Wie Trauer vereinzelt

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 4. April 2019. Die Nabelschnur ist zerschnitten. Das geliebte Kind ist tot. An dieser Wirklichkeit zerbricht die Tätowiererin Elise, die sich als Country-Sängerin Alabama nennt. Anna Bergmann, Schauspieldirektorin am Badischen Staatstheater Karlsruhe, hat das düstere Stück "The Broken Circle" von Johan Heldenbergh und Mieke Dobbels im Kleinen Haus zur Deutschen Erstaufführung gebracht. In einer deutsch-schwedischen Koproduktion, wie schon für die zum Theatertreffen eingeladene Ingmar Bergman-Adaption "Persona". Diesmal arbeitet sie mit dem Stadsteater Uppsala. Die Akteure sprechen Deutsch, Schwedisch und Englisch. Country-Musik bildet den atmosphärischen Rahmen.

Katharina Faltners Bühne ist ein leerer Raum, der sich nach und nach mit Träumen füllt. Über den nackten Boden kriecht düstere Depression. Hinten spielt die Bluegrass-Band von Clemens Rynkowski den Song "Will The Circle be Unbroken" von Ada R. Habershon. Da geht es um den Verlust einer geliebten Person. Die drei Brüder Clemens, David und Florian Rynkowski sind weiß geschminkt. Wie eine Totencombo begleiten sie Bergmanns berührende Regiearbeit, die sich deutlich mehr als die erfolgreiche Film-Adaption des Stücks von Felix Van Groeningen, "The Broken Circle Breakdown", auf die Menschen konzentriert, von denen die Geschichte handelt.

Reise in die Verzweiflung

In schwarzen Lederklamotten taumelt Frida Österberg auf der Bühne. Die letzte Sprache, die sie noch versteht, ist die Gitarrenmusik. Die Opernsängerin und Schauspielerin aus Uppsala zeigt die Einsamkeit ihrer Figur Elise/Alabama betörend schön. Mit einem aggressiven Fußtritt betritt Jannek Petri als Elises Partner Didier/Monroe die Bühne. Hass und Enttäuschung spiegelt diese knappe Geste. Vom ersten Augenblick an verspottet er seine verzweifelte Frau. Bis er selbst zum Opfer seiner entsetzlichen Gefühle wird.

brokencircle1 560 Felix Gruenschloss uCountry-Musik und Totenklage: Frida Österberg (Elise/Alabama) mit Jannek Petri (Didier/Monroe) © Felix Grünschloss

Anna Bergmanns Regie bremst das filmisch schnelle Tempo der Stückvorlage. Sie konfrontiert die Akteure mit ihren schrecklichen Gefühlen, die sie nicht mehr steuern können. Maybelle, das tote Kind, ist immer dabei. Julia Giesbert führt die Puppe, die lachen, tanzen und spielen kann. Mit Kopfstimme singt die Spielerin, wunderschön. So sieht Familienglück aus, bis dann die tödliche Krankheit kommt, die alles aus der Bahn wirft. Gregor Dashubers Video ist ein kindlich skizzierter Trickfilm. Erinnerungen an die Geburt, an das Leben mit dem geliebten Kind, fließen da ineinander. Heiko Schnurpels brillantes Sound Design lässt die Verzweiflung auch akustisch klaffen. Am Ende bleibt nichts als die Einsamkeit.

Politischer Kontext

Und dann die Country Musik, es ist schwer sich ihrer Faszination zu entziehen – aber auch sie wird hier von der Handlung in Mitleidenschaft gezogen. Wunderschön singt Frida Österberg, im nächsten Augenblick ist ihre Stimme nichts als ein krächzender Schrei. Hilflos streicht Jannek Petri über das Haar, das sich die Trauernde abgeschoren hat. Sinnlichkeit gibt es für sie nicht mehr. Die Kraft, mit der Österberg die verzweifelte Mutter zeigt, berührt zutiefst.

Bergmanns psychologisch genaues Theater bringt dennoch auch den politischen Kontext des Abends klug auf den Punkt. Als Johan Heldenbergh und Mieke Dobbels das Stück 2007 schrieben, hatte der damalige US-Präsident George W. Bush gerade zum zweiten Mal ein Gesetz zur embryonalen Stammzellenforschung gestoppt. Mit einem Dekret wischte er die Hoffnung so vieler Eltern krebskranker Kinder wie auch Elise und Didier weg. Was eine politische Entscheidung in einer Familie anrichten kann, zeigen Stück und Inszenierung eindrücklich. Auch wenn die Country-Party mit Tanz und reichlich Schnaps, die die Handlung zwischendrin unterbricht, es nahelegen mag – dieser Theaterabend ist viel mehr als ein erweitertes Bluegrass-Konzert. Bergmanns Regie, die beherzt existenzielle Fragen weiterdenkt, führt die Akteure wie auch das Publikum an Grenzen des Menschseins.

 

The Broken Circle
Ein Bluegrass-Konzert von Johan Heldenbergh und Mieke Dobbels
Deutsch von Alexandra Schmiedenbach
Regie: Anna Bergmann, Bühne: Katharina Faltner, Kostüme: Lane Schäfer, Musikalische Leitung: Clemens Rynkowski, Sound Design: Heiko Schnurpel, Video: Gregor Dashuber, Licht: Mats Öhlin, Dramaturgie: Anna Haas.
Mit: Frida Österberg, Jannek Petri, Julia Giesbert (Puppe) und Nathan Bontraeger, Clemens Rynkowski, David Rynkowski, Florian Rynkowski (Musik).
Deutschsprachige Erstaufführung am 4. April 2019 am Staatstheater Karlsruhe, Kooperation mit dem Stadsteater Uppsala, Schweden
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de
www.uppsalastadsteater.se

 

Kritikenrundschau

Die Inszenierung fahre viel auf, ziehe alle Register und zeige mit verschiedenen Mitteln eine Art Gesamtkunstwerk, in dem unterschiedliche Ebenen von Trauer erzählt würden: "in den Songs, den direkten Ansprachen an das Publikum, in denen die Suche nach Hilfe zum Ausdruck kommt". Dennoch bleibe man oft seltsam unberührt. "Vielleicht liegt das an der Hochglanzästhetik, an der man dann doch abprallt", so Eva Marburg vom SWR (4.4.2019).

Ein "intimes Drama" mit zwei "herausragenden Darstellern" und einer "fantastischen Band" hat Ute Bauermeister vom Badischen Tagblatt (6.4.2019) in Karlsruhe gesehen. Bergmann habe für die Filmvorlage "ganz eigene Bilder gefunden, die berühren und haften blieben". Das Fazit der Kritikerin: "Mit der Verschmelzung von Konzert, Theater, Performance und Video entsteht ein ganzheitliches Kunstwerk, das einen ins Tal der Tränen saugt und doch auch feiern und tanzen lässt."

Die Hauptdarsteller müssen "Ereignisse von enormer emotionaler Wucht" ertragen, schreibt Andreas Jüttner in den Badischen Neuesten Nachrichten (6.4.2019). Frida Österburg "wirft sich furcht- wie kompromisslos" in die Rolle der Elise. Jannik Petri entwickele erst langsam ein "starkes Profil", der Abend kranke am Beginn an der Behauptung, man wohne einem Konzert der Band der beiden Hauptfiguren bei, später gebe es "Szenen von intensiver Intimität". Das Puppenspiel mit "berührender Natürlichkeit" gilt dem Kritiker als eine der besten Entscheidungen der Regie. Im Ganzen: eine "aufwühlende Aufführung".

Von "einer in der Tat hochemotionalen, rasend emotionalen und je nach eigener Perspektive auch unerträglich emotionalen Inszenierung von Anna Bergmann" berichtet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (10.4.2019). Die Emotionalität liege vor allem an den beiden Hauptdarstellern: Frida Österbergs "Bühnenpräsenz ist enorm", ihre Elise "ist maßlos in der Freude, maßlos im Leid". Jannek Petri sei ein ähnlich guter Sänger, aber ein anderer Typ: "Nicht direkt verschlossen, immerhin jedoch gefasster, weniger imposant, aber neugierig machen beide."

"Anna Bergmann hat keine Angst vor Pathos, sorgt mit dem Einsatz ganz unterschiedlicher ästhetischer Mittel aber für Brechungen, die ein Abgleiten in den Kitsch verhindern", schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (11.4.2019). Bergmanns Regie "lotet gnadenlos die Euphorien und Abstürze der Paargeschichte aus, wartet aber auch mit verstörend surrealen Bildern auf. Etwa wenn Frida Österberg wie ein schwarzer Racheengel vom Schnürboden schwebt, dann aber zart und zerbrechlich singt."

 

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