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Das große Fremdganze

"Heul doch!" betitelte Sarah Heppekausen ihren Beitrag in der Festivalzeitung des Theatertreffens (2.5.). In den Kritiken zur Auswahl des diesjährigen Theatertreffens, schrieb sie, sei plötzlich von "Wahrhaftigkeit, Pathos, Mitfühlstücken, von der Rückkehr des Virtuosentums und des Schauspielertheaters" die Rede. "Hier kommen klassische Begriffe des bürgerlichen Theaters wieder ans Tageslicht, die wohl nie ganz von der Bühne verschwunden, aber doch tief in der hintersten Ecke des Fundus vergraben waren. Begriffe, die im 18. Jahrhundert aufkeimten, als der Schauspieler endlich als vollwertiger Künstler akzeptiert wurde." In der Tat sei auf der Bühne – auch wenn es heutzutage natürlich nicht mehr darum ginge, Mitleid zu errege – "das Pathos doch kein Tabu mehr". "Im Gegenteil: Nach der Dekonstruktion von Figur und Geschichte, nach der konsequenten Ablehnung bürgerlicher Theaterwerte wie Einfühlung und Wahrhaftigkeit, ist jetzt wieder ein gefühlsechtes Erfahrungstheater möglich." Zum Ausdruck komme der Wunsch nach dem Authentischen dabei nicht nur in der Neigung zu psychologischen Menschenstudien, sondern auch in der Hinwendung zu dokumentarischen Formen wie von Rimini Protokoll.

Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (29.8.) äußert sich zum gleichen Thema und erläutert dabei die ästhetische Fassbarkeit des so genannt Authentischen: "Die Matthes-Wanja-Tränen haben in dieser Inszenierung von Jürgen Gosch die feine, aber entscheidende Grenze zwischen Figur und Darsteller, Fiktion und Wirklichkeit einesteils erst kenntlich gemacht, anderenteils aber absichtlich verwischt. (...) Matthes hat uns Zuschauern einen Schock des Echten verpasst, indem er der Figur das Ureigenste seines Selbst zu opfern schien. Das machte sie glaubwürdig, wahrhaftig. Und dies, die Glaubwürdigkeit, wird im Gegenwartstheater derzeit als höchstes Gut gehandelt." Im folgenden nennt und charakterisiert Pilz weitere Glaubwürdigkeits-Virtuosen, sieht in der Arbeit mit dokumentarischen oder Wirklichkeits-Elementen (er nennt hier auch Volker Lösch und Signa) ebenfalls einen Beleg für die "Apotheose des Authentischen" und kommt zu dem Schluss, dass die Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit die Folge einer Krisenerfahrung des bürgerlichen Publikums sei, des "berechtigten Gefühls, dass einer ökonomisierten Gesellschaft die gemeinschaftsbildende Substanz abhanden kommt." Im "Kult um die Glaubwürdigkeit" hoffe das Theater, "dem großen Fremdganzen einen Fetzen unverbrüchlicher Authentizität zu entreißen".