Nacht der Kannibalen

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 11. September 2019. Wenn ganz am Ende von Claudia Bosses Inszenierung das Licht verlischt, legt sich eine bedrückende Schwärze über die weitläufigen Räume der "Botschaft". Das ehemalige Kino war schon mehrfach Schauplatz für vom Forum Freies Theater (FFT) produzierte Inszenierungen. Die Finsternis verschluckt nun also das Publikum ebenso wie die Performerinnen und Performer. Die Körper der Zuschauenden und die Körper der Spielenden bilden für einen kurzen Moment eine Gemeinschaft, aus der es kein Entrinnen gibt.

Blutiger Bruderzwist

Dieser Moment im Dunkeln markiert das Ende eines rituellen Erlebnisses, als Abschluss einer fordernden und zugleich erhebenden Auseinandersetzung mit einem antiken Mythos. In ihm kristallisiert sich aber auch der Kern der Arbeit des FFT, dieses Düsseldorfer Produktionshauses, das zwei Tage vor der Premiere von "Thyestes Brüder! Kapital!", also am 9. September, seinen 20. Geburtstag gefeiert hat. Oft wird das seit 2004 von Kathrin Tiedemann geleitete FFT in einem Atemzug mit den anderen großen Produktionshäusern der Freien Szene genannt, mit dem Hebbel am Ufer und Kampnagel, mit dem Künstlerhaus Mousonturm und dem europäischen Zentrum der Künste Hellerau. Aber es hat trotz vieler Kooperationen mit den genannten Theatern ein ganz eigenes Profil.

Thyestes1 560 Robin Junicke uPerformer*innen, für die Tragödie bewaffnet mit Blut und Fleisch © Robin Junicke

Im Zentrum der Arbeit des FFT steht die Auseinandersetzung mit der Stadt, ihren Räumen und deren Entwicklung. Immer wieder haben die hier produzierenden Künstler die angestammten Theaterräume verlassen, um die Stadt und ihre Gesellschaft zu erkunden und zu hinterfragen. In diesem Kontext steht auch die schon 2002 begonnene Zusammenarbeit mit Claudia Bosse und dem theatercombinat. Mehr noch als She She Pop, Showcase Beat Le Mot, andcompany&Co. oder Monster Truck, die alle eine lange gemeinsame Geschichte mit dem FFT verbindet, haben Claudia Bosses Inszenierungen und Projekte den speziellen Geist dieses Produktionshauses eingefangen. Wenn sich am Ende von "Thyestes Brüder! Kapital" die verfallende Leere der "Botschaft" in eine apokalyptische Welt verwandelt, in der sich alle Grenzen auflösen, bleibt dem Einzelnen nichts anderes als seine Rolle wie seine Stellung im Raum zu reflektieren. Senecas antike Tragödie wird zum Maß, an dem die Gegenwart zu messen ist.

Gott als Turbine

Die Gemeinschaft zwischen Performenden und Publikum existierte schon zu Beginn des Abends, den Bosse ganz konkret als Gang durch die "Botschaft" angelegt hat. Fünf Spieler*innen mischen sich unauffällig zwischen die Zuschauer*innen und wechseln gemeinsam mit ihnen vom Foyer in den Raum des Tragödienspiels. Dort dröhnen aus einem Lautsprecher einige Zeilen aus Heiner Müllers "Opfer und Täter": "Tantalos, König in Phrygien, raubt die Speise der Götter ...". Damit beginnt eine Geschichte der Gräuel und der Leiden, die von Generation zu Generation anwachsen. Als der kurze Text zum zweiten Mal erschallt, beginnen Lilly Prohaska, Rotraud Kern, Nic Lloyd, Mun Wai Lee und Alexandra Sommerfeld sich bis auf ihre Schuhe vollständig auszuziehen. Ihre nackten Körper werden zum Zeichen der Differenz.

Thyestes1 560 Robin Junicke u© Robin Junicke

Bevor die ersten Zeilen aus Senecas Text erklingen und der blutige Bruderzwist zwischen Tantalus' Enkeln Atreus und Thyestes eröffnet wird, wechseln die fünf erst einmal hinter eine temporäre Absperrung und verteilen sich in der Tiefe des Raums. Zu lauten, repetitiven elektronischen Klängen, einer Art Maschinenmusik, spannen sie ihre Körper an, beugen sich vor, strecken sich auf die Zehenspitzen und stoßen markerschütternde Schreie aus. Dabei kann man an Tantalus' Qualen im Hades denken oder sich diese Stelle aus Durs Grünbeins Seneca-Übersetzung in Erinnerung rufen: "In rasendem Wirbel treibt alle die Menschen und Dinge Gott, die Turbine." Günther Auers Landschaft aus Sound könnte die Musik dieser Turbine, dieses Maschinen-Gottes sein.

Auftritt Marx

Erst in den Schreien gewinnen die Körper des Ensembles Freiheit: Sie sind Ausdruck des Lebens und ziehen die Körper mit sich. Schließlich gruppieren sich alle um Lilly Prohaska herum und beschmieren sie mit weißer Farbe. So wird sie zu Tantalus' Geist, der, auf dem Boden kauernd, sein Schicksal beklagt. Wie Lilly Prohaska die Worte zischt und herausspuckt, wie sie sie aus den tiefsten Tiefen ihres schmalen Körpers heraufholt und zu Pfeilen formt, ist nicht weniger als ein Ereignis. Sprache transportiert hier nicht nur Inhalte, sie wird zum eigentlichen Ausdruck menschlichen Seins. Die Worte bestimmen die Haltung der Körper wie auch deren Bewegung.

Thyestes2 560 Robin Junicke u© Robin Junicke

Zwischen dem vierten und den fünften Akt, zwischen dem Bericht von der Schlachtung der Thyestes-Söhne und der Darstellung des grausigen Festmahls, steigt Juri Zanger auf eine Leiter und rezitiert emphatisch einen Text von Karl Marx über das Verhältnis von Produktion und Konsumption. Der kannibalistische Akt, in dem Atreus' Hass auf seinen Bruder gipfelt, dieses ultimative Verbrechen, das den Tag zur Nacht macht und den Himmel verdunkelt, wird so in einen größeren Zusammenhang gestellt. Die kapitalistischen Kreisläufe sind ihrem Wesen nach Kannibalismus. Die Menschen verzehren sich und die Welt. So muss schließlich alles im Dunkel versinken. Wir alle sind zugleich Atreus und Thyestes, Schlächter und Opfer.

Thyestes Brüder! Kapital – Anatomie einer Rache
von Claudia Bosse/theatercombinat
auf der Basis von Senecas Tragödie "Thyestes“ in der Übersetzung von Durs Grünbein unter Verwendung von Texten von Karl Marx ("Grundrisse der Kritik einer politischen Ökonomie") und Heiner Müller
Konzept, Raum, Regie: Claudia Bosse, Sound: Günther Auer, Technische Leitung: Marco: Tölzer, Critical Witness: Reinhold Görling.
Von/mit: Lilly Prohaska, Rotraud Kern, Nic Lloyd, Mun Wai Lee, Alexandra Sommerfeld, Juri Zanger, Leitung Jugendchor: Constance Cauers.
Eine Produktion von theatercombinat, in Koproduktion mit FFT Düsseldorf, gefördert von Wien Kultur
Premiere: 11. September 2019, FFT Düsseldorf
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

https://fft-duesseldorf.de

 

Kritikenrundschau

Der Fokus in Claudia Bosses "Sprechchoreographie" liege "nicht auf der optisch wirksamen Menschenschlacht, sondern auf dem Körperlichwerden von Wörtern, Sätzen und deren Inhalten", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (4.10.2019). Fünf Darsteller*innen mischten sich beim Gastspiel im Wiener Kasino am Kempelenpark unters Publikum: "Ihre mit Farbe verfremdeten Körper bezeugen das kreatürliche Leben, sind aber auch – zu Skulpturen arrangiert – der Volkskörper (der Chor), der mit geweiteten Augen das Unfassbare Schritt für Schritt erfragt." Wirksam findet die Kritikerin den Abend "immer dort, wo er die expressionistische Zuspitzung (mimisch, vokal) meidet und sich auf performative Bilder konzentriert".

 

 
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