Handliche Tragödie für Scheidungskinder

von Christian Rakow

Essen, 13. September 2008. Auf dem Umschlag des Programmhefts prangt ein Screenshot aus dem 1980er Jahre Videospielklassiker "Pac Man": Ein gelber Smiley rast durch ein digitales Labyrinth, sammelt Schlüssel und Äpfelchen und weicht Pixelmonstern aus. Stimmt ja, erinnert man sich, dieser Roger Vontobel hat doch letzte Saison im Hamburger Schauspielhaus Ibsens Nordmänner-Saga "Helden auf Helgeland" in einer beachtlichen Annäherung mit dem Online-Spiel "Second Life" zusammengeschaltet. Darf es dieses Mal also ein bisschen old school Atari Action sein für die Helden der attischen Tragödie?

Das könnte eine schöne Allegorie auf diesen zürnenden Jüngling Orestes abwerfen, den Vaterrächer und Muttermörder. Frei nach Orestes: Pixel frisst Pixel. "Blut, das zur Erde floß, fordert Blut. Blut um Blut, Verderben um Verderben."

Problemfamilie mit Anstandsmiene

Drinnen, im ausverkauften Grillo-Theater geht man es dann aber doch braver an. Orestes kommt keuchend gelaufen, während Hardrock-Gitarren-Riffs klirrend den Fluch der Erinnyen bezeugen. Er strauchelt, fällt und taucht einstweilen in die erste Publikumsreihe ab. Da weiß man, dieser Abend hat sich seinem Titelhelden verpflichtet, diesem Jugendidol mit strähnigen Haaren und Lederjacke. Und es wird dauern, bis er wieder ins Spiel kommt.

Der erste Teil der Trilogie bietet gut eineinhalb Stunden lang das Schwarzbrot des Tantaliden-Mythos. Roger Vontobel, Jahrgang 1977, nähert sich dem Untergang des Trojabesiegers Agamemnon privatim und erstaunlich defensiv. Das Chor-Quintett lässt er auseinander treten zur kleinbürgerlichen Problemfamilie: die stabile Hausmutter Klytaimestra (mit lächelnder Anstandsmiene und stillem Regiment: Judith van der Werff) und ihr neuer, aalglatter Lebensgefährte Aigisth (mehr Wohnungsmakler als Eroberer des Palasts: Jonas Gruber) auf der einen Seite. Auf der anderen Vater Agamemnon mit seiner jugendlichen Flamme Kassandra. Hüben wie drüben: zweiter Frühling. Dazwischen turnt Elektra, das ungeliebte Kind aus erster Ehe (mit zunehmend spastischer, kreatürlicher Demut auch die Klagelieder des Chores einbringend: Barbara Hirt).

Feierabend-Mantra

Werner Strenger gibt seinen Agamemnon in Bergarbeiterkluft als ausgebrannten Vorruheständler. Berichte vom Krieg holt er aus dem Halbschlaf seines Lebensabends hervor, mit stierem Blick gen Jenseits. Etwas Weichzeichnererotik ist ihm mit Kassandra vergönnt, wenn sie zärtlich ihre Köpfe zusammenlegen und einander die Lippen befühlen. Nadja Robinés anmutige Kassandra rundet das Herbst-des Lebens-Feeling ab, indem sie ihre dunklen Prophezeiungen in den Singer-und-Songwriter-Wattebausch von Scout Nibletts "Baby Emma" einwickelt.

Alles stagniert in dieser kleinformatigen Anordnung, auch weil sich die Inszenierung lange Zeit nicht zu dem handlichen Familiendrama, das sie darbietet, bekennt. Immer wieder werden Mikrophonbeiträge angereichert mit Applauskonserven für einen Hauch von Öffentlichkeitsappell. "Tun – Leiden – Lernen", das hämmernde Leitmotiv aus Michael Talheimers elementarischer Berliner "Orestie" von 2007 – hier klingt es wie ein Feierabend-Mantra.

More dirt!

We need more dirt, wird sich Roger Vontobel gesagt haben. Und tatsächlich in der zweiten Hälfte des Abends mit dem Rachefeldzug der Kinder nimmt diese "Orestie" doch noch Fahrt auf. Regen fällt minutenlang; die vormals cleane Bühne (von Claudia Rohner) ist in ein schlickiges Wattenmeer verwandelt. Melancholische Rocknummern reißen kaum noch ab, und Videoeinspielungen stoßen das Fenster auf zum Totenreich.

Von Schlamm besudelt überzeugt Matthias Eberle als grüblerisch zaudernder und weltvergessen kühler Tramp Orestes. Die Axt zum Muttermord reicht ihm Elektra, inzwischen ein desolates Runaway Girl, das sich in ein dicke Kruste Seinsekel verkrochen hat.

Ähnlich wie jüngst an selber Stätte in der "Antigone" von David Bösch bestätigt sich auch hier: Essens junge Regiestimmen finden da einen intimen Ton, wo sie ihre Generation in Frontstellung gegen die Erwachsenen bringen können, wo sie das Ringen der Jugend um Selbstbehauptung und Selbstbestimmung erzählen. "Wir waren zu leicht, Elektra", so endet Orestes, "jetzt, jetzt graben wir unsere Füße in die Erde ein wie die Räder eines Wagens in einer Wagenspur. Ich weiß nicht wo sie hinführt, vielleicht zu mir selbst."

Individualistische Wendung

Nun mag man über diese individualistische Wendung klagen: Ja, sie nimmt dem Zyklus vieles weg. Die Installierung der athenischen Gerichtsbarkeit im Schlussteil – bei Vontobel gerät sie zur Groteske. Mit Blut bedeckt, doch zum Scherzen aufgelegt, versagen die Erinnyen Orestes jede Rechtfertigung. Politik kommt nur noch als Satyrspiel vor.

Die Vorhölle der Anderen, aus ihr heraus führt einzig der einsame, irgendwie authentische Weg. Die "Orestie" präsentiert sich letztlich im handlichen Format des existenzialistischen Manifests, designed für Scheidungskinder und andere Verdrossene. Doch wer wollte behaupten, dass solche handlichen Formate unserer Alltagskultur nicht angemessen wären?

Die Orestie
von Aischylos. Deutsch von Peter Stein
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Claudia Rohner, Kostüme: Nadine Grellinger, Video und Sounds: Immanuel Heidrich.
Mit: Matthias Eberle, Barbara Hirt, Werner Strenger, Judith van der Werff, Nadja Robiné, Jonas Gruber.

www.theater-essen.de

 

Mehr zu Roger Vontobel: zur Münchner Inszenierung von Lilja 4-ever im April 2008, zur Hamburger Inszenierung von Die Helden auf Helgeland im Januar 2008 und seiner Frankfurter Aufführung von Mark Ravenhills pool (no water) im Oktober 2007.


Kritikenrundschau

"Als Einstieg ins antike Theater bestens geeignet", befindet Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (18.9.2008) über Vontobels "Orestie". Die Aufführung sei sehr unterhaltend. "Die mythische Fremdheit des Textes weicht einer straffen, leicht verständlichen Erzählweise, Aischylos hat keine allzu tiefen Abgründe. Das Ende bleibt offen, Orest hat die Schule des Leidens noch lange nicht durchlaufen, die Flucht vor den Eumeniden könnte der Weg zu sich selbst sein. Da greift die Regie wie zuvor die Eumeniden in der Gerichtsszene mal kurz zum Holzhämmerchen."

Schlüssig und schlicht findet auch Vasco Boenisch den Abend, den er für die Süddeutsche Zeitung (18.9.2008) sah. Es sei kein "Abend der vielschichtigen Psychologie", aber einer "der starken Gefühle" und "suggestiven Bilder". Der "noch junge" Regisseur gehe "Aischylos' antike Rachetrilogie beachtlich ernsthaft, konzentriert an."

In der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (15.9.2008) schreibt Gudrun Norbisrath, Vontobel und sein "junges Team" machten aus Aischylos einen "Gegenwarts-Autor". Die "Orestie" sei ja leider "hochaktuell", es gehe um "Krieg, Macht, Rache, Blut, Wut und Leiden. Um all das, was auch 2008 das Leben" bestimme. Vontobel lasse die Geschichte lange "verhalten dahingehen, dann steigert er sie zum rasenden Schluss". Begeistert beschreibt Norbisrath einzelne Szenen:  "Dann kommt er: der Hoffnungsträger. Und das Spiel wird schneller, emotionaler, intensiver. Elektra springt auf und läuft zu ihrem Bruder, sie umarmen sich, fallen, wälzen sich. Die Bühne hat sich in ein Schlammfeld verwandelt; sie streicheln sich und lachen, lachen …" Und wer, fragt Norbisrath, habe ("Tun, Leiden, Lernen") am Ende etwas gelernt?

In der Neuen Ruhr-Zeitung (15.9.2008) berichtet Michael-Georg Müller: Vontobel verzichte in seiner Version der Orestie auf "Versöhnung und Utopie". Die sechs Darsteller blieben "alle "bis zum Schluss verletzte, ängstliche Wesen, die sich in kalte, blinde Rache" steigerten, aber weder "Stärke noch Größe antiker Theaterfiguren" vermittelten. Aus Elektra in Hosen und Hemdchen mache Barbara Hirt "alles andere als eine erhabene Person. Sie ist eher der sportliche Typ einer gefährlichen Rächerin." Die Inszenierung fessele zunehmend. Im Schlussteil wollten "vier blutbeschmierten Leichen" Recht sprechen über den Muttermörder Orest, sie glaubten nicht daran, dass ein Verbrecher fähig ist, einen Staat zu lenken. So siege "antikes Rechtsverständnis über Gnade, und für Orest bleibt nur der Weg in die Dunkelheit".

"Hier wird an der Benutzeroberfläche gespielt", so lautet die Überschrift der Doppelbesprechung von Andreas Rossmann (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.9.2008). Weder die Inszenierung von Dirk Lauckes "Wir sind immer oben" noch die "Orestie" in der Regie von Roger Vontobel kommen gut weg. Vontobels Aufführung setze auf "Musik und horrorfilmkompatible Bilder", sie zeigt Elektra, bei Barbara Hirt eine knabenhafte, in emotionale Reflexionen vertiefte Frau, "die sich sehr allein fühlt und den roten Rock mit einer übergroßen Militärhose tauscht". Vontobels szenische Paraphrase sei von allen Göttern verlassen. "Verkleinert, läuft das antike Drama in offenbar jugendgerechter Lesart darauf hinaus, dass Orest auf dem Weg zu sich selbst ist."

 
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