"Die was zu mir nett san, die hab ich gern"

von Andrea Heinz

28. Mai 2019. Dummdreiste Machtgeilheit, Gier und Machogehabe. Das Ibiza-Video hat gezeigt, was eigentlich alle schon die längste Zeit wussten. Die ganze Geschichte hat aber noch eine andere Annahme bestätigt: In Österreich und erst recht in Wien schätzt man eine gute Inszenierung auch abseits der Bühne. Sei es die zweifelsohne durchdachte Dramaturgie der Ibiza-Tapes (schon jetzt ein Klassiker), sei es der Auftritt des Bundespräsidenten vor samtener Tapete und Maria-Theresien-Bildnis ("Bis zum nächsten Mal"). Der Übergang von Politik zu Theater ist ja ohnehin oftmals ein fließender, und bei der Bernhard’schen Frage, "Ist es eine Komödie? Ist es eine Komödie?", weiß man auch nie so genau, was er da eigentlich gemeint hat. Politik? Theater? Wahrscheinlich beides.

Dort trifft man immer wen

Hier soll es nun aber um das Theater gehen. Und das ist in Österreich – und vor allem in Wien – tatsächlich ein weithin akzeptierter Referenzrahmen. Man merkt das schon allein daran, wie angenervt Martin Kušej in seinen Interviews bisweilen wirkt – alle wollen was von ihm und die halbe Stadt weiß, wie er seinen Job zu machen hat. Jogi Löw kennt das Problem. Dabei ist das doch eigentlich eine schöne Sache: Dass in dieser Stadt gefühlt jede*r etwas zum Theater zu sagen hat. In Wien lässt sich auch mit fremden Menschen problemlos über Theater diskutieren. Sie sprechen einen nach (leider wirklich böse misslungenen) Vorstellungen besorgt auf der Straße oder in der U-Bahn-Station an: "Fanden Sie es auch so schlecht?"

19 NAC Kolumne Heinz 2PSchon in der Pause kann es passieren, dass einer der Sitznachbar (es sind meist Männer) seine Pausenkritik präsentiert. Erst recht, wenn man als Kritikerin identifiziert wurde. Nach Premieren stehen diskutierende Grüppchen auf der Straße herum oder streiten in der Straßenbahn über das Gesehene. Das Theater erfüllt hier in mancherlei Hinsicht die Funktion, die anderswo das Wirtshaus hat. Man trifft dort immer wen, den man kennt. Im Bronski & Grünberg, eh ein sehr intimes – man könnte auch sagen: enges – Theater, sitzt man just hinter der Bekannten, der man schon seit Tagen ein Mail schicken wollte. Und in der Silvesterpremiere lernt man die Oma des Studienkollegen kennen.

Die Expert*innen sitzen im Zuschauerraum

Irgendwie geht das Theater hier alle an: Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler saß eine Zeitlang täglich um acht Uhr früh im Café Eiles, um über die Zukunft des Wiener Volkstheaters zu sprechen – dem Vernehmen nach war der Jour fixe rege besucht, nicht nur von Theater-Leuten, sondern von ganz "normalen" Wiener*innen. Bei den (gut besuchten) Podiumsdiskussionen zum selben Thema in der Roten Bar des Theaters zeigte sich, dass die Zuschauer*innen sowieso meist besser Bescheid wissen, als die Expert*innen. In Wahrheit ist es das hiesige Theater-Publikum, das zu großen Teilen aus Expert*innen besteht – woran auch mancher Spielplan scheitert, der glaubt, er wüsste es besser als seine Zuschauer*innen.

Man muss an dieser Stelle auch noch die Helga erwähnen. Wer schon einmal auf einer Wiener Bühne stand, kennt die Helga. Eine pensionierte Schneiderin, die nach zwei Ehen ("Die erste war nicht schlecht, aber die zweite nicht gut.") mit ihrer Mutter zusammenlebt. Fast auf jeder Premiere taucht sie mit ihrer kleinen Kamera auf und fotografiert ihre Stars – und zwar alle, sie will niemanden kränken. "Die was zu mir nett san, die hab ich gern", erzählte sie in einer Folge der ORF-Sendung Am Schauplatz. Mehr als 20.000 Fotos hat sie zuhause in Ordnern gesammelt. Bei der nächsten Premiere bringt sie die Abzüge mit, geht auf Autogrammjagd und überrascht zum Beispiel den Peter Simonischek ("Das ist er ja, unser Held!").

Aus der Theater-Blase in die Stadt

Das Theater hat eine privilegierte Stellung in dieser Stadt und das gibt ihm freilich auch eine ganz andere Relevanz. Was hier am und im Theater passiert, darüber wird geredet. Und zwar eben nicht nur über ästhetische Fragen oder darüber, welches Schauspieler-Paar sich wieder getrennt hat – sondern auch über das, was auf der Bühne verhandelt wird: Wie leben wir zusammen, was ist uns als Gesellschaft wichtig? Nur: So schön und idyllisch das klingt, dieser Theater-Kosmos ist eine Blase. In bestimmten Bezirken geht niemand ins Theater, geschweige denn, dass darüber geredet wird.

Umso wichtiger sind Projekte, wie sie etwa die Offene Burg mit den Stadtrecherchen oder das Volkstheater mit den Spielclubs betreiben. Die Stadtrecherchen gehen seit drei Jahren in Bezirke wie heuer Floridsdorf, Donaustadt, Favoriten und Simmering – Schulklassen, Senior*innen, Wiener*innen mit oder ohne Migrationshintergrund, Asylsuchende, sie alle können hier unter professioneller Anleitung Theater, Tanz-Performances, Filme oder Musik machen und die Ergebnisse im Akademietheater präsentieren. Die Themen wählen die Teilnehmer*innen selbst aus – heuer ging es etwa um die Fridays for Future oder die Repräsentation von Frauen am Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten (dem traditionellen Schauplatz von FPÖ-Großveranstaltungen).

Nicht nur während der Proben wird das Theater hier zur Plattform für Diskussionen, es fällt auch die Hemmschwelle, selbst ins Theater zu gehen und mitzureden. Spricht man mit Teilnehmer*innen, merkt man schnell: Die Begeisterung für das Theater steckt an. Die Blase weitet sich durch solche Projekte. Und damit der Raum, in dem das Theater zum Forum werden kann, zum Ort für Begegnungen, Diskussionen, Austausch. Man muss das, erst recht nach dem gestrigen Tag, kaum noch extra betonen: Gesprächsbedarf gibt es genügend in diesem Land. Den Gräben zwischen den einzelnen Lagern kann man beim Wachsen buchstäblich zuschauen, im Alltag ist das Misstrauen zwischen den Menschen manchmal fast mit Händen zu greifen. Bleibt zu hoffen, dass es Projekte wie die Stadtrecherchen weiterhin gibt. Nötig wär’s.

 

Andrea Heinz wuchs im bayrischen Grenzgebiet mit österreichischem Kinderfernsehen auf und weiß, dass Grenzen fließend sind. Sie lebt als freie Autorin (seit 2017 auch für nachtkritik.de) und Literaturwissenschaftlerin in Wien und pendelt zwischendurch nach Bayern und Hamburg (wo sie trotz ihres respektablen Hochdeutsches stur für eine Ausländerin gehalten wird). Am Herzen liegen ihr diese Orte gleichermaßen.

 

In ihrer letzten Kolumne fragte Andrea Heinz nach dem Verhältnis des Theaters zum Klimawandel.

 
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