ausnahme der Sehenden – gute zwei Stunden lang nicht nur blind spielt, sondern ständig in Bewegung und Aktion ist und sich dabei dem Dreck, dem Kunstblut, den drastischen Szenen Oralsex – aussetzt und dabei gerne mal nackt oder halbnackt ist. Sandra Gerling als die Sehende, die eine faszinierende Transformation von besorgter Ehefrau zu verzweifeltem Racheengel bis zur Führerin der Gruppe hinlegt. Der Nachbildeffekt am Ende, auch, wenn der zeitlich um die Hälfte hätte gekürzt werden können.

Formal kompromisslos

Mit Voges ist jemand jemand am Werk, der schauen möchte, was auf einer Theaterbühne geht und was nicht, der vermutlich auch provozieren will. Einige – allerdings nicht viele – Zuschauer verlassen auch den Saal. Denn Saramagos Roman ist auf seine Art nicht weniger drastisch, wenn, dann mehr, weil er den Abstieg langsamer erzählt und mindestens ebenso gnadenlos. Er ist auch formal nicht weniger kompromisslos – größtenteils ist der Romane eine Textfläche, die kaum durch Absätze und gar nicht durch Anführungszeichen bei wörtlicher Rede stukturiert wird.

Voges Umsetzung davon sind einerseits die Nachbilder am Ende, andererseits aber die ständigen Aktionen, die überall im Haus passieren – eine installative Handlungs- oder Aktionsfläche, wenn man so will. So gelingt Voges mit seiner postapokalyptischen Hausparty der Körperflüssigkeiten eine kluge Übertragung – mit einem Ensemble, das viel erdulden muss, aber eine beindruckende Leistung dabei hinbekommt.


Stadt der Blinden
von José Saramago
Regie: Kay Voges, Kostüme: Mona Ulrich, Bühne: Pia Maria Mackert, Bühnenbildmitarbeit: Mara Henni Klimek, Director of Photography: Voxi Bärenklau, Videoart: Robi Voigt, Komposition: Paul Wallfisch, Live-Kamera: Philip Jestädt, Marcel Urlaub, Live-Videoschnitt: Martin Langhof, Live-Grading: Severin Renke, Video: Alexander Grasseck, Peter Stein, Antje Haubenreisser, Soundsampling: Dominik Wegmann, Ton: Shorty Gerriets, André Bouchekir, Christian Jahnke, Dramaturgie: Bastian Lomsché.
Mit: Ali Ahmad, Irene Benedict, Patrick Berg, Muriel Bielenberg, Antonia Dreeßen, Ralf Drexler, Carlotta Freyer, Sandra Gerling, Josefine Großkinsky, Rosemary Hardy, Jonas Hien, Christoph Jöde, Markus John, Matti Krause, Philipp Kronenberg, Greg Liakopoulos, Jannik Nowak, Maximilian Scheidt, Julia Schubert, Jakob Walser, Michael Weber.
Nur im Film: Andreas Beck, Linda Zervakis.
Premiere am 16. März 2019
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

 

Kritikenrundschau

Voges inszeniere den Abend "mit einer wilden, bisweilen auch fragwürdigen Entschlossenheit, das Grauen wirklich bis in alle Winkel auszuleuchten", so Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (18.3.2019). "Fäkalien, Blut und Kotze überall, auf den Körpern, auf den Böden. Die mit vorgestreckten Armen Umhertastenden erinnern an eine Horde Zombies." Theater als Live-Film, alles passiere parallel und im Moment. Voges spiele gekonnt mit der Überwältigung und Überforderung der Sehenden. Das Ensemble gehe an Grenzen, beeindrucke nicht nur emotional, sondern auch logistisch. "Der Abend ist konzentriert, handwerklich enorm präzise und formal nahezu perfekt gebaut." Allerdings scheine sich die Inszenierung an der Drastik der Vergewaltigungsszene zu weiden.

"Voges hat sich entschieden, für die Höllenfahrt großes Kino zu zeigen als Vergrößerung und Vergröberung dessen, was die Schauspieler auf der Bühne verhandeln", schreibt in der Welt (18.3.2019). Saramago sei in seinem Roman ja auch nicht zimperlich.

Kay Voges gelinge etwas Erstaunliches: "Er schafft es, in der Erzählung dieser apokalyptischen Parabel Schönheit und Grauen zugleich zu erfassen", schreibt Katrin Ullmann in der taz (19.3.2019). "Mitten im um sich greifenden Elend, mitten im Schmutz und Hass, der sich in der Gefangenschaft jener Blinden grausam schnell ausbreitet, hält Voges die Kamera zwar auf die dreckige, menschliche Realität, schafft aber zugleich auch alptraumhaft schöne Tableaux vivants." Zumindest im ersten Teil des Abends funktionierten die Romanerzählung und der Live-Film. Später verhake sich Voges leider in überflüssigen Ausführlichkeiten.

Gespielt werde mit immenser Einfühlung, mit viel Schweiß, Emotion und Tränen. "Denn dem enormen technischen Aufwand und dem expressiven Soundteppich von Paul Wallfisch zum Trotz feiert ein ausgeprägt drastischer Naturalismus fröhliche Urständ", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (20.3.2019). "Der multimediale Bilderrausch ist von Kay Voges kalkuliert ekelhaft inszeniert, aber konsequent gedacht." Voges zeige eindrucksvoll spannendes, spektakulär ausgebautes Überwältigungstheater.

Was Voges den Zuschauern an Gewalt zumute, sei getragen vom Zorn eines Propheten, "der den Menschen ein schlimmes Schicksal zeigt, um sie vom rechten Glauben an die Menschlichkeit zu überzeugen", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (20.3.2019). "Man mag Voges' Schock-Pädagogik und die wenig komplexe Moral seiner Botschaft, dass Menschen auch unter schlimmsten Umständen ihre Würde wahren sollten, als Holzhammermethode ablehnen." Aber seine Überwältigungsregie sei überzeugend konsequent und schlüssig in ihren anstrengenden Mitteln. "Sie macht die Grausamkeit realer Politik, an die man sich als abstrakte mediale Normalität aus Syrien, dem Kongo oder China zu gewöhnen droht, in einem Maße nachvollziehbar, wie es selten zu erleben ist im Theater."