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Unmissverständlich bevormundend

3. August 2019. "Mit einem Dogma muss aufgeräumt werden: dass das Mitmachtheater fortschrittlicher sei als das Theater, das auf der Trennung von (professionellen) Schauspielern und Publikum insistiert, nicht anders als auf der Trennung von professionellen Ärzten und Patienten, die ja auch, bei allen Schwächen, einen Fortschritt bedeutet gegenüber der Hausmedizin früherer Jahrhunderte," schreibt Thomas Rothschild im Online-Magazin Kultura Extra.

"Das Theater ist hervorgegangen aus kollektiven Ritualen, aus deren Mitwirkenden sich erst allmählich einerseits die Priester, andererseits die Künstler herausgebildet, also professionalisiert haben. Im Gottesdienst ist die "Zuschauerbeteiligung" etwa im gemeinschaftlichen Gebet aufbewahrt, aber der Priester hat eine unmissverständlich bevormundende Position. Er fordert die Gemeinde zum Beten auf, nicht umgekehrt. Das Verhältnis zwischen dem Akteur im "Kostüm", dem Ornat, und auf der "Bühne", dem Altar, und der ihm zugewandten Gemeinde ist nicht symmetrisch.

Die Rückkehr des Theaters also zu den archaischen Formen des Rituals ist nicht fortschrittlich, sondern im höchsten Sinne rückwärtsgewandt, reaktionär. Sie hat mit Mitbestimmung so viel zu tun wie die Kollektivhysterie bei religiösen oder therapeutischen Sekten. Von Symmetrie kann keine Rede sein, wo vorbereitete Drahtzieher auf ein uninformiertes, aber bereitwillig lenkbares Publikum treffen und ihm ihre Spielregeln diktieren."

Ganz nebenbei erweise sich das hier gekennzeichnete 'Theater' als kunstfeindlich, führt Rothschild weiter aus. Denn es vermittelt aus seiner Sicht nicht "die durchdachte und gestaltete Ahnung von Andersartigkeit, von Utopie, die dem Rollenspiel eigen ist, sondern reproduziert stets nur das im Bewusstsein des Publikums verankerte Bestehende. Auch darin ist das Mitmachtheater nicht fortschrittlich, sondern reaktionär. Es bewährt sich als das Theater für das narzisstische Zeitalter."

(sle)