Ein Fremder, ohne Frage

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 27. April 2019. Das waren noch Zeiten, als der augenrollende Ulrich Wildgruber in der Maske des Othello Eva Mattes über eine Wäscheleine hängte. Das Regietheater schien noch unbefleckt, der Titelheld oder vielmehr -unhold durfte noch so richtig ekelig sein, und Peter Zadek wurde gefeiert, weil er die Spießer aus dem Tempel, pardon: aus dem Theater vertrieb. Viele Erdrosselungen später wartet ein Publikum, das mit den aktuellen Debatten vertraut ist, gespannt darauf, was mit der schwarzen Schminke passieren wird, wenn Othello, mordbereit, seine Desdemona umarmt. Dass er ohne Wäscheleine auskommen muss, steht fest.

Motiv ersetzt

Aber ach, Itay Tiran, im wirklichen Leben ein Israeli, der seit der laufenden Spielzeit zum Stuttgarter Ensemble gehört, ist völlig ungeschminkt, ein zwar nicht alter, aber eindeutig weißer Mann. Erst als er Rache schwört für Desdemonas vermeintliche Untreue, schmiert er sich auf offener Bühne graue Schminke ins Gesicht. Also doch Blackfacing, oder dessen Parodie?

Der Intendant als Regisseur, Burkhard C. Kosminski, umgeht das Problem der Darstellung eines Schwarzen, indem er das Motiv des Rassismus durch das Motiv der Fremdenfeindlichkeit ersetzt. Othello bleibt der Fremde, der er bei Shakespeare ist, aber er ist es nun nicht mehr durch seine Hautfarbe. Kosminski geht den umgekehrten Weg, den Hans Henny Jahnn beschritten hat, als er aus Medea eine "N***in" machte. Damit wird die Konstruktion des Dramas sowohl erweitert wie um ihre Spezifik gebracht. Fremdenfeindlichkeit begegnet auch Medea, aber ihre Tragödie ist eine andere als die Othellos.

Othello 2 560 DavidBaltzer uDie Schlinge zieht sich zu, schlecht für die Held*innen, dass Jago diese Befragung unbeschadet übersteht: Itay Tiran (Othello), Matthias Leja (Jago), Katharina Hauter (Desdemona) © David Baltzer

Wie die Totalitarismusthese die Unterschiede zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus unterschlägt, so ignoriert Kosminskis Entscheidung den Unterschied zwischen Hooligans, die Asylantenunterkünfte anzünden, und dem Ku-Klux-Klan, der People of Color lyncht. Das kann man tun. Aber es eskamottiert das Besondere des Rassismus aus dem Stück. Wenn man das will – okay. Wenn es nur geschieht, um einer aktuellen Debatte – dem Blackfacing – zu entgehen, bleibt es fragwürdig. Es ist, als spielte man "Furcht und Elend des Dritten Reiches", ohne das Dritte Reich zu erwähnen, um das Wort "Jude" zu vermeiden. Peter Weiss hat in seiner "Ermittlung" tatsächlich darauf verzichtet. Er wollte die Verallgemeinerung. Othello ist in Shakespeares Venedig ebenso wenig ein Fremder, wie es die assimilierten Juden im Berlin oder im Wien der Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre waren. Nicht Xenophobie, sondern Rassismus richtete sich gegen den "Mohren" wie gegen die Juden.

"Der Fremde hat sie umgebracht"

Für Kosminskis Umdeutung ersetzt die modifizierte Übersetzung von Frank Günther das Wort "Mohr" durch den "Fremden", der sich nun insistierend durch den Text zieht. Als "Fremder" ist Othello auch durch seinen Akzent ausgewiesen. Das Bühnenbild von Florian Etti – eine kreisende weiße Wand mit zwei Türen, die als Fläche für Projektionen dient, unter vier hängenden weißen Quadraten, die sich absenken, wenn Othello von Desdemona das "Hochzeitstuch" einfordert – und die Kostüme von Ute Lindenberg definieren das Milieu unmissverständlich: Wir befinden uns in der Befehlszentrale der Marine. Die Geschichte spielt unter Militärs. Othello dirigiert Bilder vom Krieg zur Musik von Richard Wagner. Im Kasino singen die Offiziere besoffen amerikanische Schlager.

Othello 1 560 DavidBaltzer uDas Gröhlen alter, weißer Männer? © David Baltzer

Jago, der Intrigant, verkörpert von Matthias Leja, der sich zum Star des Stuttgarter Ensembles mausert, kneift seine Augen nicht zusammen, schleicht nicht über die Bühne, macht keinen Buckel. Eher gleicht er einem soldatischen Henry Fonda. Die Eifersucht, die er in die Brust seines Gegners pflanzt, kündigt sich bei Othello mit einer zitternden Hand an. Der Kommandoton, mit dem Othello Desdemona gegen Ende demütigt, entspricht der raschen Videocollage von Bildern aus dem Krieg in Syrien oder dem Irak und aus Guantanamo. So ist er halt, der Fremde und Soldat, wenn ihn erst einmal die Eifersucht gepackt hat? Wenn Desdemona dann vor dem erwartbaren Mord in ihrem Bett liegt, strömt von oben Blutregen auf sie herab. Emilia klagt: "Der Fremde hat sie umgebracht." Und Jago hat das letzte Wort. Auch er spricht noch einmal aus, was wir eigentlich schon längst begriffen haben: dass er den "Fremden" hasst.

Geist der Stunde

Das Testosteron, das die Kritik den Männern bei Michael Thalheimer anlässlich der "Othello"-Inszenierung am Berliner Ensemble unisono attestiert hat, spielt bei Kosminski keine Rolle. "Der Niedergang der Welt der alten, weißen Männer und die damit einhergehenden Verwerfungen sind ja nun mal ein Thema der Stunde", meinte Falk Schreiber vor 14 Tagen an dieser Stelle. Aber das Stück über die alten, weißen Männer und die mit ihnen einhergehenden Verwerfungen heißt "Agamemnon" und wurde vor knapp 2500 Jahren uraufgeführt. Auch der Klimawandel ist ein Thema der Stunde und der Brexit. Aber Shakespeares Tragödie vom Anfang des 17. Jahrhunderts hat mit dem einen ebenso wenig zu tun wie mit dem anderen.

Mit den Themen der Stunde dürften sich die zeitgenössischen Autorinnen und Autoren besser auskennen. Shakespeares "Othello" handelt bekanntlich von der (selbst)zerstörerischen Energie der Eifersucht, die im konkreten Fall produziert wird durch eine Intrige, bei der die Hautfarbe der Titelfigur, also Rassismus, eine Rolle spielt. Wenn man Othello seines Distinktionsmerkmals beraubt, dann mag das dem Geist der Stunde entsprechen, aber es zerstört die Logik des Stücks und nicht zuletzt seine tatsächlich aktuelle antirassistische Stoßrichtung: Ohne einen als andersartig wahrgenommenen Othello – sei der nun ein "Mohr" oder, wie die Forschung vorschlägt, ein "Maure", also ein nordafrikanischer Muslim – verliert sie, ebenso wie ein "Kaufmann von Venedig" ohne einen jüdischen Shylock, ihr Argument. Es läuft dann auf den fatalen Denkfehler von Max Frischs "Andorra" hinaus: Der Rassismus ist bloß deshalb verwerflich, weil der Jud gar kein Jud, der Mohr gar kein Mohr ist, sondern alle Menschen gleich (alte weiße Männer?) sind.

 

Othello
von William Shakespeare, Deutsch von Frank Günther
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüm: Ute Lindenberg, Video: Sebastian Pircher, Musik: Hans Platzgumer, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger.
Mit: Itay Tiran, Matthias Leja, Katharina Hauter, Elmar Roloff, Michael Stiller, Marietta Meguid, Peer Oscar Musinowski, Robert Rožić, Marco Massafra, Myriam Quintana Galleguillos, Harald Hald, Dirk Helbig, Tobias Holzner, Roland Möll, Stefan Reis, Olena Shvab, Martin Uhlirz.
Premiere am 27. April 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Das Packendste am packenden Stuttgarter 'Othello'", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (30.4.2019), "ist das Verwickeltwerden in eine Geschichte, die man bis zum Überdruss kennt und die sich hier ruhig und böse entfaltet wie beim ersten Mal." Ein so erzählerisches Theater gebe es nicht so oft, wie man meinen könnte. Othello sei bei Kosminski ein "Modellathlet und Gentleman", aber auch ein "glänzender Soldat"; Desdemona sei eine Frau "mit Entschlossenheit und eigener Geschichte." Fazit: "Eine Spur von Pathos hier und da, andererseits weint man selten über Othello und Desdemona, aber hier ist es möglich."

Kosminski finde eindrücklich Bilder dafür, was den Kritik heute ausmacht, findet Karin Gramling im SWR (29.4.2019, 8:47 Uhr). Der israelische Schauspieler Itay Tiran gebe den Fremden glaubwürdig und charmant, dirigiere aber auch einen scheinbar sauberen Krieg zur Musik. Dabei überdecke die "aktuelle Brisanz fast das Eifersuchtsdrama, um das es auch noch geht." Die Botschaft, dass Fremdenfeindlichkeit nur in einer Katastrophe enden könne, käme jedoch an beim Zuschauer.

Angesichts der grauen Gesichts-Bemalung des "fast blonden Recken" Itay Tiran fragt Bernd Noack auf Spiegel Online (online 28.4.2019, 12:21 Uhr) nach "Blackfacing", erkennt aber darauf, dass Regisseur Burkhard C. Kosminski mit den Argumenten und Hysterien in der Debatte um die "meist schwarz interpretierte Hautfarbe" Othellos "ironisch" spiele. Kosminski erzähle, dass der bessere, erfolgreichere Mann, den Neid der "etwas trägen Unklügeren" auf sich ziehe, dieser Neid sei "die Ursache für Antisemitismus und Rassismus". Itay Tiran ziehe mit einer Mischung aus James-Bond-Charme und Boygroup-Erotik" sowie "bemerkenswert nonchalanter Natürlichkeit die ganze Aufmerksamkeit auf sich". Videos mit Bildern von "Gewalt und Schönheit" zeigten, wie es indes im Kopf Othellos "zugehen mag". Das eigentliche Thema dieses "Publikum umjubelten Abends" liege in Jagos Wort: "Er mag ihn einfach nicht, den Fremden".

Nicole Golombek schreibt auf Stuttgarter Nachrichten.de (28.4.2019, 15:30 Uhr):  Das Stück diene dem Regisseur "vornehmlich" dazu, "Fremdenfeindlichkeit anzuprangern und Pazifismus zu predigen". Mit "Leidenschaft" und der "Faszination des Bösen" wolle er "nichts zu Schaffen" haben. "Gut für die politische Korrektheit, nicht so gut für die Dramatik". Jago zeige keine "Freude am Bösen", ein bloßer "Apparatschik mit krimineller Energie", kühl tue der "Fremdenfeind" sein Werk. Kosminski wolle die "tagespolitische Aktualität" des Stückes deutlich machen, "Ambivalenz ist da nicht vonnöten". Othello werde ein "Opfer von Fremdenfeindlichkeit und Opfer des Krieges". Aber Golombek sieht es kritisch, wenn Othello den Krieg aus der Kommandozentrale befehligt, in "pathetischen Bildern mit Einspielungen von klassischer Musik zu Kriegsvideos" oder das Blut in der Mordszene vom Bühnenhimmel tropft, "oft gesehen". Die zu Teilen "inszenatorisch ungenau" gearbeitete Inszenierung finde indes einen "starken, deprimierenden Schluss". Anders als es im Stück steht, "kommt der Böse ungeschoren davon".

Roland Müller schreibt in der Stuttgarter Zeitung (29.4.2019): Bei Kosminski werde Othello "jenseits aller Hautpigmentierung" zum "Fremden", womit sein Konzept über "bloße Political Correctness" hinausweise: "Um nämlich von der Mehrheitsgesellschaft ausgestoßen zu werden", müsse man "nicht mehr schwarz
sein". Da reichten auch "andere, nicht ganz so offensichtliche Abweichungen wie ein leicht fremdländischer Zungenschlag völlig aus. Othello leide, Filmbilder zeigten seine Alpträume, unter einer "posttraumatischen Belastungsstörung", ein "Psychowrack". "Geschickt" verwebe und aktualisiere Kosminski die drei Shakespeare-Ebenen von Diskriminierungs-,  Eifersuchts- und Soldatentragödie und mache aus dem Klassiker ein "zweistündiges Drama für Zeitgenossen: zugänglich, zupackend, politisch brisant und kurzweilig."

"Kosminski hat mit pädagogischem Eifer das Thema des Fremdenhasses unmissverständlich freigelegt", so Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (10.5.2019). Kühl und sachlich bleibe die Inszenierung. Matthias Leja spiele den Intriganten Jago so grandios höflich und kultiviert, dass es einen schaudern lasse.

 

 

 
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