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Im Fegefeuer von #Metoo

von Gabi Hift

Salzburg, 17. August 2019. "Mich hat er auch geschlagen", sagt die verblühte Ringelspielbesitzerin Frau Muskat zur schwangeren Julie. Hinter ihnen liegt die Leiche vom Liliom, der noch kurz vor seinem Tod statt einer Entschuldigung zu ihr trotzig "Wie ich dich geschlagen hab, da hab' ich Recht gehabt!" gesagt hat. Die Muskat will sich nach dem Tod ihres früheren Geliebten mit der Rivalin versöhnen und ihr mit dem Kind helfen.

Oda Thormeyer als Frau Muskat spielt das mit einer derart zitternden Bereitschaft zur Solidarität als letzter Form der Liebe, die ihr noch offensteht, und Maja Schöne als Julie weist es mit einer Kälte zurück, die sie offensichtlich soviel Kraft kostet, dass man sich brennend wünscht, die beiden möchten zusammenkommen. Aber auf der anderen Seite wünscht man sich ebenso heftig, Julie möge hart bleiben. Man will dran glauben, dass ihre Liebe einzigartig ist, und dass das mehr wert ist als Frauensolidarität. Es ist der schmerzhafteste Moment der Inszenierung. Und der, der den heutigen Erfahrungen mit #metoo am nächsten kommt.

Naturalismus mit Märchenschmelz

Wie kann man gerade heute "Liliom" machen? Ein rührendes Melodram über einen Mann, der seine schwangere Frau schlägt? Das scheint ein Himmelfahrtskommando zu sein und das passt, weil der vor der Tür zum Himmel spielt – ein irrwitziger Genresprung rein ins Märchen, den sich Franz Molnár da 1909 getraut hat. Und der gut zu den bisherigen Arbeiten seines Landsmanns Kornél Mundruczó passt, bei dem oft mitten im härtesten Naturalismus Geister oder Götter auftauchen, Menschen zu fliegen beginnen, und sich ganze Zimmer drehen.

Liliom1 560 SF Matthias Horn uZwischen Himmel, Erde und Hölle: Jörg Pohl (Liliom), Maja Schöne (Julie) und Paula Karolina Stolze (Luise) © Salzburger Festspiele / Matthias Horn

"Liliom" ist ein Stück, das in Österreich und Ungarn so ziemlich jeder kennt. Es handelt vom feschen Hutschenschleuderer Liliom (Jörg Pohl), dem Sexidol aller Mädln im Wiener Prater. Als er das Dienstmädchen Julie (Maja Schöne) auf dem Ringelspiel um die Hüfte nimmt, wie er's bei allen macht, um das Geschäft anzukurbeln, werden die beide von der Liebe erwischt. Seine Chefin (Oda Thormeyer), deren Lover er ist, merkt's und wirft ihn hinaus.

Julie bleibt bei ihm, sie leben in Armut, er prügelt sie, sie verzeiht ihm. Sie wird schwanger, er weigert sich einen Hausmeisterposten anzunehmen, plant mit einem Freund einen Raubüberfall, sie werden erwischt und er bringt sich um, um der Verhaftung zu entgehen. Er kommt ins Fegefeuer. Nach 16 Jahren bekommt er die Chance auf die Erde hinunter zu gehen und etwas wieder gut zu machen – und verpatzt auch diese letzte Chance. Dass er "nicht ander kann" beglaubigt die existentielle Tiefe der Geschichte.

Das ist freilich die ausgelutschte Entschuldigungsrede aller prügelnden Männer: "Ich konnte nicht anders". Und oft entschuldigen geschlagene Frauen ihre Männer mit Julies Satz: "Er schlägt mich, weil er mich liebt." Und diese Geschichte rührt seit über hundert Jahren das Publikum zu Tränen – vielleicht mit ein bisschen mehr Sex und Gewalt und Unterschicht als es dem bürgerlichen Publikum gewöhnlich behagt, aber das wird ihm durch viel Akazienduft und Ringelspiel versüßt.

"Safe Space" statt Fegefeuer

Kornél Mundruczó macht das moralische Problem, das wir heut mit dieser Geschichte haben, direkt zum Thema. Dabei kommt eine Aufführung heraus, in deren Mitte das ganze alte "Liliom"-Stück abläuft, mit jeder Menge Feuer, unerschrocken und leidenschaftlich gespielt und inszeniert – in einem Rahmen, der hinten und vorne nicht funktioniert, der unklar und widersprüchlich ist, und das ist vielleicht genau richtig so.

Liliom2 560 SF Matthias Horn uInbegriff der toxischen Männlichkeit: Jörg Pohl als Liliom © Salzburger Festspiele / Matthias Horn

Mundruczó rollt das Stück von hinten auf, er lässt es im Fegefeuer beginnen, wo Liliom seine Handlungen erklären muss. Aber während es bei Molnár mit lächerlichen KuK-Beamtenengeln bestückt ist, heißt es hier "Safe Space" und es arbeiten heutige Personen, die sich selbst als feministisch, queer oder nonkonform bezeichnen als Schiedsrichter hier – also Beamte der politischen Korrektheit. Denen muss Liliom nun seine Erinnerungen vorführen.

Dabei helfen ihm – das ist der optische Clou der Aufführung – zwei riesige metallische Krakenarme. Sie bauen alles auf, was gebraucht wird: das Stadtwäldchen mit Dutzenden naturalistischen Akaziensträuchern zum Beispiel. Und sie hängen von oben einen Mond ins Bild, wie er über Wien, Budapest und Soho bei solchen Gelegenheiten erscheint (Bühne: Monika Pormale). Zu Anfang scheinen diese beeindruckenden Objekte sehr plausibel die anonymen Kräfte darzustellen, denen wir ausgeliefert sind. Aber mit der Zeit kommen einem die beiden Roboter immer menschlicher vor, und am Ende bekommen sie begeisterten Applaus und verbeugen sich wie zwei richtige Schauspieler, so dass es nichts wird mit den anonymen Mächten, dafür aber sehr lustig.

"Ich bin Teil des repressiven Patriarchats"

Unklar ist, welche Haltung der Regisseur zu den Figuren hat, die die moralische Prüfung Lilioms übernehmen. Mal wirken sie ebenso lächerlich wie Molnárs graue Himmelsbeamte, mal sind sie sehr nahe an Positionen, über die man sich heute unmöglich lustig machen kann . Liliom muss zur Strafe hundert Mal abschreiben "Ich bin Teil des repressiven Patriarchats" ohne zu verstehen, was er da schreibt.

Liliom2 560 SF Matthias Horn uSeilspringen zur Belustigung: Maja Schöne (Julie) und Yohanna Schwertfeger (Marie) © Salzburger Festspiele / Matthias Horn

Während man also verwirrt ist, was man von diesem Fegefeuer der politischen Korrektheit zu halten hat, laufen die Erinnerungsszenen dann überraschend originalgetreu ab. Das Stück (in der Bearbeitung von Alfred Polgar) entwickelt denselben Sog wie eh und je – ein Melodram, dem man sich kaum entziehen kann.

Die Frauen sind alle großartig. Maja Schöne ist als Julie stark und dickköpfig und es rührt, wie sie sich sehenden Auges direkt in den Abgrund hineingevögelt hat und sich selbst so gar nicht böse dafür ist. Oda Thormeyer erschafft als Frau Muskat eine wirklich große Tragödinnenfigur, die ganz unvermittelt in urkomische Scheiß-drauf-ich-brüll-jetzt-einfach-mal-kurz-wie-ein-Vieh-auf-der-Schlachtbank-Ausbrüche verfällt, sich wieder fängt, und ihre Demütigung mit einer Grandezza runterschluckt, dass es einem das Herz zerreißt. Yohanna Schwertfeger als Julies beste Freundin Marie ist süß und schnoddrig und gibt sich ganz abgebrüht beim wunderbaren Monolog über die Sinnlichkeit ("Verboten ists freilich, aber meines Herzens Recht!"). Die Photographin Hollunder (Sandra Flubacher), die das Paar Liliom und Marie bei sich wohnen lässt, ist hier eine Dada Künstlerin und lebt in inniger Beziehung mit einem aufblasbaren Krokodil, ein liebenswerter surrealer Schnörkel.

Einzig Jörg Pohl als Liliom ist "anders" als man es gewohnt ist, zwar beherrscht er virtuos alle Tricks der Verführung, man glaubt sofort, dass Frauen ihn umschwirren wie Motten das Licht und dass die Muskat ohne ihn nicht nur privat, sondern auch geschäftlich ruiniert ist, aber er spielt keine testosterongeschwängerte Selbstsicherheit, keine unbändige Wut. Dadurch wirkt er aber seltsamer Weise manchmal allzu kindisch. Man muss nicht weinen, wenn er stirbt. Dafür aber gleich darauf, wenn sich Julie und Frau Muskat nicht versöhnen an seinem Sarg. Insgesamt ist das ein berührender, lustiger, trauriger "Liliom" – nicht didaktisch, nicht leer, mit interessanten Menschen und also eine Freude.

Zynisches Ende?

Nur das Ende ist verändert – und sehr merkwürdig. Da kriegt Liliom noch eine Chance, er darf für einen Tag auf die Erde zurück und versuchen seiner Tochter eine Freude zu machen. Sie wird von Mila Zoe Meier gespielt, einer Schauspielerin mit Down Syndrom. Das müsste man gar nicht extra erwähnen – sie spielt die Rolle genauso wie jede andere gute Schauspielerin sie auch spielen würde, frech und treuherzig – wenn nicht Mundruczó dieser Besetzung im Programmheft eine seltsame Bedeutung zumessen würde: Sie könne helfen, die Eltern von ihrem Trauma zu erlösen.

Luise und Liliom geraten in einen Streit, sie sagt, ihr Vater sei ein schöner Mann gewesen und ein guter Mensch, Liliom widerspricht ihr wütend, und bei Molnár schlägt er sie und kommt in die Hölle. Luise geht zur Mutter und fragt, ob ihr so etwas schon einmal geschehen sei: Gerade habe sie einer geschlagen und es habe überhaupt nicht weh getan. Und Julie sagt. "Ja, das ist mir schon einmal geschehen". Begreiflicher Weise sind diese beiden Sätze gestrichen.

Seilspringen als Dressur des Mannes? Maja Schöne (Julie), Jörg Pohl (Liliom), Paula Karolina Stolze (Luise) © Salzburger Festspiele / Matthias HornSeilspringen als Dressur des Mannes? Maja Schöne (Julie), Jörg Pohl (Liliom) und Paula Karolina Stolze (Luise) © Salzburger Festspiele / Matthias Horn

Stattdessen folgt etwas, was wohl der Ansatz zu einem Happy End sein soll: Liliom fragt Luise, ob sie ihm Seilspringen beibringen kann, Julie kommt aus dem Haus, dreht gemeinsam mit Luise das Seil und Mutter und Tochter lassen Liliom immer wieder drüber springen. Dazwischen geht Juli immer wieder zu ihm hin, legt ihm die Hand aufs Herz, und als Luise sie fragend anschaut: hat es geklappt?, schüttelt sie immer den Kopf und sie machen weiter mit dem Seil. Noch hat er nicht gelernt, was er lernen sollte.

Ich sehe, dass ein Teil des Publikums gerührt ist. Für mich wirkt es wie ein zynischer Kommentar auf die #metoo-Bewegung á la: Wollt ihr das, Frauen? Männer dressieren, damit sie lernen anständig über Schnüre zu hüpfen? Gemeint ist sicher die hoffnungsvolle Variante, aber sehen kann man beide. Es ist ein Zurückweichen vor der Gewalt des Widerspruchs, die im Kern dieses süßen Bonbons von einem Stück steckt. Nach der Kraft, die die Aufführung davor entwickelt hat, wirkt dieses Ende schwach, aber vielleicht braucht es jetzt gerade den Mut zu so einer Schwäche. Jedenfalls hat man bei diesem "Liliom" nach dem Weinen und Lachen noch viel zum Nachdenken.

 

Liliom
von Franz Molnár
für die Bühne bearbeitet von Alfred Polgar
Regie: Kornél Mundruczó, Bühne: Monika Pormale, Kostüme: Sophie Klenk-Wulff, Licht: Felice Ross, Live-Kamera: Martin Prinoth, Choreografie: Yohan Stegli, Musik: Xenia Wiener, Christina Bellingen, Soma Boronkay, Dramaturgie: Kata Wéber.
Mit: Jörg Pohl, Maja Schöne, Oda Thormeyer, Yohanna Schwertfeger, Julian Greis, Tilo Werner, Sandra Flubacher, Mila Zoe Meier, Paula Karolina Stolze, James Bleyer, Jens Hoormann, Kathrin Klein, François Lallemand, Julia Nordholz, Aref Weikert, Joelle Westerfeld.
Premiere am 17. August 2019 in Salzburg
Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.salzburgerfestspiele.at
www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Ein großer Abend", befindet Karin Fischer im Deutschlandfunk (18.8.2019). Mundruczó und Kata Wéber führten den Identitätsdiskurs "ebenso intelligent wie humorvoll auf der Theaterbühne weiter". In Salzburg sei das "ein großes, sehr poetisches, sehr lustvolles Plädoyer gegen gesellschaftliche Zurichtungen aller Art" und "für die Außenseiter in der – vermeintlich oder tatsächlich – politisch korrekten Mehrheitsgesellschaft". Mundruczó zeige, was Theater kann und heute sein kann und bringe "Liliom" nochmal neu zurück ins Leben.

Aus Sicht von Michael Laages in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandfunk (18-.8.2919) hat Mundruczó gemeinsam mit der Dramaturgin Kata Wéber die stark volkstheaterhafte Gemütlichkeit des Dramas komplett eliminiert. Das sei gut so. Stattdessen werde die Fabel mit Zwischenspielen vor dem eisernen Vorhang aufgeladen, "in denen dem vor den Toren zur Ewigkeit wartenden Tunichtgut moralisch der Prozess gemacht." Allerdings sei dieses Tribunal munitioniert mit allerlei Argumenten "wie in der #MeToo-Debatte handelsüblich." Das Hamburger Thalia-Ensemble um Jörg Pohl agiere kraftvoll kollektiv. Aber zur Hauptattraktion werden Laages zufolge zwei computergesteuerte Greifarme rechts und links auf der Bühne, die live die Szenerien umräumen können. Der Effekt sei stark –  "hat er aber auch etwas zu bedeuten?"

"Mundruczó hat Empathie für Molnárs Figuren, karikiert oder denunziert sie nicht, zeigt sie als selbstbewusste, moderne Menschen", so Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (19.8.2019). "Das ist schön." Vor allem die Frauen seien stark: Wenn Maja Schönes "Julie mit Liliom Sex auf der Parkbank hat, ist das auch von ihr so gewollt". Intensiv seien die Szenen, die der Regisseur in Castorf-Manier live aus dem Inneren enger Holzräume heraus filmt: "die ganze Beengtheit und Armseligkeit des Milieus in einem Bild im Kasten". Dass die traumspielartige Inszenierung trotzdem nicht aufgehe, liege an ihrer stilistischen Unausgegorenheit ebenso wie an ihrer Bilderlastigkeit auf Kosten der Sprache. "Es liegt aber auch daran, dass Mundruczó nicht klar machen kann, worauf er eigentlich hinaus will. Soll Liliom verstanden oder gar exkulpiert werden? Muss es auch in 'Me Too'-Zeiten 'solche wie ihn' geben?"

"Die Idee, dass das Stück selbst schon eine Erinnerung, eine Rekonstruktion sein könnte, leuchtet ein", findet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (19.8.2019). "Die Idee, dass vorm Himmelsgericht nicht nur eine hanebüchene Bürokratie herrscht, sondern auch ein Anti-Aggressions-Training für schlagende Männer angeboten (anbefohlen) wird, ist zeitgenössisch." Allerdings: "Der Übergang zu einem rührenden TV-Film am Freitagabend ist fließend, auch weil heute die meisten Konventionsvermeidungen zu anderen Konventionen hinführen."

Den tragischen Glutkern des Dramas erspielten Jörg Pohl und Maja Schöne "voller Geheimnis und Härte: Anziehung, die Gewalt in Kauf nimmt", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (19.8.2019). "Die beiden lassen eine zwiespältige Inszenierung, die formal einige hohle Ideen verkauft, immer wieder abheben."

Die Geschichte von Liliom und was er auf der Erde getrieben hat, sei "sehr eindrucksvoll inszeniert und toll gespielt, sehr märchenhaft", so Andreas Klaeui im SRF (19.8.2019). Aber die Rahmenhandlung, die das Märchen mit heutigen Augen betrachten wolle, lasse einen ratlos zurück. Sie bekomme "eine Schlagseite von Stammtisch gegen MeToo und politische Correctness etc., die möglicherweise vom Regisseur gar nicht beabsichtigt ist, aber eben eine reaktionäre Mentalität bedient".

"Mun­druczós Kon­zept schwankt", gibt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.8.2019) zu Protokoll. Neben der in­ter­es­san­ten Idee, die gan­ze ver­wor­re­ne Cho­se als Rück­blick zu er­zäh­len, gebe es "die Derb­hei­ten, für die sein Re­gie­stil be­rüch­tigt ist: Sex, Ge­walt und gu­te Lau­ne". Nichts bleibe der Phan­ta­sie über­las­sen. Aber ge­ra­de die vie­len Blö­de­lei­en, von de­nen Tanz­sze­nen noch die harm­lo­ses­ten dar­stel­len, ma­chten es schwer, die Tra­gö­die zu er­ah­nen.