Sehen wir hin!

von Thomas Bockelmann

27. Juni 2019. Hallo Zusammen, schön, dass sie alle da sind! Zunächst ein paar persönliche Sätze zu Walter Lübcke: Er war ein großer, zugewandter, bodenständiger, humorvoller Mann mit Zivilcourage. Und dass diese ihm wohl das Leben gekostet hat, möge dafür sorgen, dass wir alle nur noch couragierter werden! Walter Lübcke war wie ein Baum. Und es ist ein merkwürdiger Zufall, dass ziemlich zeitnah zu seiner Ermordung auf dem Weg hinter dem Regierungspräsidium, den ich jeden Morgen mit dem Rad zum Theater fahre, eine große Eiche einem Sturm zum Opfer fiel. Daran denke ich jetzt jeden Tag, wenn ich vorbeifahre. Es ist eine Schande, wie er ums Leben gekommen ist. Und es ist eine Schande, wie vorher und hinterher gegen ihn in rechten Netzwerken gehetzt worden ist. Aber irgendjemand hat mal gesagt: "Solange wir in Sympathie und Hochachtung an einen Verstorbenen denken, lebt er in gewisser Weise weiter." Also lassen Sie uns alle noch sehr lange an Walter Lübcke denken.

19 06 27 Zusammen sind wir stark 3795"Zusammen sind wir stark" am 27. Juni 2019 in Kassel. Nach der Ermordung von Walter Lübcke, des Regierungspräsidenten von Kassel, demonstrieren 10.000 Menschen auf dem Platz vor dem Kassler Regierungspräsidium gegen rechte Gewalt  © Harry Somerski

Wir Theatermenschen glauben zutiefst daran, dass das, was uns in der Welt nicht gefällt, nicht deshalb existiert, weil wir hinsehen, sondern weil wir wegsehen. Deshalb lassen Sie uns hinsehen, auch wenn das schmerzhaft ist. Deshalb nun einige Zitate aus rechten Netzwerken vor und nach Walter Lübckes Tod: Der rechtsextreme Blog "PI-News", eine der reichweitenstärksten Hass-Publikationen im Internet und 2015 intensiv mit dem Thema Flüchtlingsfeindlichkeit beschäftigt, veröffentlicht und kommentiert – sogar mehrfach – nicht nur die Aussage, sondern auch Lübckes private Wohnadresse und die Bitte, jemand möge "sich kümmern":

"Könnte da jemand etwas vorbereiten? ... –

Der Kasper aus Kassel macht es nicht mehr lange"

Nach einer Weile ebbten die Hassmails ab, aber am 18. Februar 2019 tweetet Erika Steinbach, eine frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und heute Leiterin einer Afd-nahen Stiftung:

"Zunächst sollten die Asylkritiker die CDU verlassen bevor sie ihre Heimat aufgeben!"

Und sie tweetet das bekannte Lübcke-Zitat so, dass der Eindruck entsteht, es wäre aktuell und nicht aus dem Jahr 2015. Hierauf brandet die Welle von Hass-Kommentaren wieder hoch. Nach Lübckes Ermordung weist sie die Vorwürfe – unter anderen von Peter Tauber, dem früheren Generalsekretär der CDU – an einer Mitschuld zurück und sagt, natürlich bevor sich herausstellt, dass die Tat einen rechtsradikalen Hintergrund hat, im Deutschlandfunk:

"Das Verbrechen wird jetzt von politischen Kräften instrumentalisiert, die wegen der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg erkennbar in Panik geraten sind. Das ist eine Entwicklung in Deutschland, die brandgefährlich ist."

Was meint sie mit "brandgefährlich"? Dass die AfD wegen des Mordes ein paar Stimmen verliert? Dies wäre aufs Innigste zu wünschen.

Kommen wir jetzt zu weiteren, auch anonymen Kommentaren aus dem Netz:

"Eine widerliche Ratte weniger –

Drecksau –

Polit-Bakterium –

Der Volksschädling wurde jetzt hingerichtet –

… der "Mainstream" habe "eine neue NSU-Affäre und kann hetzen. Es sieht so aus, dass der Mörder ein minderbemittelter Einzeltäter war, aber die Medien hetzen schon jetzt gegen die 'rechte Szene', was immer das ist. (Max Otte, Mitglied der CDU/CSU "Werte-Union") –

Und wieder einer weg –

Hochmut kommt vor dem Knall"

Man mag sich kaum vorstellen, was solche Hass-Mails mit den Angehörigen von Walter Lübcke und seinen Freundinnen und Freunden gemacht haben. Diese Zitate sind von feigen Menschen, die sich in der Anonymität des Netzes einmal mächtig fühlen wollen. Und nirgends fühlt man sich mächtiger, als wenn man wähnt, Herr über Leben und Tod zu sein. Wie wollen Sie Ihren Kindern eigentlich mal erklären, dass Sie zu Morden aufgefordert oder sie beklatscht haben? Das Netz vergisst nichts!

Wolfgang Schäuble hat gestern im Bundestag formuliert: "Menschenfeindliche Hetze ist Nährboden für Gewalt bis zum Mord. Und wer diesen Nährboden düngt, macht sich mitschuldig. Das sollte jetzt auch der Letzte verstanden haben. Danach gab es viel Applaus, auch spärlichen von der AfD. Bis Alice Weidel sich umdrehte und denselben abbrach. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann hatte schon am Dienstag erklärt, es "sei vollkommen klar, dass Lübcke ohne Angela Merkels Flüchtlingspolitik noch leben würde". Sein Attentäter Stephan Ernst hatte allerdings schon vor 2015 versucht, einen türkischen Iman zu erstechen und eine Flüchtlingsunterkunft anzuzünden. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass Herr Lübcke ohne die rechte Hetze und den Schuss von Stephan Ernst noch leben würde.

Da vorhin ja von der Werte-Union die Rede war: Wir wissen, dass viele enttäuschte wertkonservative CDU-Wähler – für die Herr Gauck unlängst Toleranz eingefordert hat – zur AfD abgewandert sind. Übrigens auch von der SPD und den Linken. Diese Menschen sollten sich angesichts solcher Vorgänge ernsthaft fragen, ob sie weiter "Steigbügelhalter" für "Fliegenschiss"-Gauland und "Mahnmal-der-Schande"-Höcke sein wollen.

Noch ein letzter Punkt: Herr Pézsa hat ja schon erwähnt, dass das Staatstheater Kassel an einer Uraufführung zum NSU-Prozess arbeitet. Natürlich mit Schwerpunkt auf den Kasseler Mord an Halit Yozgat. Beim gründlichen Studium der Prozessakten fällt auf, wie oft zum Beispiel der Bundesanwalt Herbert Diemer oder auch der Rechtsbeistand Jochen Weingarten tiefergehende Befragungen von Zeugen immer wieder mit dem Hinweis abrechen, hier müssten V-Leute geschützt werden/hier müssten die Interessen des Hessischen Landesverfassungsschutzes geschützt werden. Der ganze Prozess läuft daraus hinaus: Es gab fünf Schuldige und das war’s. Nachdem man vorher bei den Ermittlungen noch geargwöhnt hatte, die Opfer selber seien in kriminelle Machenschaften verstrickt.

Die Akten wurden für geheim erklärt und im Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages gab es viele geschwärzte Unterlagen. Dieser Untersuchungsausschuss kam zu meinem großen Erstaunen übrigens bei Stimmenthaltung der Grünen zustande. Und obwohl Stephan Ernst 37 Mal aktenkundig wurde und 2009 vom Hessischen Verfassungsschutz noch als einer der sieben gewalttätigsten Rechtsextremisten in Nordhessen genannt wurde, wurde er ab 2010 nicht mehr observiert. Und seine Akte 2015 vom Verfassungsschutz gesperrt. Es gibt seit heute eine Petition, die die sofortige Freigabe dieser Akten fordert. Diese blieben sonst noch bis ins Jahr 2235 gesperrt. Sie haben richtig gehört: 120 Jahre sollen die Akten unter Verschluss bleiben. Heute hat sich sogar unser Innenminister Horst Seehofer für die Freigabe dieser Akten eingesetzt. Ich bin nicht immer seiner Meinung. Aber diesmal sollten wir ihm folgen.

Es ist wirklich ermutigend, dass Sie alle hier sind. Aber das darf erst der Anfang sein. Wir sollten sehr wachsam sein und unsere schöne Demokratie mit all ihren Schwächen schützen und behüten. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch (Bertolt Brecht).

Reden Sie miteinander, und reden sie auch mit Rechten.

Sehen Sie hin! Stellen wir sie!

Danke fürs Zuhören.

Bockelmann Thomas Zusammen sind wir stark 06 2019 280 Harry Somerski uThomas Bockelmann ist seit 2004 Intendant des Staatstheaters Kassel. Er hielt diese Rede am 27. Juni 2019 vor 10.000 Menschen im Rahmen der Kundgebung gegen rechte Gewalt "Zusammen sind wir stark" in Kassel. Anlaß war die Ermordung des Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke durch einen rechtsextremen Täter.

 

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