Unnötig intolerant

15. August 2019. Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami besuchte für die Wochenzeitung "Die Zeit" (15.8.2019) die Bayreuther Festspiele und sah Richard Wagners Opern "Lohengrin" und "Die Meistersinger".

Sollte man die Welt so spalten?

Dem "Lohengrin" und dem dort arrangierten Konflikt zwischen alter und neuer Religion, verkörpert in den Antagonisten Ortrud und Lohnengrin, widmet Murakami eine eindrückliche Reflexion: "Mit dem Aufeinandertreffen von alter und neuer Religion hat es in Japan eine andere Bewandtnis", schreibt er. "Dort pfropfte man dem alten pantheistischen Glauben – dem Schintoismus – den später eingeführten Buddhismus einfach auf, sodass beide nebeneinander bestehen blieben. Je nach Lage folgt man schintoistischen oder buddhistischen Praktiken. Beispiele für ernste Konflikte oder gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den beiden Glaubensrichtungen gab es kaum (..). Auch heute werden beide Religionen friedlich und mehr oder weniger unbewusst parallel ausgeübt. So wirkt die Auseinandersetzung zwischen Lohengrin und Ortrud aus Sicht eines Japaners unnötig intolerant und gewalttätig. Das ist etwas, das mich beschäftigt, seit ich 'Lohengrin' zum ersten Mal gesehen habe." Die Reflexion mündet in eine zentrale Frage: "Die Duldsamkeit, die die Guten an den Tag legen, schadet ihnen letztlich selbst und führt zu ihrer Zerstörung. Sollte man die Welt so spalten, dass es in ihr Menschen gibt, die es wert sind, gerettet zu werden, und solche, die es nicht sind?"

Kein Popcornverkäufer

Ansonsten gibt es Kritik für die in Murakamis Augen zu plakativen Antisemitismus-Referenzen der "Meistersinger"-Inszenierung von Barrie Kosky und einige schöne Randbemerkungen wie diese: "In der Pause trinke ich ein Glas Rotwein zu 13 Euro, das nicht besonders schmeckt. Ich finde es auch ein bisschen teuer." Oder diese: "Die unbequemen Sitze und die Enge erinnern mich an etwas ... An was nur? Ich überlege. Schließlich fällt es mir ein. Genau, es ist wie im Fenway-Park Baseballstadion in Boston, der Heimat der Boston Red Sox. Lieblose Sitze, spartanische Polsterung, die fast fromme Erwartung der Menschen. Nur kommt in Bayreuth kein Popcornverkäufer vorbei."

(Die Zeit / chr)

Hier die Nachtkritiken zu den beiden von Murakami besuchten Inszenierungen:

Lohengrin, Regie: Yuval Sharon, Musikalische Leitung: Christian Thielemann (Premiere 2018)

Die Meistersinger von Nürnberg, Regie: Barrie Kosky, Musikalische Leitung: Philippe Jordan (Premiere 2017) 

 
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