"Die Orestie" in Mossul

13. April 2019. Milo Rau schreibt in einem umfänglichen Text in der taz (13.4.2019) über die "Orestie", die er in Mossul mit belgischen und irakischen Schauspielern inszeniert hat. Wir geben knappe Auszüge.

Mossul liegt im Nordirak. Mitten in Mossul liegen die Ruinen von Ninive, das schon 5000 Jahre vor Aischylos Geburt eine Großstadt und das Griechenland des Tragiker noch nicht einmal bevölkert war. Berühmt wurde Mossul 2014, als der selbsternannte "Kalif" Abu Bakr al-Baghdadi, Anführer der Terrororganisation "Islamischer Staat", in einer der größten Moscheen der Drei-Millionen-Stadt ein "Kalifat" ausrief. Die Schlacht um Mossul begann zwei Jahre später. Sie kostete, wie die Terrorherrschaft des IS zuvor, Tausende von Menschenleben.

Wieso inszeniert einer die "Orestie" in Mossul?

Die "Orestie" sei ein Stück über den endlosen Zyklus der Gewalt. Wie man ihn genau so heute in Mossul noch immer erlebe, wenn Autobomben explodierten und Menschen getötet würden, wegen Rechnungen, die lange zurückreichten in den Bürgerkrieg. In Mossul weise jede Biografie Parallelen zu den Charakteren aus der Tragödie des Aischylos auf. "Alle unsere Schauspielerinnen und Schauspieler haben mindestens ein Familienmitglied verloren, seitdem die USA 2003 in den Irak einmarschierten." Gespielt worden sei in Mossul auf den Dächern der Häuser, von denen Homosexuelle in den Tod gestürzt wurden

Es sei "seltsam und unheimlich" gewesen, all die Verbrechen des IS, mit einheimischen Darstellerinnen und Darstellern in den Ruinen Mossuls zu inszenieren. Die "Orestie" sei eine "Gewaltorgie, eine Art posttraumatische Phantasmagorie", verfasst kurz nach Beginn der Einführung der Demokratie in Athen: ein "fast pornografischer Blick zurück in die blutige Vorzeit". Die irakischen Schauspieler hätten auf größtmöglicher Detailtreue bestanden: "wo genau eine Pistole bei einem Genickschuss angesetzt wird, welche Berührungen bei der Hinrichtung einer Frau erlaubt sind".

Ähnlichkeiten

Gerade in Mossul die "Orestie" aufzuführen mache "auf schreckliche Weise Sinn". Aischylos’ Werk sei eine Tragödie gegen die Tragödie. "Frieden ist für das Athen des beginnenden 5. Jahrhunderts, kurz nach Ende der inneren Bürgerkriege, ein Wert an sich."

Im Dritten Teil der Tragödientrilogie reiße der Staat, verkörpert von Athena, das Gewaltmonopol an sich. Die Bürger und ihr Rachebedürfnis würden in einem "rhetorischen Tribunal mit dem Versprechen auf Wohlstand versöhnt". Der Kern der "Orestie" sei so das "Paradoxon des Verzeihens": Da es bei Aischylos "nur Extreme, also komplette Straffreiheit oder ausgleichende Rache" gebe, könne "Friede nur auf Kosten der Gerechtigkeit – und damit der Opfer – erfolgen".

Rache oder Verzeihen

Während der Zeit von Raus Team in Mossul sei das Tribunal am Ende der "Orestie" zweimal, einmal am Anfang und einmal am Ende der Proben abgehalten worden: "Pardon oder Todesstrafe für die Mörder der Familien der Schauspielerinnen und Schauspieler?" Die Frage sei sehr konkret – und deshalb sehr schwierig. "Denn es ist undenkbar, einem ehemaligen IS-Kämpfer zu verzeihen. Genauso unmöglich ist es aber, ihn zu töten."

Der Traum von Europa

"Ich zweifle, und zudem habe ich Angst", habe einer der Genter Schauspieler vor der Abreise gesagt. "Aber die Alternative wäre ja: nicht nach Mossul zu fahren." Und: "Wie könnten wir nur das irakische Öl und die Medienbilder, bei Bedarf die billigen Arbeitskräfte konsumieren – ohne einen direkten, menschlichen Kontakt herzustellen?" Eine globale Wirtschaft brauche auch eine "globale künstlerische Solidarität", so schwierig und fragwürdig sie sein möge. Der Veranstalter der Mossuler Premiere, ein kleines Kulturcafé, habe vor einigen Tagen auf Twitter geschrieben: "Diese Aufführung war etwas, das während Dekaden nicht geschah. Jeder sollte dafür sorgen, dass eine solche Produktion wieder möglich wird."

Das gelte, so Milo Rau, vor allem auch für Europa. "Orestes in Mossul" und was davon in Europa zu sehen sein werde sei nur ein Anfang. "Ich träume von dem Moment, in dem wir mit dem ganzen Ensemble durch Europa touren werden. Und noch mehr träume ich davon, dass unser irakisches Ensemble bald einen 'Orestes in Gent' inszenieren wird."

(jnm)

 

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