Fuck the Floor

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 12. Mai 2019. Die Wiener Festwochen starten mit dichtem Programm in die erste Woche. Neu-Intendant Christophe Slagmuylder präsentierte 27 Spielorte für insgesamt 45 Produktionen. Im Studio Molière (einem Veranstaltungssaal des Lycée français de Vienne) zeigt der in Schweden geborene Künstler Markus Öhrn "3 Episodes of Life". Die Koproduktion mit Kampnagel Hamburg und Mousonturm Frankfurt wird als aufeinander aufbauende Serie an drei Abenden (12. bis 14. Mai) uraufgeführt. Zum dritten Mal ist Öhrn bei den Festwochen zu Gast nach 2012 mit "Conte d'Amour" und 2018 mit der dann für den Nestroy-Spezialpreis nominierten Produktion "Häusliche Gewalt". Ausgehend von vor Wiener Gerichten verhandelten Missbrauchsfällen, untersuchte diese Vorgängerarbeit in fünfstündiger Langsamkeit die Unwägbarkeiten der Triade Mann-Frau-Gewalt. Bei "3 Episodes of Life" verschiebt sich der Fokus vom häuslichen ins berufliche Umfeld von Künstler*innen. Das Thema Missbrauch-Macht-Gewalt bleibt.

Maestro Julius Jantunen: ein Mann für alle Führungspositionen

Die erste Episode heißt "Die Performerin bei der Audition". Oder so ähnlich. Als der Titel durchs Mikrofon gesagt wird, bin ich noch mit Hinsetzen und Nachdenken über "Julius Jantunen" beschäftigt. Dem Programmzettel liegt ein gefakter Wikipedia-Ausdruck bei. "Julius Jantunen ist Bühnenbildner, Dramatiker, Regisseur und Choreograf", steht da. Ha! Die ganze Theaterwelt in einem Mann. Dann beginnt das "Silent Movie Theatre", wie Öhrn sein Arrangement nennt. Im steril-weißen Guckkasten hantiert Arno Waschk am Klavier und wummert Dorit Chrysler mit dem Theremin. Am Boden quillt in unregelmäßigen Abständen Nebel nach vorn, und an der Rückwand läuft der Film.

3Episodes1 560 NurithWagner Strauss uFrauen verrenken sich, Männer sitzen da. Alles für die Kunst. © Nurith Wagner-Strauss

Wir sehen in diesem Film drei Tänzerinnen-Körper, sie tragen Masken mit Ausdruck zwischen erschrocken und erotisch, sie räkeln sich am Boden. Auftritt Maestro Jantunen. Überheblich mit dem Handy am Ohr, also dort, wo Maske in Perücke übergeht, spaziert Jakob Öhrman zwischen Florentina Holzinger, Netti Nüganen und Antonia Steffens. "Get changed and join in" dirigiert er per Untertitel eine Neuangekommene. Janet Rothe trägt das Perücken-Haar brav in Zöpfe geflochten, verunsichert durch die Bewegungs-Aufgabe "Fuck the Floor" gibt sie ein Stereotyp der Naivität.

Noch Kunst oder schon Missbrauch?

Myra Åhbeck Öhrman, die den Text zum Film geschrieben hat, trifft den Tonfall mancher Tanzklasse aber sowas von ekelhaft genau. Da wo Menschen schwitzen, wo Körper gedehnt und Scham-Grenzen überschritten werden, wo der Moment gefühlt werden soll, ganz präsent, ganz bei sich, da wird Verausgabung verlangt: "Great art comes from a place of vulnerability." Dass diese Stimmung gefährlich, weil instabil ist, dass die Übung "Fuck the Floor" ein verrücktes Beieinander von Durchlässigkeit und Machtgefälle darstellt, das bedeuten die ambivalenten Bilder des Films.

Wir sehen: Die nunmehr vier Tänzerinnen nunmehr nackt, der Choreograf nennt sie Kriegerinnen, Göttinnen, lobt die Vagina als Quelle von Naturgewalt, drückt Körperteile in gewünschte Positionen. Noch Kunst oder schon Missbrauch? Was ist das? Gewalt als eindeutig identifizierbares Phänomen praktizieren die vier Tänzerinnen untereinander im Sinne von Mobbing, praktiziert die Neuangekommene als Selbstbeschimpfung auf der Toilette.

Keine neuen Bilder

Dann sorgt das Festwochen Publikum für einen Comic Relief. Menschen verlassen den Saal. Andere reden vor lauter Verlegenheit lautstark gegen die Bilder an. Warum? Weil die vier Tänzerinnen mit Sperma, Scheiße und Menstruationsblut hantieren. Vor allem zweiteres jagt die Leute aus den Sitzen. Es ist Scheiße aus Nutella, und sie wird mit dem Anus auf Rothes Körper aufgetragen.

Das sind keine neuen Bilder. Und das sind keine Bilder, die sich notwendigerweise mit Missbrauch verknüpfen. Nackte Körper, Sperma, Scheiße und Menstruationsblut, das sind Ingredienzen, mit denen zum Beispiel auch die hier als "Special Guest" deklarierte Florentina Holzinger in ihren eigenen Performances arbeitet. Dort im Sinne einer feministischen Selbstermächtigung. Hier ist es ein Mann – der einen Mann in den Mittelpunkt stellt, der die Frauen sich suhlen heißt. Im Namen der Kunst. Und dessen Alter Ego Julius Jantunen sich mit der vierten Tänzerin für den nächsten Abend in seinem Hotelzimmer verabredet. Ein Cliff Hanger.

Was hat Jantunen bis dahin die meiste Zeit getan? Er hat zugesehen. Ich habe auch zugesehen. Es wäre mir lieber gewesen keine Ähnlichkeiten zwischen dem Maestro und mir feststellen zu müssen. Es wäre mir lieber gewesen sagen zu können: Dieses Individuum da drüben ist ein Arschloch. Und ich nicht.

 

Und er so… oder: Die Austauschbarkeit des Einzel-Arschlochs (2. Episode)

Wien, 13. Mai 2019. Dieses Individuum da drüben ist ein Arschloch. In der zweiten Film-Episode der "3 Episodes of Life" besucht die neue Tänzerin Jantunen in seinem Hotelzimmer. Der sitzt mit frisch rasiertem Sack und serviert Sekt und Snacks. Mit ein bisschen Hilfe könnte aus ihr was Großes werden, lässt er die Tänzerin über die Übertitel wissen. Nach der Fußmassage – "I just wanna pleasure you, you've earnt it" – kommt Cunnilingus und die Frau klammert sich an ihrer Handtasche fest. Er ejakuliert am Badezimmerboden, sie tröstet ihn, er schmiert ihr Sperma ins Gesicht – "No, please don't" – sie verlässt das Hotelzimmer mit zerrissener Strumpfhose und er so: "it's best if we keep this to ourselves".

3Episodes2 560 NurithWagner Strauss uMaestro Julius Jantunen prüft sein Material  © Nurith Wagner-Strauss

Aber der Satz mit dem Arschloch-Individuum stimmt immer noch nicht. Öhrn zeigt keine Individuen, sondern Stereotypen. Die Masken erinnern an die Gesichter aufblasbarer Sexpuppen, mit großen Augen und Schlauchbootlippen. Diese Künstlichkeit verweist die Figuren in die Austauschbarkeit. Nicht um den Einzelfall und das Einzel-Arschloch geht es hier, sondern um das, was an Täter und Opfer vielleicht formelhaft ist. Jantunen und die Tänzerin werden in der zweiten Episode per Text und Körperhaltungen ganz auf diese Positionen festgeschrieben. Er Täter, sie Opfer. Er Macht, sie Ohnmacht.

Besonders ekelhaft: Jakob Öhrman rollt eine Prosciutto-Scheibe zur "meat-cigar" und drückt sie Janet Rothe durch die Schlauchbootlippen in den Mund hinein. Da tritt für den Moment der Mensch hinter der Sexpuppen-Maske in seiner Verletzbarkeit hervor. Es ist eine echte Prosciutto-Scheibe die echt jemandem hinein geschoben wird. Das steht im Kontrast zum sonst so offensiven Kunstcharakter der verwendeten Materialen. Wenn die Kamera über den am Badezimmerboden liegenden Jantunen hinweg filmt, dann stellt sie dieselbe Plastikflasche mit weißlicher Flüssigkeit zur Schau, mit der bei Episode 1 die vier Tänzerinnen hantiert haben.

Wer oder was ist dieser Kerl?

Musikalisch dominieren am zweiten Abend zunächst Glockenspiel-Töne. Unschuldige, luftige Glockenspieltöne. Die den Eindruck, sich in einem Gruselkabinett zu befinden, gehörig bestärken. Dann wird es düsterer, verworrener und schmerzhaft hohe Töne knallen in den Raum. Wieder und wieder fällt eine allerhöchste Dissonanz. Dazu ein aufblitzendes Stroboskop. Das ist nicht nur unangenehm, mein Körper ist schockiert. Es scheint als würde das filmische Geschehen hinüber wandern in den Publikumsraum. Dazu passt: Der Guckkasten ist heut nicht mehr weiß, sondern grau, passend zum grauen Ambiente des Hotelzimmers im Film. Wenn dort Jantunen an seinen Hoden reibt, dann imitiert die Theremin-Spielerin Dorit Chrysler auf der Bühne seine Geste und erzeugt dergestalt Ton. Auch der zweite Musiker Arno Waschk tritt verändert auf. Gestern wie Jantunen mit Jacke und Käppi, heute wie Jantunen im Bademantel.

Wenn die Figur Jantunens (als Choreograf der Frauenkörper für Kunst und Befriedigung missbraucht) eine Verdoppelung Markus Öhrns darstellt (der als Künstler Frauenkörper beim Missbrauch ausstellt), was ist dann der vom Film in den Guckkasten duplizierte Kerl? Und wird mir das Film- und Bühnengeschehen bei der dritten Episode noch näher rücken? Das ist jetzt ein Cliffhanger meinerseits.

Keine Kunst mehr (3. Episode)

Wien, 15. Mai 2019. Warum eigentlich "3 Episodes of Life"? Also warum ists als dreiteilige Serie angelegt? Wegen dem Suspense, tät ich sagen. So von wegen Cliffhanger. Das fesselt die Konsument*innen, das funktioniert als Verführungskunst. Diese Form steht dem Inhalt, den wir von uns weg und aus der Welt schaffen wollen, entgegen. Trotzdem: Ich im Publikum habe mich gestern und vorgestern in den unruhigen Suchbewegungen der Handkamera wiedergefunden, mein Blick ist mit den Film-Bildern durch das Öhrn'sche Gruselkabinett geschweift. Nahaufnahmen und abrupte Richtungsänderungen, das Kamera-Auge hat mich eingeladen, es als mein Auge zu verstehen.

Dies ist kein Prozess

Und dann das! Die dritte Episode zeigt in 65-minütiger Stand-Perspektive Jantunen an einem Tisch sitzend. Hinter ihm die vier Tänzerinnen von Episode 1. Und: Der Guckkasten ist leer. Keine Menschen, keine Musik, aber Jantunen spricht. Wir hören Jakob Örmans Stimme. Jantunen gibt ein Statement ab. Die Perspektive hat sich gedreht. Kamera-Auge ist nicht mehr Publikums-Auge, sondern Mittel für Jantunens Selbstdarstellung, "this is no trial, you are no jury", die obszönen Masken-Augen schauen uns an.

3 Episodes of Life c Nurith Wagner Strauss 2Die Lockung des Dunkels: "Great art comes from a place of darkness." © Nurith Wagner-Strauss

Jantunen sagt: Er liebt Frauen, er kennt Frauen, besser als wir. "I have given them a name", hebt er seine karrierefördernden Maßnahmen den Tänzerinnen gegenüber hervor – "You scratch my back and I'll scratch yours". Tatsächlich bekommt an diesem dritten Abend eine der Tänzerinnen einen Namen, Patricia. Nicht aber, um sie vom unbestimmten "Girl" in den Status eines Individuums zu heben. Sondern um sie als diejenige zu demütigen, die ein Kind tot geboren hat und durch Jantunens Tun ihre Trauer in seiner Kunst bejubelt sehen musste. Über anekdotische Umwege erklärt Jantunen Frauen zu Naturwesen, lobt wieder mal die Vagina als Quelle von Kunst; ein Kolonialherr, der es sich leisten kann, die ihm sowieso Untergebenen in ihrem Versuch ihm ähnlich zu werden, zu unterstützen.

Misogyner Dreck

Jantunen labert. Die Frauen schweigen. Es ist ekelhaft, es ist langweilig, es ist der ganze misogyne Dreck, mit dem dieses Arschloch-Stereotyp auffährt, um jeden Missbrauch von Menschen oder von Macht von sich zu weisen. Über Michael Jackson kommt Jantunen schließlich auf die in der neuesten Lara-Sophie Milagro-Kolumne formulierte Frage "Was tun mit den Arschlöchern?" zu sprechen. Michael Jackson hat Kinder sexuell missbraucht, also hören wir seine Musik nicht mehr? Jantunen erklärt das für Unsinn. Aber nicht, indem er zum Beispiel darauf beharrt, dass künstlerische Werke unabhängig von den Biografien der Künstler*innen anzusehen sind. Sondern indem er argumentiert, dass jede Kunst aus dem Ungefähren, aus dem Gefährlichen kommt: "Great art comes from a place of darkness." Das Künstler-Genie, das die Gewalt von Welt mehr spürt, mehr lebt und auslebt und uns in unsren gepolsterten Sitzen davon erzählen kann. Ein Märtyrer. Was er nicht sagt und aber überdeutlich meint: Missbrauch ist etwas Uneindeutiges, das sich im uneindeutigen Umfeld von Kunst ergeben kann. Mithin systemimmanent.

Auch Ihr seid schuldig!

Und Jantunen spricht weiter: dass wir, dieses Publikum, das Ungefähre und Gefährliche sehen wollen, die letzten zwei Tage schon sehen wollten, "I am no more guilty than any of you." Die eigentliche Konsequenz daraus müsste sein: "Stop consuming art." Er wiederholt den Satz. Der Theaterabend ist vorbei. Und wieder verbeugt sich niemand. Kaum Applaus. Wir gehen raus und stehen in einem finsteren Foyer. Die von Tag zu Tag gewechselten Poster mit Zitaten aus "3 Episodes of Life" hängen nicht mehr an den Wänden. Das Klavier auf dem Arno Waschk vor Beginn der Vorstellungen klassische Musik gespielt hat, steht unter schwarzem Molton verdeckt. Keine Kunst mehr.

Aber da draußen die Stadt, denke ich. Schwarzen Molton über das Patriarchat? Ich habe jetzt drei Abende lang mit "3 Episodes of Life" verbracht. Ich habe mich geekelt, ich wurde verführt, es war oft übereindeutig und viel zu oft unangenehm uneindeutig. Was ist Missbrauch? Öhrns Produktion ist das Angebot einer Arbeit an den eigenen Begrifflichkeiten.

 

3 Episodes of Life
von Markus Öhrn
Konzept, Regie, Bühne, Video: Markus Öhrn, Masken, Kostüm, Requisite: Makode Linde, Text: Myra Åhbeck Öhrman.
Mit: Janet Rothe, Jakob Öhrman, Dorit Chrysler (Komposition, Theremin), Arno Waschk (Komposition, Klavier), Special Guests: Florentina Holzinger, Netti Nüganen, Antonia Steffens.
Premiere vom 12. bis 14. Mai 2019
Dauer Episode 1: 1 Stunde 20 Minuten, Episode 2: 1 Stunde 30 Minuten, Episode 3: 1 Stunde 5 Minuten

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

Zu Teil 1 schreibt Margarete Affenzeller im Standard (online 13.5.2019, 15:29 Uhr): Thema von Öhrns dreiteiliger Arbeit "3 Episodes of Life"sei "Machtmissbrauch im Stile Harvey Weinsteins". Doch die Form sei spannender als der Inhalt. Über "klischeehafte Gegenüberstellungen (Maestro versus Hascherl-Frauen)" gehe die Auseinandersetzung nicht hinaus. Florentina Holzinger habe "im Umgang mit Sperma und Scheiße" deutlich mehr Fantasie.

Öhrns Auseinandersetzung mit dem Schadstoffhaltigen der Künstlerexistenz, den gar nicht so subtilen Mustern des Geniekults und damit einhergehenden Machtmissbrauch sei radikal in seinen Mitteln. "Schrecklich gnadenlos, erschreckend grandios", schreibt Petra Paterno in der Wiener Zeitung (13.5.2019).

"Man wird (zumindest bis zum Ende der ersten Episode) den Eindruck nicht los, dass hier etwas wiederholt wird, was man kennt. Dass sich nämlich in der Kritik an den patriarchalen Macht und am Missbrauch das System repliziert: Frauen überschreiten ihre Körpergrenzen. Doch im Programmheft steht zuoberst der Name des männlichen Künstlers", kritisiert Maya McKechneay vom ORF (13.5.2019).

 

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