Avantgardisten der Nutzlosigkeit

von Thomas Rothschild

3. Juli 2019. Die liebste Frage von Radiomoderatoren, wenn sie mit Theaterleuten reden, lautet: "Kann das Theater die Welt verändern?" Kein Mensch fragt: "Kann ein gutes Essen die Welt verändern?" oder "Kann Fußball die Welt verändern?" Hinter der Frage verbirgt sich eine Prämisse. Wenn Theater die Welt nicht verändern kann, dann hat es keine Existenzberechtigung, zumindest keinen Anspruch auf Steuergelder. Es ist dann, ganz im Sinne der russischen Utilitaristen des 19. Jahrhunderts, überflüssig.

Bentham 280 National Portrait Gallery uVordenker des Utilitarismus: Jeremy Bentham © National Portrait Gallery

Die Spiele der Kinder

Schon Kinder haben über Jahrhunderte und Kulturen hinweg Vergnügen daran, sich hinter Masken zu verstecken, ihre Identität durch Kostüme (scheinbar) zu verändern, mit Gesten und Mimik jemanden vorzustellen, den sie beobachtet oder imaginiert haben, der sie jedenfalls nicht sind. Sie haben Spaß an Reimen, an der rhythmischen Organisation von Sprache, an phonetischen Auffälligkeiten. Die englischen Nursery Rhymes sind dafür ein überzeugendes Beispiel.

Junge Menschen lassen sich durch die unerfreulichen ökonomischen Umstände nicht davon abhalten, das Schauspielstudium anzustreben. Ginge es ihnen darum, die Welt zu verändern, entschieden sie sich gleich für die Politik. Die funktioniert zwar in mancher Hinsicht ähnlich wie die Schauspielkunst, aber der Verstellung, der Vortäuschung, der Pose fehlt bei ihr das Spielerische. Sie ist zweckgerichtet, will tatsächlich, wenn nicht die Welt, so doch die Bedingungen für die Partei oder die eigene Person verändern.

Das utopische Potential der Kunst

Die Frage, ob das Theater die Welt verändern könne, folgt der Logik des Nützlichkeitsdenkens, das unsere Gesellschaft bestimmt. Das Theater aber ist der Ort der Nutzlosigkeit, und darin besteht paradoxerweise sein Nutzen, also seine politische Bedeutung. Die Indienstnahme des Theaters für einen Zweck, auch durch vermeintlich Linke, die ohne Wenn und Aber fordern, es habe in einem engen Verständnis politisch zu sein, ist nichts anderes als ein Angriff auf das utopische Potential der Kunst.

Ästhetische Produkte sind dadurch gekennzeichnet, dass sie in erster Linie auf sich selbst zurück verweisen. Sie erfüllen allenfalls in zweiter Linie zusätzliche Funktionen wie die der Erziehung, der Propaganda, der Belehrung, der psychotherapeutischen Hilfestellung. Zwar werden sie in einer Warengesellschaft selbst auch zu Waren, aber ihr ökonomischer Stellenwert ist innerhalb des Bruttosozialprodukts gering. Theater ist stets auch die ideelle Beschäftigung mit dem Utopischen und also mit Alternativen zum Status quo.

Nützliche Nebeneffekte

Wenn das Theater darüber hinaus praktisch werden und die Welt verändern will und ihr das, in sehr seltenen Fällen, sogar gelingt, so ist das ein Nebeneffekt, macht aber nicht sein Wesen aus. Um bei dem zuvor aufgerufenen Vergleich zu verharren: Ein gutes Essen mag die Welt verändern, wenn ein Staatsbesuch dadurch in gute Laune versetzt wird. Ein Fußballspiel mag die Welt (zum Schlechten) verändern, wenn es den Nationalismus befördert. Aber zuallererst isst man, weil es schmeckt, spielt man Fußball oder schaut ihm zu, weil man die Bewegung, die Geschicklichkeit innerhalb eines Regelsystems, den mehr oder weniger fairen Wettbewerb genießt. Es entspricht offenbar einem universalen menschlichen Bedürfnis. Man muss die Konzeption von anthropologischen Konstanten nicht überstrapazieren, um aus der historischen und der aktuellen Erfahrung diesen Schluss zu ziehen.

Plakat Useful Theatre 560 Sophiensaele xDas Plakat der Konferenz Really Useful Theatre an den Sophiensaelen 2015Die Zumutung übrigens, Künste seien nur dann zu finanzieren, wenn sie Nutzen bringen, hat ihre noch viel krassere bildungspolitische Entsprechung in Ansätzen, universitäre Forschung staatlicherseits nur dann zu fördern, wenn für die angepeilten Projekte auch Drittmittel aus der Privatwirtschaft aufgetrieben werden können. Damit macht der Staat sich und die Hochschulen zu Sklaven der Industrieinteressen. Die Hochschulautonomie wird dadurch auf Umwegen ebenso zur Disposition gestellt wie die Verpflichtung der staatlichen Organe allen gesellschaftlichen Gruppen gegenüber.

Weg in die Freizeitgesellschaft

Zwei Möglichkeiten, die einander nicht notwendig ausschließen, bieten sich dem Stellenwert der Künste in einer künftigen, von Arbeit weitgehend entlasteten Gesellschaft. Die eine geht in Richtung der Entprofessionalisierung. Die schöpferischen Fähigkeiten, über die die meisten Menschen verfügen, die aber bisher bei der Mehrheit in der Regel brach lagen, würden gefördert. Eine Freizeitgesellschaft, in der man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man nichts "Nützliches" produziert, ließe dann genügend Raum, auf jenem Gebiet produktiv zu sein, das sich gerade durch seine Nutzlosigkeit im Sinne der Profitvermehrung definiert, eben auf dem Gebiet der Kunst. Über kurz oder lang könnte sich die Kategorie der Kunst im bisherigen Verständnis sogar entbehrlich machen wie in der vorarbeitsteiligen Urgesellschaft. Sie wäre eine allgemeinmenschliche Tätigkeit, vergleichbar dem Sport, dem Spaziergang, dem gemeinsamen geselligen Mahl.

Jenseits der Arbeit

Die andere Möglichkeit berücksichtigt den Einwand, solch eine Entprofessionalisierung würde, sogar in einer Gesellschaft, die Amateuren die Möglichkeit gibt, ihre Talente großzügig zu entwickeln, zu einer Qualitätsminderung führen. Selbst wenn aber die Produktion von Kunst einer qualifizierten Minderheit vorbehalten bleiben sollte, käme ihren Ergebnissen in einer Gesellschaft, in der besser als bisher gebildete Massen über reichlich Zeit für den Konsum von Kunst verfügten, eine neue Bedeutung zu.

Schon heute aber könnten gerade die Künstler als Avantgardisten einer Gesellschaft gelten, in der Arbeit (im Sinne materieller Produktion) nicht mehr den obersten Stellenwert hat, ohne als faul, gar als Parasiten zu gelten, wenn sie ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum einfordern. Vieles spricht für das vom Staat, von den Ländern, von den Kommunen garantierte Künstlergehalt, das ja durch das Stipendien- und Preissystem schon heute ansatzweise verwirklicht ist. Es wird so lange Utopie bleiben, wie Radiomoderatoren, die selbst reichlich wenig zur Veränderung der Welt beitragen, inquisitorisch danach fragen, ob das Theater die Welt verändern kann.

 

rothschild kleinThomas Rothschild, geboren 1942 in Glasgow, Studium der Slavistik und Germanistik in Wien, Moskau und Prag, 1968-1971 Linguist, 1971-2007 Literaturwissenschaftler an der Universität Stuttgart. Publikationen u.a. zum politischen Lied, zur Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, zu Medienfragen. Jour­nalistische Tätigkeit für diverse Medien. Autor von nachtkritik.de.

Kommentare

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#1 Nutzloses Theater: gesicherter Diskursmartin baucks 2019-07-03 13:19
Man muss sich der Schwierigkeit Theater zu machen wirklich stellen. Seine Wirkung ist in einer Kosten Nutzen Rechnung kaum darstellbar. Und natürlich kann es sein, dass eine Aufführung langfristig die Welt verändert hat. Sicherlich hatte das absurde Theater mit „Die Nashörner“ oder der „Kahlen Sängerin“ starken Einfluss auf das Denken. Aber unmittelbar geschah erst einmal gar nichts. Alles drehte sich weiter wie bisher, obwohl man nach gewissen Aufführungen meinen könnte, die Welt müsse sofort stehen bleiben und alles müsse sich ändern. Es waren schwer durchsetzbare Abende. Und da man sich der unmittelbaren Wirkung eines Abends nie wirklich sicher sein kann, scheint es vorteilhaft, das Risiko zu minimieren, in dem man sich vorab politischer Ziele vergewissert, die einen legitimieren und über eine gewisse Langeweile hinwegtröstet. Sie dient dann ja einem höheren Zweck und man kann getrost ein kleines Nickerchen halten. Fein. Da muss man dann ja auch gar nichts Außergewöhnliches mehr erwarten und einer Enttäuschung ist vorgebeugt. In der Musik wäre eine solche Haltung fatal, denn die Zuhörer haben eine hohe Erwartungshaltung, die man mit schlechter Musik kaum zu unterlaufen vermag, auch wenn man über eine politische Legitimation für sie verfügt und sie vorab veröffentlicht. Das Schauspieltheater enttäuscht mit geradezu politisch motivierter Leidenschaft alle Erwartungshaltungen und macht sich, zu einem höheren Zweck, einen Sport daraus professionell zu langweilen. Gerne läuft man unter der Latte durch und lässt sich dafür feiern. Allein die Anstrengung wirklich nochmals Ergriffenheit zu erzeugen, für was auch immer, erscheint so nostalgisch, man wagt gar nicht mehr daran zu denken, was alles geschehen könnte, wenn ein Abend tatsächlich mal wieder so aufregend wäre, dass ein Publikum kollektiv zu der Überzeugung käme, nun sei die Welt aber wirklich für einen Moment stillgestanden. Atemberaubende Darstellung im Schauspiel, die einen vollkommen verändert in die Realität entlässt und die Atome der eigenen Seele neu zusammen setzte, dass kann sich heute kaum noch jemand vorstellen. Wütende Enttäuschung darüber, dass eine solche seelische Manifestation nicht stattfand, ist einem allgemeinen Konsens darüber gewichen, dass die politische Konzeption korrekt war und ein inneres Aufgewühlt-Sein eher schädlich. Im Gegenteil, man einigt sich darauf bestimmte Worte erst gar nicht mehr zu benutzen und bestimmte Handlungen auf keinen Fall zu zeigen, ja ganze Darstellungen aus der Theaterhistorie herauszuschneiden und nur noch mit Trigger hinter Schleiern des Diskurses abzubilden. Unmittelbare Wirkungen gelten als eher feindlich. Nicht getriggerte Überraschungen als Übel. Unvorhersehbare Wendungen!? Um Gottes Willen. Heute fällt keiner mehr nach dem dritten Akt in Ohnmacht, wie es bei „Kabale und Liebe“ der Fall war. Da sei Gott vor. Hinter und vor der Bühne gilt ein vom Bühnenverein abgesegneten Verhaltenskodex der schwerere Spannungen in der Darstellung zu verhindern weiß. Überhaupt, Binnenspannung, so ein überkommenes Wort. Spannungsdramaturgie war gestern. Wirkung vorgestern. Gepflegter Diskurs, korrekt aufbereitet, da kann nichts schief gehen und der hebt die Welt gewiss nicht außen Angeln. Vorhang zu.

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