Die Hälfte der Theaterwelt

Berlin, 30. April 2019. Ab 2020 wird es beim Berliner Theatertreffen für zwei Jahre eine Frauenquote von mindestens 50 Prozent bei den Regiesseur*innen der Zehner-Auswahl geben. Das gaben die Berliner Festspiele heute bei der Pressekonferenz zum Theatertreffen bekannt.

Zur Frauenquote verpflichtet hat sich die Jury des Theatertreffens für die Jahre 2020 und 2021. Regiekollektive werden dabei nach ihrer mehrheitlichen Zusammensetzung gewertet, so die Berliner Festspiele in einer Pressemitteilung.

Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens sagt dazu: "Ich möchte damit auf das drastische Missverhältnis zwischen Regisseurinnen und Regisseuren in der 10er Auswahl des Theatertreffens seit 1964 reagieren. Mit etwa 70 Prozent aller Inszenierungen dominieren immer noch männliche Regisseure die deutschsprachige Theaterlandschaft, das entspricht auch dem derzeitigen Geschlechterverhältnis von Regiepositionen in der 10er Auswahl des Theatertreffens 2019. Es wäre zu einfach, die Verantwortung für Veränderung in Fragen von Geschlechtergleichheit im Theater auf andere Institutionen oder Player abzuwälzen und zu warten, dass sich etwas bewegt. Reine Absichtserklärungen reichen da nicht mehr aus. Die Quote ist für mich mehr als eine Geste für Geschlechtergerechtigkeit, sie ist ein Werkzeug für einen generellen Strukturwandel."

(Berliner Festspiele / eph)

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Presseschau

Im Interview in der Süddeutschen Zeitung (2.5.2019) erklärt Yvonne Büdenhölzer, dass zwischen 1964, dem ersten Jahrgang des Festivals, und 2019 nur 11,7 Prozent der zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen von Regisseurinnen stammen. "Das ist ein Missverhältnis, das wir nicht fortsetzen wollen." Und: "Ich finde, dass es eine Aufgabe des Theatertreffens ist, Impulse zu setzen, und nicht nur, die bestehende Situation abzubilden. Ich erhoffe mir von dieser Quote auch, dass sie für Intendantinnen und Intendanten einen Anreiz setzt, Künstlerinnen und Künstler beider Geschlechter gleichermaßen zu fördern." Sie glaube nicht, dass die Regisseurinnen auf die Idee kommen, nicht wegen der Qualität ihrer Arbeit, sondern aus Quotengründen eingeladen zu werden. "Die Quote definitiv mehr als ein reines Symbol." Sie habe die Hoffnung, so Büdenhölzer, dass sich die Strukturen im Theater verändern, etwa bei der im Vergleich zu den männlichen Kollegen schlechteren Bezahlung für Regisseurinnen und Schauspielerinnen.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.5.2019) schreibt Simon Strauss: Das Theatertreffen versuche mit "gesellschaftspolitischen Zugeständnissen" von seiner "dramaturgischen Schwäche und formalen Konventionalität abzulenken".  Das Theater der Zukunft solle "nicht spannender, spielerischer, ideologiekritischer oder unabhängiger", sondern "strukturell vielfältig und geschlechtergerecht" werden. Es scheine, als habe Monika Grütters dem Theatertreffen aufgetragen, ihr zentrales Parteiprogramm umzusetzen. Strauss fragt, ob wir "eine solche Einflussnahme auf die Bewegungsfreiheit der Kunst" ebenso "gefällig" abnickten, wenn dieser Druck von " politisch weniger liebsamen Kräften " sprich: rechtsaußen käme. Alle Fragen der Kunst würden nun verdrängt werden durch die Quoten-Ankündigung, die zugleich auch die Auswahl der Jury entwerte, die ja offenbar mit "falschem Bewusstsein" getroffen worden sei.

Ulrich Seidler schreibt in der Berliner Zeitung (2.5.2019): "So prinzipiell" sei "die Maßnahme" ja gar nicht. Sie sei "erst einmal" auf zwei Jahre beschränkt. Vielleicht erweise sich das Instrument dann als "überflüssig". Vielleicht "sind dann mal andere dran". Auf jeden Fall werde die Jury gezwungen, "vorübergehend den Blick etwas zu verschieben. Mal sehen, was sie dabei entdeckt".

(sik / jnm)

 

 

 
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