Es war einmal die Demokratie

von Hartmut Krug

Cottbus, 25. Mai 2019. Es gilt als Klassiker des politischen Theaters, Ibsens Drama "Ein Volksfeind". Doch bei der neuerlichen Lektüre vor dem Besuch der Cottbusser Premiere empfindet man Stück und Figuren als allzu holzschnittartig und didaktisch. Die Geschichte vom Badearzt Thomas Stockmann, der Krankheitserreger im Badewasser seines Kurortes entdeckt hat und dies gegen alle Bedenken der vom Heilbad profitierenden Politker und Honoratioren der Stadt öffentlich machen will, wirkt heute nur mehr wie ein Kopfnickerstück. Ja, klar, Egoismus sowie Macht- und Geldstreben herrschen nun mal.

Mit dem Volksfeind auf Zeitreise

Und so wird debattiert und agitiert, und der nicht uneitle Badearzt Stockmann gerät mit seinem Bruder, dem Bürgermeister Stockmann, in die heftigsten Auseinandersetzungen. In seiner Erfolgs-Inszenierung (2012 an der Schaubühne Berlin) gelang es Thomas Ostermeier, die Figuren und deren Haltungen psychologisch und politisch lebendig werden zu lassen. Jo Fabian versucht in Cottbus nun der allzu didaktischen Selbstsicherheit des Stückes zu entgehen, indem er es aus seiner naturalistischen Gegenständlichkeit löst und zurück in eine vergangene Zeit versetzt.

Volksfeind 1 560 MarliesKross uDas Volksfeind-Ensemble im Tempel der Demokratie © Marlies Kross

Also steht auf der Bühne ein mächtiger kreisrunder Tempel, getragen von hohen Säulen. Menschheitliche Erfahrungsräume der Demokratieentwicklung sollen wohl so deutlich werden. Schade nur, dass man oft kaum versteht, was die Menschen auf der Bühne, verdeckt hinter Säulen im Bühnenrund, einander und uns da sagen. Na klar, es geht wohl um Geld. Und sicher, die Menschen sind in ihrer Blase, da müssen wir sie vielleicht auch gar nicht akustisch verstehen.

Die Rechte der Frau und Bürgerin

Nach der Pause tun die Frauen sich zusammen, erst im historischen Schwarz des bürgerlichen Zeitalters. Noch gelegentlich ängstlich, noch gelegentlich drangsaliert und gejagt von ihren Männern. Die Frau ist frei geboren, so erklingt es, die Frauen versuchen zu singen, und Motive von Aristophanes und Olympe de Gouges' "Die Rechte der Frau und Bürgerin" flattern durch den Raum. Dazu wird das emanzipatorische Weiß des Bürgertums getragen, und man lagert sich am flachen Wasserbecken des Tempelrunds.

Volksfeind 2 560 MarliesKross uPoolparty zum Thema Demokratie © Marlies Kross

Eine tolle Szene wird die Volksversammlung, zu der Stockmann eingeladen hat, nachdem man ihn zuvor nicht zu Wort kommen ließ. Aber auch jetzt wird ihm von Beginn an das Heft des Handelns und Redens entwunden.

Lüge, Wahrheit, Mehrheitsrecht

Insgesamt schwankt die ambitionierte  Inszenierung zwischen szenischem Schwung und undeutlicher tieferer Bedeutung. Lüge, Wahrheit, Mehrheitsrecht, die Demokratie als bestes Modell, das wir von den Griechen ererbten, all das wird besprochen statt wirklich bespielt. Hier wird etwas darzustellen versucht, was meist noch im Konzeptionellen stecken bleibt.

Ein Volksfeind
nach Henrik Ibsen mit Motiven von Aristophanes u.a.
Regie, Sound, Video: Jo Fabian, Bühne und Kostüme: Pascale Arndtz, Dramaturgie: Lukas Pohlmann.
Mit: Gunnar Golkowski, Sigrun Fischer, Sophie Bock, Axwl Strohthmann, Susanne Thiede, Thomas Harms, Amadeus Gollner, Lena Sophie Vix, Michael von Bennigsen, Rolf-Jürgen Gebert, Josiphine Fabian, Boris Schwiebert, Lucie Thiede.
Premiere am 25. Mai 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-cottbus.de

 

Kritikenrundschau

In der Lausitzer Rundschau schreibt Daniel Schauff (online 27. Mai 2019, 15:03 Uhr): Dass Fabian die Handlung im ersten Teil der Inszenierung in "die Antike und damit in die Anfangszeit der Demokratie" verlege, sei "kühn". Immerhin werde so deutlich, dass es bei Ibsen und in der Cottbuser Inszenierung "um so viel mehr geht", nämlich um die Frage, "was Demokratie überhaupt kann und ob sie wirklich der richtige politische Weg ist". Außerdem werfe die Inszenierung auch noch die Frage nach der Rolle der Frauen in der Demokratie auf. Das sei "ganz schön viel". Was aber wie ein unglaublich anstrengendes Stück klinge, sei vielmehr "mitreißend, und anstrengend", im positiven Sinn. Die Inszenierung wirke "stellenweise trotzdem leicht, locker, mitunter sogar amüsant", bis einem das Lächeln im Halse stecken bleibe. Gunnar Golkowskis Leistung sei großartig, in den letzten Minuten des Stücks "noch großartiger". "Der Volksfeind" schicke die Theatergäste "quer durch die Gefühlswelten".

"Von einer Theater-Utopie, wo wir etwas lernen, wo wir berührt werden, wo wir bewegt werden, ist diese Ibsen-Zertrümmerung sehr weit entfernt", so Frank Dietschreit auf RBB Kultur (27.5.2019). Erst ganz am Ende bekomme die Inszenierung eine Dringlichkeit, die einen wirklich packe und einen das fürchten lehre.

"Wo sich die Präzision von Dialogen völlig auflöst in Palaver, stirbt nicht nur die politische Vernunft, sondern auch das Theater", gibt Thomas Petzold von den Dresdner Neuesten Nachrichten (28.5.2019) zu denken. "Bei Fabian ist es freilich stets ein unauflösliches und letztlich unbeschreibliches Gesamtkunstwerk. Der Text sei nicht das Theater, gibt er zu verstehen; Theater ist Raum, Choreographie, ja und natürlich Musik."

 
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