Trinkröhrchen, Slipeinlagen, Dschihad

von Falk Schreiber

Berlin, 4. Mai 2019. Und wenn der Rohstoff einen Plan verfolgen würde? "Was, wenn das Öl etwas will?", fragt Lajos Talamonti verhältnismäßig früh in "Schwarze Ernte", der jüngsten Recherche von Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura, die sich diesmal mit den Verflechtungen von internationaler Wirtschaft und islamischem Fundamentalismus am Beispiel Saudi-Arabiens auseinandersetzt. Talamonti jedenfalls ahnt, um was für einen Plan es gehen könnte: Vielleicht will sich die Natur der Menschheit entledigen und hat deswegen Öl im arabischen Wüstensand versteckt. Ein mythischer Gedanke, der überhaupt nicht passt zum trockenen, analytischen Theater, für das Kroesinger und Dura bekannt sind. Und der gerade deswegen eine beunruhigende Kraft entwickelt.

Plastik und Terrorexport

Denn inhaltlich ist da ja was dran. "Trinkröhrchen, Paracetamol, Slipeinlagen", zählen Claudia Splitt und Rashidah Aljunied auf der Bühne des Berliner HAU diverse Nebenprodukte der Erdölindustrie auf, also eigentlich alles, das etwas mit Plastik zu tun hat, und schon weil Plastik gerade nicht den besten Ruf hat, könnte man, ganz abgesehen von der Klimakatastrophe denken, dass Erdöl nicht nur ein Segen ist. Und dann nennt Oscar Olivo auch noch ein weiteres Produkt, dessen Produktion untrennbar verbunden ist mit Erdöl: "Dschihad."

SchwarzeErnte 560a DavidBaltzer uEine Welt aus Öl  © David Baltzer

Saudi-Arabien ist der weltweit größte Exporteur von Erdöl, ein riesiger Wüstenstaat, der durch seine Ölindustrie unermesslich reich wurde. Eine gnadenlose Diktatur zwar, die aber wegen der mit diesem Reichtum erkauften üppigen Sozialleistungen zumindest nach innen stabil wirkt. Und: Saudi-Arabien ist auch weltweit größter Exporteur eines extrem konservativen Islams in der hier gepflegten Ausprägung des Wahhabismus. Ein Großteil des islamistisch motivierten Terrors jüngerer Zeit ist wahhabitisch beeinflusst, dass die saudische Elite dabei selbst ihre Probleme mit Fundamentalismus hat, tut dem keinen Abbruch: Tatsächlich exportierte die Regierung zuletzt Extremisten, nach Afghanistan, Syrien, Bosnien und neutralisierte so einen potenziellen Unruheherd im Land.

Die Familie ist ein Staat

Das eingespielte Dokumentartheaterteam Kroesinger / Dura beschreibt diese Gemengelage, indem es die Geschichte des Landes nacherzählt: Wie sich die provinzielle Herrscherdynastie Al-Saud im 18. Jahrhundert mit dem radikalen Prediger Al-Wahhab verbündete, um so die riesige Wüstenregion zu einen. Wie das Land in den 1930ern quasi als Privatbesitz der Familie Al-Saud unabhängig wurde, wie Erdöl entdeckt wurde und wie sich die US-Firma Aramco (Arabian American Oil Company) im Land etablierte. Wie sich Saudi-Arabien immer enger an die USA band, wie im Gegenzug zu den wirtschaftlichen Vorteilen der Amerikaner die Macht der Al-Sauds zementiert wurde, gemeinsam mit dem konservativen Wahhabismus. Und wie das Land nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 zur lokalen Großmacht aufstieg und Aramco 1988 verstaatlichte, als Wirtschaftsunternehmen Saudi Aramco, das untrennbar mit dem Staat verbunden ist. Der Staat ist eine Familie ist ein Unternehmen ist ein Glaubenssystem ist ein Staat – weltweit dürfte diese gegenseitige Durchdringung einmalig sein.

SchwarzeErnte 560 DavidBaltzer uStatt schwarz, trag Rot, denn Rot ist (nicht nur) die Farbe der Liebe ..."  © David Baltzer Als Theater gibt diese Recherche einiges her. Das Darstellerquartett travestiert ein typisch globalkapitalistisches Motivationsvideo, das internationale High Performer in die Wüstendiktatur locken soll, Olivo fällt seinen Kollegen immer wieder ins Wort und erinnert zaghaft daran, dass im Ölparadies aus 1001. Nacht Menschenrechte keinen guten Stand haben, und dass Mattef Kuhlmey immer wieder zur Gitarre greift, um Erbauliches zu klampfen, "Seasons in the Sun" hier, "Paint it black" dort, ist zwar ein wenig überdeutlich, aber wenn zu letzterem Song eine ölige Masse die Bühne (Friederike Meisel) überschwemmt, dann ergibt das ein starkes Bild.

Nicken von rechts?

Nur: Was formal beeindruckt, ist inhaltlich nicht mehr als die Bebilderung von längst Bekanntem. Dass die Verflechtung von saudischem Königshaus und US-Wirtschaft im Nahen Osten immer aufs Neue eine fatale Gewalt-Religion-Dynamik initiiert, ist mehr oder weniger Allgemeinwissen, schlimmer noch: Es ist ein zentraler Gedanke von Verschwörungstheorien, die gleichermaßen im Wirken der USA und im Islam die beiden schlimmsten Übel der Gegenwart sehen. Passend dazu füllt sich die Rückwand der Bühne im Laufe des Abends mit Schlüsselbegriffen: "Öl", "Blut", "Neom" (eine Planstadt, die der amtierende Herrscher in die Wüste bauen lässt), und dann eben auch polemisch Überspitztes wie "Europalsaud".

Man will Kroesinger und Dura nichts unterstellen, die Beschäftigung mit der Blut-Öl-Historie Saudi-Arabiens lässt einen tatsächlich erschauern. Aber wo die Recherche polemischem Antiamerikanismus weicht, da dürfte auch die AfD zustimmend nicken. Und plötzlich denkt man, dass der Mythos zwar dem Theater gut tut, aber: Die nüchterne Analyse hatte auch ihren Wert.

 

Schwarze Ernte
von Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura
Text / Konzept: Regine Dura, Regie: Hans-Werner Kroesinger, Ausstattung: Friederike Meisel, Musik / Komposition: Mattef Kuhlmey.
Mit: Claudia Splitt, Rashidah Aljunied, Lajos Talamonti, Oscar Olivo.
Uraufführung am 4. Mai 2019
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

 

Kritikenrundschau

Patrick Wildermann schreibt im Berliner Tagesspiegel (online 6.5.2019, 11:29 Uhr): Der "gewohnt gründlich recherchierte, klug verdichtete und an historischen Querverweisen übersprudelnde Text von Regine Dura" setze an dem "neuralgischen Punkt der westlichen Abhängigkeit" vom Öl an. Beim Pakt zwischen den USA und Saudi-Arabien, Öl für die Amerikaner, dafür ließen die den Glauben der Saudis "in Ruhe". Kroesingers Ensemble arbeite sich "mit hoher Prägnanz" durch die "Kapitel einer Geschichte der schmutzigen Hände".

Inhaltlich bleibt der Abend aus Sicht von Eberhard Spreng un der Sendung "Kultur heute" vom Deutschlandfunk (6.5.2019) bei der zentralen Frage merkwürdig unklar, "wie der internationale Terrorismus nun genau mit der Herrschaft einer menschenreichen Dynastie zusammenhängt. Deren Kronprinz Mohammed bin Salman behauptet von sich, den Terror zu bekämpfen. Wer aus der Königsfamilie steckt denn nun seine Petrodollars in die Terrorfinanzierung? Eine präzise Fallstudie zu dieser Frage hätte man sich gewünscht. So bleibt es ein performativer Dokumentartheater-Abend, bei dem man sich ständig fragt, wann denn nun außer Wikipedia-Wissen endlich ein weitergehender Erkenntnisgewinn kommt."

"Starke Bilder", sah Inga Dreyer von der taz (10.5.2019). "Der stimmige Rhythmus, die Präsenz der Schauspieler und Schauspielerinnen, die atmosphärische bis treibende Musik und eine Portion Situationskomik sorgen dafür, dass die Informationsflut nicht ermüdend wirkt." Sie schließt: "Das Stück mag manchen Zuschauern und Zuschauerinnen zu plakativ erscheinen. Aber gerade bei diesem Thema erscheint die Direktheit nicht nur erfrischend, sondern notwendig."

 

 
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