Das Schlachtfeld ist hier!

von Heidemarie Klabacher

Salzburg, 11. Mai 2019. "Unwillkommene Tatbestände sind von einer unbeweglichen Hartnäckigkeit, die durch nichts außer der glatten Lüge erschüttert werden kann", sagt die Philosophin Hannah Arendt. Der unwillkommene Tatbestand in Ibsens "Ein Volksfeind" wie auch jetzt in Amélie Niermeyers Salzburger Fassung "Eine Volksfeindin" ist Gift im Thermalwasser des aufstrebenden Kurorts. Sanierungskosten in Millionenhöhe, Imageverlust und wirtschaftlicher Niedergang des gerade erblühenden Gemeinwesens drohen.

Ausgewogenes Geschlechterverhältnis?

Dr. Thomas Stockmann, Badearzt, Ehemann und Vater einer erwachsenen Tochter und zweier halbwüchsiger Söhne in Ibsens Original, und in Salzburg jetzt auch Dr. Katrine Stockmann, Badeärztin und alleinerziehende Mutter einer erwachsenen Tochter, glauben tatsächlich, ihrer Stadt einen Gefallen zu tun, wenn sie nachweisen, dass das erst jüngst in einem Heilbad entdeckte Thermalwasser hochgradig verseucht ist. Gegenspieler ist Bürgermeister Peter Stockmann, der ältere Bruder. Ihm ist von Appell über Einschüchterung bis hin zur Existenzvernichtung jedes Mittel recht, den Störenfried zum Schweigen zu bringen und den "unwillkommenen Tatbestand" durch Leugnung aus der Welt zu schaffen.

EineVolksfeindin1 560 Anna Maria Loeffelberger uFrau Dr. Stockmann (Juliane Köhler) und der Moderator der Talk-Show-Bürgerversammlung (Thomas Huber) © Anna-Maria Löffelberger

"Die einschneidendste Veränderung am originalen Stücktext" sei "die Umwandlung des Protagonisten Dr. Stockmann von einem patriarchalen Familienvater mit ergebener Ehefrau und drei Kindern zu einer alleinerziehenden Mutter mit nur einer erwachsenen Tochter", so der Dramaturg Frank Max Müller zur "Salzburger Fassung". Die Bearbeitung sorge für ein "ausgewogenes Geschlechterverhältnis". Dass manche Männer manche Frauen nicht ausreden oder am liebsten gar nicht erst zu Wort kommen lassen, ist allerdings eine gar dürftige frauenpolitische Erkenntnis. Dem problematischen Charakter Stockmanns, der/die sich immerhin zur Aussage versteigt "Ausgerottet wie Ungeziefer gehören alle, die der Lüge leben", gewinnt die Darstellung durch eine Frau keine zusätzlichen Facetten ab. Tatsächlich gehen durch radikale Striche besonders im vierten Akt viele Facetten dieser zwischen reinem Toren und gewaltbereitem Kohlhaas reizvoll changierenden Figur verloren.

Schauspielerische Höhepunkte

Das Salzburger Publikum gewinnt dennoch – und zwar durch das Gastspiel von Juliane Köhler als Badeärztin und Kämpferin gegen unmoralische Profitgier. Die Film- und Fernsehschauspielerin, bekannt etwa durch Filme wie "Aimée und Jaguar", Oliver Hirschbiegels Oscar-nominiertem Film "Der Untergang" oder Caroline Links Oscar-prämiertem Film "Nirgendwo in Afrika" arbeitet immer wieder mit Regisseurin Amélie Niermeyer zusammen. Köhlers leise wie laute Einlassungen sind die schauspielerischen Höhepunkte der Produktion. Auswandern? In die USA? "Da will doch keiner mehr hin. Ich mache weiter. Das Schlachtfeld ist hier." Leider zwingt die Stückfassung Katrine Stockmann dazu, den Gang vor Gericht anzukündigen. Zu gerne hätte man diese grandiose Darstellerin sich am grotesk-tragischen Wahn des/der "echten" Stockmann abarbeiten sehen. So bleibt statt messianischem Wahnsinn nur die trostlose Aussicht auf endlosen Instanzenweg.

EineVolksfeindin2 560 Anna Maria Loeffelberger uBilling (Marco Dott), Britta Bayer (Aslaksen), Max Koch (Hovstadt) und Dr. Stockmann ( Juliane Köhler) © Anna-Maria Löffelberger

Unterhaltsam ist der vierte Akt, die große Bürgerversammlung an deren Ende Stockmann zur Volksfeindin erklärt wird, als Fernseh-Talk Show. Auf Ibsen wird hier verzichtet. Thomas Huber vom Münchner Residenztheater, der maßgeblich den Text dieses Aktes trägt, legt einen fulminanten Auftritt als schmieriger Macho-Moderator hin. Er ist kaum in Schach zu halten durch Nikola Rudles pipsige Online-Korrespondentin Nikki – eine durchaus mehrdimensionale Figur, die zwar Redezeit für Frau Stockmann einfordert, mit Manipulation und alternativen Fakten dennoch nur für die Quote quasselt. Die Medien kommen (wie schon bei Ibsen) schlecht weg: Marco Dott kämpft als Journalist Billing auf verlorenem Posten für Wahrheit und Umsturz, wogegen Max Koch, auch er vom Münchner Residenztheater, als Redakteur Hovstadt mit den Wölfen heult und Karriere macht. Christoph Wieschke als Bürgermeister Peter Stockmann ist auch als Fiesling vor allem ein netter Kerl.

Norwegisch-salzburgische Provinz

Der erste Akt ist eine Art Bürgerversammlung auf der – Achtung Spoiler! – aktuelle Salzburger Probleme mit Overtourism und Reisebusplage sprechtechnisch kaum verständlich abgehandelt werden. Das – ungestrichen – servierte Rindfleisch im Hause Stockmanns hätte nicht zäher ausfallen können, als diese witz- und ironiefreie "Aktualisierung". Für fehlende Ironie entschädigt das auf der Hinterseite wohltuend abstrakte Bühnenbild von Maria-Alice Bahra, auf dessen Vorderseite sich die norwegisch-salzburgische Provinz von ihrer schönsten Seite zeigt.

 

Eine Volksfeindin
nach Henrik Ibsen
Übersetzung Angelika Gundlach, Fassung für das Salzburger Landestheater von Amélie Niermeyer und Frank Max Müller
Regie: Amélie Niermeyer, Bühne: Maria-Alice Bahra, Kostüme: Nicole von Graevenitz, Dramaturgie: Frank Max Müller, Friederike Bernau.
Mit: Britta Bayer, Juliane Köhler, Nikola Rudle, Anna Seeberger; Marco Dott, Thomas Huber, Max Koch, Christoph Wieschke.
Premiere am 11. Mai 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.salzburger-landestheater.at

 

Kritikenrundschau

"Niermeyers Ibsen-Überschreibung ist wie aus dem Lehrbuch. Geschildert wird die Demontage und Lächerlichmachung einer Frau, die so lange an das Gute in unserem Gemeinwesen glaubt, bis sie nur noch tobt und schrill herumkeift – und sich allein deshalb ins Unrecht setzt", so Ronald Pohl im Standard (13.5.2019). Darüber hinaus treibe Niermeyer Henrik Ibsen aber auch den evangelischen Ernst aus, dazu passe der entbehrungsreiche Charakter von Frau Doktors Lebensführung, "die sich als Alleinerzieherin von der patenten Tochter die Fußballen drücken lässt". Aber Niermeyers meisterhaft leichte Inszenierung schaffe es auch, bis zuletzt offen zu lassen, "ob die Kämpferin auf der Bühne oben das Salz in der Suppe der Demokratie ist – oder deren Vergifterin". Fazit: "Verdienter Jubel für Juliane Köhler, den Gast aus München, und das ganze Team."

Die Bearbeitung des Ibsenschen "Volksfeind" sei "flach", allenfalls habe dieses Drama die Fallhöhe eines "Fernsehfilms der Woche", schreibt Karl Harb in den Salzburger Nachrichten (13.5.2019). Was vorgebe auf der Höhe der Zeit zu sein, wate in Klischees. Die Schauspieler*innen schafften es nie, "als Menschen zu berühren". Es reiche kaum für Figuren. Alle seien "Pappkameradinnen" und sonderten "Sprechblasen" ab.

"Fassungslos" zeigt sich Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (15.5.2019) darüber, "wie sich eine so erfahrene, kluge, eigentlich sehr genau arbeitende Regisseurin wie Niermeyer dermaßen verrennen kann". Alles solle rein, alles sei drin, "aber fürchterlich plump". Die Fleißarbeit gehe schief. Nur Juliane Köhler spiele "mit echtem Zorn, auch mit Glanz", habe etwas Irres, auch etwas Weiches. "Da könnte es interessant werden. Aber Köhler ist mit ihrer Kunst ganz allein hier, so einsam."

 

 

 
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