Gefangen in der Tonne

von Anne Peter

Berlin, 13. September 2008. Das Schlimmste ist vielleicht, dass man vor diesen Hunden keine Angst haben muss. Angekündigt war eine "Bande, am Rande der Gesellschaft", für die die philosophische Schule der Kyniker aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Pate stehen sollte: "verschrobene, originelle, provozierende, mutige und auch lästige Kerle". Wären sie es doch gewesen! Wie gern hätten wir uns von ihnen in die Flucht schlagen lassen.

Bürgerschreck im Asketengewand

Doch sie beißen nicht, sie greifen niemanden ernstlich an, sie kläffen bloß erbärmlich, die "Hunde", die Frank Castorf zu Volksbühnen-Spielzeit-Beginn im Kleinspielraum des 3. Stocks für nicht mal anderthalb Stunden loslässt. Angekündigt war auch "der gedankliche Startschuss für die Spielzeit" – wenn er das wirklich gewesen sein sollte, dann ist es ziemlich arg. Denn "gedanklich" hat der Abend leider nicht viel mehr zu bieten als die schon im Titel verratene Provo-These "Reichtum ist die Kotze des Glücks".

Sie wird dem bekanntesten Kyniker (griech. kyon = Hund) zugeschrieben: Diogenes von Sinope, der in einer Tonne gelebt, die Besitzlosigkeit gepredigt und jene legendäre Begegnung mit Alexander dem Großen gehabt haben soll. Überlieferte Diogenes-Anekdoten, Zitate von Epikur, De Sade und Nietzsche variieren und ergänzen die Erkenntnis vom Reichtum als Kotze des Glücks im Laufe der Veranstaltung. Sie werden – mutmaßlich um dem Ganzen irgendwie einen dramaturgischen Rahmen zu verpassen – eingestreut in das fragmentarisch überlieferte Satyrspiel "Die Spürhunde" von Sophokles, von dem man 1911 in Ägypten etwa 400 lesbare Verse entdeckte.

Diebstahl und Kuhhandel

Der (wohl kaum allseits bekannte) Plot geht so: Großgott Apollon ist seiner Kuhherde beraubt worden und lobt zur Ergreifung des Diebs einen goldenen Kranz aus. Eilfertig erbietet sich der alte Silen, ihm mit Hilfe seiner Satyrn die Rinder wiederzubeschaffen. Auf ihrer Spurensuche werden sie von einem geheimnisvollen Wunderton erschreckt, dem sie nachgehen und auf die Nymphe Kyllene treffen.

Diese verrät ihnen das Geheimnis, dass jener Ton von Merkur herrührt, der als unehelicher Sohn des Zeus und der Maia vor dessen Gattin Hera geheimgehalten werden muss und aus einem Schildkrötenpanzer die erste Leier hergestellt hat. Dazu hat er Streifen von Rinderhaut benutzt, weshalb die Jäger schlussfolgern, dass ebendieser Göttersohn Merkur der Dieb jener Götterherde sein muss.

Das ist er auch, kann aber am Ende mit seinem Halbbruder Apollon einen Tauschhandel zu beiderseitiger Zufriedenheit abschließen: Apollon bekommt die Leier, mit der er fortan das Göttergeschlecht erquicken will, Merkur darf im Gegenzug die geraubte Rinderherde behalten.

Kritik an den Verhältnissen?

Castorf nimmt diese tief im Dramenfundus vergrabene Rarität zum Anlass für eine im Kern ziemlich banale Mächtigen-Kritik. Apollon tritt in Gestalt von Jorres Risse als um seine Kuhherde hysterisch wütender und vom ersten Auftritt an brüllender Muskelprotz mit freiem Oberkörper auf. Dieser Besitzbesorgte ist der "Überreiche", dem Merkur (in übergroßen Hosen erfrischend burschikos: Jeanette Spassova) am Ende dringend empfiehlt: "Na, du musst ärmer werden, weiser Unweiser, willst du geliebt sein."

In dieselbe Kategorie der zu Diskreditierenden fällt Kyllene, die es per se unverschämt findet, einen Göttersohn des Diebstahls zu bezichtigen und damit die Meinung vertritt, die Privilegierten stünden außerhalb des Gesetzes, seien qua Göttergeburt über jeden Verdacht erhaben. Silvia Rieger gibt die dekadente Diva in bewährter Manier, mit Pelzmütze im Flatterweißen, das sich schön arrogant über die Schulter schmeißen lässt. Sie dehnt gelangweilt ihre Reden und zieht die Oberlippe spöttisch nach oben. Das ist dann auch schon eine der schauspielerischen Bestleistungen des Abends.

Jeder isst, wat in seine Reichweite is

Diesen gegenüber die heruntergekommenen Satyr-Underdogs in zerrissenen Strumpfhosen mit Pelzmantelbehang unter der Knute von Thorsten Mertens vorwitzigem Silen: Irina Kastrinidis und die zwei Volksbühnenneulinge Mandy Rudski und Nadine Dubois, die trotz engagiertem Hunde-Schnuppern und -Hecheln, trotz Ekstase-Anfällen und Rindermist-Fressen auf der lackrot ausgeschlagenen Bühne plus Steg (Bert Neumann) keine Castorf-Maßlosigkeit herzustellen vermögen.

Das Chor-Synchrone klappt weniger, dafür beeindruckt das Schnellsprechberlinern, in das sie die Parabel vom spendablen "Jastjeber Jott" packen, der den Menschen "vielfältije Speisen" vorsetzt, "damit jeder wat Passendet findet", "aber nüsch, damit alle allet essen, wa?, sondern damit jeder dit isst, wat in seine Reichweite is und nur so viel, wat jerade nötüsch is." Reichen-Bashing auf Castorfisch. Was Angriff sein soll, landet durch seine ungerichtete Vagheit im Konsens und tut niemandem weh. Es bleibt inständig zu hoffen, dass die Volksbühnen-Hunde im Laufe der Saison endlich wieder zu beißen beginnen.

 

Hunde – Reichtum ist die Kotze des Glücks
nach dem Satyrspiel "Die Spürhunde" von Sophokles mit Texten von Diogenes, Epikur, Lukian, De Sade, Nietzsche u.a.
Regie: Frank Castorf, Raum: Bert Neumann, Kostüme: Ulrike Köhler, Musik: Steve Binetti. Mit: Steve Binetti, Nadine Dubois, Andreas Frakowiak, Irina Kastrinidis, Thorsten Merten, Silvia Rieger, Jorres Risse, Mandy Rudski, Jeanette Spassova.

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

Ulrich Seidler fragt sich in der Berliner Zeitung (15.9.2008), was es bedeutet, wenn Castorf die "kynische Lebenskunst", nämlich "nichts besitzen, niemandem verpflichtet sein, das Diesseits hinnehmen, Bedürfnisse ausleben und keine Angst vor dem Tod haben" feiert. "Will Castorf nach Hause in die Diogenes-Tonne, frei sein von irgendwelchen Ruhm-Zuschreibungen als Theatergott und von lästigen Verantwortlichkeiten als Volksbühnendirektor? Oder will er gleich zurück in die Windeln? Ist nun die Bescheidenheit ausgerufen, nach den Jahren der Anmaßungen und Überforderungen?" Die Diktatur der Bedürfnisse habe die des Proletariats abgelöst, so Seidler, es sei daher wohl "mal wieder Zeit für Verweigerung". Es sei allerdings seltsam, "dass die Unangepasstheit, wie sie an der Volksbühne gepflegt wird, heute so bemüht unbrav wirkt".

Auch für Patrick Wildermann (Der Tagesspiegel, 15.9.2008) drängt sich vor allem eine Frage auf, nämlich jene, "die sich die Volksbühne, zunehmend orientierungslos, auch selbst immer öfter stellt: In welcher Zeit leben wir eigentlich?" Denn Castorfs Inszenierung lasse einen "ratlos": "Schon der Titel legt nahe, dass der Mann sein Theater bloß noch als Eimer für den eigenen Überdruss benutzt. Ganz so schlimm kommt es zwar nicht. Aber das gut einstündige Antiken-Projekt (...) bringt auch nicht die Renaissance einstiger Glorie." Doch der Brückenschlag zur Gegenwart gelinge nicht: "Vieles an der Inszenierung wirkt museal." An den Schauspielern liege es jedoch nicht, "dass diese kurze Castorfsche Götterdämmerung so unverbindlich wirkt. Es fehlen die Feinde, die Zielscheiben der Attacke auf die Dekadenz."

Christiane Kühl merkt in der taz (15.9.2008) ebenso an, dass ein "würdiger Feind" nirgends auszumachen sei und "Biss, der wehtut, leider auch nicht." Denn die Inszenierung zeige etwas "völlig" Neues:"Nach einem höchst komischen Einstieg (...) wähnt man sich abwechselnd in einer Antiken-, Peter-Stein- oder Laientheaterpersiflage, die außer Lautsein nichts zu wollen scheint."

 

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