Die Invasion der Plastikbabys

von Gerhard Preußer

Recklinghausen, 4. Mai 2019. Wie macht man aus einem rassistischen Roman eine anti-rassistische Theateraufführung? Die Aufgabe ist schwer, weil doppelt: die politische Tendenz umkehren und die Erzählung in ein Bühnengeschehen verwandeln. Die Lösung kann nur sein, das eine mit dem anderen zu erreichen. Die ästhetische Form muss den politischen Inhalt verkehren.

Alle Register der verbalen Ekelerregung werden gezogen

Das versucht Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung von Jean Raspails "Das Heerlager der Heiligen" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, die später ans koproduzierende Schauspiel Frankfurt weiterwandert. Raspails Roman von 1973 war prophetisch. Er geht davon aus, dass in einer nahen Zukunft eine Million ausgemergelter Inder sich mit Schiffen auf die Fahrt nach Frankreich begeben, von dort aus das Abendland überfluten und ins Chaos stürzen. Die Kritik dieser Dystopie richtet sich gegen den verweichlichten Westen, der keinen Funken Selbsterhaltungstrieb mehr hat, der es nicht wagt, sich gegen die Migrationsströme militärisch zu verteidigen, gegen die Feigheit der "weißen Rasse" vor den dunkelhäutigen "Schwachen". Zur Abwertung der Migranten werden alle Register der verbalen Ekelerregung gezogen. Ihr Anführer ist ein Kotkneter, die Flotte stinkt zum Himmel. Seit 2015 wurde der lange vergessene, literarisch bedeutungslose Roman, der vor allem aus ellenlangen Tiraden schablonenhafter Charaktere besteht, zum Kultbuch der neuen Rechten, zur Veranschaulichung der rechten Verschwörungstheorie vom Plan des "Bevölkerungsaustauschs" (Renaud Camus) Europas. Und sicher auch zum Anstoß für Houellebecqs Bestseller "Unterwerfung".

Das Heerlager der Heiligen 560 robert schittko uNoch ist das Abendland nicht verloren © Robert Schittko

Ein üppiges Mahl mit Wein, kalten Platten und Ziegenkäse, genossen an einer langen Tafel aus altem Eichenholz hinter einer altehrwürdigen, eisenbeschlagenen Tür – das ist das Abendland, das dekadente. So beginnt die Inszenierung mit einem Bild abendländischer Gesittung. Drei Herren im Smoking und zwei Damen in schwarzen Hosenanzügen bei einer der Spitzenleistungen der europäischen Kultur, einem französischen Essen vor einem riesigen flackernden künstlichen Kamin (Bühne: Thilo Reuther). Zum Schluss aber ist der Tisch leergefegt, die französischen Gourmets halb nackt, und die Bühne geflutet mit kleinen Plastikbabies. Gegen die hilft auch kein Geballere aus Jagdflinten.

Damit ich leben kann in meiner Scheiße

Dazwischen löst sich die Abendgesellschaft immer weiter auf unter der fortwährenden Rezitation Raspailscher Sentenzen. "Am Anfang einer neuen Ordnung muss immer ein anständiger Bürgerkrieg stehen." Ein abendländischer Herr macht sich in die Hosen und wird freundlich von den andere abgetupft. Auf einem Fernsehbildschirm erscheint das passende Zitat aus Heiner Müllers "Hamletmaschine": "Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich leben kann in meiner Scheiße."

Die Handlung des Romans – die Annäherung der Flotte der Armutsflüchtlinge, die Versuche, sie zurückzuhalten oder zu vernichten, ihre Landung in Südfrankreich und die daraus resultierende chaotische Revolte – wird nur in Bruchstücken deutlich und ohne Kenntnis des Romans kaum verständlich. Gelegentlich werden einige Ereignisse szenisch angedeutet wie der Kampf eines Obersten der Armee mit einem Aufständischen.

Die Festung Europa steht

Andererseits ist die Inszenierung durchzogen von aktualisierenden optischen und verbalen Verweisen: Man hört Sätze aus Helmut Schmidts Interview über die Bevölkerungsexplosion, sieht noch einmal das Bild vom ertrunkenen Flüchtlingskind am Strand von Bodrum. Serge Lamas trauriges Chanson Je ne rêve plus, je suis malade wird live gesungen und Videos von der brennenden Kathedrale Nôtre Dame in Paris flackern vorüber. So kann nie der Gedanke aufkommen, die Inszenierung identifiziere sich mit Raspails Rassismus.

Das Heerlager der Heiligen 560a robert schittko uSchon aber befindet sich alles in Auflösung © Robert Schittko

Aber in der Kritik an der Heuchelei, zwar öffentlich unsere moralische Gutgesinntheit zu pflegen, aber doch privat nicht bereit zu sein zu teilen, gibt es Übereinstimmungen mit Raspail. So schmuggelt Schmidt-Rahmer, der unabhängig von der deutschen Buchausgabe im neurechten Antaios-Verlag eine eigene Übersetzung und Bühnenfassung erstellt hat, auch seine eigene Auffassung in den Text: "Schießen oder Teilen", das ist die Alternative, sagt eine Figur, die andere antwortet: "Das Schießen, das machen doch die anderen für uns, weit draußen. Die Festung Europa steht." Der Westen ist nicht verweichlicht, er versteckt nur seine Härte. Der Westen ist nicht bereit, die wirklichen ökologischen und ökonomischen Kosten seines Wohlstandes zu tragen und lagert sie in den Süden aus.

Diese Botschaft wird erkennbar. Aber die Bedeutungsschichten von abstrahierender Bühnenaktion, raspailschem Text und aktualisierenden Einschüben gedanklich zu isolieren und dann zu rekombinieren überfordert das Publikum. Die ästhetische Form verkehrt nicht nur den politischen Inhalt, sie überwuchert ihn.

 

Das Heerlager der Heiligen
nach dem französischen Roman von Jean Raspail "Le Camp des Saints“ in der Edition Robert Laffont, übersetzt und für die Bühne bearbeitet von Hermann Schmidt-Rahmer und Marion Tiedtke
Regie: Hermann Schmidt-Rahmer, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Dramaturgie: Marion Tiedtke.
Mit: Katharina Bach, Daniel Christensen, Stefan Graf, Michael Schütz, Xenia Snagowski, Andreas Vögler.
Koproduktion der Ruhrfestspiele 2019 mit dem Schauspiel Frankfurt
Premiere am 4. Mai 2019 bei den Ruhrfestspielen
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Stefan Keim schreibt auf der Seite von Deutschlandfunk Kultur (4.5.2019): Hermann Schmidt-Rahmer und Dramaturgin Maron Tiedtke konzentrierten sich auf die Frage, "wie rechtsradikale Gedankenwelten entstehen". Jean Raspails Roman sei keine "realitätsnahe Satire", sondern eine "triebgesteuerte Fantasie, politisch unkorrekt und oft geschmacklos". Die Inszenierung zeige "klar und analytisch", warum Diskussionen mit Rechtspopulisten so schwierig seien. Das "kraftvolle Ensemble" des koproduzierenden Schauspiel Frankfurt erspiele durch "starke körperliche Präsenz" immer wieder Momente, in denen etwas von "der Verführungskraft einer Gemeinschaft" zu spüren sei. Eine der "bisher überzeugendsten Annäherungen des Theaters an das Denken und Fühlen der radikalen Rechten". Und der erste "künstlerische Höhepunkt" der Ruhrfestspiele.

Simon Strauss scheibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.5.2019): Mit seinem "zynisch-parodistischen Tonfall" und seinen "brachialen Untergangsphantasien" treffe Raspails Roman einen "empfindlichen Nerv unserer moralisch sensiblen Gesellschaft". Die Erzählung werde von der "heimlichen Sehnsucht nach bewaffnetem Widerstand und wahrem Volksempfinden" begleitet. Den Text auf der Bühne "vorgesprochen und angespielt zu bekommen", stelle die Geduld auf "eine harte Probe". Bei der Furcht vor einer "weltweiten Bevölkerungsexplosion und der präzisen Beschreibung westlicher Heuchelei" gebe Schmidt-Rahmer seinem Autor "allerdings durchaus recht". Herausgekommen sei aber nicht viel mehr als "eine Gespenstertafelrunde in kerzenbeschienenem 'Prinz Eisenherz'-Ambiente mit Kruzifix am Kamin, nachgemachter Eichentür und auf Schwertern gespießten Grillhähnchen". Das Ensemble hampele hilflos mit "Suppenlöffeln, Wasserkrügen und Babypuppen" herum. Von "Rasse" werde vorsorglich "so wenig wie möglich gesprochen". Zusammen mit der "harmlos gruftigen Bildsprache" werde "das Skandalöse des Textes" nivelliert und in einen gemeingültigen Bühnenklamauk eingepasst.

Dorothee Krings schreibt in der Rheinischen Post aus Düsseldorf (online 5.5.2019, 16:25 Uhr): Raspails Roman sei eine "apokalyptisch gewendete Abschottungsfantasie". Einen solchen Text auf die Bühne zu bringen, zeuge "vom Vertrauen in die Reflexionsfähigkeit der Zuschauer". Schmidt-Rahmer breche die "rassistisch-nationalistischen Thesen", indem er eine "gewaltbereite Jagdgesellschaft in der Festung ihres Denkens" zeige. Dem Zuschauer bleibe es überlassen, auf die "teils krassen Überlegungen", die auf der Bühne "ausgesprochen" würden, "eigene Erwiderungen" zu finden. Zugleich versuche Schmidt-Rahmer herauszustellen, was "die Gegenwart tatsächlich trifft": Etwa jene Menschen, die angesichts von "Überbevölkerung und Massenverelendung", hier und da ein "gutes Werk" täten, ihren Lebensstandard jedoch nicht in Frage stellten. Wenn im Hintergrund der Bühne das "rötlich gefärbte Mittelmeer" woge, erinnere das daran, dass Europa nicht wehrlos sei, wie Raspail fantasiere, sondern längst die Abschottung gewählt habe, die Menschen das Leben koste, derweil die "Bekämpfung der Fluchtursachen" zur Hohlformel verkommen sei.

Nicht selten verliere sich die Inszenierung in krassen Bildern und effektreichen Schlaglichtern, so Martina Möller in den Ruhrnachrichten (6.5.2019). Die Schauspieler "müssen als Zerrbilder für eine unmenschliche Gesellschaft herhalten, werden auf unterschiedliche Weise zu widerwrätigen Fratzen und bemitleidenswerten Kreaturen stilisert". Dass viele Effekte bis zur Erschöpfung ausgereizt werden, mache den Abend eindringlich, sei aber auch seine Schwäche.

"Schmidt-Rahmer präsentiert die letzten Stunden des Abendlandes als plakative Ekel-Show, durchdekliniert als Clinch zwischen Konservativen und Linksliberalen, die ihre Ansprachen sogar in Smartphones posaunen dürfen", findet Benjamin Trilling in der taz (6.5.2019). Wirklich ausgegoren sei diese Adaption nicht, oft setze sie eine Lektüre der komplexen Romanvorlage voraus. Um die überladenden Schiffe der Geflüchteten nach Europa szenisch zu übersetzen, behelfe sich Schmidt-Rahmer "mit einer albernen Symbolik, zum Beispiel von etlichen Pastikbabys". Wie viele bewährte Register aus dem Regie-Repertoire an diesem Abend auch gezogen würden, so glinge doch keine Befreiung von Raspails Entweder-Oder: "gutmenschliches Teilen oder realpolitisches Schießen".

"Schon mutig, diesen Text als Eröffnung der Ruhrfestspiele Recklinghausen auf einer Bühne zu inszenieren", meint Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung (7.5.2019). "Und unbedingt legitim." Schließlich seien viele Linke oder Bürgerlich-Gemäßigte cleveren Rechten schon insofern unterlegen, als sie deren Grundlagentexte nicht kennen. "Schade nur, dass die Inszenierung selbst so holzschnittartig mit dem Texttableau umgeht." Die Schmidt- und Müller-Zitate zeigten einerseits die unmittelbare Anschlussfähigkeit dieses Textes, führten andererseits aber dazu, den aufklärerisch-textkritischen Impuls ohne Not zu verwässern.

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