Ein Käfig voller Deppen

von Matthias Schmidt

13. April 2019. Man hätte den Stoff ernst nehmen können, zum Beispiel. Auf die Suche gehen nach der subversiven Kraft der DDR-Subkulturen der 80er Jahre, nach dem Anarchischen, das sich Orte suchte, an denen es gedeihen konnte. Lugau war so ein Ort, und Alexander Kühne war einer, der daran beteiligt war, dass in diesem brandenburgischen Kaff der musikalische Underground der siechen DDR gastierte und grassierte. In seinem Roman heißt Lugau Düsterbusch, und es geht streckenweise ziemlich komisch zu, wenn Punks und Popper und New Romantics auf die Provinz stoßen. Wo die Sehnsucht genau so groß sein konnte wie in Berlin, wo diese Sehnsucht manchmal, ohne es zu wollen, revolutionär wurde.

"Wir rebellieren nicht gegen das System", sagt Anton gleich zu Beginn, "wir nehmen es einfach nicht zur Kenntnis". Das hätte man ernst nehmen können, wie beispielsweise das Programmheft es tut, Heiner Müller und Thomas Brasch zitierend. Die Uraufführung von "Düsterbusch City Lights" aber wirkt wie ein lautes, knapp dreieinhalb Stunden langes Missverständnis. Sie will groß und bunt und breitentauglich sein und traut das dem Underground offenbar nicht zu.

Pausenlos auf Pointenjagd

Die Geschichte von Anton Kummer, der seinen Platz im Leben nicht findet, der auf dem Lande von David Bowie träumt, der schließlich einen Jugendclub namens "Helden des Fortschritts" gründet, um Underground-Bands nach Düsterbusch zu locken, ist eine prall mit situativer Komik gefüllte Geschichte. Sie kann als unterhaltsame Erklär-Hilfe für die langsam zerfallende, aber eben auch unglaubliche Geschichten ermöglichende DDR dienen. In Magdeburg findet sie als effekthaschendes David-Bowie-Musical statt, das vordergründig erstmal alle der Lächerlichkeit preisgibt, die nicht auf Antons Seite stehen. Die dürfen sich als dümmlich sächselnde Prolls und berlinernde Freaks ununterbrochen auslachen lassen. Der Kneiper, der Polizist, die FDJ-Funktionärin – alle wie mit der Klischeestanze gemacht. Ein Käfig voller Deppen.

Duesterbusch 2 560 Nilz Boehme uIm Live-Film und auf der Bühne: das Düsterbusch-Ensemble © Nilz Böhme

Wie überhaupt der Abend fast alles zur Karikatur überzeichnet, auch Anton und seine Kumpels sind im Grunde pausenlos auf Pointenjagd. Antons Freund Sprenzel, bei dem es nicht für die zehnte Klasse reicht, ist angelegt wie ein Idiot. Eine Szene im Freibad dient offenbar einzig dazu, das Publikum zu bespaßen. Was mit einer Packung Cottbusser Kekse erschreckend leicht gelingt. Anton trägt dabei eine Taucherbrille und Schwimmflossen. Gröhl! Dazwischen müssen sich die Düsterbuscher Helden, ihre gesanglichen Möglichkeiten fahrlässig überschätzend, an Songs wie "Let's Dance" und "Under Pressure" verheben.

Babylon Düsterbusch

Was Cornelia Crombholz nach "Spur der Steine" und "Kruso" als dritten Teil (und Abschluss) ihrer Beschäftigung mit der Literatur über die DDR in Magdeburg inszeniert, wirkt disparat wie "Ein Kessel Buntes". Man weiß nicht, was es sein soll. Eine Parodie? Falls ja, warum? Warum sollte man Kühnes zugegebenermaßen fiktionalisierte, aber eben doch auf Realem basierende Erinnerungen so auf die Schippe nehmen? Soll es einfach nur eine leicht konsumierbare DDR-Revue sein? Irgendwas mit viel Zeitkolorit, "Yes Sir, I can Boogie" und einem Humor mit dem Feingefühl eines Presslufthammers? Über weite Strecken wirkt es so. Und falls es doch ein Musical werden sollte, warum ist es dann nicht so besetzt?

Duesterbusch 1 560 Nilz Boehme uAvantgarde des Ostens: Ralph Opferkuch, Daniel Klausner, Léa Wegmann © Nilz Böhme

Vor allem nach der Pause hat der Abend Momente, die zeigen, dass in Düsterbusch / Lugau eben doch nicht alles nur eine Slapstick-Nummer war. Menschliche Momente zwischen Anton und seiner Mutter zum Beispiel. Ruhige Momente zwischen Anton und seinem Freund Henryk, einem Polen, der nach West-Berlin ausreisen wird. Momente, in denen die Live-Band, großteils die Schauspieler*innen selbst, für eine melancholische Stimmung sorgt. In denen der Existentialist Baade, (der offenbar nur deshalb den ganzen Abend im Slip spielt, um beim Schlussapplaus dem Publikum seinen Hintern zeigen zu können) ein bisschen Politik und Nachdenken in die Inszenierung holt. Es sind dies die Momente, in denen man sich fragt, warum der DDR-Underground nahezu komplett abwesend ist.

Von den "anderen" Bands, von denen dauernd die Rede ist und die in Düsterbusch gespielt haben, ist nichts zu hören. Nur einmal, viel zu kurz, tritt eine Band mit einem dieser Songs mit diesen Texten auf, die so nur in dieser Zeit in diesem Land entstehen konnten: Expander des Fortschritts mit Fremdgehen durchs Land. Kein Sandow, kein Feeling B, keine "die anderen".

Bühne und Kostüme sind aufwändig, ja opulent. Die Schwarz-Weiß-Party ist fast ein kleines "Düsterbusch Babylon". Eine Video-Steady-Cam ist fast durchgehend unterwegs und hilft, die vielen Handlungsorte verstehbar zu machen. Das Ensemble wirft sich kraftvoll hinein in das Konzept, das dennoch nicht aufgeht. Schwer zu sagen, welches Publikum hier eigentlich wozu gebeten wird. Am Premierenabend sind viele Fans im Saal, überwiegt am Ende Jubel, wird eine Zugabe gespielt.

 

Düsterbusch City Lights
Von Alexander Kühne. Für die Bühne bearbeitet von Cornelia Crombholz und David Schliesing.
Regie: Cornelia Crombholz, Bühne: Christiane Hercher, Kostüme: Josefine Maria Krebs, Musikalische Leitung: David Schwarz, Maren Kessler, Choreografie: David Williams, Licht: Guido Schnorr, Dramaturgie: David Schliesing, Live-Kamera/ Regieassistenz: Pierre Balacz.
Mit: Daniel Klausner, Iris Albrecht, Matthias Rheinheimer, Carmen Steinert, Ralph Opferkuch, Oliver Niemeier, Léa Wegmann, Marian Kindermann, Antonia Schirmeister, Björn Jacobsen, Thomas Schneider.
Band: Andreas Gentzsch, Marian Kindermann, Daniel Klausner, Oliver Niemeier, Ralph Opferkuch, Matthias Rheinheimer, Carmen Steinert.
Premiere am 13. Apil 2019
Dauer: 3 Stunden 25 Minuten, eine Pause

www.theater-magdeburg.de

 


Kritikenrundschau

Cornelia Crombholz inszeniere "ästhetisch beeindruckend und mit komödiantischer Brillanz", berichtet Gisela Begrich in der Magdeburger Volksstimme (15.4.2019). "Die Crombholz markiert damit einen weiteren Höhepunkt ihrer opulenten Stilistik und zeigt zugleich, wozu heutiges Theater samt seiner technischen Palette fähig ist: Es begeistert und beschreibt am Beispiel Düsterbusch mit hoher Sinnhaftigkeit den Willen, sich aus der provinziellen und ideologischen Enge des DDR-Daseins heraus zu emanzipieren."

 

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