Die Hoffnung keimt im Hinterzimmer

von Andreas Thamm

Regensburg, 21. September 2019. Terje Rød-Larsen ist ein Mann, der daran glaubt, die Welt verändern zu können. Er hat ein Modell dafür entwickelt, er nennt es Gradualismus. Konfliktparteien sollen einander nicht länger vor der Weltöffentlichkeit begegnen, sondern persönlich, dabei ein Thema nach dem anderen abarbeiten und dadurch ein Band des Vertrauens knüpfen. Der norwegische Soziologe muss von seiner Sache absolut überzeugt sein, um sein Modell genau auf diesen Konflikt anzuwenden, den Konflikt der Nachkriegswelt schlechthin: Israel versus Palästina.

Das Broadway-Stück "Oslo" von J. T. Rogers, von Klaus Kusenberg in Regensburg erstmals deutsch aufgeführt, ist kein utopisch-fiktives Menschenexperiment, es orientiert sich an historischen Fakten. Im Januar 1993 schütteln Ahmed Kurei, Finanzminister der PLO und Hassan Afur, PLO-Verbindungsmann, in Oslo zum ersten Mal israelische Hände – die der Wirtschaftsprofessoren Jair Hirschfeld und Ron Pundak; keine offiziellen Gesandten, aber immerhin. Es ist der Startpunkt für einen nervenaufreibenden Prozess, einen Drahtseilakt im Hinterzimmer, an dessen Ende die Osloer Friedensvereinbarung steht. Die Treffen in Oslo sollen ein zweiter, geheimer Kanal sein, der den offiziellen Verhandlungen in Washington zufließt.

Ein Whiskey unter Freunden

Jetzt 2019 im Wissen, dass die Vereinbarung nicht das Ende des Blutvergießens bedeutete, inszeniert Schauspieldirektor Kusenberg die Verhandlungen als Politthriller, der diesem fast kuriosen Detail der Geschichte enorme Bedeutung beimisst – und eindrucksvoll exemplarisch darlegt, was Kommunikation kann. Die Zuschauer begegnen Anzugträgern, die sich, jeder für sich, aus der ihnen von der Partei und vom Volk zugeschriebenen Rolle lösen. Die sich, im Sinne einer Einigung, erweichen lassen müssen. Als sich die düsteren Mäntel-Träger aus Palästina und die schrulligen, jüdischen Intellektuellen erstmals gegenüberstehen, umreißt Larsen die einzige Regel der Veranstaltung: "Hier sind wir alle Freunde." Im Verhandlungssaal soll man streiten, im Salon über die Familie reden – und viel Whiskey trinken, sonst funktioniert es nicht.

OSLO2 560 GellenWachterHaake Jochen Quast uAlles Freunde? Szene mit Kristóf Gellén, Guido Wachter und Michael Haake © Jochen Quast

Katharina Stolzbacher als Mona Juul ist die einzige, die aus der filmisch angelegten Inszenierung tritt. Sie führt das Publikum elegant an langer Leine durch die Geschichte: "Terje wartete, zwei Stunden, drei Stunden. Die Tür blieb zu." Obwohl das Stück dadurch eine dokumentarische, informationsvermittelnde Ebene erhält, bleibt das ohne Zweifel ein Spannungsstoff. Die Beteiligten gehen ein Wagnis ein, ein persönliches Risiko. PLO-Mann Kurei: "Wenn das hier rauskommt, bin ich ein toter Mann."

Frieren für den Frieden

Der historisch-faktische Anspruch von Rogers' Vorlage verlangt auch nach einer gewissen Mannesstärke. Kusenberg verknappt oder verfremdet nichts. Nach der ersten, heimlichen Declaration of Principles, die das Quartett erreicht, verlangt die PLO bei Larsen einen offiziellen Gesandten Israels. Der Institutsleiter wird zum Mittelsmann auf der Weltbühne, dramatisches Licht, Nervenkitzel-Soundtrack, zwei Telefonhörer in der Hand: Rechts poltert stets der stellvertretende Außenminister Israels, Jossi Beilin. Aber: Auch der lässt sich erweichen und schickt seinen Generaldirektor Uri Savir.

OSLO1 560 WachterSolzbacherNievelsteinHermannHaakeGellen Jochen Quast uDie Jerusalem-Frage erhitzt die Gemüter: Das Ensemble spielt "Oslo" im Bühnenbild von Frank Albert © Jochen Quast

Und alles beginnt von vorn, denn Savir erreicht Oslo fies, arrogant und vereist und muss erst lange mit den Palästinensern hinter der Tür in der so einfachen wie spektakulär drehbaren Wand auf der Regensburger Bühne (Frank Albert) verschwinden. Savir und Kurei sind jetzt die Stimmen von Peres und Arafat. Sie teilen die Hoffnung auf die Möglichkeit eines Friedens, die bringt sie her. Und sie bleiben unvereinbar und wollen einander nichts als an die Gurgel, wenn es um Jerusalem geht. Einig ist man sich in einer Sache. Kurei: "Es ist ein Jammer, dass uns die Norweger eingeladen haben und nicht die Italiener." Die Männer aus dem Nahen Osten frieren, Regensburg projiziert auf drei monumentale Wände grobkörnige Schneelandschaften.

Kraftakt des Theaters

Und jede neue Figur, die in diesen Reigen tritt, will zunächst zwei Schritte zurück. Kusenberg gelingt das Kunststück, dieses Auf und Ab zwischen versöhnlichem Gelage und Mordlust nie ermüdend redundant werden zu lassen. "Oslo" bleibt bis zum Schluss ein höchst fesselnder Wahnsinn, ein exzellent gebauter Konflikt und seine Sub- und Subsubkonflikte werden inszenatorisch auf den Punkt gebracht. Verkörpert von SchauspielerInnen, die jede/r für sich an einer glaubhaften Entwicklung teilhaben lassen, vom Klischee zum menschlichen Gegenüber. Aus den gleichsam stark aufspielenden Ensemblemitgliedern ist niemand hervorzuheben und wenn doch dann Gerhard Hermann, der den Ahmed Kurei erst fast roboterhaft verhärmt darstellt und ihm dann die Menschlichkeit rauskitzelt ohne zu verharmlosen. Zugleich ist "Oslo" ein Kraftakt eines Theaters, bei dem jeder Aspekt, Bühne, Licht, Musik (!), offenbar mit höchster Akribie das passgenaue Konzept gefunden hat. Es ist ein perfekt ausgemeißelter Klotz von einer Inszenierung.

Am 13. September 1993 unterzeichnen Jitzchak Rabin und Jassir Arafat in Washington die Prinzipienerklärung Oslo I., ein Meilenstein, der unversöhnlichen Seiten abgerungen wurde. Terje Larsen beschwert sich, im Auditorium sei kein Platz für ihn reserviert worden, sein Platz in der Geschichte. Mona Juul: "Es geht nicht um dich." Es ging um das große Ganze, das Ende des Blutvergießens, ein unerreichbar geglaubtes Ziel, das auf einmal doch erreichbar schien. Von ihren Rollen befreit, erzählen die SchauspielerInnen die Geschichte weiter. Wir kennen sie. Viel mehr als Hoffnung ist nicht geblieben.

 

Oslo. Mission für den Frieden
von J. T. Rogers
Regie: Klaus Kusenberg, Bühne und Video: Frank Albert, Kostüme: Bettina Marx, Musik: Tom Lane, Licht: Martin Stevens, Dramaturgie: Saskia Zinsser-Krys.
Mit: Michael Heuberger, Kristóf Gellén, Katharina Stolzbacher, Gero Nievelstein, Silke Heise, Ludwig Hohl, Robert Herrmanns, Gerhard Hermann, Thomas Weber, Michael Haake, Norbert Wendel, Guido Wachter, Philipp Quest, Denia Nironen.
Premiere am 21. September 2019
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.theater-regensburg.de

 

Kritikenrundschau

In der Mittelbayerischen Zeitung aus Regensburg schreibt Claudia Bockholt (23.9.2019): Man brauche Sitzfleisch für diese Saison-Eröffnung. Dennoch gestalteten Regieteam und Ensemble den politischen Stoff "kurzweilig". Das Stück zeichne nicht nur packend eine historische Konfrontation nach, die noch immer nicht gelöst ist, es habe auch Witz, besitze "schnelle, sprühende Dialoge". Die Inszenierung vertraue ganz auf das Wort und gewinne.

"Oslo" sei ein fesselnder Politthriller, so Christian Muggenthaler in der Donau-Post (25.9.2019). Der Text sei so stark, "weil er von der Stärke der leisen Töne zeugt". Klaus Kusenbergs Inszenierung sei von einer grandiosen Eleganz geprägt: "Das von der Drehbühne im Velodrom gestützte Ineinanderfließen der Szenen ist in seiner Unmerksamkeit fast filmisch, weil nie und nirgendwo in einer doch recht vielschichtigen Erzählung auf mehreren Ebenen Sprünge erkennbar wären."

 
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