Ficken im Puppenhaus - #HotelStrindberg in Notizheft-Tweets

von Berit Glanz

Berlin, 3. Mai 2019. Als ich angefragt wurde, ob ich aus der Perspektive einer Person, die nicht oft ins Theater geht, über die Premiereninszenierung des Theatertreffens berichten möchte, musste ich erstmal ein dunkles Geheimnis offenbaren:

Trotzdem bin ich die Richtige um aus Außenperspektive über das Theater zu schreiben, denn nach einer Dekade theaterfernem Leben hat sich mein Fokus nachhaltig verändert. Nun schreibe ich also mit dem Blick einer Rückkehrerin über das Theater, das mir einmal viel bedeutet hat und mittlerweile kaum noch eine Rolle in meinem Leben spielt. Dazu passt es, dass ich für diesen Theaterbesuch erstmal eine ewige Zugreise mit schlechter Internetverbindung durch Edge-Country absolvieren musste – klassisches Heimkehrerinnenmotiv.

Mir wurde auf Twitter glaubhaft versichert, dass das Live-Tweeten aus der Inszenierung ein tödlicher Affront ist und da ich nicht von einem Bühnenschwert durchbohrt werden wollte, habe ich die Pausen als Twitterpausen genutzt und während der Vorstellung mit dem Stift in mein Notizheft getweetet.

Hier nun also meine Gedanken zu Hotel Strindberg als Serie aus Tweets, von denen einige in der Pause versendet wurden, die Meisten jedoch unabgeschickt in meinem Notizheft stehen:

1. Vorhang geht hoch: Wow-Effekt. Das sieht gut aus. Ein Puppenhaus mit mehreren Stockwerken. Muss an Ibsen denken, den anderen großen Skandinavier.

2. Strindberg hat übrigens die emanzipative Entwicklung der Nora in Ibsens "Et dukkehjem" abgelehnt.

3. Erster Eindruck ist, dass mit den ganzen Technikreferenzen im Sprechtext Modernitätssignale für die ältere Generation gesetzt werden sollen.

4. Man benutzt zwar nicht wirklich moderne Technik auf der Bühne (Warum laufen in den Hotelzimmern die Fernseher?), aber die Figuren reden die ganze Zeit davon.

5. Wird etwas modern, indem man all die modernen Medien (FaceTime, Instagram, Tinder, You Name it... ) nennt, sie aber für die Handlung und Bühnengeschehen völlig irrelevant bleiben?

6. Technikreferenzen könnten auch eine Hommage an den technikbegeisterten Strindberg sein, der quasi als Early Adopter zahlreiche mediale Neuerungen in seine literarischen Texte einbaut.

7. Anfang Akt 1 gleich verstaubter Genderklischee-Alarm: Ehemänner, die auf die Hintern ihrer Frauen klatschen und die weibliche Figur kennt angeblich Pornhub nicht (Frauen gucken keine Pornos höhö ZwinkerZwonker).

HotelStrindberg2 560 ReinhardWerner uFiese Menschen im Hotel: "Hotel Strindberg" © Reinhard Werner

8. Hoffe sehr, dass es in Akt 2 nicht 80 Prozent der Zeit ums Ficken geht.

9. Also nichts gegen Ficken, aber das ist ja hier wie Bildungsbürgererotika, ständig Ficken, Ficken, Ficken, dann Midcult-Namedropping.

10. Im 2. Akt endlich richtiges Strindberg-Feeling: Hass, zerrüttete Beziehungen und Verzweiflung. Liebe als Kampf der Geschlechter.

11. Schauspieler*innen sind unglaublich gut und präsent auf der Bühne. Fühle mich zeitweilig von dem starken Spiel etwas überwältigt.

12. Klassische Strindberg-Themen der Frühphase: angezweifelte Vaterschaft, schlechte Mütter, Psychokrieg und Kampf der Gehirne.

13. Ich bin mir nicht sicher, ob die extreme Häufung schwieriger Themen Inzest, Pädophilie, Mord, versuchte Vergewaltigung, Stalking die Strindbergthemen nicht zu grell überzeichnet.

14. Streitszenen zwischen Caroline Peters und Martin Wuttke der reine Wahnsinn. Kann mir erstmalig vorstellen, dass es Spaß machen könnte Schauspielenden zwölf Stunden lang zuzuschauen.

15. Die drei Akte zeigen auch den Werkübergang bei Strindberg: Akt 1 und 2 lehnen sich an die naturalistischen Stücke an, dann wird im 3. Akt die Infernokrise des Schriftstellers und der Bruch zu Expressionismus und später Symbolismus nachempfunden. Das ist schlau gemacht.

16. Im dritten Akt dann der Weg der männlichen Protagonisten in den Wahnsinn, hier mischt sich Strindbergs Biographie mit Elementen früherer Stücke.

17. Gerade in Bezug auf die Frauenmordsequenz hätte ich mir mehr Feinfühligkeit, weniger Täterempathie als Inszenierungsstrategie gewünscht. Hier entsteht #himpathy auf der Bühne.

HotelStrindberg1 560 ReinhardWerner uLeere Räume, leere Herzen: "Hotel Strindberg" © Reinhard Werner

18. Unangenehm finde ich, dass durch die starke Mehrfachkodierung der Szenen und die relative Vagheit der Struktur sehr ambivalente Deutungen des Inhalts möglich sind.

19. Hier wird die Krise Männlichkeit verhandelt, der Lächerlichkeit preisgegeben, aber es schwingt immer auch die Frage im Raum, ob es zu weit geht mit den Anforderungen an Männer.

20. Das passt zu Strindberg, dessen Frauenhass ja auch ambivalent war, aber muss das in der Gegenwart so reproduziert werden?

21. Mein Eindruck nach dem Stück ist durchwachsen: tolles Bühnenbild, großartige Schauspieler.

22. Das Stück selbst spielt erfolgreich mit Strindbergs Werk und Biographie, teilweise finde ich die Sprache gestelzt und einige Szenen viel zu langatmig.

23. Nachdenken muss ich darüber, ob diese Inszenierung erfolgreich den Themenkomplex #MeToo aufgegriffen hat, inwieweit Strindberg als Stichwortgeber dazu überhaupt geeignet ist und ob nicht ungewollt reaktionäre Muster und Klischees in das Stück gelangt sind. Weiter über diese Frage nachdenken und das Gespräch suchen werde ich auf Twitter.

 

Hotel Strindberg
von Simon Stone, nach August Strindberg
Regie: Simon Stone, Bühne und Kostüme: Alice Babidge, Licht: Michael Hofer, Dramaturgie: Klaus Missbach, Musik: Bernhard Moshammer
Mit: Franziska Hackl, Barbara Horvath, Roland Koch, Caroline Peters, Max Rothbart, Michael Wächter, Martin Wuttke, Simon Zagermann, Aenne Schwarz
Koproduktion von Burgtheater Wien und Theater Basel
Dauer: 4 Stunden 45 Minuten, zwei Pausen
www.burgtheater.at

Berit Glanz quer 280 privatBerit Glanz, geboren 1982 in Preetz, studierte in München, Stockholm und Reykjavík und lebt in Greifswald, wo sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Skandinavische Literaturen arbeitet. Neben der Uni bloggt sie bei www.54Books.de und schreibt Prosa und Lyrik, ihr Debütroman "Pixeltänzer" erscheint Ende Juli 2019 bei Schöffling. www.beritglanz.de

 

In der Reihe Das Theatertreffen 2019 von außen betrachtet hat nachtkritik.de Expert*innen von Disziplinen außerhalb des Theaterbetriebs gebeten, die Berliner Festivalgastspiele zu begutachten. Aus frei gewähltem Blickwinkel, ohne formale oder inhaltliche Vorgaben. Zu allen Einladungen finden sich auch Nachtkritiken, die bereits zur Premiere der Produktionen entstanden. 

Die Nachtkritik zur Uraufführung von Hotel Strindberg im Burgtheater gibt es hier.

Zur Festivalübersicht des Berliner Theatertreffens 2019 geht es hier entlang.

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Hotel Strindberg, tt19: ojeTwitscher 2019-05-05 00:06
oje. diese hingetupften twitter splitter sollen jetzt eine Auseinandersetzung mit der Inszenierung ersetzen?
Ist Twitter, egal ob gezwitschert oder old school in ein Notizbuch geschrieben, jetzt das neue Was-mir-während-des-Abends-Alles-durch-die-Rübe-gerauscht-ist?
"Und das Gespräch suchen werde ich auf Twitter" - ist das euer oder Berits Ernst? Hat auf Twitter schonmal irgend jemand ein GESPRÄCH GESUCHT? IchBinKeinRoboter.
#2 Hotel Strindberg, tt19: Kerr gelesen?IchRoboter 2019-05-05 10:41
@1 Das ist ein sehr interessanter Thesenkatalog, den Berit Glanz hier zur Inzenierung formuliert hat. So ist übrigens schon Alfred Kerr vorgegangen. Aber das können Sie natürlich nicht wissen. Oder wollen es nicht. Es ist halt manchmal schneller kommentiert als nachgedacht: wenn erst mal die Rübe mit dem Rauschen beginnt.
#3 Hotel Strindberg, tt19: GroßartigKai Festersen 2019-05-05 12:09
(keine weiteren Worte notwendig)
#4 Hotel Strindberg, tt19: TextsortenwirrwarrBerit Glanz 2019-05-05 14:08
Natürlich soll dieser Text keine ausführliche Theaterkritik ersetzen. Gefordert und angedacht war ein anderer Zugang zu Inszenierung als eine klassische Theaterkritik. (Zu dieser Inszenierung gibt es ja auch schon zahlreiche Kritiken).
Hätte ich eine Kritik verfasst, hätte ich mich an den Überlegungen aus Punkt 18-20 und 23 aufgehangen, die Inszenierung in den Kontext der Emanzipationsdebatten und Feminismuskontroversen in Skandinavien des späten 19. Jahrhunderts gestellt, die Strindberg stark geprägt haben (Stichwort: Handschuhfehde). Dann hätte man schauen müssen, ob diese Re-Kontextualisierung von Strindbergs Themen in eine 140 Jahre später stattfindende Feminismusdebatte funktioniert oder nicht.
Zu den weiterführenden Gesprächen auf Twitter: Die finden tatsächlich gerade statt sowohl zu den einzelnen Punkten als auch zu der Frage, wie meine Überlegungen im Verhältnis zur klassischen Theaterkritik stehen.
#5 Hotel Strindberg, tt19: mehr davonSich Fragender 2019-05-05 14:29
Ganz wunderbar - bitte, ich möchte mehr so Kritiken lesen, in denen die Autoren nicht ihre Gedanken am Ende neu anordnen, um sie in eine Form zu bringen, sondern so die Einzelbeobachtungen viel stärker und ambivalenter - und viel aussagekräftiger sind!
#6 Hotel Strindberg, tt19: Neue KritikGrunow, P. 2019-05-05 15:20
Ganz wunderbar. Das ist eine großartige Idee, Berit Ganz schreiben und berichten zu lassen und ich habe extrem viel mitgenommen, von dieser kontinuierlich-sich-fortschreibenden Gedanken- und Erlebnisberichtskette. Das ist viel dichter und klüger, als die meisten Kritiken. Fragen zu stellen oder sich Fragende Kritiker sind ohnehin viel interessanter als die Antwortenden? Ich fand die Arbeit "Hotel Strindberg" ein Blendwerk. Sieht sehr gut aus, hört sich auch irgendwie klug an aber am Ende, wenn Ichs recht bedenke, kommt doch ein zäher Gedankenklumpen zum Vorschein und ich wittere, dass der Autor viel Angst um seine Männlichkeit hat, viel Angst, dass Frauen jetzt dieselbe Position beanspruchen und auch noch bekommen.
#7 Hotel Strindberg, tt19: bitte nicht!Sich Wundernde 2019-05-05 20:34
@5 nein, ganz und gar nicht! Ich will so ein Geschreibsel nicht lesen und auch nicht mit dem Unsinn hier konfrontiert werden. Das ist albern, banal und komplett niveaulos. Nachtkritikunwürdig.
#8 Hotel Strindberg, tt19: mehr als viele andere KritikenSich Freuende 2019-05-06 13:44
"18. Unangenehm finde ich, dass durch die starke Mehrfachkodierung der Szenen und die relative Vagheit der Struktur sehr ambivalente Deutungen des Inhalts möglich sind."

Ist das banal??

Hier schreibt offensichtlich jemand, der sich sowohl mit dem literarischen Werk Strindbergs auseinandergesetzt hat, als auch mit einem gesellschaftspolitisch wachen Blick in dieser Inszenierung saß. Mich interessiert das sehr! Insbesondere, da die Analyse den Sprung von der ästhetischen Erfahrung zum gesellschaftlichen Diskurs schafft, während andere Kritiken für meinen Geschmack zu häufig in der Analyse von ästhetischen Mitteln und im Kontext Theaterszene hängen bleiben.
#9 Hotel Strindberg, tt19: Fernsehdramaturgie?Sich Wundernde 2019-05-06 14:57
@8 ja, ist es. Die Autorin sagt uns damit, dass sie Szenen, die vielschichtig angelegt sind, unangenehm empfindet. Sie hätte also gerne eine Fernsehdramaturgie, in der jede Form des Selberdenkens unerwünscht ist. Wenn das für Sie bereits ein "gesellschaftlicher Diskurs" ist, wundert mich Ihre Begeisterung für das Geschreibsel kein bisschen.
#10 Hotel Strindberg, tt19: QualitätSich Freuende 2019-05-06 23:02
Ich lese: sie sagt uns, dass Sie Unentschlossenheit als unangenehm empfindet, im Zusammenhang mit einem Thema, das vielleicht einen klareren Standpunkt erfordert. Ich sage vielleicht, weil vielleicht Ambivalenz auch eine Qualität von Kunst sein kann. Im Hinblick auf den "gesellschaftlichen Diskurs" der Metoo-Debatte fragt sich Berit Glanz aber, "ob nicht ungewollt reaktionäre Muster und Klischees in das Stück gelangt sind". Daraus folgt die Frage: "Muss das in der Gegenwart so reproduziert werden?" Und: Wie schafft das Theater es, auf der Höhe seiner Zeit zu bleiben? Welche Texte lassen sich uminterpretieren, und welche sind einfach nicht mehr zeitgemäß?

Ich denke übrigens auch, dass es ein Trugschluss ist, dass klare Haltung das Selberdenken verhindert. Dagegen kann man sich wehren, absetzen, damit muss man sich beschäftigen. Sicherheitsdramaturgien, in denen alle Standpunkte nur ein bisschen thematisiert werden, simulieren zwar Dialektik, hinterlassen aber auch keine Notwendigkeit zum Selbstdenken.

Naja, für mich ist das jedenfalls nicht banal. Aber ich höre jetzt auch auf mit meinem Geschreibsel und suche das konstruktive Gespräch doch lieber auf Twitter.

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