Alles in Trümmern

von Martin Krumbholz

Bochum, 17. Mai 2019. Mossul, das biblische Ninive, war in der Antike eine der größten Städte der Welt. Sie liegt nördlich von Bagdad, also näher am Meer. Die Prominenz und der Reichtum der Metropole haben dafür gesorgt, dass sie im Lauf ihrer 8000 Jahre immer wieder heimgesucht, erobert, kolonisiert wurde. Jetzt, nachdem der "Islamische Staat" Mossul 2014 besetzte und zu seiner Domäne im Irak machte, ist die ganze westliche Hälfte der Stadt zerstört von den Bombardements amerikanischer und irakischer Truppen. Der IS ist vertrieben, aber keineswegs komplett besiegt.

Inmitten der Trümmer inszenierte der Schweizer Theatermacher Milo Rau mit einheimischen und zugereisten Schauspielern die "Orestie" des Griechen Aischylos, eine Tragödie, die vielleicht aus der gleichen Epoche stammt wie das Alte Testament und die berühmte Legende von dem Propheten Jonas, der auf Befehl Gottes die sündige Stadt Ninive aufsuchen sollte, von einem Schiff sprang und von einem Wal verschluckt wurde.

Über den Dächern

"Orest in Mossul" ist eine Koproduktion des Nationaltheaters Gent, das Rau leitet, und des Schauspielhauses Bochum, wo die Aufführung jetzt zwei Wochen lang zu sehen ist, nachdem sie im März in Mossul Premiere hatte. Die Inszenierung war mit einem Workshop für irakische Schauspielstudenten verbunden, die in der Aufführung (in Bochum im Video, nicht live) den Chor spielen. Milo Rau liebt synergetische Effekte, und er fühlt sich angezogen von den Brennpunkten dieser Welt, deren symbolische Ausstrahlung unübersehbar ist.

Mossul gleich Ninive gleich Troja – das ist so ungefähr die Gleichung, die den eher knappen Abend grundiert. Es gibt deshalb eine Szene, in der ein Darsteller auf dem Dach eines Hochhauses steht und feststellt, dieser Anblick gleiche dem eines Filmsets und einer zerstörten Stadt in der Antike.

Orest in Mossul3 560 Fred Debrock uViele der Chor-Szenen im Video wurden im Frühjahr in der zerstörten Kunstakademie in Mossul gedreht: "Orest in Mossul" © Fred Debrock

Das Projekt war keineswegs unumstritten. Unter anderem deshalb, weil es nicht ungefährlich war. In dem Manifest, das Rau für sein Genter Theater verfasst hat, heißt es, mindestens eine Produktion im Jahr müsse in einem Krisengebiet erarbeitet werden. Diese Anforderung mit "Orest in Mossul" auf schärfstmögliche Weise erfüllt. Natürlich schließt Rau die Vorgänge der Orestie, die eher fragmentarisch erzählt werden, mit der Situation der Menschen in Mossul kurz. Vor allem, was die Frage nach der Gewaltspirale und der Legitimität von Vergeltung betrifft.

Weder vergeben noch vergelten

Die Schauspielerin mit Kopftuch, die die Athene spielt (Khitam Idress), war familiär unmittelbar in den IS-Terror involviert. Bei der Abstimmung über Vergeltung an Orest oder den Verzicht darauf gibt zunächst ihre Stimme, wie Aischylos es vorschreibt, den Ausschlag. Bei einer weiteren Abstimmung aber enthalten sich alle Mitglieder des Chores. Soll man tatsächlich gefangenen IS-Leuten ihre Untaten vergeben? Einer sagt, er könne nicht töten, vergeben aber könne er genauso wenig. Dieses Bekenntnis dürfte tatsächlich die Stimmung vieler treffen.

Orest in Mossul2 560 Fred Debrock uAgamemnon ist zurück: Begrüßungsküsse und Begrüßungsessen, schon bald von gereizten Gesprächen begleitet © Fred Debrock

Eine sehr junge Frau, die im Video die Iphigenie spielt, berichtet, wie schwer es für Frauen im Irak sei, Schauspielerin zu werden. Ein Mann meint scherzhaft, wer am Gymnasium versage, besuche die Theaterschule. Die Anziehungskraft des Theaters ist jedenfalls virulent. Mit allergrößtem Ernst spielen die ausschließlich männlichen Mitglieder des Chores ihre Rollen. Die Szenen wurden in einer zerstörten Kunstakademie gedreht.

Große Intensität

Rau spiegelt konsequent jede Situation. Die Bühne der Kammerspiele zeigt links und rechts der Leinwand in kleinen Stuben Schlaf- und Esszimmer. Die zentrale Szene der Ankunft von Agamemnon und Kassandra (Johan Leysen und Susana AbdulMajid) und einem von gereizten Gesprächen begleiteten Begrüßungsessen ist als Live-Video zu sehen; es ist eine Szene von hoher Spannung und Intensität, wie auch später der Vergeltungsmord Orests an Klytaimnestra (Elsie de Brauw), die sich verzweifelt und lange wehrt.

Da ist aber noch etwas anderes. In Erinnerung an Homosexuelle, die der IS vom Dach eines Hochhauses stürzte, hat Rau aus Orest und Pylades ein schwules Paar gemacht (Duraid Abbas Ghaieb und Risto Kübar), obwohl die Darstellung von Homosexualität im Islam nicht nur prekär und provokant ist, sondern auch gefährlich sein kann. Die betreffende Szene wurde nicht von allen Beteiligten geliebt, es gab sogar Proteste dagegen; letztlich hat man sich offenbar geeinigt. Oder aber der Theatermacher mit dem größten Charisma und den besten Argumenten hat sich ganz einfach durchgesetzt.

Und viel Ratlosigkeit

Eine Neudeutung der "Orestie" darf man von diesem Abend, dessen Werkstattcharakter sich an keiner Stelle verleugnet, nicht erwarten. Im Gegenteil, wenn einer der Darsteller bemerkt, Aischylos zufolge habe man aus dem Leiden zu lernen, die Frage sei nur: was?, teilt sich eine gewisse Ratlosigkeit mit. Beklemmend die Tatsache, dass sich noch heute, lange nach der Aufklärung, Menschen mit ihren (tödlichen) Entscheidungen auf die Götter bzw. auf Gott berufen – neu erscheint diese Einsicht allerdings nicht. Sehenswert ist "Orest in Mossul" am Ende dennoch, und sei es nur deshalb, weil das Pathos, mit dem Milo Rau die Welt betrachtet, selten geworden ist.

 

Orest in Mossul
von Milo Rau und Ensemble nach Aischylos.
Regie: Milo Rau, Film: Daniel Demoustier, Moritz von Dungern, Filmschnitt: Joris Vertenten, Bühne: riumtevaarders, Kostüme: An De Mol, Lichtdesign: Dennis Diels, Komposition und musikalisches Arrangement: Saskia Venegas Aernouts, Dramaturgie: Stefan Bläske.
Mit: Duraid Abbas Ghaieb, Susana AbdulMajid, Elsie de Brauw, Risto Kübar, Johan Leysen, Bert Luppes, Marijke Pinoy, Suleik Salim Al-Khabbaz, Saif Al-Taee, Firas Atraqchi, Nabeel Atraqchi, Zaidun Haitham, Rabee Nameer, Baraa Ali, Khalid Rawi, Khitam Idress, Rayan Shihab Ahmed, Hathal Al-Hianey, Mustafa Dargham, Younis Anad Gabori, Ahmed Abdul Razzaq Hussein, Abdallah Nawfal, Mohamed Saalim, Hassan Taha.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Koproduktion Schauspielhaus Bochum, NT Gent, Tandem Arras-Douai, unterstützt vom Romaeuropa Festival

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

'Orest in Mossul' sei weniger eine gelungene Theaterinszenierung als eine szenische Annäherung an die Stadt Mossul und ihre tapferen Bürger, die auch nach dem Ende des Kalifats dort sein und mit den Folgen leben müssten, schreibt Grete Götze in der FAZ (22.4.2019) über die Premiere in Gent. "Rau besteht hier wie in allen seinen Inszenierungen darauf, dass die Gewalt bis ins letzte Detail ausgespielt und das Publikum so zum voyeuristischen Mittäter wird."

"Theatralisch wird an diesem Abend nicht viel geboten." Als Zuschauer bleibe man im interessierten, eher politisch-rational als emotional stimulierten Dokumentarfilmbetrachtungsmodus. "Soll heißen: auf Distanz." Und weiter: "Hier scheinen die Umstände immer gewaltiger als jeder Einzelne. Es gibt keine Nähe, allenfalls eine Annäherung." 'Orest in Mossul' habe etwas von einem politischen Passionsspiel, schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (22.4.2019) über die Premiere in Gent.

"Jenseits ihrer Aussichtslosigkeit gehört die neue Uraufführung am Niederländischen Theater zum Wertvollsten, was dem Regisseur in seiner Mission als Bühnen-Moralist je geglückt ist", schreibt Daniele Muscionico in der NZZ (19.4.2019). "Die Parallelen zwischen antiker Schicksalsfigur und heutiger Kriegsbiografie sind grausam und verstörend."

"Fiktion und Realität, Mutmaßung und Aussage verschränken sich in beklemmender Form“ schreibt Jürgen Boebers-Süßmann in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (18.5.2019). Es sei bemerkenswert, wie virtuos Milo Rau sein Spiel mit den doppelten und dreifachen Erzähl- und Bezugsebenen betreibe. "Was man nicht erwarten darf, ist eine Neudeutung des antiken Klassikers. Den Vorwurf muss Rau sich gefallen lassen, dass er die 'Orestie' nur als Steinbruch nimmt für eine clevere Politcollage, die dem Zuschauer zwar kaum Luft zum Atmen lässt, ihm aber auch keine Lösungen anbietet."

"Durch das Paar Orest und Pylades wird das Thema Homosexualität zum Brennpunkt der Probenarbeit. Khitam Idris Gamil (Athena) lehnt gleichgeschlechtliche Liebe als 'haram' ab. Da trifft – ganz nach Raus Absicht – die künstlerische Arbeit mitten hinein in eine hochpolitische Gegenwart", schreibt Margarete Affenzeller im Wiener Standard (5.6.2019).

 

 
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