Kinderqual-Lieder

von Sarah Heppekausen

Bochum, 12. September 2008. Ein Trommelwirbel, ein Spotlight und dann steht er da im Rampenlicht zwischen wallenden roten Plüschvorhängen, vollkommen nackt: Herr Horni. Verbannt in die Öffentlichkeit einer Zirkusmanege. Der Autor, der ihn erfand, Händl Klaus, ist eigentlich ein Spezialist für das Verborgene und Verschwindende. In "Wilde oder Der Mann mit den traurigen Augen" endet eine Zugfahrt in den dunklen Fängen einer undurchschaubaren Familie. In seinem neuen Stück "Furcht und Zittern" geht der Autor mit seinen Figuren den umgekehrten Weg: raus aus der inneren Sicherheit der Zweisamkeit mitten auf die Straße.

Manfred Horni ist vor einigen Jahren wegen Kindesmissbrauchs in der Musikstunde angeklagt worden. Jetzt soll ganz in seiner Nähe ein Kinderheim gebaut werden. Horni lässt sich aber nicht vertreiben. Er will beweisen, dass er auch in Sichtweite dieser angeblichen Objekte seiner Begierde – oder besser gesagt in Hörweite, denn Gesang ist seiner Ansicht nach immer auch mit Schmerz verbunden – standhaft bleiben kann und zieht kurzerhand mit seiner Frau vor die Tür.

Raus aus der Verborgenheit

Regisseur Sebastian Nübling setzt in der Uraufführung bei der Ruhrtriennale im Salzlager der Kokerei Zollverein noch einen drauf: Horni begibt sich nicht nur auf die Straße, er steht im Mittelpunkt einer Zirkusvorstellung. Umgeben von musizierenden Polizisten und Kindern, die hübsch drapiert wie Pudel im Kreis durch die Manege hüpfen. Kindesmissbrauch als Zirkusnummer?

Nübling wagt auf den ersten Blick eine ganze Menge. Aber er verharmlost das viel diskutierte Thema keineswegs, sondern beleuchtet Facetten, die auch unabhängig von moralischer Bewertung ihre Wichtigkeit haben, und die vor allem im Stück – wenn auch weniger drastisch – schon angelegt sind. Da ist zum Beispiel die Facette des sprachlichen Unvermögens angesichts grausamer Erlebnisse. Händl Klaus hat "Furcht und Zittern" gemeinsam mit Lars Wittershagen als Singspiel verfasst. Der Schauspielmusiker gehört mit Bühnenbildnerin Muriel Gerstner zum festen Team um Regisseur Sebastian Nübling, das schon Händls "Wilde oder Der Mann mit den traurigen Augen" und "Dunkel lockende Welt" zur Uraufführung gebracht hat. Zum ersten Mal allerdings entwickelten der Autor und der Komponist ein Stück gemeinsam.

Singen, wofür es keine Sprache gibt

Eine rhythmisierende Sprache, in der ein Wort das andere gibt und sich Sätze ineinander verschachteln, zeichnet auch dieses Stück von Händl aus. Der Gesang geht noch einen Schritt weiter: Die Lieder, die Wittershagen vor allem im Kinderlied-Duktus anlegt, und die Rezitative überhöhen den Inhalt der Worte. "Der Fall der Hose" dreimal in unterschiedlichen Tonlagen wiederholt, wird zur skurrilen Anekdote. Dass die Figuren immer wieder regelrecht in Gesang verfallen, als könnten oder wollten sie einige Worte und Sätze sonst nicht über die Lippen bringen, macht es für den Zuschauer zwar akustisch nicht immer einfacher, sorgt aber für eine verspielte Leichtigkeit, die durch das Bild der Zirkusmanege noch verstärkt wird.

Und die Darsteller scheinen ihre wahre Freude am Zirkus zu haben: Wiebke Puls und Paul Herwig als Polizistenpärchen treten in filmreifer Action-Manier in die Manege und schlucken Geigenbögen. Tanja Schleiff (Pädagogin Wally) schlägt Räder, schwingt geschmeidig den Hula-Hoop-Reifen und peitscht ihre Kinder-Pudel an. Jochen Noch ist Manfred Horni. Erst splitternackt, dann in weißer Rippenunterhose wirkt er wie ausgestellt auf der Bühne. Ausgeliefert an das öffentliche Gericht, das Paragraphen wie Show-Act-Nummern vorführt.

Lottokugeln des Unrechts

Noch hat diesen traurigen, naiven Blick, der seiner großen, massigen Figur etwas Kindliches verleiht. Er ist genauso wenig furchterregend wie die vielen Sex-Anspielungen zum Zittern sind – etwa wenn Polizistin Stephanie sich genüsslich die Möhre in den Mund schiebt oder Wally an einer Krawatte leckt. Erschreckend grausam ist vielmehr das Lied vom kleinen Paul ("Piloten ist nichts verboten"). Unschuldige Worte über ein großes Verschulden. Und dennoch erscheinen die Kinder – gespielt von Nachwuchs-Solisten des Staatstheaters am Gärtnerplatz – viel erwachsener als die Großen. Hab ich meinen Frieden, bin ich zufrieden, sagt Margit. Ich ist eine Andere, singen alle. Die Erwachsenen entscheiden derweil über Recht und Unrecht mit großen Lottokugeln, die über Muriel Gerstners Zirkus-Bühne rollen. Ja und Nein ist darauf nur zu lesen. Gut, dass der Gesang schon weitaus mehr erzählt hat.

 

Furcht und Zittern
Ein Singspiel von Händl Klaus und Lars Wittershagen
Auftragswerk der Ruhrtriennale und der Münchner Kammerspiele
Regie: Sebastian Nübling, Komposition/ Musikalische Leitung: Lars Wittershagen, Bühne und Kostüme: Muriel Gerstner. Musiker: Margarita Holzbauer, Jan Kahlert, Tschinge Krenn, Peter Pichler (Leitung).
Mit: Jochen Noch, Caroline Ebner, Wiebke Puls, Paul Herwig, Tanja Schleiff, René Dumont, Stefan Merki und Kindersolisten des Staatstheaters am Gärtnerplatz.

www.ruhrtriennale.de

 

Mehr lesen? Über Händl Klaus gibt unser Archiv (noch) nichts her. Über Sebastian Nübling umso mehr: Im März 2008 inszenierte er in Zürich Shakespeares Macbeth, zwei Monate zuvor hatte er Hass nach dem Film von Mathieu Kassovitz auf die Bühne der Münchner Kammerspielen gebracht. Im Februar vergangenen Jahres inszenierte er Ibsens Gespenster an der Berliner Schaubühne. Im Nachtkritik-Forum außerdem ein Offener Brief an die Veranstalter.

 

 

Kritikenrundschau

Eher unzufrieden schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (15.9.) über die Inszenierung. Denn Händl Klaus ist für ihn kein normaler Dramatiker, sondern "eine seltene, wunderschön blühende Sumpfpflanze, vielleicht ist er eine Text gewordene Luft- oder auch Lustschlange, möglicherweise der letzte Poet in einer Welt von Prosaikern". Und deswegen stimmt für ihn an der Aufführung dieser "merkwürdig schrillen Farce" etwas nicht. Alles sei perfekt gemacht, trotzdem erlebt Michalzik keine "Erschütterung und Irritation, Furcht und Zittern" sondern "eher hintergründiges Amüsement". Vielleicht sei die Halle bei der Ruhrtriennale für diese Bühne, die offensichtlich für die Münchner Kammerspiele gebaut ist, einfach viel zu groß, versucht er der Ursache für das Unstimmige des Abends auf den Grund zu gehen. "Vielleicht ist die Musik von Lars Wittershagen zu direkt. Vielleicht ist der Zirkus, den Sebastian Nübling erfunden hat, für diese feingliedrige, theatralische Grille zu grob. Ehrlich gesagt: Wir wissen es auch nicht."

"Nein, kein Skandal", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (15.9.), die trotzdem mit einem mulmigen Gefühl aus dem Theater gekommen ist. Schon der altmodische Gattungsbegriff "Singspiel" mutet aus ihrer Sicht "im Kontext mit dem Thema Kindesmissbrauch" befremdlich an. Obwohl "Wort und Musik, Gesang und Sprechgesang" für sie in diesem "heikel-zwielichtigen" Stück immer wieder "eine enge, skurrile, teils dadaistisch wirkende Verbindung" eingehen und das Abgründige so sehr ins Absurde ziehen würden, "dass es erst auf den zweiten Blick, oft aber auch gar nicht, seinen Schrecken zeigt". Doch schon "rein akustisch" findet Dössel nicht immer alles zu verstehen. Und auch inhaltlich fällt ihr "die Sinnfindung" schwer, bereitet ihr auch der Einsatz der Kinder beim Singen dieser zweideutigen Lieder "voll grausamer und sexueller Konnotatioon" eher Kopfschmerzen, weshalb sie das Theater eigenem Bekunden zufolge mehr verstört als empört und mit getrübtem Blick verläßt.

Für Manfred Strecker bleibt in der Neuen Westfälischen (15.9.) bis zum Schluss völlig undurchsichtig, worauf Händl Klaus und Regisseur Sebastian Nübling mit dem Abend hinauswollen. "Wollen sie Mitgefühl für den Pädophilen Manfred Horni wecken?" fragt er sich. "Wollen sie unsere Angst aufspießen, dass uns Zärtlichkeiten mit Kindern der Päderastie verdächtig machen könnten; slapstickartige Einlagen scheinen es anzudeuten? Oder sind die Kinder selber schuld?" Der Kritiker spricht zwar von einem "vielfarbigen Theaterfeuerwerk", hält den "theatralischen Aufwand" aber angesichts des zweifelhaften Stoffs, der dürren Geschichte und den konturarmen Charakteren für völlig unangemessen.

"Eine Urverharmlosung, albern und ärgerlich", urteilt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.9.) über Sebastian Nüblings Inszenierung: "Die aufgesetzte Munterkeit (...) wird nirgends brüchig oder trügerisch." Im Stück selber hätten Händl Klaus und Lars Wittershagen durchaus versucht, das "Missverhältnis" zwischen dem Thema Pädophilie und dem "nicht angemessen" erscheinenden Genre des Singspiels zu nutzen: "Geht es ihnen doch weniger um das Tabu, als darum, wie es wahrgenommen oder nicht wahrgenommen wird, um die Grauzone zwischen Täter und Opfer, Verbrechen und Verharmlosung." In der "rot-schwarzen Manege" von Muriel Gerstner jedoch, lande die Sache sofort lediglich im Zirkushaften und werde "virtuos verspielt".

"Furcht und Zittern" zeichnet mit bissiger Leichtigkeit ein böses Gesellschaftsbild, schreibt Stefan Keim (Die Welt, 16.9.). "Die ungewöhnliche Form schafft Distanz, lässt psychologischen Realismus gar nicht zu." Regisseur Sebastian Nübling nutze die "Zirkusästhetik für körperliche, kraftvolle Bilder, Clownsnummern und Artistik". Doch das Manegenbild habe auch Nachteile, denn die subtile, doppelbödige Sprache von Händl Klaus brauche Momente der Stille". "Davon gibt es in Nüblings Inszenierung zu wenig, manche Texte sind unverständlich." Der Raum, das Salzlager der Kokerei Zollverein in Essen, spiele jedoch nicht richtig mit. "Das Bühnenbild wirkt wie für die koproduzierenden Münchner Kammerspiele erdacht und in den größeren Industrieraum umgetopft. Die Vielschichtigkeit der Vorlage bleibt oft ungenutzt, der Abend saust vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen."

 
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