Weihspiel der Anti-Helden

von Georg Döcker

London, 25. März 2019. Von hohen Erwartungen zu sprechen ist in ihrem Fall noch untertrieben: Schon nach den ersten Ankündigungen vor gut einem Monat war klar, dass Anne Imhofs neue Performance in der Kunstwelt eines der Ereignisse des Jahres werden würde. 2017 gewann Imhof mit ihrer Bespielung des deutschen Pavillons der Kunstbiennale in Venedig "Faust" den Goldenen Löwen; mit "Sex" in der Tate Modern (Premiere war am 22. März) schließt sie nun an "Faust" und an "Angst" (2016) an, setzt ihre gestische Inszenierung revolutionärer Subjektivität fort, allerdings mit verstärkter Neigung zur (Anti-)Helden-Verehrung.

Imhof, Absolventin der Frankfurter Städelschule, ist in der visuellen Kunst zu Hause, und dennoch sind ihre performativen Arbeiten zu weiten Teilen Theater: schon die so zu- wie abgewandten Figuren in "Faust" und die ausgestreckte Faust selbst machten deutlich, dass Imhof mit dem theatralen Code von Zeigen und Verstecken spielt, genauso wie sie die repräsentative Geste sucht.

Ihre Subjekte stellen die (Un-)Möglichkeit der Revolution dar, aber es geht auch um die Darstellung als solche unter zeitgenössischen Bedingungen: wie ausstellen oder verbergen im suizidalen Spät-Kapitalismus, im leerlaufenden und dennoch neue Höchstwerte erzielenden Kunstmarkt, in der Post-Internet-Ära und ihrer kybernetischen Programmierung der Signale und Bilder? Fragen, die Imhof etwa aufwirft, indem sie die zeitgenössische Instagram-Ökonomie in ihr Werk einspeist, die smartphone-fotografierenden Zuschauer in die Performance einkalkuliert.

Sex Imhof PerV2 560Performance view of BMW Tate Live Exhibition: Anne Imhof: "Sex" at Tate Modern 2019
© Tate Photography (Oliver Cowling)

"Sex" ist eine vierstündige Aufführung, die in den "Tanks" stattfindet, den Öltanks des ehemaligen Bankside-Kraftwerks, das als Hauptgebäude der Londoner Tate Modern am südlichen Ufer der Themse dient. Im South Tank hat Imhof einen T-förmigen Steg installiert, von dem aus die Zuschauer leicht erhöht auf die Performer im Halbrund aus Beton blicken – während umgekehrt im East Tank die Performer von einem massiven Holzsteg aus von oben auf die Zuschauer herabschauen. Die anderen beiden Räume sind intimer, in ihnen sitzen die Performer auf Matratzen und auf großen Metallplattformen, allseits umringt von Anne Imhofs Gemälden, gelb-schwarzen Farbverläufen und schwarz-weißen Alu-Platten mit Einritzungen.

Sex Imhof InstV1 560Installation view of BMW Tate Live Exhibition: Anne Imhof: "Sex" at Tate Modern 2019
© Tate Photography (Oliver Cowling / Andrew Dunkley)

Gehüllt sind die Räume in Stroboskop-Flimmern (South Tank) und gelbstichiges Flächenlicht (die anderen Räume), beschallt werden sie mit lärmendem Noise und Industrial, in die sich schwere Gitarrenriffs und Streicher-Einsätze mischen und zu denen Eliza Douglas und vereinzelt auch Neuzugang Nomi Ruiz düstere Arien und Rocknummern singen. Unter den weiteren Performern sind bekannte Imhof-Kollaborateure wie Mickey Mahar, Frances Chiaverini oder Billy Bultheel, der auch wieder für die Komposition verantwortlich zeichnet, sowie neue Akteure wie Model Sacha Eusebe.

Sex Imhof PerV1 560Eliza Douglas in BMW Tate Live Exhibition: Anne Imhof: "Sex" at Tate Modern 2019
© Tate Photography (Oliver Cowling)

Wer dem Handeln der Performer folgen will, lernt schnell ihre Wege von einem Raum zum nächsten zu antizipieren, um in der Menge stets gute Sicht zu haben und Smartphone-Fotos für die Instagram-Sphäre schießen zu können, was die Zuschauer – wie schon bei "Faust" in Venedig – exzessiv tun. Wie in Venedig choreographiert Imhof dieses Verhalten als den Rahmen, innerhalb dessen sich die Darstellung ausbreitet. Deren Mittel sind im Wesentlichen die gleichen wie in ihren früheren Arbeiten, werden aber variiert und zugespitzt: Kontrapunktisch begegnen sich auf der einen Seite der kalte, leere Blick eines Zombies oder geschlagenen Hunds, auf der anderen Seite aufgerissen-bedrohliche Augen; einerseits die eingefallene Brust, die hängenden Schultern, und apathisches Vapen an e-Zigaretten, und andererseits das vor Kraft strotzende Marschieren in geraden Linien; beides zusammen im dunklen Walzer-Duett, die eine Hand im Nacken des anderen, das unterschwellig herausfordernd und zugleich erschöpft wirkt.

Sex Imhof InstV2 560Installation view of BMW Tate Live Exhibition: Anne Imhof: "Sex" at Tate Modern 2019
© Tate Photography (Oliver Cowling / Andrew Dunkley)

Der kraftlose Gestus steht dem martialischen aber nicht frontal gegenüber, denn sie bezeichnen ein und dieselben Subjekte, die in ihrer Lethargie wie in ihrer Explosivität Widerstand zu leisten versprechen. "Sex" spielt offensiv mit dem Zeigen, spielt mit den Regeln der Kunstinstitution, für und gegen die Blicke der Zuschauer-Kameras. Damit nährt die Performance, bewusst das Paradox suchend, genau das Begehren des Blicks, der Institution, des Markts, auf das sie sich kritisch konzentriert: Die revolutionäre Geste versucht sich selbst zu unterlaufen, muss sich dafür aber zeigen, und kann so wieder lustvoll wahrgenommen und vermarktet werden. Ist es dieses zwar erotische, aber traurige Spiel eines paradox gefangenen Widerstands, auf das der Titel "Sex" verweist in einer Aufführung, in der es keine Sexdarstellung gibt?

Wenn bei "Sex" – anders als bei "Faust" – ein bitterer Nachgeschmack bleibt, dann aufgrund der Art, wie die Performance dieses Paradox letztlich auflöst. Nach vier Stunden ziehen die Performer wie siegreiche (Anti-)Helden in den South Tank ein, der zur Arena wird. Die Musik ruft zum Showdown. Wieder marschieren die Performer durch den Raum, aber diesmal sieht man nur die starken Körper, wie sie sich zelebrieren und vom Publikum tatsächlich bejubelt werden wie auf einem Catwalk. In diesen letzten Minuten gerinnt die Performance zum zeitgenössischen Epos, das seinen aggressiven Widerstand im Bild unzweideutig feiert und damit seine interessante Ambivalenz aufgibt.

 

Sex
von Anne Imhof
Performance entwickelt in Zusammenarbeit mit: Billy Bultheel, Frances Chiaverini, Eliza Douglas, Jakob Ellinghoff, Josh Johnson, Mickey Mahar, Enad Marouf, Stine Omar, Lea Welsch.
Musik: Billy Bultheel, Eliza Douglas, Anne Imhof, Ville Haimala, Vocal Composition und Gitarre: Eliza Douglas, Komposition und Produktion: Billy Bultheel, Lyrics: Eliza Douglas, Anne Imhof, Musical Contributions: Jakob Ellinghoff, Stine Omar, Kostüme: Eliza Douglas, Dramaturgie und Choreographie: Enad Marouf, Bühnentechnik: Joie Iacono, Haar und Makeup: Franziska Presche, Fotografie: Nadine Fraczkowski, Film: Partel Oliva, Ausstellungsarchitektur und Supervision: substance & inhalt, Produktion: Laura Langer, Paola Ravagni, José Sebegre.
Mit: Billy Bultheel, Frances Chiaverini, Johnny Davies, Eliza Douglas, Henry Douglas, Jakob Ellinghoff, Sascha Eusebe, Josh Johnson, Oscar Joyce, Mickey Mahar, Enad Marouf, Stine Omar, Nomi Ruiz, Kizito Sango, Lea Welsch.
Premiere am 25. März 2019
Dauer: 4 Stunden

www.tate.org

 

Mehr zu Anne Imhofs Arbeiten: Über die Rezeption von "Faust" auf der Kunstbiennale in Venedig 2017 schrieb Sophie Diesselhorst.

 

Kritikenrundschau

"Schon in Ve­ne­dig hat­te sie den tie­fen, ek­sta­ti­schen Ge­füh­len frei­en Lauf ge­las­sen", schreibt Hanno Rauterberg in der Zeit (28.3.2019). Alles oh­ne das Si­cher­heits­netz aus fein ge­knüpf­ter Iro­nie, "das sonst die Ge­gen­warts­kunst um­hüllt. Auch ver­zich­tet sie auf das Echt­heits­ge­ha­be vie­ler Per­for­mance-Künst­ler, die sich selbst in den Mit­tel­punkt stel­len." Im­hof bleibe in ih­rer Kunst stets im Hin­ter­grund. "Sie muss nicht lei­den, um au­then­tisch zu wir­ken. Und für 'Sex' braucht die Künst­le­rin noch nicht mal nack­te Kör­per." Sex be­ginne hier als Be­geh­ren nach Nä­he, auch zu sich selbst. Die Ak­teu­re tan­zen, rau­chen, bal­gen mit­ein­an­der, manch­mal lie­gen sie er­mat­tet auf Ma­trat­zen – und wir­ken doch im­mer wie von hö­he­ren Mäch­ten fern­ge­lenkt. Fazit: "Wie in Ve­ne­dig ge­lingt ein Ta­bleau vi­vant, ein pul­sie­ren­des Sinn­bild, mit dem der hei­li­ge Ernst zu­rück­kehrt in die Kunst. Das wer­den ei­ni­ge un­heim­lich fin­den, an­de­re prä­ten­ti­ös. Nie­mand aber kann Im­hof den Mut ab­spre­chen, mit dem sie hier aufs Gan­ze geht. Die Zeit der Be­lie­big­kei­ten ist vor­bei. Man möch­te sa­gen: end­lich!"

 
Kommentar schreiben