Nachtschicht in der Popfabrik

von Esther Slevogt

Berlin, 28. Juni 2019. "How do you learn what a feeling means?", fragt die Tänzerin und Performerin Melanie Jame Wolf nach einer Art erstem Akt. Im Military-Overall steht sie am Rand einer enormen weißen Folie, wie sie sonst Fotograf*innen verwenden, um Modelle gut ausleuchten und in Szene setzen zu können. Sie haucht die anekdotische Erzählung von einem Lover, einem Entertainer und einem Revolutionär ins Mikrophon, die in eine Bar kommen und sich darüber austauschen, wie Gefühle funktionieren. "Rehearse, rehearse, rehearse", empfiehlt der Entertainer. "Einstudieren, einstudieren, einstudieren".

Wippende Hüften

Was dabei konkret herauskommen kann, war zuvor zu sehen: Zu einem peitschenden Percussion-Furioso treten nacheinander drei Tänzer*innen auf und exekutieren, ins Lächerliche überspitzt, Tanz-, An- und Aufmacherposen aus dem Repertoire des Showbiz und der Pop-Industrie. Erotisch wippende Hüften, gebleckte Zähne, anmachend hochgezogene Augenbrauen. Erst kommt Rodrigo Garcia Alves von backstage her angeschlichen, um, kaum im Rampenlicht angekommen, das heischende Lächeln in seinem Gesicht anzuknipsen und in aberwitzigster Klischeehaftigkeit mit schwarz überklebten Augenbrauen in Disco- und Clubmanier seine von der Popindustrie vorformatierten Tänze aufzuführen, während er dem Publikum gleichzeitig das Gefühl zu übermitteln scheint: Hey Leute, schaut mal, wie cool und sexy ich bin!

Tonight 560 Ashton Green uPromobild der Produktion © Ashton Green

Als nächstes kommt Sheena McGrandles in zerrissener 1980ies Stonewashed-Jeans und komischer Vokuhila-Frisur und absolviert die gleichen vorgestanzten Tänze und Verrenkungen. Sie imitiert dabei männliche Rock-Star-Posen, was im Publikum immer wieder zu lauten Lachern führt. Später wird sie dabei auch noch von einem Muscle-Suit unterstützt. Als Dritte erscheint in diesem etwa zehnminütigen Intro schließlich Melanie Jame Wolf und das fulminant durchchoreografierte Trio erweckt den Eindruck von Tänzer*innen in einer Provinzdisco, wo sie sich bei der Ausübung von Freiheit und Freizeit wähnen. Und im Individualrausch der Sinne. Dabei wirken ihre Körper wie ferngesteuert von den Drumbeats, die immer wieder wie Stromschläge in ihre Körper fahren.

Seelenproduktion

Es handelt sich um eine (von der Berliner DJane und Klangkünstlerin Mieko Suzuki) technohaft verfremdete und in einen sisyphoshaften Dauerloop verwandelte Version der berühmten Drum Fills aus dem Phil Collins-Hit In the Air tonight von 1981, dessen diffuse Botschaft eines nie gehabten Gefühls und einer kommenden, alles verändernden Zeit die Grundlage der neuen Performance "Tonight" von Melanie Jame Wolf darstellt. Wolf, deren Arbeiten immer wieder untersuchen, wie die kapitalistischen Ökonomien und Modelle noch scheinbar Individuellstem wie Gefühl oder Sex ihren seriellen Tausch-Charakter aufdrücken, liefert hier eine Studie dazu ab, wie die Popindustrie Menschen samt ihrer Seelen und Körper in Klone und Serienprodukte verwandelt.

Wie das jenseits der Berliner Sophiensäle aussieht, wo der Abend der in Berlin lebenden australischen Tänzerin, Medienkünstlerin und Performerin herauskam, lässt sich beispielsweise auf dem chinesischen Social-Media-Kanal "Tik Tok" studieren. Dort inszenieren sich Millionen Menschen aus aller Welt und allen Kulturen in Sekundenfilmchen in immer gleichen vorformatierten Choreografien oder Szenen aus der Popkultur – und sind dabei dann trotzdem für die Sekunden, die so ein Film dauert, ein Star. Damit generieren die Millionen User dieser Plattform jeweils auch Followerzahlen, von denen manche Indie-Band nur träumen kann. Denn so einfach ist es eben nicht mit der Pop- und Kapitalismuskritik. Oder können hundert Millionen Fans sich irren?

A star is born

Und so schraubt sich auch der Abend von Melanie Jame Wolf aus den vorgefertigten Posen immer tiefer in eine Trance, wo sie das Vorformatierte mit dem Eigenen zu einer Kernschmelze führen will. Das zumindest ist der Eindruck. Zerdehnte Fragmente des verfremdeten Phil Collins-Songs werden mit demonstrativ offengelegten Illusionsapparaten wie Wind- und Nebelmaschinen auf der weißen Spielfläche in ein Scheinwerfer-Farbmeer getaucht. Die drei Performer*innen bewegen sich in Zeitlupe und legen immer mehr Tücher und Gewänder an, die wunderbar im Wind der Windmaschinen flattern. Kommen sie darin bei sich selber an oder gehen sie sich endgültig verloren? Eine Frage, die der Abend nicht beantwortet, dessen packende Körper- und Seelenbilder hier zu schnell vernebelt und verschleiert werden. Auch wenn Melanie Jame Wolf am Ende in einem Lichtkegel steht und selbst zu dem Star geworden zu sein scheint, dessen Gefühls- und Utopiesimulationen ihr zunächst nur das Muster für ihre Zurichtung vorgaben.

 

Tonight
von Melanie Jame Wolf
Konzept, Text, Regie: Melanie Jame Wolf, Sounddesign: Mieko Suzuki, Lichtdesign: Ariel Efraim Ashbel, Kostümdesign: Josa Marx, Stagedesign: Jonas Marx Droste.
Mit: Performance: Melanie Jame Wolf, Sheena McGrandles, Rodrigo Garcia Alves.
Premiere am 27. Juni 2019
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.savage-amusement.com
www.sophiensaele.com

 

Kritikenrundschau

"Einen tanzfreudigen, bisweilen pantominischen Abend, der nicht nur die Posen des Pop zelebriert, sondern die Endlos-Schleife eines großen Versprechens" hat Cora Knoblauch gesehen und sagt im rbb Inforadio (28.6.2019): "Melanie Jame Wolf kommt zu dem Schluss, dass es im Grunde immer nur drei Dinge gibt, die so ein Abend im Club oder in einer Bar versprechen kann: einen Lover, einen Entertainer oder die Revolution. Doch man ahnt es: Die Popmusik kann dieses hehre Versprechen nicht einlösen. (...) Vielleicht ja morgen? Da ist ja auch noch ein Abend."

 
Kommentar schreiben