Die Zähmung der Penisse

von Andreas Thamm

Nürnberg, 24. März 2019. Man stelle sich einen Mann vor, dessen Charakter bei Frauen die Produktion von Vaginalsekret radikal versiegen lässt: "the dry hero". Jiří müsste er heißen, findet Sarah, denn attraktiv seien vor allem angelsächsische Namen wie Roger. Jiří ist Logopäde, fährt mit der Tram zu einer Fortbildung, in seiner Freizeit geht er gern angeln. Und dann stelle man sich das andersherum vor: dass eine Frau bei ihrem männlichen Gegenüber keine Erektion verursacht, weil sie nur eine Ausbildung macht. Oder weil sie Ferrari fährt. Sarah und Stephanie lachen sich scheckig.

Der Gedanke ist Teil eines Programms zur Umerziehung der Gesellschaft. Männer, wie eben Roger, der TV-Produzent, sind in diesem Teil nur Bilder in einer Datenbrille. Stephi setzt sich eine Papiermaske auf, ein kindisches Maus-Antlitz, und schon sieht sie einen auf einem Pferd heranreiten und dann einen in einem verglasten Büro vor der Skyline von Manhattan, die es ja schon lange nicht mehr gebe.

Sarah und Stephanie sind Teil der "Bewegung". In ihrem Roman "Eine kurze Geschichte der Bewegung" entwirft die tschechische Autorin Petra Hůlová eine soziale Dysto- oder halt doch Utopie. Die Bewegung hat sich an die Macht terrorisiert. Nun betreibt sie Institute zur Umerziehung der Menschheit. Denn: Wenn Geschlecht sozial konstruiert ist, ist es auch veränderlich. Sexismus ist Erziehungssache. Und mit Gewalt, Terror, Einzelhaft sind sogar Männer erziehbar.

GeschichteBewegung 2 560 Konrad Fersterer uDas Machtverhältnis ist geklärt © Konrad Fersterer

Armin Petras setzt Hulovás Text in Nürnberg in Zusammenarbeit mit den Städtischen Bühnen Prag um. Heißt, auf der Bühne stehen neben den Nürnberger Ensemble-Mitgliedern Stephanie Leue und Felix Mühlen die tschechischen Kollegen Sarah Havácová und Martin Donutil. Das Stück ist dreisprachig (tschechisch-englisch-deutsch), begleitet von Übertiteln auf Deutsch, die sich jedoch an den Originaltext halten, von dem die SchauspielerInnen bisweilen flexibel abzweigen.

Die Geschichte der Bewegung, als Geschichte, erzählt Petras nicht. Die Inszenierung stellt Episoden nebeneinander, die kaum oder keine Auswirkungen aufeinander haben. Vor dem ersten Auftritt ist da aber erstmal nur riesig projizierte Werbung: Ärsche und Titten. Vielleicht ein bisschen naheliegend, wenn es um Sexismus geht. Aber dann doch: Allein die Menge der unsäglichen Plakate und dass es sie eben wirklich gibt, das zeitigt fast Schock-Wirkung. Von der Theaterkulisse kann man sich weniger leicht abwenden: "Fast so schön wie eine Frau. Tickt aber richtig." Eine Uhr. Mein Gott!

Erinnerung an Sarahs cunt

In der Zukunft der Bewegung sind solche Ästhetiken freilich überwunden. 90 Prozent der Männer sind dank der Behandlung kultivierte Wesen. Wie Felix, der noch ganz begeistert vom Tag der offenen Tür und den Frisbees mit dem Logo der Bewegung schwärmt. "Die Mädels haben ein Banner gestrickt – mit dem Logo der Bewegung." Mädels? Gestrickt? An der Stelle müssen Stephanie und Sarah aber einschreiten.

Wie das eben so ist mit dem utopischen Gesellschaftsentwürfen seit jeher: Man kleidet sich zwar bereits in die gleichmachende Uniform, die grauen Overalls der Bewegung, doch der Prozess ist nie ganz abgeschlossen. Martin greint sogar verzweifelt, dass er nach drei Monaten immer noch nicht aufhören könne, an Sarahs "cunt" zu denken. Der Entwurf ist noch brüchig, in sich widersprüchlich. Die Satire verweigert sich, zum Glück, einer eindeutigen, moralischen Zuschreibung.

GeschichteBewegung 12 560 Konrad Fersterer uDie Bewegung ruht nicht © Konrad Fersterer

Um die Männer endlich dorthin zu bringen, wo sie sein sollen, wenden die Frauen in Hulovás Stück stetige Konfrontation mit nicht dem Ideal entsprechender Schönheit an. Felix und Martin sollen lernen, sich für alte Frauen zu begeistern. "Eure schlaffen Pimmel sind ein Schlag ins Gesicht der europäischen Menschlichkeit!", schreit Stephanie. Es ist ein Text, der vor derart fantastischen Sätzen strotzt, dicht und pointenreich.

Abenteuer in der Oberpfalz

Die Dreisprachigkeit der Inszenierung tut dem keinen Abbruch. "Eine kurze Geschichte der Bewegung" ist nie akademisch verkrampft, sondern stets spielerisch. "Arbeit" heißt, alle tanzen choreografisch zu Cher "Do you believe in life after love". Felix sucht im Publikum nach einer, natürlich jungen!, Dame, die sich für 800 Euro hinterm Paravent fotografieren ließe. Stephanie tritt aus der Inszenierung, um von der Produktion zu erzählen: Bei einem Spaziergang in der Oberpfalz habe das Team zehn Holzfäller mit riesigen Penissen getroffen.

Gegen Ende verfängt sich das Spiel dann leider. Im rätselhaften Gemeinschaftszentrum zerfasert die Welt, die Wand ist magnetisch, dann spielt die Schwerkraft verrückt, alle schmieren sich berauscht mit Zahnpasta ein. Das hat schon eher was von mittelmäßig laufendem Impro-Theater. Bis sich die Inszenierung wieder fängt und in einer, insbesondere von Havácova sensationell gespielten, Szene im Altersheim gipfelt: Stephi besucht ihre Mutter im Heim. Stephi, die im Insitut arbeitet. Die einzige Schwierigkeit sei das Platzproblem, um alle Schweine wegsperren zu können, erzählt sie der strähnigen, zitternden Mutter, einer Unterstützerin. Die dann aber doch vor allem eins wissen will: "When will you get married, Schatz?"

 

Eine kurze Geschichte der Bewegung
von Petra Hůlová
Regie: Armin Petras; Kostüme: Patricia Talacko; Dramaturgie: Fabian Schmidtlein/Bernd Isele; Musik: Jörg Kleemann; Licht/Video: Norman Plathe.
Mit: Sarah Havácová, Stephanie Leue, Martin Donutil, Felix Mühlen.
Premiere am 24. März 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

https://staatstheater-nuernberg.de

 

Kritikenrundschau

Der Text sei gedankenspielerisch reizvoll, lasse aber leider an dramatischer Formung zu wünschen übrig. Regisseur Armin Petras bleibe "unter seinem Niveau", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (26.3.2019). "(S)chnell hingeworfen, hinimprovisiert, aus Einzelnummern zusammengefügt, mit rauem Charme und teils albernen Einlagen wie für einen Jugendclub gemacht", so ihre Eindrücke von der Aufführung.

Das Stück sei der literarische Versuch, "darzustellen, wie rasant und gnadenlos sich so eine hübsche Utopie von der Gleichheit der Geschlechter wandeln kann in ihr Gegenteil, in neue Dominanzen und Unterdrückungsmechanismen, wie das Ideal eine dämonische Metamorphose zur Schreckensvision, zur Dystopie einer Diktatur vollzieht", so Barbara Bogen vom Bayerischen Rundfunk (25.3.2019). "Deutlich betont Petras das Komödiantische des Textes zwischen Witz und Wahnsinn, die Poesie des Irrsinns." Trotz der vier wirklich formidablen Schauspieler springe der Funke des Abends nicht über. "Vielleicht deshalb, weil die stereotype Message des Stücks von Anfang an einfach zu einleuchtend, zu superklar ist."

"Man versteht nicht genau, wo Hulová da mit ihrem nicht wirklich schlüssigen und guten, bemüht gesellschaftlich unkorrekten Text hinwill, denn sie bedient doch schon sehr die Klischees, denen sie meist an Stammtischen nachgespürt zu haben scheint", schreibt Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten (26.3.2019). Zur Umsetzung: "Das geht bunt und wild zwischen Stoffpuppen und schlechten Witzen, Datenbrillen und Befreiungstanz hin und her, erinnert bisweilen eher an ein turbulentes Aufwärmtraining für Schauspieler im Workshop, dosiert die Provokation bis knapp vor dem Anschlag und bleibt doch inhaltlich eher in der possierlichen Ironie stecken." Die Schauspieler*innen machten den Abend gleichwohl "garstig unterhaltsam".

Armin Petras gelinge es nicht, der Geschichte einen nachvollziehbaren Handlungsbogen einzubauen. Die Inszenierung bleibe ziemlich ratlos gegenüber dem unscharf umrissenen Stoff, bemängelt Herbert Heinzelmann in der Nürnberger Zeitung (26.3.2019). Als Theatertext sei "Eine kurze Geschichte der Bewegung" zu verwaschen und zu festgefahren in Rollen-Klischees. Immerhin: "Im Lauf der Zeit stellt sich Stephanie Leue als stärkste Schauspielerin heraus. Sie schafft Momente, da man sich für ihre Moment-Figuren tatsächlich interessiert."

 

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