Die Rechte marschiert

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 21. September 2019. "Die Wacht am Rhein" brennt noch beim Verlassen des Stuttgarter Schauspielhauses in den Ohren. Gleich alle sechs Strophen hat der Nazi Erich gegrölt, und die gesamte Statisterie hat lauthals mitgesungen. Der Nazi Erich hat an der Rampe gestanden, als hätte er einen Stock im Arsch, die Augen fanatisch geweitet. Sicher die bedrohlichste, unangenehmste Szene in Calixto Bieitos Inszenierung des kritischen Volksstücks "Italienische Nacht", das Ödön von Horváth 1931 geschrieben hat, als die Weimarer Republik, geschwächt durch politische Instabilität, Massenarbeitslosigkeit und die Traumata des ersten Weltkriegs, bereits angezählt war.

Die Blindheit der Demokraten

Horváth nahm in seinem Stück die Blindheit der demokratischen Kräfte vor dem aufziehenden Nationalsozialismus aufs Korn: Mitglieder des sozialdemokratischen "Schutzbundes der Republikaner" beabsichtigen, einen bunten Abend, ihre "Italienische Nacht", zu feiern und wollen sich dabei nicht in die Suppe spucken lassen. Derweil marschieren draußen die Faschisten auf (nicht in Uniformen, sondern mit Schlips und im Pullunder) und begehen ihren "Deutschen Tag" – in Stuttgart hörbar gemacht durch grelle Militärmärsche, die immer wieder das Geschehen torpedieren und live von einem fantastischen Bläsersextett gespielt werden.

Am Ende rücken die Nazis den Sozis auf den Leib, weil die das Denkmal des Kaisers "geschändet" haben sollen. Noch kann der Kommunist Martin mit seinen Leuten Schlimmeres verhindern. Die inbrünstig vorgetragene "Wacht am Rhein", ins Stück implantiert, zeigt aber mehr als deutlich, wohin es in Deutschland gehen wird.

Italienische Nacht 3 560 David Baltzer uDer Amtsinhaber und die Seinen: Elmar Roloff als Stadtrat mit Klaus Rodewald (Wirt), Boris Burgstaller (Kranz), Peer Oscar Musinowski (Karl) © David Baltzer

Bieito lässt die "Italienische Nacht" in ihrer Zeit. Etwaige Parallelen zum heutigen tumben, immer dreister zur Schau gestellten Fanatismus der Rechten oder zur selbstgefälligen Phrasendrescherei politischer Amtsinhaber*innen dürften sich ohnehin in den Köpfen des Publikums ganz von selbst einstellen.

Darstellerisch großartig

Bieito hat Horváths Text gemeinsam mit dem Ensemble sehr genau auf seine Doppelbödigkeiten, seinen Rhythmus und seine Leerstellen abgeklopft und entsprechend präzise in Szene gesetzt. Ein darstellerisch großartiger Abend, wie man sagen muss. Elmar Roloff spielt den korrupten Stadtrat, der sich einerseits als Demokratieverteidiger aufspielt, anderseits in der Öffentlichkeit seine Gattin demütigt, trefflich als spießigen, denkfaulen Kissenpupser. Klar, dass er feig und unterwürfig reagiert, als der Nazi Erich – gespielt vom Stuttgarter Spezialisten fürs Böse Matthias Leja – ihn schikaniert.

Da muss erst des Stadtrats Gattin Adele ran, die Christiane Roßbach als Frau spielt, die ihre ehehöllische Situation durchaus analysieren und giftig austeilen kann, die aber wirtschaftlich keinen Ausweg für sich sieht. Dennoch ist sie die einzige, die dem Nazi Erich Paroli bietet: Sie brüllt ihn an, macht ihn zur Schnecke (wofür sie Szenenapplaus erhält). Und als sie mit dem Stadtrat am Ende Händchen haltend die Bühne verlässt, ist plötzlich klar, wer zuhause die Hosen anhat.

Italienische Nacht 2 560 David Baltzer uPolitisches Gartenlokal: Paula Skorupa (Anna), David Müller (Martin) und das Ensemble spielen im Bühnenbild von Calixto Bieito und Helen Stichlmeir © David Baltzer

Einen merkwürdig dunklen Charakter verpasst der phänomenale Michael Stiller dem Demokraten Betz, dessen Bildungsgewäsch über Freuds Psychoanalyse und anderes gar nicht so uneigentlich wirkt, wie es Horváth beabsichtigt hat. Stillers Betz kultiviert die Beobachtungsperspektive, bleibt distanziert und nicht ganz greifbar.

Auf dem politischen Strich

Das ist offenbar ein Anliegen Bieitos: die Figuren, die in ihrer oft komisch verrenkten Sprache aneinander vorbeireden, nicht zu Karikaturen zu verkleinern. Auch den Kommunisten Martin (David Müller) nicht, einen dieser Selbstdarsteller, die sich als Weltretter aufspielen, aber ihr Umfeld ausbeuten und tyrannisieren. Ein Arschloch, wie es im Buche steht, der seine Braut in spe auf den "politischen Strich" schickt, damit sie dem Nazi Erich etwaige Pläne entlockt. Die wiederum ist ihrem Freund gar nicht so hörig, wie es zunächst den Anschein hat.

Paula Skorupa spielt Anna als durchaus selbstbewusste Frau, die den selbstherrlichen Martin treffen und entlarven und eine ungeheuer verzweifelte Aggressivität in ihre Worte legen kann, etwa wenn sie ihn anfährt: "Red' nicht so hochdeutsch." Explosives schlummert in allen Figuren, wenn sie etwa aus heiterem Himmel einen Menschen von sich wegstoßen, so brutal, dass er im stolpernden Fall einen schweren Biertisch mit sich reißt.

Italienische Nacht 1 560 David Baltzer uVerloren in endlosen Weiten: Peer Oscar Musinowski (Karl) © David Baltzer

Von ganz besonderer Wirkung ist das Bühnenbild, das nach dem Hochfahren des Eisernen Vorhangs in eine geradezu schockierende Weite hineinblicken lässt: in ein riesiges, kahles Gartenlokal mit endlos lang scheinenden Reihen aus Biertischen und Bänken. Nebeldunst hängt in der Luft, die Szene ist kalt ausgeleuchtet, auch wenn Ketten hunderter Glühlampen brennen, die an unzähligen dicken Masten befestigt sind, die das Lokal flankieren. Eine bedrückende, beklemmende Weite, weil meist nur wenige Menschen anwesend sind, die sich im überdimensionierten Raum verlieren.

Die zwölf Protagonist*innen bleiben auf der Bühne, auch wenn sie gerade nicht an einer Szene beteiligt sind. Dann sitzen sie jeweils für sich an den Tischen oder stehen allein in einer Ecke oder legen sich selbst Tarot-Karten oder rauchen und blicken in die Leere, gedankenverloren. Als hätte sich Bieito von den frostigen Bildern Edward Hoppers inspirieren lassen.

Aber auch, wenn die Bühne sich mit Statist*innen füllt, sich zum Wimmelbild wandelt, wenn die "Italienische Nacht" gefeiert wird, wirken die Menschen dort vereinzelt, einsam, isoliert. Sie tanzen ja nicht in Paaren, sondern im sicheren Abstand voneinander, steif sich bewegend, in merkwürdiger Gruppenformation, wie in Trance, auch dann noch, wenn die Musik schweigt.

 

Italienische Nacht
von Ödön von Horváth
Regie: Calixto Bieito, Bühne: Calixto Bieito, Helen Stichlmeir, Kostüme: Sophia Schneider, Musik: Barbora Horáková, Korrepetition: Sebastian Neugebauer, Aleš Vitek, Licht: Sebastian Isbert, Dramaturgie: Ingoh Brux, Bastian Boß.
Mit: Felix Strobel, Gábor Biedermann, Boris Burgstaller, Matthias Leja, David Müller, Peer Oscar Musinowski, Klaus Rodewald, Elmar Roloff, Christiane Roßbach, Nina Siewert, Paula Skorupa, Michael Stiller. Statisterie. Bläserensemble: Trompete 1 und 2: Valdis Bizuns / Laura Breuter-Widera / Gábor Szabó, Posaune: Hubert Hegele / Tabea Hesselschwerdt, Tuba: Taro Ushiyama, Waldhorn: Friedrich zu Dohna / Mathias Stelzer, Schlagzeug: Tom Goemare / Florian Peter / Florian Hock.
Premiere am 21. September 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Es ist ein Theater der Schauspieler", so Rainer Zerbst auf Deutschlandfunk Kultur (21.9.2019. Bieitos Inszenierung zeige eine Ehrfurcht vor dem Theaterstück. "Eigentlich sollte es so eine Inszenierung nicht mehr geben, wir sind sie nicht mehr gewohnt. Aber wenn er jetzt politisch Position bezogen hätte, dann hätte er er die Aussage des Stückes verengt. So belässt er das ganze Spektrum, das Ödon von Horvárth in diesem wunderbaren Text uns vorführt, und überlässt uns, uns unsere politische Reaktion darauf zu bilden."

"Schauspielerisch ist die Inszenierung sehr gelungen umgesetzt, dazu choreographiert Regisseur Bieito das Stück grandios", so Karin Gramling vom SWR (23.9.2019). Bieito bleibe ganz nah am Original. Mehr brauche es gar nicht. Die aktuellen Bezüge stellten sich automatisch in den Köpfen ein. "Nachdenklich machen sollte diese Inszenierung das Publikum allemal."

Bieito bringe das Stück mit großem Ernst und hoher Dringlichkeit auf die Bühne, schreibt Roland Müller von der Stuttgarter Zeitung (23.9.2019). Er inszeniere streng am Text entlang, "sehr pur, sehr demütig und unter weitgehendem Verzicht auf Mätzchen, weil er an die Kraft des Stoffes glaubt, der keiner Aktualisierung bedarf".

"Bieito erweist sich als Regisseur, der auch im Detail genau arbeitet. Und den Witz ausspielt, der in der Charakterschwäche der Figuren zu finden ist", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (23.9.2019). Aus groben Typen würden vielschichtige Charaktere. "Bieito zeigt mit seiner zweistündigen beeindruckenden Regiearbeit eine Komödie in der großen Tragödie und hebt die ewig gültige Aktualität des Stückes hervor, das jetzt vielleicht noch heutiger ist denn je."

"In einer kraftvollen Weise eins zu eins" habe Bieito Horvàths Stück inszeniert, bemerkt auch Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (23.9.2019): Im Saal gehe beim Absingen der "Wacht am Rhein" das Licht an und man müsse "höllisch aufpassen, sich die Musik nicht zu merken", flotte Märsche der lange unsichtbaren Musik-Combo signalisierten, "dass das Theater praktisch umstellt ist wie das Lokal vom Lehninger", und die dezent historischen Kostüme von Sophia Schneider sorgten nicht etwa für "Erleichterung durch Distanz", sondern zwängen "dazu, ständig daran zu denken, was danach geschah", nach der Uraufführung 1931. Zwanglos entwickelten sich die Szenen wie auch die Figuren., so von Sternburg. Darstellerisch "kleine Diamanten" seien die Szenen zwischen Karl und Leni, Peer Oscar Musinowski und Nina Siewert, "er so verlegen, verwirrt, triebhaft, aber auch motzig, sie so keck und neusachlich". Das Ensemble und die hervorragend mitgehenden Statisten wirkten "überhaupt dermaßen sicher, am Platze und auf Draht, dass die Zeit verfliegt".

Skepsis gegenüber der Masse zeige sich in Calixto Bieitos Operninszenierungen durch die Behandlung des Chores – meist sei diese singende Masse "leicht verführbar, entindividualisiert, schlichtweg dumm", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (27.9.2019). In Horváths Stück stehe das alles bereits da, so Tholl: "Bieito arbeitet extrem präzise, vertraut auf die Kraft der Analogie."

 

 
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