Sachsen, Drugs und Rock’n’Roll

von Falk Schreiber

Hamburg, 28. September 2019. "Wie schön!", freut sich die Kollegin, als sie Anke Grots Bühne wiedererkennt. "Ein bisschen ist das, wie nach Hause zu kommen!" Und sie hat ja recht. Es ist alles sehr vertraut: diese Bühne, die formvollendet ein in die Jahre gekommenes Radiostudio darstellt, ebenso wie die Figuren, die die Bühne bevölkern, so abgehalfterte wie leidenschaftliche Radiomacher*innen, die wissen, dass sie ein sterbendes Medium bedienen und sich vor diesem Wissen in die Fiktion flüchten. Barbara Bürk und Clemens Sienknecht erzählen deren Geschichte immer weiter in ihrer Reihe von Literaturbearbeitungen "mit anderem Text und auch anderer Melodie".

Auf der Ironieebene ist alles hipnesstauglich

Und in ihrer dritten Arbeit aus dieser Reihe am Hamburger Schauspielhaus, nach der zum Theatertreffen eingeladenen "Effi Briest" und Anna Karenina, behandeln die erbarmungswürdigen Radiogestalten jetzt also den deutschen Nationalmythos der Nibelungen. Einen Stoff, den vor fünf Jahren schon Antú Romero Nunes als zweiteiligen Kraftakt auf die Bühne des benachbarten Thalia Theaters wuchtete (Teil 1: Rheingold / Walküre, Teil 2: Siegfried / Götterdämmerung) und damit bewies, dass sich hinter dem hohen Ton vor allem ein so abstruses wie unterhaltsames Mythengemisch versteckt. Mittlerweile ist der Mythos in der Radiosendung zwischen Vogelfutter-Werbung ("Vögel würden Phoenix picken!"), Hörerwünschen ("Der nächste Song ist für Petra Griesbaum aus Schweinfurt") und Verkehrsmeldungen gelandet: ein bisschen, wie nach Hause zu kommen.

Nibelungen 1 560 Matthias Horn 1 uSchrecklich nette Mythenaufstellung: Markus John, Ute Hannig, Clemens Sienknecht, Yorck Dippe, Lina Beckmann, Friedrich  Paravicini © Matthias Horn

Man muss vorsichtig sein: Der konsequent ironische Zugriff von Bürk und Sienknecht läuft Gefahr, im Lustiglustig stecken zu bleiben, im Ausstellen von Vokuhila-Schießbudenfiguren, die sich an den Scheußlichkeiten des Radiopops verheben. Denn auch wenn die Songs, von Kool & The Gangs "Get Down On It" bis Genesis' "Carpet Crawlers", stimmig für das Ensemble arrangiert wurden, es bleiben Albträume für jemanden, der in den Achtzigern musikalisch vom Formatradio sozialisiert wurde. Albträume, die sich nur ironisch verarbeiten lassen – und auf der Ironieebene ist das alles hipnesstauglich, die Keyboardsoße ebenso wie die Kassenbrillen und die grauenhaften Perücken der Figuren. Wer jedoch mit dieser Ironie nichts anfangen kann, der bleibt im hier skizzierten Zuhause ein Fremder. Eigentlich.

Weiter in dieser Spur gehen können sie nach diesem Abend eigentlich nicht

Aber etwas ist neu im Bürk/Sienknecht-Kosmos. Behandelt werden laut Selbstbeschreibung des Regiekonzepts die "größten Seitensprünge der Weltliteratur", aber anders als bei "Effi Briest" und "Anna Karenina" ist die Sexualität bei den Nibelungen eben nicht der unheilbringende Einbruch von Leidenschaft in den Alltag, sondern Staatsraison. Brunhild (Lina Beckmann) wird gefühlskalt vergewaltigt, um die weibliche Zauberkraft zu brechen, das lässt sich nicht schönreden, und als der Radiomoderator (Michael Wittenborn) das Geschehen mit einem öligen "Gnadenlose Romantik!" kommentiert, läuft einem ein Schauer über den Rücken. "Die Nibelungen" hat sich spätestens jetzt in Horror verwandelt, bei dem Ironie so wenig hilft wie die pseudolustigen Radiosprüche. "Die Sachsen greifen an!" leitet über zur nächsten Musiknummer, "Sachsen, Drugs und Rock’n’Roll!", aber wirklich lachen mag man da längst nicht mehr. Um ehrlich zu sein, mochte man es noch nie.

Nibelungen 7 560 Matthias Horn uJammermusik im Studio: Markus John, Lina Beckmann, Ute Hannig, Yorck Dippe, vorne: Clemens Sienknecht © Matthias Horn

Gegen Ende legt sich quälende Schwere über das Geschehen. Siegfried (Sienknecht) wurde ermordet, seine Gattin Kriemhild (Ute Hannig) sitzt auf Hunnenkönig Etzels Burg, Gunther (Yorck Dippe) und Hagen (Markus John) fürchten Kriemhilds Rache. Und plötzlich finden die durch den Mythos träumenden Radiomacher*innen nicht mehr aus ihrem Traum heraus. Die Handlung entwickelt sich so finster wie das Musikprogramm, gespielt wird Pink Floyds "Shine On You Crazy Diamond", und bombastrockhaft zäh schleppt sich auch die Geschichte in Richtung ihres blutigen Endes. Überraschung: Das Stück hat sich konsequent aus der Ironiefalle befreit. Freilich um den Preis, dass die knapp zwei Stunden Spieldauer einem kurz vor Schluss arg lang wurden, aber immerhin fühlt man sich nicht mehr wie zu Hause.

Bürk und Sienknecht haben ihr Konzept mit "Die Nibelungen" jedenfalls erfolgreich davor bewahrt, zur Masche zu erstarren. Weiter in dieser Spur gehen können sie nach diesem Abend eigentlich nicht, auch wenn Dippe zum Abschied noch einen Cliffhanger einbaut: Jetzt komme erst mal Musik, und dann würde die nächste Literaturvertonung starten, über 300-teilig: die Bibel! "Allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie." Zuzutrauen wäre es diesem Team, dass das kein Witz ist.

 

Die Nibelungen – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie
von Barbara Bürk und Clemens Sienknecht
Regie: Barbara Bürk, Clemens Sienknecht, Bühne und Kostüme: Anke Grot, Licht: Björn Salzer, Video: Antje Haubenreisser, Peter Stein, Dramaturgie: Sybille Meier.
Mit: Lina Beckmann, Yorck Dippe, Ute Hannig, Markus John, Friedrich Paravicini, Clemens Sienknecht, Michael Wittenborn, als Stimme: Michael Prelle.
Uraufführung am 28. September 2019
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"So leicht und ironisch seine Show wirkt, so ernst nimmt Sienknecht doch die Handlung", findet Anke Dürr auf Spiegel Online (29.9.2019). Das sich Persiflage und Hommage die Waage halten, gehöre zu seinem Erfolgsgeheimnis. "Wenn man verfolgt hat, wie sehr sich etwa die Nibelungenfestspiele in Worms schwer tun damit, die uralte nordische Sage als zeitloses, für die Gegenwart irgendwie noch relevantes Stück zu behaupten, dann wird man Sienknecht und sein Ensemble zu ihrem Abend nur noch ein bisschen mehr bewundern."

"Alles ist wie gehabt und das Ambiente vertraut", meint Heide Soltau im NDR (28.9.2019), die sich stark an die Radioshow-Erfolgsabende "Effi Briest" und "Anna Karenina" des Regie-Duos erinnert fühlt:  "Dem Publikum wird nicht nur eine Geschichte erzählt, es schaut den Akteuren dabei zu, wie diese Radio machen und wie eine Sendung entsteht." Das Konzept komme erneut an und "bringe Spaß", aber Fontanes Roman sei eben doch "reicher" und ließe sich "besser spielerisch darstellen." Die aktuelle Produktion hingegen habe "im zweiten Teil doch einige Längen, was das Vergnügen aber nur ein bisschen schmälerte."

Till Briegleb frohlockt in der Süddeutschen Zeitung (online 3.10.2019, 18:39 Uhr), es handele sich um eine recyclete Inszenierung. "Genauso begonnen und genauso geendet. Dazwischen alles wiederholt, was bekannt war aus den erfolgreichen Vorgängern". Ungefähr die Siebziger lieferten den "Nibelungen-Schatz" aus dem Ausstatterin Anke Grot ästhetisch komponiert habe. Und es werde "geminnt, verraten und gerächt, dass sich das Universum krümmt…". Es sei "wirklich wie in einer süchtig machenden amerikanischen Comedy-Serie". "Man" wolle "alles so haben wie immer, nur mit neuen Sprüchen, neuen Songs und neuen Perücken". Und "bitte genauso lustig und nostalgisch und schräg". Das sei "die Nibelungentreue zum gelungenen Format".

Erneut träfen bei Sienknecht und Bürk "Feinsinn und Witz, Ernst und Ironie, Musik und Trash, Raumanzüge und Perücken, Geschichte und Gegenwart" aufeinander, schreibt Katrin Ullmann in der taz (5.10.2019). Kein Wort werde bedeutungslos verplappert, "jeder Werbe-Jingle, den DJ Wotan einspielt, [ist] ein Hinweis auf Hebbel oder Worms", so die Kritikerin. "Die (theatrale) Behauptung ist der eigentliche Hauptdarsteller dieses herrlichen Abends – flankiert von der hohen Musikalität der Darsteller, einem feinen Blick für Situationen, grandiosen Sound-Untermalungen und einem genauen Umgang mit dem Stoff und seiner Rezeptionsgeschichte."

 

 
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