Streit am Main

von Esther Slevogt

Frankfurt/Main, 30. Mai 2019. "Was ist los am Frank­fur­ter Schau­spiel?" Mit diesen Worten begann ein am 8. Mai 2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschiener Artikel von Simon Strauß, der antrat, "Krach hinter den Kulissen" des seit zwei Spielzeiten von Anselm Weber geleiteten Theaters nachzugehen. Der Artikel wurde zum Auslöser einer mit großer Schärfe öffentlich geführten Debatte um Leitungsstruktur am Haus einerseits und um Machtverteilung in der konkreten Inszenierungsarbeit andererseits. Eine Debatte voller Widersprüche und Ungereimtheiten auch, denen hier einmal nachgegangen werden soll.

Zurück zum Artikel im FAZ-Feuilleton: Von au­ßen, schrieb dort Simon Strauß, scheine am Schauspiel Frankfurt al­les in Ord­nung; die Auslastungszahlen stimmten, die Kulturpolitik sei zufrieden. Die künstlerische Qualität jedoch, so die weitere Einschätzung des Kritikers, komme über das Mittelmaß kaum hinaus. Nun seien vom Intendanten auch noch die einzigen künstlerisch herausragenden Arbeiten abgesetzt worden – Luk Percevals Arbeit Mut und Gna­de und Ulrich Rasches, mit den Salzburger Festspielen koproduzierte Inszenierung Die Per­ser. "War­um", so Strauß, "dar­über herrscht bei den Be­tei­lig­ten Rat­lo­sig­keit."

Die überall angeklagte Machtstruktur?

Strauß zitiert aus einem Gespräch mit Luk Perceval: Der Intendant habe mit ihm, Perceval, we­der vor noch wäh­rend sei­ner Frank­fur­ter Pro­ben per­sön­lich Kon­takt ge­habt. Die Nach­richt über die Ab­set­zung sei­ner In­sze­nie­rung und eines nicht zu­stan­de kom­men­den Gast­spiels sei die ein­zi­ge Rück­mel­dung ge­we­sen, die er überhaupt je vom In­ten­dan­ten be­kom­men ha­be, so Perceval. Ulrich Rasche, mit dem Strauß ebenfalls sprach, beklagte schlechte Dispositionen am Schauspiel Frankfurt und bemängelte "qualitative Probleme des Ensembles". Er, Rasche, habe mit vielen Gästen arbeiten müssen, weil er in Webers Ensemble keine passenden Darstellerinnen und Darsteller gefunden habe. Intendant An­selm We­ber selbst rechtfertigte Strauß zufolge bei der Spielplan-Konferenz die Ab­set­zung der "Per­ser" da­mit, dass bei den vie­len Gäs­ten kei­ne Ter­min­über­ein­stim­mung mög­lich ge­we­sen sei. Au­ßer­dem sei die In­sze­nie­rung teu­rer ge­we­sen als die ma­xi­ma­len Ein­nah­men, die da­mit pro Abend hät­ten er­rei­cht werden kön­nen.

"Die letz­te Hi­obs­bot­schaft," so Strauß in seinem Artikel weiter, "war dann die Mit­tei­lung, dass der Ver­trag von Chef­dra­ma­tur­gin Ma­ri­on Tiedt­ke nicht ver­län­gert wer­de, und sie sich von dem Haus, in dem sie vor zwei Jah­ren selbst­be­wusst als stell­ver­tre­ten­de In­ten­dan­tin an­ge­tre­ten war, tren­nen wird. Aus ei­ge­nem An­trieb? Oder wur­de sie 'raus­ge­ekelt', wie man hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand hört?" Marion Tiedtke selbst ver­mei­de ei­ne ein­deu­ti­ge Stel­lung­nah­me. Auch nachtkritik.de gelang es damals nicht, von Marion Tiedtke eine Stellungnahme zu den Vorgängen zu erhalten. Ihr sei die 'Zu­kunft des Thea­ter­nach­wuch­ses' wich­tig, zitiert Strauß in seinem Artikel Tiedtke im Kontext ihres Auftritts bei der Spielzeitpressekonferenz für 2019/20 des Frankfurter Schauspiels. Und dass sie des­halb nun ih­re Pro­fes­sur an der Hoch­schu­le, die sie be­ur­laubt hat­te, wie­der aufnehmen würde.

"Ist Frank­furt ein wei­te­res Ne­ga­tiv­bei­spiel für die jetzt über­all an­ge­klag­te 'Macht­struk­tur' an deut­schen Thea­tern?", fragte Strauß schließlich. "Ist We­ber in sei­ner Dop­pel­funk­ti­on als Ge­schäfts­füh­rer und In­ten­dant zu stark, zu un­an­greif­bar? Viel­leicht."

Mensch mit zwei Gesichtern

Dieser Artikel stand mit seinen schweren Vorwürfen und offenen Fragen zwei Wochen lang im Raum, als sich am 23. Mai 2019 der angegriffene Intendant Anselm Weber in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau zu Wort meldete. "Ich finde es schade, dass da nicht genauer nachgefragt wurde," so Weber darin. "Wir haben E-Mails, die belegen, dass ich mich eindringlich darum bemüht habe, diese Produktion (Ulrich Rasches "Die Perser", Anmerkung der Red.) zu halten. Das ist uns nicht gelungen, weil keine gemeinsamen freien Termine bei den Kolleginnen und Kollegen zu finden waren. (Weber verteilt Schriftstücke.) Die Aussage, ich hätte das Stück abgesetzt, ist sachlich falsch." Zur Trennung von Chefdramaturgin Marion Tiedtke sagt Weber im Interview: "Frau Tiedtke ist verbeamtete Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Als wir uns verabredet haben, gemeinsam am Schauspiel Frankfurt zu arbeiten, war immer klar, dass sie sich befristet freistellen lässt. Sie hat deshalb einen Drei-Jahres-Vertrag am Schauspiel unterschrieben. Den wird sie erfüllen."

anselm weber 560 birgit hupfeld xFrankfurts Intendant Anselm Weber © Birgit Hupfeld

Im Laufe des Interviews holte Weber zum Angriff auf Ulrich Rasche aus: Rasche sei ein Mensch, "der zwei Gesichter hat. Wenn er etwas will, kann er sehr charmant sein. Wenn er es nicht bekommt, schlägt er um sich. Diese destruktive Energie wendet sich wahlweise gegen die eigenen Mitarbeiter im Team oder gegen das Haus. Er kann Menschen sehr schlecht behandeln. Das ist in der Szene bekannt. Wenn ein Regisseur wie er keinerlei Verständnis für Repertoiretheater zeigt und Kollegen öffentlich bloßstellt, von der Technischen Leitung bis zum Bühnenarbeiter, dann hat das Folgen. Es führte dazu, dass die Frankfurter Premiere fast nicht stattgefunden hätte. Ich habe mich dann vor die Technik gestellt. Der Mensch Rasche hat sich aufgrund seines Erfolges zu einem Machtmenschen entwickelt, der seine Macht missbraucht. Ich habe dann gesagt, dass ich mit Rasche nicht mehr arbeiten werde. Wir haben als Konsequenz einen schriftlichen Kodex gegen sexuellen Missbrauch und Machtmissbrauch für die Städtischen Bühnen entwickelt. Das habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Bernd Loebe von der Oper getan."

Keinen Machtmissbrauch erlebt

Der Intendant, dem erst vom Kritiker der FAZ indirekt Machtmissbrauch unterstellt worden ist, beschuldigt nun seinerseits den Regisseur Ulrich Rasche des Machtmissbrauchs, auf Grund dessen im Theater ein Verhaltenskodex verabschiedet worden sei. Im gleichen Atemzug insinuiert Weber unterschwelllig auch sexuellen Missbrauch. Erst auf Nachfrage der Interviewer*innen Judith von Sternburg und Claus-Jürgen Göpfert stellt Weber klar, dass er Rasche nicht auch sexuellen Missbrauch vorwirft. Die Härte dieser öffentlichen Vorwürfe bewegten dann offensichtlich die bislang beharrlich schweigende Marion Tiedtke dazu, sich mit einer knappen Erklärung zu Wort zu melden, die auch nachtkritik.de vorliegt: "Mein Dramaturgenteam und ich haben auf Anregung und Empfehlung des Deutschen Bühnenvereins dessen Entwurf zum Verhaltenskodex überarbeitet, der dann vom Betriebsrat und den Intendanten sowie Geschäftsführern der Städtischen Bühnen Frankfurt angenommen wurde. Als Produktionsdramaturgin der 'Perser' habe ich die Fälle von Machtmissbrauch durch Ulrich Rasche nicht erlebt."​

Der "wertebasierte Verhaltenskodex zur Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch" – wie der vollständige Titel des Kodex' lautet, auf den sich die Erklärung von Marion Tiedke bezieht, wurde bereits im Juni 2018 auf der Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins in Lübeck verabschiedet. Die Premiere der "Perser" fand in Salzburg erst im August 2018 statt. Die Verabschiedung des Kodex nach langer und emotionaler Debatte bei der Jahreshauptversammlung des Bühnenvereins war eine Konsequenz der schon seit einigen Jahren heftig geführten Debatten über zunehmend als problematisch empfundene Hierarchien und Machtstrukturen an den Theatern insgesamt. Seine Verabschiedung in Lübeck war im Juni 2018 mit der Empfehlung an die Mitgliedstheater und -orchester des Bühnenvereins verbunden, den Kodex in ihren Häusern kommunizieren und individuell weiterentwickeln, wie es am 9. Juni 2018 in der dazugehörigen Presserklärung des Bühnenvereins hieß. Tiedtke ist dieser Empfehlung in ihrer Eigenschaft als Chefdramaturgin eigenem Bekunden zufolge nachgekommen. Und zwar ohne jeglichen Kontext zur Produktion von Ulrich Rasche in Frankfurt, wie sie sagt. Während wiederum Weber behauptet, die Anpassung des Kodex an Frankfurter Verhältnisse mit dem Intendantenkollegen von der Oper Bernd Loebe als Reaktion auf Rasches Verhalten ins Werk gesetzt zu haben.

marion tiedtke birgit hupfeld xMarion Tiedtke © Birgit Hupfeld

Dem Interview mit Anselm Weber sind in der Frankfurter Rundschau anonymisierte Zitate aus dem Bericht eines Schauspielers aus dem Ensemble angefügt, der über seine Erfahrungen im Zusammenhang mit den Perser-Proben berichtet. Die Art, wie die Zitate in dem Kasten unter dem Interview arrangiert sind, erweckt den Eindruck, die Anschuldigungen Webers gegen Rasche zu belegen. Der ganze Text allerdings, der nachtkritik.de vorliegt, liest sich eher wie der Bericht von dem Clash, den die Ankunft eines Starregisseurs mit seinen Stammspieler*innen als Gäste und einem radikalen wie hochformalisierten Regiekonzept an einem Theater verursachen kann: Wenn sich die Ensembleschauspieler*innen zu Statist*innen degradiert fühlen, und für einige die ebenso trotzige wie nachvollziehbare Frage entsteht: Wie weit muss sich ein Ensemble eigentlich vor einem angereisten Starregisseur und dessen Konzept ducken? Wie weit muss sich ein*e einzelne*r, sich als mündig begreifend*r Schauspieler*in durch ein Regiekonzept anonymisieren und standardisieren lassen? In der Folge des Weber-Interviews erschienen in der Rhein-Main-Ausgabe der FAZ in den beiden Tagen darauf gleich drei Artikel, die die Vorwürfen gegen Rasche aus dem Interview noch einmal zusammenfassten und unhinterfragt und mit falsch zugeschriebenen Äußerungen weiter zuspitzten.

Starke Durchdringung

Auf Nachfrage von nachtkritik.de hat Ulrich Rasche die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestürzt bestritten und unter anderem auch die Darstellung Anselm Webers im Interview als unwahr bezeichnet, als Intendant habe er sich schützend vor die Techniker stellen müssen. Anselm Weber sei während der Proben in Frankfurt persönlich nämlich kaum in Erscheinung getreten. Ähnliches hatte auch Luk Perceval in Simon Strauß' Artikel schon zu Protokoll gegeben. In einem Gespräch mit nachtkritik.de über die Zusammenarbeit mit Ulrich Rasche hat auch Bettina Hering, die Schauspielchefin der "Die Perser" koproduzierenden Salzburger Festspiele, den Vorwürfen gegen Rasche widersprochen. Dagegen sprach sie mit großer Anerkennung darüber, wie gut vorbereitet die Produktion von Ulrich Rasche bei Probenbeginn gewesen sei, wie stark Rasche den Stoff ihrem Eindruck zufolge inhaltlich durchdrungen hatte. Dies ist auf den Vorwurf des von der Frankfurter Rundschau anonymisierten Schauspielerbriefs bezogen, wo unter anderem zu lesen war, Rasche habe auf inhaltliche Nachfragen "nervös" reagiert.

Der Autor des Berichts über die "Perser"-Proben mit Ulrich Rasche ist der Schauspieler Andreas Vögler, der seit 2017 zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt gehört. Seinen Bericht hat Vögler, der auf Anonymisierung gar keinen Wert legt, wie er in einem Telefonat zur Sache klargestellt hat, ausschließlich als Antwort auf Ulrich Rasches im Artikel von Simon Strauß erhobenen Vorwurf verfasst, das Frankfurter Ensemble habe qualitative Probleme. Diese Aussage habe seinen Widerspruch provoziert, da er sich als an der Produktion Beteiligter auch seinem Ensemble gegenüber in der Verantwortung gesehen habe. In seinem vierseitigen Bericht schildert Vögler, wie er es wahrnahm, als Ulrich Rasche mit seinem Team und einem fertigen Konzept in Frankfurt ankam, dass alle Gäste für die Protagonistenrollen längst angefragt waren, und aus dem Frankfurter Ensemble nur noch der Chor zu besetzen war, es also auf eine Entscheidung Rasches zurückzuführen gewesen sei, mit so vielen Gästen zu arbeiten. "Ich habe deiner Leitung vorab klar mitgeteilt, dass ich nicht beabsichtige, Frankfurter Ensemblemitgliedern eine besondere Rolle bei dieser Produktion zuzumessen", zitiert Vögler in seinem Text eine Aussage Rasches, die bei einer Probe gefallen sein soll.

schauspiel ffm birgit hupfeld xDas Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld

Auch im Chor habe es unter den insgesamt 15 Darstellern neun Gäste gegeben, so Vögler, die bereits zuvor mit Rasche gearbeitet hatten. "Hinzu kam ein neuer Gast, zwei Studenten des Studienjahrs Schauspiel Frankfurt und drei Mitglieder des Frankfurter Ensembles. (bzw. zwei, da eines nach den Vorstellungen in Salzburg entnervt hingeschmissen und die Produktion verlassen hat.) Bezeichnenderweise wurden bis auf eine einzige Ausnahme dann sämtliche kleinen 'solistischen' Partes innerhalb des Chores ausschließlich genau an jene neun Gäste verteilt, die bereits in den vergangenen Produktionen mitgewirkt hatten. (...) Ich muss mich aufgrund der Arbeitsweise während der Proben jedoch generell fragen was er da eigentlich genau meint, wenn er von 'qualitativen Problemen' spricht. Insbesondere unter der Annahme, dass er offentlichtlich ja ausschließlich Darsteller für den Chor gesucht hat, keine Solisten. Ich bewundere die Chöre von Ulrich Rasche und bin auch extrem stolz auf unserer Mannschaftsleistung – dass es da keine Missverständnisse gibt! (...) Bis auf die letzten Tage der Premiere wurde dann in der letzten Probenzeit so gearbeitet, dass man in der Regel mit zwei Chorführern acht Stunden täglich mit Metronom und meist als Trockenübung entweder auf der Stelle tretend, oder auf einem Fitnesslaufband den Text mit Schritten verbindet.

Das ist zunächst reine Mathematik: der Text wird aufgebrochen, durchgezählt, rhytmisiert usw. Oft auch stundenlang ganz theoretisch im Kreis sitzend mit Bleistift und Textblatt in der Hand. Dies war quantitativ mit Abstand der größte Teil der achtwöchigen Arbeit. Irgendwann geht man auf die Originalscheibe und überträgt das zuvor Einstudierte. Dabei geht es wieder lange ausschließlich um technische Vorgänge: Geschwindigkeit der Scheibe, Größe der Schritte, Länge der Sicherheitsleinen usw. Irgendwann hat man eine erste Version, ein erstes Angebot, was dann Ulrich Rasche präsentiert wird. Ja, richtig, er ist in der Regel gar nicht dabei, ich habe ihn bis auf die Endproben ca. alle 5 Tage gesehen. Er überprüft das Zwischenergebnis, gibt Anweisungen und dann zieht man sich wieder mit den Chorleitern zurück und nimmt bis zum nächsten Treffen mit dem Regisseur die Korrekturen vor. (...) All das hat, wie gesagt, seine Berechtigung und ist zweifelsohne im Ergebnis sehr eindrücklich und virtuos, hat aber wenig mit den eigentlichen schauspielerischen Anforderungen zu tun, wie ich sie verstehe: Man studiert bei Rasche etwas Vorgedachtes, Vorgefertigtes ein, bis es perfekt funktioniert. Ähnlich einer Partitur. Ziel ist es zu erfüllen, nicht zu kreieren. Eine inhaltliche Auseinanderstetzung gibt es nicht, da es im Prinzip keinen Kontakt zum Regisseur gibt. Meine gesellschaftliche oder gar politische Haltung als Performer / Schauspieler ist somit auch nicht relevant, weil ich mich nie in einem Entstehungsprozess oder auf der Suche befinde."

 
Das künsterlische Ergebnis: der Trailer zu "Die Perser" © Schauspiel Frankfurt  2018

Was also ist los im Frankfurter Schauspiel? Die initiale Problemfrage des Artikels in der FAZ, der die künstlerische Qualität des Theaters bemängelte und dem Haus ein Leitungsproblem unterstellte, wurde verschoben, in dem der angegriffene Intendant die Debatte auf einen Gewährsmann des FAZ-Angriffs, den Regisseur Ulrich Rasche, umlenkte. Rasche ist insofern ein dankbares Objekt, als die gigantischen Maschinerien, mit denen er seine Zuschauer*innen wie Spieler*innen gleichermaßen konfrontiert (und verzweifelt dagegen ankämpfen lässt), in unseren komplett technikbeherrschten Zeiten, in denen alle Technik jedoch hinter smarten und durchdesignten Benutzeroberflächen verschwindet, von archaischer, ja aggressiver Wucht sind. Daher könnte man diese Arbeiten leicht auch für ein Symptom oder gar Ausdruck dessen halten, wovon sie sprechen: dem Existenzkampf des Individuums gegen totalitäre und ausbeutende Systeme und Technologien.

Dem Dilemma, das die künstlerische Aussage im Verhältnis zu ihren Produktionsbedingungen produziert (die sich vielleicht am ehesten mit den Bedingungen des klassischen Balletts vergleichen lassen), ist so leicht nicht zu entkommen. Denn dieses Dilemma rührt an Grundsatzfragen künstlerischer Arbeit. Muss man also beispielsweise diesen harten und hochformalisierten Probenprozess tatsächlich schon als eine Form des Missbrauchs von Schauspieler*innen bezeichnen, die Degradierung von Individuen zu anonymem Spielmaterial? Eine Frage, die im Kontext so radikaler Entwürfe wie den Inszenierungen Rasches kaum zu beantworten ist – wenn man nicht ganze Ästhetiken unter Generalverdacht stellen und tabuisieren will.

So erscheinen die Beschuldigungen, die Anselm Weber gegen Rasche vorgebracht hat, widersprüchlich und kaum belegt. Ein Kern des Konflikts sind verschiedenen Quellen zufolge – darunter bereits der initiale Artikel in der FAZ – die undurchsichtigen Umstände der Trennung von Chefdramaturgin Marion Tiedtke, die aber zu ihrer eigenen Causa beharrlich schweigt. Auch Anselm Weber war zu keiner weiteren Stellungnahme bereit. Seine Äußerungen zu den Themen seien veröffentlicht und nach wie vor so gültig, wie er mitteilen ließ. 

 

 

 
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