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In der Ideologiefalle

von Sophie Diesselhorst

4. September 2019. Astrid Lindgren. Während des zweiten Weltkriegs klebte die berühmte schwedische Kinderbuchautorin ausgeschnittene Zeitungsschlagzeilen in ihr Tagebuch und dichtete die Lebenswirklichkeit der von diesen Schlagzeilen Betroffenen hinzu. So kolportiert es Philipp Ruch, Gründer und künstlerischer Leiter der Aktionskunst-Gruppe Zentrum für politische Schönheit (ZPS), in seinem neuen (zweiten) Buch – und ist völlig begeistert. "Wir alle müssen" (wie Lindgren) "die Säuglinge sterben sehen", so Ruch auf den letzten Zeilen des Buches, dessen hitziger Ton zum Titel passt: "Schluss mit der Geduld".

Jeder kann etwas bewirken

Das meint: Schluss mit einem Europa, das bereits zehntausende Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken ließ und die Schotten immer dichter macht. Schluss mit einem Deutschland, das auf dem rechten Auge blind ist und Wähler*innen eines rechtsextremen AfD-Spitzenkandidaten in Brandenburg besorgt das Fieber misst. Schluss mit Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die dieses Wegschauen vom Mittelmeer und den gesellschaftlichen Rechtsruck normalisieren, indem sie antidemokratische Politiker*innen einladen und in vorauseilendem Gehorsam deren Themen auf die Agenda setzen.

Cover Philipp RuchSo weit, so konsensfähig bei denen, die Ruch mit seinem Buch erreichen will und wird. "Jeder kann etwas bewirken", heißt es im Untertitel und versprochen wird "eine Anleitung für kompromisslose Demokraten". Aber statt positiver Ansätze, enthält es dann doch nur eine negative, dystopische Revolutionsphantasie.

Der rechte Bürgerkriegsapparat

Ruch hat die Ausgaben der "Weltbühne" aus dem Jahr 1932 gelesen und mit den Erfahrungen der jüngsten ZPS-Aktion "Soko Chemnitz" (von 2018) kurzgeschlossen. Seine Folgerung: Rechtsextreme Umstürzler, größtenteils bereits in AfD-Amt-und-Würden, bereiten den Staatsstreich vor, indem sie einen "Bürgerkriegsapparat" aufbauen. In Chemnitz hat man letzten Sommer die SA von heute marschieren sehen, so Ruch. Wenn bei den nächsten Bundestagswahlen die AfD stärkste Partei werde, werde die CDU in Person von Jens Spahn sich als Koalitionspartner anbieten und den Fehler machen, der AfD das Verteidigungsministerium und damit die Macht übers (ohnehin rechtsextrem infiltrierte) Militär zu überlassen. Der Rest sei in den Geschichtsbüchern nachzulesen und werde sich wiederholen, wenn nicht ---?

An dieser Stelle kämen dem Buchtitel zufolge die "kompromisslosen Demokraten" ins Spiel. Aber diese sucht Ruch gar nicht erst im gesellschaftlichen Wimmelbild; die Möglichkeit "postmigrantischer Allianzen", wie sie zum Beispiel die Migrationsforscherin Naika Foroutan empfiehlt, wird komplett ausgeblendet; Bewegungen wie "Fridays for Future" werden en passant in die Bedeutungslosigkeit geschubst, indem Ruch "Demonstrationen, Mahnwachen, Lichterketten, Online-Petitionen, Twitter-Hashtags oder Eiskübel-Videos" zu "langweiligen, antiquierten, fantasielosen", "nicht ernst gemeinten" Protestformen erklärt.

Kunstreligiöse Bekenntnisse

Stattdessen beruft er sich auf die eigene aktionskünstlerische Agenda und formuliert im vierten und letzten Kapitel – nach "DENKE!", "KÄMPFE!" und "ÄCHTE!" nunmehr "HUMANISIERE!" betitelt – ein kunstreligiöses Bekenntnis. "Kunst vermag das, wovor Menschen sich von Natur aus fürchten und abwenden, in Mitgefühl zu verwandeln", glaubt Ruch. "Genau das leisten unsere Aktionen: die großen Menschheitskatastrophen psychisch aus der Ecke der verdrängten Unlust, der Schmerzen und des Schreckens in die Mitte der öffentlichen Gefühlswelt zurückzuholen." So schreibt Ruch, ohne seinen moralisch eingefärbten Kunstbegriff im Ganzen näher zu erklären.

Die "öffentliche Gefühlswelt" ist begriffsweltlich gefährlich nah bei den "besorgten Bürgern" angesiedelt, die Ruch ja eigentlich "ÄCHTEN" will. Sowieso bedient er sich im Ton der Dauererregung immer wieder derselben verschwörungstheoretischen Skandalisierungslogik, von der auch die AfD profitiert. "Im Hexenkessel von Chemnitz" herrschte "eine ostdeutsche Welt als Wille und Ausschreitung", für die Silvesternacht von Köln 2015/2016 wird "die russische Diktatur" verantwortlich gemacht, und Donald Trump als "wandelnde Unendlichkeit einer Timeline aus den sozialen Netzwerken" sei für die Medien zum neuen, lukrativen Geschäftsmodell geworden.

Verfassung futsch

Keine Überraschung, dass die Presse als "vierte Gewalt“, deren Wichtigkeit für die Gewaltenteilung erst noch beschworen wurde, später dazu aufgefordert wird, sich von der "fünften Gewalt" der Kunst instrumentalisieren zu lassen und mit dieser zusammen "die Fiktion in der Wirklichkeit schwimmen zu lassen". Ruch geht als Künder in die Ideologiefalle und zieht sich selbst und den Adressat*innen seiner Schrift den Boden der Verfassung unter den Füßen weg. Als Kunst lässt er sowieso nur das gelten, was er selbst macht. Damit höhlt er das "wir" aus, für das er stets zu sprechen behauptet.

RiffDerGeschichte 1 560 NN uDen Ruß der Geschichte im Gesicht: Philipp Ruch jüngst beim Auftritt auf dem Kunstfest Weimar 2019 im Rahmen der Podiumsdiskussion "Das Riff der Geschichte" © Kunstfest Weimar

Vielleicht kann er aber auch einfach nicht mehr aus der Rolle des Aktionskünstlers heraustreten, die er stets mit Rußschlieren im Gesicht markiert: als Symbol für die historische Schuld und die Hässlichkeit der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, gegen die das ZPS mit "aggressivem Humanismus" kämpft. Bei der Buchvorstellung im Berliner Maxim Gorki Theater verzichtete Ruch auf das Ruß, ersetzte es aber durch ein Mehr an Pathos.

Die Kunst-Aktionen des ZPS arbeiten auch mit Pathos, werfen aber in ihren raffinierten Kompositionen genaue Schlaglichter auf reale Machtverhältnisse: "Soko Chemnitz" rückte zuletzt im Winter 2018 zumindest für ein paar Wochen den blinden Fleck des Rechtsextremismus ins Zentrum der Berichterstattung. Alles, was Ruch nun gegen das "Mit Rechten Reden" schreibt, wird angesichts der weiteren Entwicklungen immer triftiger. Aber: Liebe Leser*innen, das haben Sie sich alles schon selbst gedacht. Oder fanden es anderswo sinnfälliger und klarer dargelegt. Also kaufen Sie nicht dieses Buch. Spenden Sie die 12 Euro stattdessen direkt ans Zentrum für politische Schönheit.

 

Schluss mit der Geduld
von Philipp Ruch
Ludwig Verlag, 192 Seiten, 12 Euro