Fühl, Baal!

von Elena Philipp

Berlin, 6. September 2019. Da steht der Unhold. Après le déluge, nach der Sintflut, wie es bei seinem Autor heißt: Baal hat eben die Geliebte seines Schützlings Johannes entjungfert. Auf deren Frage, "hast du mich lieb?", antwortet er erbarmungslos entnervt, er habe es (oder vielmehr: sie) satt. Denn noch schwelgt Brechts amoralischer Wüstling mit den lyrischen Empfindungen hemmungslos in weißen Leibern. Von bürgerlichen Sittenvorstellungen lässt er sich zu brutalen Transgressionen anstacheln. Hässlich und brutal, wirkt er unwiderstehlich anziehend. Stefanie Reinsperger ist dieser Baal und steht nun also da. Beobachtet, wie Johannes von seiner ruinierten Johanna Abschied nimmt: Judith Engel, in Ersan Mondtags "Baal" ebenso crossgender besetzt wie Reinsperger und Kate Strong als Eckart, berührt – bleich, schmal und verzehrt – Emma Lotta Wegners Gesicht. Und Baal, der böse Baal, der asoziale, weint. Flennt, haltlos sentimental! Wie kann das sein?

Ausstattung im Zeitkolorit

Anfangs deutet wenig auf die emotionale Entgleisung hin. Wirkmächtig sind, wie stets, die (Bühnen-)Bilder, die Ersan Mondtag gebaut hat (gemeinsam mit Marcel Teske): Zwischen hohen Häusern gähnt eine schmale Gasse unterm Vollmond; in der mondänen Bar glitzern die Flaschen, aufgereiht bis unter die Decke; in einer Gruft steht als Götzenfigur eine monströse Barbie-Puppe, die zu Brüsten einen Penis und auf dem Kopf ein Paar schwarzer Teufelshörner trägt. Auf der Drehbühne rotieren die Spielorte wie auf einem Karussell, und wie die ernervierend verzerrte Spieldosenmusik des Anfangs unterstreicht das den Moritatencharakter und die Zirkusmetaphorik des "Baal". Eva Jantschitsch aka Gustav hat Baals Balladen, mit denen Brecht seinen zwischen 1918 und 1955 zigfach umgeschriebenen Text durchschoss, zu so eingängigen wie Weill'sch angeschrägten Songs komponiert. Stefanie Reinsperger und einmal auch Owen Peter Read interpretieren sie fabelhaft.

Baal 06 560 Birgit HupfeldStefanie Reinsperger als Baal © Birgit Hupfeld

Perfekt passt Mondtags Ästhetik eigentlich zum Zeitkolorit von Brechts Epoche, denke ich zwischendurch, als sich die Textmassive türmen: die Kulissen, die an den Stummfilm-Expressionismus erinnern; die hautengen signature suits im Nude-Look, bemalt mit grellfarbenen Pinselstrichen, als sei's Kunst der Neuen Sachlichkeit; die steifen Streifenanzüge und eckigen Kleider der Nebenfiguren, vage an die Mode der Zwischenkriegszeit erinnernd (Kostüme: Ersan Mondtag, Annika Lu Herrmann); auch die filmisch wilsonesk anmutende, streng choreographierte Gestensprache in den Bar- und Bürgerszenen. Und doch ist die Inszenierung nicht stimmig: Brechts Bühnen-Erstling wirkt am Berliner Ensemble wie mit Pathos druckbetankt.

Hier habt ihr die Kunst!

Hauptproblem scheint mir die psychologisch-realistische Spielweise, mit der das zentrale Frauen-Trio agiert. Als einzige sind sie ungeschminkt, tragen schwarze Anzughosen, Reinsperger mit einem Kim Jong Un-Jackett, Judith Engel, in der Doppelrolle von Johannes und Mutter eine moralisierende Instanz, mit Strickjacke. Anfangs ist Stefanie Reinsperger noch die böse glitzernde Conférencieuse, die den von ihrem Genie verzückten Großbürgern ihr abgekartetes Hochkulturspiel madig macht, weil sie lieber die Gattin des Hausherrn Mech (souverän und präsent im kugelrunden Fat Suit: Veit Schubert) verführt. Ein österreichischer Zungenschlag verwandelt sie dann in einen abgefeimten Stenz. Großen Anklang findet die Metaszene, in der Reinsperger – "hat doch Hand und Fuß" – Körperteile aus Fimo durch den Fleischwolf drückt – "so, da, das ist Kunst". Doch immer mehr verrutscht ihre Figur im Register: Der Unhold regrediert zum "Mama" schluchzenden Wabbelwesen. Böser Glanz? Perdu.

Baal 01 560 Birgit HupfeldBaal in der Bar © Birgit Hupfeld

Sexismus neutralisiert

Dysfunktional ist auch die Besetzung der männlichen Hauptfiguren mit Frauen. Denn die Misogynie und der Sexismus der Vorlage werden neutralisiert. Konkret sind die von Brecht geschilderten Geschlechter-Konstellationen: Baal entjungfert Johanna, die daraufhin ins Wasser geht; Baal lässt die schwangere Sophie (Yanina Cerón) auf der Landstraße zurück; Baal erwürgt aus Eifersucht die Gespielin von Eckart. Mondtag verallgemeinert sie. Auch die homoerotische Beziehung zu Eckart (bei Kate Strong ein Puck mit Hosenträgern), die im Stück als Konstante schroff gegen den sexuellen Verschleiß von Frauen gesetzt ist, entwickelt keine Kraft, weil sie in der beliebigen Gender-Zuordnung ebenfalls beliebig geworden ist.

Was ist hier los? Um die Giallo-Aspekte von Mondtags Bühnensprache zu würdigen, den Hauch "Suspiria", der durch seine Inszenierung weht: Vielleicht ist's der Geist des Ortes, der hier Momente von Peymann'scher Kraftmeierei und Vagheit im Zugriff (re-)produziert.

Baal
von Bertolt Brecht
Regie und Bühne: Ersan Mondtag, Mitarbeit Bühne: Marcel Teske, Kostüme: Ersan Mondtag, Annika Lu Hermann, Musik: Eva Jantschitsch, Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin, Licht: Ulrich Eh, Chorleitung: Jonas Grundner-Culemann, Korrepetition: Max Doehlemann.
Mit: Stefanie Reinsperger, Judith Engel, Kate Strong, Veit Schubert, Anna Sophie Schindler, Paul Zichner, Peter Luppa, Owen Peter Read, Emma Lotta Wegner, Torben Appel, Yanina Cerón, Jonas Grundner-Kulemann, Johannes Meier.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

Fabian Wallmeier schreibt auf der Website des rbb (online 7.9.2019, 10:30 Uhr): Stefanie Reinsperger spiele Baal mit "genau der Wucht", die man "erwarten durfte". Vom "schallenden Hohngelächter" gehe sie in einen "hysterischen Zusammenbruch". Das Bühnenbild sei "wieder" "sensationell". Doch anders als sonst bei Mondtag schlössen sich Bühnenbild, Stoff und Inszenierung nicht zu einer "geschlossenen, beklemmende Welt" zusammen. Vielmehr gebe es vor Mondtagscher Kulisse und in Mondtagschen Kostümen "toll gespielten", "solide inszenierten", aber doch "recht klassischen Brecht". Ein "Nebeneinander", das nicht produktiv irrtiere. Erst nach der Pause schlüge "Baals Elend" mit "konsequenter Künstlichkeit und Vieldeutigkeit" in die Magengrube der Zuschauer. Die Besetzung der Männerrollen mit Frauen? "Es ist letztlich vollkommen egal, wer hier welches Geschlecht verkörpert. Und das ist vielleicht am Ende das Herausragende, was von diesem Abend bleiben wird."

Ulrich Seidler schreibt in der Berliner Zeitung (online 7.9.2019, 12:23 Uhr) von der "Spieluhrwelt" des Ersan Mondtag, sein "Baal"-Spiel sei "ganz unbekümmert, schmerzfrei und farbenfroh". Wenn die "nackte pimmelbewehrte Fünfmeter-Barbie nicht wäre", könne man sich "in einem Kinderbuch wähnen". Eine "abgedichtete, giftig überzuckerte, beliebig zusammengesteckte Kulissenwelt" mit "abstrakten Menschenpuppen, die formal agieren und sprechen, sich nur zeichenhaft begegnen". Selbst die "großartige Stefanie Reinsperger" sei "hoffnungslos eingeklemmt in dieser Klimperkunstwelt", die die Zuschauer "unbehelligt" lasse.

"Szenisch strebt der dreistündige Abend eher redundant in die Breite als komplex in die Tiefe", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (9.9.2019). Reinsperger in der Titelrolle wirke "wie der einzige authentische – oder besser: emotionsgebeutelte – Mensch in einer weniger asozialen als vielmehr tumben Langweilergesellschaft". Unmissverständlich klar werde: "Mondtag ist tatsächlich ein Bilderregisseur; die minuziöse Textexegese ist seine Leidenschaft eher nicht. Das Bühnenbild, das sich zu Spieluhrklängen dreht und mal den Blick auf eine rotlichtige Kneipe mit überdimensional-malerischem Flaschenregal, mal auf eine schiefe expressionistische Häuserfront freigibt, bleibt jedenfalls deutlich länger in Erinnerung als der Text, der darin transportiert wurde."

Der Abend verliere immer dann an Heftigkeit, wenn Stefanie Reinsperger die Spielenergie nicht halten kann, beobachtet Anna Fastabend in der Süddeutschen Zeitung (12.9.2019) und fragt sich außerdem: "Warum wechselt sie eigentlich immer, wenn es richtig arg wird, in den österreichischen Dialekt?" Das wirke in Berlin "dann doch eher wie ein billiger Witz." Ansonsten bekomme man aber in dieser Inszenierung "mehr Gänsehaut als in jeder Geisterbahn", so Fastabend. "Würde man noch mal reingehen? Auf keinen Fall. Dafür war es zu gut."

"Anfangs überlegt man trotzig, wer da eigentlich wem an die Wäsche will oder wer sich warum in welches Rollenmuster fügt", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.9.2019). "Aber bald beginnt sich der Diskurs über Geschlecht und Leidenschaft zu verflüssigen und Ersan Mondtags klug ausgesteuerte Inszenierung lenkt den Blick des Publikums ohne Filter einfach auf unterschiedliche Menschen in komplexen Situationen. Souverän transzendiert sie die Begriffe in den Köpfen und die Realitäten auf der Theaterbühne, dem Original damit näher, als es seine direkte Erfüllung erlaubt hätte."

"(A)us unerfindlichen Gründen entscheidet Mondtag, seinem Baal ein Gewissen zu geben, ihn hadern und leiden zu lassen. Er ist ein schrecklicher Mensch, aber manchmal weint er auch deswegen, der Arme. Durch die Psychologisierung verliert die Figur das Einzige, was sie interessant gemacht hätte: das Radikale, die Brutalität", schreibt Emeli Glaser in der Welt (16.9.2019).

"Selbst die frauenverachtenden Allüren des Baal verklimpern hier unhinterfragt im Spieluhrtakt, der das ganze Unternehmen zu einem süsslich-vergnüglichen Spaziergang durch alles andere als 'schwarze Wälder' macht", schreibt Bernd Noack in der NZZ (20.9.2019).

 

 
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