Der Sonnyboy und der Zerknautschte

Von Gabi Hift

Wien, 26. April 2019. "Immer spielt ihr und scherzt? ihr müßt! o Freunde! mir geht dies / In die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur." Dieses Hölderlin-Zitat haben wohl fast alle deutschsprachigen Schauspieler*innen einmal in ihr Notizbuch geschrieben. Und auch Ignaz Kirchner hat es mit seiner kleinen, ordentlichen Schrift in eines eingetragen. 280 Hefte hat er im Lauf seines Lebens vollgeschrieben und mit Bildern beklebt; in vier Kisten verpackt stehen sie nun auf der Bühne des Akademietheaters. Sie bilden die Grundlage des Abends, den Joachim Meyerhoff für den im letzten September verstorbenen Freund ausgerichtet hat.

Eine Totenrede kann man nicht kritisieren. Naturgemäß sprechen die Redner immer hauptsächlich über sich selbst. Und ob man berührt ist, hängt ganz davon ab, wie man selbst den Verstorbenen gesehen hat und wie sehr man für den Charme des Redners empfänglich ist. Im Fall von Joachim Meyerhoff gibt es wohl kaum jemanden, der sich seinem Charisma gänzlich entziehen könnte.

Hoffnungsschimmer für den Schauspielanfänger

Meyerhoff steht an der Rampe und erzählt, was Ignaz Kirchner ihm bedeutet hat, lange bevor er ihn als Kollegen am Burgtheater kennenlernte,. Sich selbst zeichnet – oder eher karikiert – er als verzweifelten Schauspielanfänger, vom Psychotheater à la Peter Stein auf der einen und vom brachialen Berserkertum à la Castorf auf der andern Seite umzingelt. Das Duo Gert Voss/Ignaz Kirchner war damals, so erzählt er, sein einziger Hoffnungsschimmer. Die beiden schienen ihm ihre Rollen intellektuell völlig durchdrungen zu haben und trotzdem improvisierten sie auf Teufel komm raus miteinander. Viele Jahre später durfte Meyerhoff dann als Mephisto seinen Kopf zutraulich auf die Brust der alten Vettel legen, die Ignaz Kirchner in der Hexenküche spielte.

Land in Sicht 1 560 Georg Soulek Burgtheater uJoachim Meyerhoff, mit Ignaz Kirchners Kladden und Kartons © Georg Soulek/Burgtheater

Während er erzählt, bauen Fabian Krüger und Mirco Kreibich hinter seinem Rücken die Bühne fertig auf. Sie balancieren eine meterlange Latte, sägen und hämmern, und Meyerhoff tut so, als sei er gezwungen, gegen den Krach anzureden und sich immer wieder unter der Latte wegzuducken. Gleich darauf gibt er augenzwinkernd zu erkennen, dass er diese Clownsnummer natürlich selbst inszeniert hat, allerdings habe er es sich nicht so laut vorgestellt. Das alles wirkt etwas mühsam, als müsse er seine Fähigkeiten als Regisseur multipler Metaebenen unter Beweis stellen. Nach endlosem Hin und her hieven die beiden den Balken hoch hinauf an die Brandmauer. "Was habt ihr da gemacht?", fragt sie Meyerhoff. Und Krüger sagt stolz: "Wir haben die Latte für dich hochgehängt!"

Dann erzählt Meyerhoff, wie sehr sich Ignaz Kirchner über die neue österreichische Regierung echauffieren konnte. Die Clowns starten die Kettensäge, so dass man von der nachfolgenden Tirade kein einziges Wort versteht. Als die Säge verstummt, hört man Meyerhoff gerade noch sagen: "...und das alles also hätte Ignaz gern mit Strache gemacht". Szenenapplaus.

Vortrag über den Visagenzorn

Eine Anekdote nach der anderen erzählt Meyerhoff. Nähergekommen sind sich Ignaz und er bei der Produktion Robinson. Meyerhoff hatte sich dabei verletzt, landete auf der Unfallstation, am nächsten Morgen rief Ignaz an, fragte, wie es ihm ginge, danach redeten sie über alles mögliche. Meyerhoff schildert eine Art "Cowboyfreundschaft" – bei der keiner jemals über innere Vorgänge redet und man sich dennoch nah ist. Ein tiefsitzender Zorn habe sie verbunden, erzählt er, und es ist rührend, wie stolz er auf ihre Seelenverwandtschaft ist. Aber wenn man sich die beiden vor Augen führt, den Charmebolzen und Sunnyboy Meyerhoff und den ewig zerquälten, zerknautschten Ignaz Kirchner, der immer böse, gedemütigte Existenzen gespielt hat, dann fällt es schwer, sich eine innere Ähnlichkeit der beiden vorzustellen.

Land in Sicht 2 560 Georg Soulek Burgtheater uProjektionen eines Freundes © Georg Soulek/Burgtheater

Nach der Pause sind Stapel von Notizbüchern auf einem Tisch ausgebreitet und über eine Overhead-Kamera wird das, was Meyerhoff gerade liest, auf die Wand projiziert. Das Erstaunliche an den Fotos und Texten in Ignaz Kirchners Notizbüchern ist nicht, dass sie so abartig wären, im Gegenteil. Er hat ihm verhasste Politikerfratzen ausgeschnitten: den grinsenden Kohl, Franz Josef Strauß, Haider, Strache. Meyerhoff findet für das, was ihn da getrieben hat, das schöne Wort "Visagenzorn". Dann viele junge Frauen in Spitzenunterwäsche. Bilder von Massakern, Pol Pot, Afrika. Skurrile Lokalnachrichten – ein Mann mit einem ausgestopften und zwei lebenden Hunden etwa. Und Bilder aus dem Theater: Peymann und Tabori, beide im Anzug, grinsen sich zu, zwischen ihnen steht auf einer Kiste eine völlig nackte junge Frau. Meyerhoff sagt dazu (und das ist wirklich sehr lustig): "Das waren andere Zeiten. So wird Kušej seine Intendanz eher nicht beginnen können".

Das Düstere dahinter

Unter ein eigenes Foto hat der noch junge Ignaz Kirchner geschrieben: "Ja ja, mein Schweinegesicht, das ist mein Kapital". Auch das liest Meyerhoff liebevoll amüsiert vor. Bestimmt hat auch Kirchner selbst das nach außen hin mit Ironie genommen. Aber man denkt doch, dass da viel Düsteres dahinter sein musste. Und dass dieses Bild von einem schrulligen Kauz, das Meyerhoff erzeugt, vielleicht nicht die ganze Wahrheit sein kann.

Wie Reliquien hängen am Ende die Notizbücher, mit kleinen Lämpchen versehen, über die ganze Brandmauer verteilt. Unten sind die Kostüme aus den letzten Stücken aufgebaut, in denen Kirchner gespielt hat – leere Hüllen. Es folgen Musik und stille Kontemplation. Wieder ist alles möglich, tiefe Rührung. Aber auch ein schales Gefühl. Frank-Patrick Steckel soll über Kirchners Notizbücher gesagt haben, sie seien seelische ***vorlagen. Und das trifft doch sehr gut, wozu Schauspieler solches Material benutzen: Es löst seelische Erregung aus, und die strömt in die Rollen. Könnte man sehen, was Ignaz Kirchner daraus gemacht hat, was für abgründige Monster er gespielt hat, dann erschiene er uns vielleicht weniger liebenswürdig, aber erstaunlicher, mehr als der Künstler, der er war. Doch dies ist die Totenrede von Joachim Meyerhoff und sie lässt sich nicht kritisieren, denn sie erzählt davon, was Ignaz Kirchner für ihn war. Und es ist schön, dass so viele Menschen gemeinsam Ignaz Kirchners gedenken, im Theater, das seine Heimat war.

 

Land in Sicht
Ein Projekt von Joachim Meyerhoff
Regie: Joachim Meyerhoff, Bühne: Jenny Schleif, Kostüme: Dagmar Bald, Musik: Philipp Quehenberger, Licht: Michael Hofer, Dramaturgie: Hans Mrak.
Mit Fabian Krüger, Joachim Meyerhoff, Mirco Kreibich, Musiker: Philipp Quehenberger.
Premiere am 26. April 2019
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Ein Kosmos voller Abseitigkeiten, Abgründen und Alltäglichem tue sich auf in Kirchners Notizheften, sagt Christoph Leibold bei Deutschlandfunk Kultur (26.4.2019). In ihnen stelle der verstorbene Schauspieler den Merkwürdigkeiten der Welt die eigene Sonderlichkeit gegenüber, so wie auch in seinem Bühnenleben. Aus Meyerhoffs Abend wehte Leibold dabei ein ähnlicher Geist an wie aus dessen Büchern – auch diese drehten sich um "liebe verwandte Verstorbene". Meyerhoffs Akademietheater-Arrangement lebe vom Anekdotischen und neige mitunter ins Melancholische; die beiden Mitstreiter, Krüger und Kreibich, seien denn auch für den Slapstick zuständig, um das Sentimentale zu brechen (was Leibold nicht nötig gefunden hätte, aber es störte auch nicht). "Land in Sicht" sei eine "Séance", keine Hommage – eine Beschwörung des Theaters, das Kirchner schätzte: als Ort für etwas abseitige Menschen, die dort im Zentrum stehen könnten. Theater als  Inseln für "Robinson".

"Hier passt einfach alles," schreibt Norbert Mayer in der Wiener Tageszeitung Die Presse (27.4.2019). Meyerhoff setze den Stoff traumhaft um, Bühne, Kostüme, die "Edelkomparsen" Mirco Kreibich und Fabian Krüger vervollkommnen den enormen Eindruck, den der Abend auf den Kritiker macht. "Wer das Theater liebt, der hängt dem Erzähler an den Lippen, bei all den traurig-frohen Anekdoten über sich, Ignaz und den Rest der Truppe. Weiter! Weiter! Indiskretionen über Stein, Peymann und Co. Ein Höhepunkt: Sieben Statisten strampeln im Radrennen in einem nie vollendeten Stück. Der Böse gewinnt. Das Verstehen wird durch die lärmenden Clowns zuweilen verhindert. Etwa so: Meyerhoff setzt dazu an, hochpolitisch über die FPÖ und den braunen Rand zu reden. Die Clowns werfen die Motorsäge an. Man hört nichts, sieht nur, wie er die Rechte stramm ausstreckt."

Ronald Pohl im Wiener Standard (online 28.4. 2019, 16:59 Uhr) findet die Huldigung an Ignaz Kirchner vor allem "eitel". Es sei "billig und recht", dass die Wiener Burg Kirchner posthum huldige. Ein "anderes, ebenso unerklärliches Genie", Meyerhoff, habe ihm einen "Altar errichtet". Meyerhoff spreche "zum Schein aus dem Stegreif" und bekunde in "Anekdoten seine Nähe zum teuren Toten". Zugeteilt bekommen habe er in Gestalt von Fabian Krüger und Mirco Kreibich das "trostloseste Heimwerkerduo der Welt". "Zwei Besessene der Zerstörung, die an der Hydraulikleiter scheitern". "Beckett-Clowns". Doch der "viel zu lange Abend" renommiere mit "Proben einer Intimität, die einen nichts angeht". Meyerhoffs "Garderobentratsch" füge dem Bild, "das man von Kirchner gewinnen durfte", nichts "Bedenkenswertes" hinzu. Er mäste bloß den "Stolz des Erzählers". Dem Abend gehe ein "Gefühl für Scham" ab. Er erzähle vor allem viel über "die Eitelkeit des Nachlassverwalters Meyerhoff"und "erstaunlich wenig" über Kirchner.

Joa­chim Mey­er­hoff gebe "lau­ni­ge, skur­ri­le oder auch er­staun­li­che Epi­so­den aus sei­nen di­ver­sen Zu­sam­men­tref­fen und ge­mein­sa­men Auf­trit­ten mit Kirch­ner" zum Besten, schreibt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.4.2019). Der mittlere Teil, die Ausbreitung von Kirchners angeblichen Tagebüchern, solle Meyerhoff noch einmal überdenken, empfiehlt der Rezensent, der das Ende des dreistündigen Abends wiederum für gelungen hält.

Voll­ge­so­gen mit dem Wahn- und Ei­gen­sinn ih­rer Schöp­fer seien die Projekte, die Burg-Di­rek­to­rin Ka­rin Berg­mann zum En­de ih­rer In­ten­danz auf den Spiel­plan gebracht habe, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (2.5.2019) – Herbert Fritschs "Zelt" und Joachim Meyerhoffs "Land in Sicht". "Bei­de Aben­de ha­ben Schwä­chen und Län­gen und sind doch herr­li­che, rei­fe Früch­te der rei­nen Zei­ge- und Da­seins­kunst." "Land in Sicht" sei ein Abend, "der sich flat­ternd und flie­ßend in Hul­di­gungs­tän­zen um Ignaz her­um­be­wegt", so Kümmel, "ein sehr wit­zi­ges Stück über die Spiel­wut – man spielt, weil man sonst kei­ne Luft be­kommt". Mey­er­hoff nehme sei­ne Trau­er zum An­lass, "ei­ge­ne, nicht zu­stan­de ge­kom­me­ne Thea­ter­pro­jek­te zur Auf­füh­rung zu brin­gen – in flie­gen­der Ei­le und im­mer mit dem Hin­weis, dass Ignaz Kirch­ner in die­sen Pro­jek­ten die tra­gen­de Fi­gur ge­we­sen wä­re". Er öffne Kirchners Nach­lass "mit der Ehr­furcht ei­nes No­tars, vor al­lem aber mit dem Stolz des Al­lein­er­ben: Die bö­se En­er­gie des Ver­stor­be­nen soll in ihm wei­ter­to­ben". Sein Stück sei al­so: "nach­ge­tra­ge­ne Wunsch- und Trau­mer­fül­lung zu Eh­ren und auf dem Bu­ckel ei­nes to­ten Freun­des".

Von einem "dreistündigen Meyerhoff-Redeschwall" berichtet Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (3.5.2019). "Keine Frage: Kirchners Klebebücher sind toll; die Frage ist nur, ob ein Theaterabend die beste Präsentationsform dafür ist. Eine Ausstellung wäre denkbar, oder – noch besser – ein Bildband. Den sollte dann aber jemand herausgeben, der nicht doch lieber seine eigenen Tagebücher veröffentlicht."

 

 
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