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Der Mensch im Zeitalter seiner technischen Machbarkeit

von Kai Bremer

Osnabrück, 6. September 2019. Auch wenn der Abschied von Intendant Ralf Waldschmidt vom Theater Osnabrück erst im Sommer 2021 ansteht, kam gestern zu Beginn des Festivals "Spieltriebe"" bei einigen Bürgerinnen und Bürgern schon Wehmut auf. Als er zum Auftakt der inzwischen achten Auflage des Festivals "Spieltriebe" im Parkett des Großen Hauses am Domhof Platz nahm, um sich Oskar Panizzas "Menschenfabrik" anzuschauen, lächelten ihm viele Menschen herzlich zu. Später, als sich die Zuschauer auf fünf Routen vor dem Theater aufteilten, nickten sie ihm zu, einige sprachen ihn auf das eben Gesehene an. Zugewandt wechselte Waldschmidt hier ein Wort, blieb da stehen, ohne die höfliche Distanz aufzugeben. Der Zuneigung des Publikums für das Theater tat dies keinen Abbruch, der Applaus am Eröffnungsabend spricht für Waldschmidts erfolgreiche Arbeit.

Horror sieht anders aus

Die Wertschätzung ist längst dermaßen groß, dass selbst Ausfälle wie die Auftaktinszenierung wohlwollend aufgenommen werden. Zunächst orientiert sich die "Die Menschenfabrik" noch eng an seiner Vorlage, in der ein Wanderer (Oliver Meskendahl) am späten Abend an ein großes Gebäude gelangt, in dem Menschen fabriziert werden, wie ihm bald ein älterer Mann (Ronald Funke, der das Ensemble seit letztem Jahr erkennbar bereichert) erklärt.

die menschenfabrik 3 560 joerg landsbergRonald Funke und die Produktion von Oskar Panizzas "Menschenfabrik"  © Jörg Landsberg

Panizzas erstmals 1890 publizierte Erzählung ist eine kleine Parabel über das, was das Menschsein ausmacht. Da das Motto der diesjährigen "Spieltriebe" "Mensch®" lautet, war der Text thematisch nahe liegend und gut gewählt. Nur ist die Erzählung, in der immer wieder Momente der schwarzen Romantik aufblitzen, zwar hübsch dialogisch, also bühnentauglich, aber weitgehend frei von einer Handlung. Regisseur Jakob Fedler versucht aus dieser Not eine Tugend zu machen und lässt ein gutes Dutzend Bürger*innen mit Taftröcken und Perücken als Produkte der Menschenfabrik aufmarschieren und über die Bühne trippeln. Horror sieht natürlich anders aus, so dass die wild fuchtelnden Arme von Meskendahls Reisendem zwar Verzweiflung symbolisieren sollen, aber nur verzweifeln lassen.

Dass Panizzas Erzählung ihre Grenzen hat, scheint Fedler deutlich gewesen zu sein. Also lässt er seine Schauspieler*innen verschiedene politische Themen der Gegenwart variieren. Mal nehmen einige die Perücken ab und äußern hoffnungsvolle politische Utopien. Mal treten zwei aus der Gruppe heraus und formulieren als ungarische Nationalistin und Mark Zuckerberg totalitäre Zukunftsphantasien. Zwischendurch vollführen alle den "Ententanz" und sprechen chorisch dazu: "Was Du nicht willst, was man dir tut...". Das ist zwar im ersten Moment lustig, doch mehr als eine willkürliche Revue der gegenwärtigen Allgemeinplätze wird daraus nicht. Aber wie gesagt: Das Osnabrücker Publikum ist dankbar und applaudiert begeistert.

Ein Mann im Osnabrücker Fahrstuhl

Der Verfasser dieses Artikels hat im Anschluss an "Die Menschenfabrik" die blaue Route gewählt. Auf ihr wurde das neue Stück von Kevin Rittberger, "IKI.Radikalmensch", uraufgeführt. Anschließend zeigte der Projektjugendclub der "Spieltriebe" in einem leer stehenden Kaufhaus Anthony Burgess' "A Clockwork Orange". Das Stück von Rittberger erzählt von einer nahen Zukunft, in der die "Generation Greta" inzwischen so alt ist wie durchschnittliche Theaterzuschauer*innen heute. Im Zentrum steht Peter Vogel (Andreas Möckel), ein ehemaliger Aktivist, der eingangs von seinen Bemühungen berichtet, am Amazonas Brandrodungen zu verhindern. Dabei gleicht er Heiner Müllers "Der Mann im Fahrstuhl" aus "Der Auftrag", der unvermittelt auf einer Dorfstraße in Peru landet und die Diskrepanz zwischen wohlwollendem Anliegen und imperial-westlicher Überheblichkeit reflektiert.

iki radikalmensch 560 2 joerg Landsberg uDer ehemalige Umweltaktivist und seine künstlich-intelligente Gespielin im Partnerlook: "IKI.Radikalmensch" von Kevin Rittberger mit Julius Janosch Schulte und Andreas Möckel  © Jörg Landsberg Ähnlich wie Müllers Stück wechselt das von Rittberger zwischen überschaubaren Dialogen und monologischen Passagen. Im Zentrum steht die Auseinandersetzung von Peter mit seiner/seinem IKI, einer "Intimen Künstlichen Intelligenz" (Julius Janosch Schulte), die aus einer Sexpuppe weiterentwickelt wurde und inzwischen Peters Bedürfnisse nach Nähe wunderbar erfüllt. So witzig das beginnt, so erwartbar eskaliert die Handlung – zumal als Peters Assistentin (Katharina Kessler) im rosa-tülligen Hosenanzug die eh schon sich auflösende Zweisamkeit aufmischt.

In der rosanen Filterblase

Ob Rittbergers Pointen, seine hübschen metatheatralen Ideen und die diskursiven Zeitgeist-Kommentare allein die Inszenierung getragen hätten, sei dahingestellt. Regisseurin Rieke Süßkow verlässt sich nicht auf den Text. Zusammen mit dem Bühnenbildner Lukas Fries bettet sie die Bühne mit vielfach gerafftem, rot bis rosa schimmernden Stoff aus, den sie nutzt, um immer wieder neue Räume zu schaffen: plüschig-kuschelige, in denen sich Peter Streicheleinheiten von IKI abholt, ebenso wie bedrohlich verengende oder geheimnisvoll sich bewegende. Zuletzt wird das gewaltige Tuch, das die Bühne begrenzt und abdeckt, über die Zuschauer gezogen, so dass nun alle zusammen mit Peter und IKI in einer rosa Höhle sitzen, die einer Blase gleicht, aus der es kein Entkommen gibt. Eindrucksvoller kann die Zukunft der menschlichen Kommunikation kaum dargestellt werden.

Loblied auf Jugend und Freiheit

Mindestens ebenso beeindruckend ist die Inszenierung des Projektjugendclubs von "A Clockwork Orange", die Sophia Grüdelbach und Simon Niemann verantwortet haben. Gespielt wird in einem leer stehenden Kaufhaus am Rande der Fußgängerzone. Ein Darsteller und eine Darstellerin spielen Alex parallel. Gemeinsames Sprechen wechselt ab mit verteilten Redepartien, wodurch Alex' nach Adrenalin gierende Hektik überzeugend zum Ausdruck kommt. Dem guten alten Ludwig van ist er weiterhin verfallen. Hier kommt Alex von den Toten Hosen ist für ihn und seine Droogs hingegen nur noch ein Song, den sie übertrieben jammernd anstimmen, um sich über ihn lustig zu machen. Die Gewaltorgien werden gestisch angedeutet, eine Vergewaltigung symbolisch, indem eine Schaufensterpuppe zerlegt wird. Abstraktion versus intensiver Aktion. Gestaltet ist das Ganze als Stationenspiel, wodurch die Anlage von Burgess’ Roman sehr gut realisiert wird. Schließlich stimmen die jugendlichen Darsteller*innen gemeinsam zur Melodie der "Ode an die Freude" ein optimistisches Loblied auf die Jugend und die Freiheit an, was sich vielleicht zum Lebensgefühl der Droogs nicht recht fügt – aber als Schlusspunkt das Publikum den Projektjugendclub und seine künstlerische Leitung zurecht frenetisch feiern lässt.

Die drei Inszenierungen verstehen das Thema "Mensch®" der diesjährigen "Spieltriebe" in erster Linie als Frage, wie sich Menschen und auch das Verständnis davon, was einen Menschen ausmacht, verändern, wenn die Frage allein vor dem Hintergrund des technisch Möglichen gestellt wird. Durch dieses gemeinsame Band gewinnt das Festival, ungeachtet gelegentlicher plakativer Grobheit, eine thematische Dichte, die ihm nicht immer eigen war. Die Herzlichkeit zwischen Künstler*innen und Publikum in den Auführungen und Pausen stimmt aber trotz der zahlreichen dystopischen Bilder und Geschichten schließlich doch hoffnungsvoll.

 

Spieltriebe 8 - Mensch®
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Die Menschenfabrik

Uraufführung nach Oskar Panizza
Regie: Jakob Fedler, Bühne und Kostüme: Dorien Thomsen, Dramaturgie: Marie Senf, Musikalische Einstudierung: Dennis Brause.
Mit: Juliane Böttger, Ronald Funke, Ahmad Kiki, Oliver Meskendahl sowie Bürger*innen der Stadt Osnabrück (Milena Bick, Dennis Brause, Sohel Ghneim, Maha Hamo, Ferhad Hassan, Franziska Junge, Annegret Kelsch, Norbert Marx, Youssef Mouin, Amer Al Nawara, Raven Sieker, Ulrike Teepe, Denise Tiefenthaler, Rabih ZrZoor).
Premiere am 6. September 2019
Dauer: 1 Stunde, 25 Minuten

IKI.Radikalmensch
von Kevin Rittberger
Uraufführung
Regie: Rieke Süßkow, Bühne: Lukas Fries, Kostüme: Marlen Duken, Dramaturgie: Karin Nissen-Rizvani.
Mit: Katharina Kessler, Andreas Möckel, Julius Janosch Schulte.
Premiere am 6. September 2019
Dauer: 1 Stunde, 10 Minuten

A Clockwork Orange
von Anthony Burgess
Regie: Sophia Grüdelbach, Simon Niemann, Bühne, Kostüme: Laura Jung, Dramaturgie: Theresa Sophie Leopold.
Mit: Projektjugendclub Spieltriebe
Premiere am 6. September 2019
Dauer: 1 Stunde, 10 Minuten

www.theater-osnabrueck.de

 

Kritikenrundschau

Den "ganz großen Hit gab es diese Mal nicht und manche Route entwickelte sich durch Überlänge zur Spaßbremse", resümiert Christina Adam in der Neuen Osnabrücker Zeitung (9.9.2019) die Spieltriebe. Dennoch lobt sie lobt "IKI.Radikalmensch" von Kevin Rittberger als ein "blitzgescheites, stark gespieltes" und von Rieke Süßkow inszeniertes Stück: "Programmierbare Roboter als Partner sind eine Sackgasse für die Menschheit, die an ihrem Narzissmus verkümmern würde." Auch in "Die Menschenfabrik" nach Oskar Panizza gebe es "Menschen als freundlich-uniforme, niemanden mehr herausfordernde Fertigprodukte aus dem Backofen". Die Jakob Fedler Uraufführung sei eine "thematisch etwas überfrachtete, aber von ihren faszinierenden Bildern her gelungene Überraschung" gewesen.

Ebenfalls in der Neuen Osnabrücker Zeitung (5.9.2019)  schreibt Matthias Liedtke über "IKI.Radikalmensch". Rittbergers Stück werfe viele Fragen auf – und lasse sie bewusst stehen, weil er zum Nachdenken in alle Richtungen animieren wolle über den "Neuen Menschen" im Zeitalter der digitalen Revolution. Die Inszenierung spiele lustvoll mit lebendem und totem Material und übersetze "die ambitionierten politisch-philosophischen Gedankenspiele" in eine "greif- und begreifbare Bildsprache".