Hallo, ich bin lustig!

von Dirk Pilz

Berlin, 12. September 2008. Koketterie. Das ist es, woraus dieser Zweieinhalbstunden-Abend seinen Witz und Reiz zu beziehen versteht. Und das Schöne dabei ist, dass es sich die Koketterie gefallen lässt, in höchst unterschiedlichen Weisen aufzutreten. Leider sind allerdings auch einige darunter, die über eine äußerliche Bemühung nicht hinausgelangen. Dazu später.

Denn am Anfang, im ersten Teil sind da vor allem allerliebst alberne Perücken, die sich wie Sturmwellen in den Himmel schrauben, gibt es grell geschminkte und also komisch verstellte Gesichter samt dazugehöriger Mimik, darf man sich am stets lustigen, weil verfremdelnden Fistelstimmsprechen, an klackernden Augenaufschlägen, Entrüstungsseufzern, Wutschnaubern und Verzweiflung vortäuschendem Händeringen erfreuen. Und ja doch, gesungen wird auch! Zur Klampfe, auf Italienisch, auf Dämlich. Wer das mag, der mag es sehr, eben weil all diese Uraltmittel des Komödiantischen mit der Würze des Koketten versehen sind – man sieht ihnen immer die diebische Lust des Figurenausstellens und Charaktervorführens an.

Der Fluch der Fleischlichkeit

Gespielt wird die Krawallkomödie "Mirandolina" von Carlo Goldini, deren Titel sich jener Wirtsfrau verdankt, die im Zentrum des allgemeinen Herzensinteresses steht. Denn in ihrer Absteige, die Petra Korink im Zelt des Deutschen Theaters in eine halbrunde Holzkulisse mit Schwarzvorhang in der Mitte und Stellrahmen davor verwandelt hat, in dieser Lokalität also haben sich sowohl die beiden Gäste Marquis von Forlipopoli und Graf von Albafiorita als auch der Hausdiener Fabrizio aufs Heftigste in die schöne Mirandolina verguckt, was sie sich zwar gefallen lässt, aber tunlichst nicht zu erwidern gedenkt.

Ihr lockendes Interesse gilt jenem Ritter von Ripafratta, der vorgibt, sich aus Frauen nichts zu machen, weil sie am Ende ja doch immer Sendboten des Teufels, nämlich der Täuschung seien. Das verleitet Mirandolina zur Probe aufs Exempel – keinen will sie haben, aber dem will sie's zeigen. Und da in ihrem Hause zugleich zwei Komödiantinnen logieren, die sich aus der Liebe ohnehin nur ein luftiges Spielchen machen, ist das Personal für eine Liebestollerei versammelt, die ihren Spaß aus der Lust an der Besudelung der Tugend zieht. Der ganze Fluch der Fleischlichkeit und Geschlechtssklaverei wird hier zum Anlass der Heiterkeit.

Ernst Stötzner, Schauspieler am DT und jetzt der Regisseur dieser nach Michael Thalheimers schlammschlagenden Inszenierung von "Was ihr wollt" zweiten Komödie im DT-Zelt, lässt kaum eine Gelegenheit aus, den Spaß auf die Spitze zu treiben.

Kreisch und kicher

So kommt es, dass Jörg Gudzuhn als geiziger Perücken-Marquis mit lustigem Überhang und Puschelschuhen ungebremst manieriert herumstaksen darf und in jede Silbe einen kleinen Schaukler einbaut – er spricht, als plansche er in den Worten wie Kinder im seichten Sommerstrandwasser. Und Stephan Grossmann, der Graf, kann wunderbar knurren, mit dem Schnauzbartkopf hin und her wackeln und vermag dabei in seine Sätze immer jenes Zittern einfließen zu lassen, das sie wie kecke Flötentöne klingen lässt. Gabor Biedermann greift dagegen im Zweifelsfall zur Gitarre und die beiden Komödiantinnen Lotte Ohm und Katrin Klein sind wahre Kreisch- und Kicherköniginnen. Die eine wienert, die andere macht auf superderb. Es ist herrlich blöd, so verschroben und überdreht, dass es in seltenen Momenten gar die Bezirke des nicht mehr Heimatlichen und Geheuren berührt.

Allerdings, der Ritter! Stötzner lässt Mathis Reinhardt nicht nur ein Hamlet-Zitat ("O schmölze doch dies allzu feste Fleisch!") auf den Tisch hinräkeln, er nimmt ihn auch sonst seltsamerweise von einer ernsten Seite, die in diesem luftigen Bühnenreich der Albernheiten merkwürdig fehl am Platze wirkt. Wenn er im zweiten Teil erwartungsgemäß Mirandolina dann doch verfällt, brüllt und röhrt und wütet er, als habe er sich in ein Liebesschmerzstück verirrt. Die Komödie hört plötzlich auf kokett zu sein, sie schwitzt und blutet fast vor Herzenskummer. Das macht den Ritter zum Deppen in der Komödienwelt. Lustig ist das nicht mehr, will es aber nach wie vor sein.

Und plötzlich ist's ein Trauerspiel

Und dann Constanze Becker als Mirandolina. Sie ist von Anfang an nicht komisch, sondern verkrampft, verklemmt fast. Eine Zwangskomödiantin. Wenn sie den Ritter umbuhlt und an ihrer Haube zupft, wenn sie die Zunge in anzüglichem Wege über die Lippen schickt und barfüßig kleine Hüpfer probiert, an ihrer Bluse nestelt und auf dem Tisch das nackte Bein zeigt – es fehlt stets jene Leichtigkeit, vielleicht auch Selbstdistanzspielweise, die dem Komischen das Kokette unterschiebt. Becker quält sich das Heitere förmlich ab und ist erst dann ganz bei sich, wenn ihr endlich Schreie und Furienblicke erlaubt sind. Damit aber hat sie die Goldoni-Welt verlassen und die des bürgerlichen Trauerspiels betreten. Hierin ist sie stark, indem sie ihrer gewohnt wuchtigen und darin dann eben auch immer wieder recht schmalen Überrumpelungskunst freien Lauf lässt, weil sie drauflos spielt, als gelte es, den gesamten Schöpfungs-, Frauen- und Liebesjammer zu beklagen. Durchaus beeindruckend, nur hat es hier nichts verloren – es ist einzig unfreiwillig komisch.

Es ist damit, als rufe dieser Abend dauernd mit krächzender Stimme "Hallo, ich bin lustig!", was er nicht derart laut müsste, wenn er es denn bei allen und in allem auch wäre. Ein Trauerspiel.

 

Mirandolina
von Carlo Goldoni, Deutsch von Annika Makosch
Regie: Ernst Stötzner, Bühne: Petra Korink, Kostüme: Christine Mayer, Dramaturgie: Gesine Schmidt. Mit: Mathis Reinhardt, Jörg Gudzuhn, Stephan Grossmann, Constanze Becker, Katrin Klein, Lotte Ohm, Gabor Biedermann, Recardo Koppe.

www.deutschestheater.de


Mehr über Ernst Stötzner lesen? Der Schauspieler trat in den vergangenen Jahren vor allem in den Inszenierungen von Jürgen Gosch hervor. Im Januar 2008 erhielt er den Gertrud-Eysoldt-Ring, im Februar 2008 ging er am Berliner Ensemble fremd und konnte als Richard III. den Abend jedoch nicht retten.

 

Kritikenrundschau

In der Berliner Morgenpost (15.9.) schreibt Peter Hans Göpfert über Ernst Stötzners Goldoni-Arbeit: Die italienische Commedia sei Ernst Stötzners Sache nicht. "Er treibt ihr die Leichtigkeit aus und zeigt einen deutschen Schwank". Immerhin "sicherten" mit Stephan Grossmann und Jörg Gudzuhn zwei "nun wirklich waschechte Komödianten" der Aufführung "reichlich Vergnügen". Gudzuhn sei der komische Held der Komödie, und lasse "zugleich etwas von seiner tragischen Tiefe ahnen". Als Mirandolina sei Constanze Becker zwar schlank und hübsch, "aber die Rolle ist einfach nicht ihr Fach".

In der Berliner Zeitung (15.9.) schreibt Ulrich Seidler zur selben causa: "Turmhohe Perücken ragen, arenaweite Reifröcke rempeln, tonnenschwere Bühnenspäße plumpsen - alles ohne irgendeinen Hintergedanken." Die Zuschauer hätten ihren Spaß, schreibt Seidler weiter, "mehr aber noch die Schauspieler." Der "Humor hat etwas Verzweifeltes".

Es sind "Karikaturen, die Regisseur Ernst Stötzner (...) auf die Bühne stolpern und stolzieren lässt", schreibt Anne Peter (taz, 15.9.), Karikaturen, wie sie die Commedia dell'arte erschaffen hat, zumindest bei Jörg Gudzuhn und Stephan Grossmann. Constanze Becker und Mathis Reinhardt spielen "in der ansonsten munter auf die Komödienklopper setzenden Veranstaltung" dagegen "jäh unpassend" "große Tragödie": "Reinhardt krallt als Ritter von der schnaubenden Gestalt die Finger, reißt Hemd und Augen auf, während Becker vor allem dann in ihrem Element ist, wenn sie sich gegen Ende die Wut über seine Gefühlsverleugnung aus dem Leib schreien kann." Becker sei eine "Durch-und-durch-Tragödin", aber keine Komödiantin. "Mit ihren Figuren ist es ihr bitterernst, so auch mit Mirandolina."

 
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